Die vielen Facetten des Mythos‘ Böhm

Nikolaus Habjan inszeniert im Grazer Schauspielhaus meisterhaft die bekannten und weniger bekannten Seiten des großen Dirigenten aus der Feder von Paulus Hochgatterer

Jede glänzende Karriere hat auch ihre Schattenseiten. Fällt der Höhepunkt zudem in die Zeit des Nationalsozialismus, stellt sich später nicht selten heraus, dass ein Zusammenhang zwischen beruflichem Fortkommen und der Aktivität des NS-Regimes bestand. Nicht selten wird dieses „Detail“ in biographischen Angaben verschwiegen. Dass dieses „Wegschauen“ der Aufarbeitung der Geschichte alles andere als dienlich ist, betont der gebürtige Grazer Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan immer wieder in seinen Stücken – so auch in „Böhm“, das derzeit am Schauspielhaus Graz uraufgeführt wird und die bekannten, vor allem aber die weniger bekannten Seiten vom „Mythos“ Karl Böhm beleuchtet.

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(c) Lupi Spuma

Es war ein Abend mit viel innerem Nachklang und zahlreichen Pointen. Schade nur, dass das Publikum die Magie des Moments mit einem allzu robotischen Lachen überschattete; doch auch darauf wusste Habjan gekonnt zu reagieren. Dessen Stimm- und Körpereinsatz kannte in der Aufführung keine Grenzen: Mit einer unglaublich virtuosen Leichtigkeit hauchte er verschiedenen Puppen das Leben ein und aus, und wechselte dabei zwischen verschiedenen Akzenten (vom ungezwungenen Grazerischen bis hin zum Sächsischen). Die Puppen, jede einzelne ein Kunstwerk an sich, wirken fast schon verstörend lebendig. Insbesondere den alten, in seiner Erinnerungswelt gefangenen Böhm spielte Habjan mit einer derart fesselnden Kraft, dass man die Puppenfiktion immer wieder vergaß. Doch es wurden auch leise Töne angeschlagen, etwa in der Interaktion zwischen dem alten Böhm und dem jungen Mädchen, wo Habjan ein herzerwärmendes Wechselspiel der Neugierde und Echauffiertheit zwischen Jung und Alt gelingt.

Es war vor allem auch ein kurzweiliger Abend, nicht zuletzt durch die Dialoge, die ganz viel trockenen Humor und geistreichen Wortwitz bieten („Das ganze Leben ist kein Solo“, „Ich gehöre nur einer Partei an…der musikalischen Partei“) und von der feinfühligen Beobachtungsgabe zeugen, mit der Paulus Hochgatterer die Persönlichkeit des Karl Böhm ergründet hat. Trotz so manch sensibler Sujets (etwa die „Gottbegnadeten-Liste“, mit der bestimmte Künstler unter staatlichem Schutz standen) und subtiler Anspielungen auf ein egozentrisches Böhm’sches Selbstverständnis („Es heißt ‚Herr DOKTOR Böhm‘, bitte“) bleibt die Sichtweise neutral und verfällt nicht in die Denunziation. Hochgatterer hat das Stück meisterhaft für Habjan und sein Puppenspiel verfasst. Diese Widmung zeigt sich im kongenialen Wechselspiel und der dynamischen Einheit zwischen Darstellung und Dialoge. Das Bühnenbild (Julius Theodor Semmelmann) ist vor allem in der Schlussszene himmlisch und unterstreicht wirkungsvoll das Geschehen auf der Bühne.

Dreimal ist „Böhm“ noch im Schauspielhaus zu sehen (Termine hier). Darüber hinaus ist Habjan derzeit auch in seinem grandiosen Stück „Erbbiologisch und sozial minderwertig“ zu sehen – absolut empfehlenswert! Termine hier.

Psst, aufgepasst! Ab 30 Minuten vor Beginn der Vorstellung sind Restkarten im Schauspielhaus Graz für StudentInnen um nur € 5 erhältlich (Infos dazu hier).

 

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A cappella vom Feinsten: 50 Jahre King’s Singers

The King’s Singers feiern ihr 50-jähriges Bestehen und beehrten im Rahmen ihrer Jubiläumstournee den Musikverein Graz mit einer vielfältigen Auslese ihres einzigartigen Repertoires.

Von komplexen Dissonanzen bis hin zu einem unisono, wie es im Buche steht – The King’s Singers gehören seit Jahrzehnten zu den Besten der Besten ihres Faches: Das – auch optisch! – extrem harmonische Sextett fesselt durch sein „perfect blend“, das perfekte Gemisch der Klangfarben der einzelnen Stimmen. Das Ensemble punktet durch einen unaufdringlichen, smarten Charme, gepaart mit britischem Understatement. Es besticht durch ein unglaublich vielfältiges Repertoire, das von Madrigalen über spanische Klagelieder und Spirituals bis hin zu Jazzstandards und modernen Kompositionen einen sehr weiten Bogen spannt.

The King’s Singers – das sind derzeit die beiden Countertenöre Patrick Dunachie und Timothy Wayne-Wright, der Tenor Julian Gregory, die beiden Baritone Christopher Bruerton und Christopher Gabbitas sowie der Bass Jonathan Howard – wurden 1968 durch Absolventen des elitären King’s College in Cambridge (England) in der heute noch bestehenden 6er-Formation gegründet. Die begnadeten Sängergenerationen haben sich seither in unregelmäßigen Abständen durchgewechselt, sodass die jetzige Besetzung auf 20 Vorgänger zurückblickt. Das Auswahlverfahren ist erwartungsgemäß höchst selektiv.

The King's Singers 2017Photo: Marco Borggreve

The King’s Singers (c) Marco Borggreve

Im Musikverein führte ein kluger Fahrplan durch den kurzweiligen, knapp zweistündigen Abend: Aus einzelnen Epochen wurden ein bis zwei Stücke zu einem bestimmten Thema ausgewählt. Kurze, unterhaltsame Kommentare in perfektem Hochdeutsch (!) lockerten die anspruchsvollen, teilweise schwermütigen Stücke auf und umrandeten die einzelnen Blöcke. So zog etwa als Einstieg zum Thema „Die Familie“ ein bedachtes, anmutiges Lied über den Gründervater des King’s College, König Heinrich VI., das Publikum in den Bann. Darauf folgten ein emotionales, spanisches Lamento („Gentil señora mia“) und ein beschwingtes, französisches Lied („Revecy venir du printans“) aus der Renaissance. Besonders hervorzuheben sind die Auftragskompositionen, die extra für das 50-jährige Jubiliäum verfasst und dem Sextett auf den Leib bzw. auf die Stimme „geschneidert“ wurden, unter anderem das hitverdächtige „Quintessentially“, ein Mash-Up aus 