Remember Rembrandt

Am 4. Juli fand die letzte Vorstellung der jungen Oper „Remember Rembrandt“ (Libretto: Ruud van Weerdenburg, Komposition: Henrik Sande) im kunstGarten statt. Irmi Horn inszenierte die tragi-komischen Bewegungen von Rembrandts Werken und Wirken in einem kurzweiligen und experimentellen Rahmen.

„Amsterdam, the city of merchants and sailors…“ – mit diesem in der Endlosschleife wiederholten Satz wird das Publikum zu Beginn der Aufführung auf den Schauplatz der Geschichte eingestimmt. Rembrandt Harmenszoon van Rijns – so sein voller Name – Schaffen fügte sich in Hollands politischer, wirtschaftlicher und künstlerischer Blütezeit, die eben insbesondere die Großstadt Amsterdam prägte. Rembrandt musste viele Schicksalsschläge erfahren – früher Tod seiner engen Familienangehörigen, große finanzielle Probleme -, die allesamt sein Leben prägten.

Dieses Gefühls- und Erfahrungsspektrum wird in „Remember Rembrandt“ auf musikalischem, darstellerischem und sprachlichem Wege interpretiert. Der niederländische Librettist Ruud van Weerdenburg verkörpert dabei den Künstler selbst als Sprecher und auch Sänger/Darsteller. Der junge und vielversprechende Tenor Laszlo Adrian Kiss übernimmt zusätzlich die klassischen Gesangspartien. Diese Doppelbesetzung bringt die Vielschichtigkeit von Rembrandts Leben gekonnt zum Ausdruck. Auch Hendrickje Stoffels‘ (Rembrandts große Liebe) Rolle ist treffend doppelt besetzt, von der niederländischen Sopranistin Saralies ten Hooven und Irmi Horn selbst als Sprecherin.

Eine weitere Besonderheit ist der an die tragische Komödie angelehnte, in Alter und Geschlecht gemischte Chor, der sprechend und singend das Geschehen kommentiert. Die Ausstattung ist ganz im kunstGarten-Stil gehalten und zeugt von einem kreativen Blick fürs Detail: viele kleine Gegenstände verteilen sich über die Bühne, die im Gesamten einen orientalisch angehauchten Stil vermitteln. Auch die zahlreichen Selbstportraits des Künstlers finden ihren Weg in die Darstellung und veranschaulichen, wie Rembrandt sich mit sich selbst und seinem Leben befasste.

In musikalischer Hinsicht waren zu Beginn die dissonanten Akkorde etwas gewöhnungsbedürftig, ebenso wie der bruchartige Wechsel von klassischen Arien zu Jazzimprovisation und das Aufeinandertreffen von Saxophon und Cembalo. Lässt man sich auf dieses auditorische Experiment ein, verschmelzen diese bewussten Stilbrüche zu einem schlüssigen Ganzen und repräsentieren die verschiedenen Züge von Rembrandts Leben: Sturm- und Drang-Zeit, Ruhm, Liebe, Trauer, Misserfolg. Van Weerdenburgs malerische und tiefgründige Texte klingen so persönlich, als habe sie Rembrandt selbst verfasst.

Herrlich ungezwungen ist vor allem auch die Location der Aufführung. Der erfrischende und zugleich mystisch-exotische kunstGarten wird als Schauplatz mit einbezogen – etwa, wenn eine Sängerin auf dem Dach eines Gartenhäuschens erscheint. Ein Spaziergang durch die verschlungenen Wege im Garten lässt den Operngenuss in Ruhe ausklingen.

Weitere Ausstellungen und Performances im kunstGarten sind hier ersichtlich.

Grand Finale der recreation: „Aus den Highlands“

Am 14. Juni setzte „Aus den Highlands“ den Schlussakkord der heurigen recreation-Saison. Neben dem souveränen Großen Orchester Graz unter der Leitung von Michael Hofstetter brillierte Daniel Ottensamer als virtuoser Soloklarinettist.

Das letzte Konzert der recreation in der heurigen Saison führte mitten ins Herz der deutschen Romanik: Carl Maria von Weber (Ouvertüre zu „Der Freischütz“ sowie das Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur, op.74) und Felix Mendelssohn (Symphonioe Nr. 3 in A-Moll, op.56 „Schottische“).

Im ersten Stück, der Ouvertüre zu „Der Freischütz“, steht die Natur und ihre metaphysichen Energien im Mittelpunkt, die Carl Maria von Weber hörbar in eine musikalische Form goss. Neben dem farbenprächtigem Melodien- und Harmonienspektrum sticht insbesondere das Horn als Symbol für die Natur aus dem Orchestersatz hervor. Auch zwischen Michael Hofstetter und dem recreation-Orchester war der Energieaustausch deutlich zu spüren – wirkungsvolle crescendi ließen die fast furchteinflößende Kraft der Natur, die Maria von Weber einfangen wollte, fühlbar werden.

Werner Kmetisch_Michael Hofstetter und Großes Orchester Graz(c) Werner Kmetisch – Michael Hofstetter und Großes Orchester Graz

Klarer Höhepunkt des Abends war Maria von Webers Klarinettenkonzert in Es. Das lag insbesondere am Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker Daniel Ottensamerder mit höchster Virtuosität und Charme das Orchester überstrahlte. Bemerkenswertes Charakteristikum des Klarinettenkonzerts sind die an Arien erinnernde Partien des Soloinstruments. Wie in der Einführung von Michael Hofstetter angemerkt, klingt es so, als würde das Klarinett „singen“. Vom beschwingten Allegro über die filigransten pianissimi, die sich wie ein Hauch von Nichts über den Stefaniensaal legten (Romanze: Andante con moto), bis hin zum synkopenreichen Alla Polacca geizte Ottensamer nicht mit seinen musikalischen Reizen und avancierte zum klaren Star und Publikumsliebling des Abends.

ottensamer-daniel2-Foto by Julia Stix(c) Julia Stix – Daniel Ottensamer

Der zweite Teil des Abends stand im Zeichen der mendelssohn’schen Schottischen Symphonie. Das Ergebnis von Mendelssohns Schottland-Reise sowie seiner Eindrücke aus der schottischen Literatur und Geschichte zeigt sich im in a-Moll geschriebenen, traurig-düsteren Leitmotiv der Symphonie. Auch wenn die schottischen Assoziationen von Mendelssohn selbst nicht direkt ausgesprochen wurden, konnte man sich als Zuhörer in der sehr expressiven Darbietung des Grazer recreation-Orchesters die schottische Inspirationsquelle gut vor Augen führen. Seine Ausdrucksstärke zeigte das Orchester vor allem auch in den majestätischen fortissimi.

„Aus den Highlands“ war somit nicht nur ein purer Hörgenuss, sondern vor allem auch ein ehrwürdiger und fulminanter Ausklang einer erfolgreichen recreation-Saison.

Tipp am Rande: am 3. Juli besteht die Möglichkeit, Daniel Ottensamer im Rahmen der styriarte im Schloss Eggenberg zu erleben: nähere Infos hier

 

Aus dem Rahmen fallende Carmen

Bizets „Carmen“ nach 10 Jahren wieder auf der Grazer Opernbühne in der wortwörtlich aus dem Rahmen fallenden Inszenierung

Carmen als einfache Putzfrau, die mehr in sich hat als die Fassade zu vermitteln scheint, und Don José als scheinbar steifer Museumswächter – auf den ersten Blick mag diese Interpretation verwundern, aber Stefan Herheims Inszenierung der meisterhaften Oper „Carmen“ liegt ein interessanter Ansatz zu Grunde: Die Malerei dient als Projektion der eigenen Liebesideale und führt dabei als roter Faden durch die Handlung, bei der sich Realität und Fiktion vermengen. Unterstrichen wird dieses Spiel mit den Illusionen und Träumen der Figuren durch das effektvolle Bühnenbild. Von der ursprünglichen Feurigkeit und Leidenschaft der „Carmen“ bleibt im frivolen Spiel der Protagonisten aber eher wenig übrig.

Carmen_Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Das von Dirk Kaftan geleitete Orchester stieg mit einer etwas stampfenden Ouvertüre ein und fand erst in der zweiten Hälfte zur nötigen Geschmeidigkeit in Bizets Musik. Besonders lobenswert sind die schönen Chorpartien; die Inszenierung gab dem Damen-, Männer- und Kinderchor reichlich Platz. Martin Muehle brillierte in darstellerischer, gesanglicher und sprachlicher (Französisch) Hinsicht als Don José, während Markus Butter einen optisch feinen, aber stimmlich schwächeren Escamillo mimte. Dshamilja Kaiser ist als Carmen gesanglich nichts auszusetzen – außer eine leicht zu tief angesetzte „Habanera“ -, jedoch fehlte ihr im Vergleich zu den quirligen Anna Brull (Mercedes) und Tatjana Miyus (Frasquita) eine Spur an Temperament. Eine sehr souveräne Sophia Brommer überzeugte als Micaela.

Die Idee, Gemälde zum Leben zu erwecken, erinnert die jüngere Generation wohl an die Hollywoodkomödie „Nachts im Museum“. Anders als im Film wirkte das Figurenpotpourri in „Carmen“ stellenweise etwas zu deftig. Unpassend war auch die Neuinterpretation des Dancairo bzw. Remendado als aufgesetzte Damenrollen.

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(c) Werner Kmetitsch

Summa summarum bietet die Oper Graz mit „Carmen“ eine engagierte und im Grunde gut wirkende Inszenierung, die aber nicht durchgehend geglückt ist. Weniger Abscheifung vom Originalkonzept hätte nicht geschadet.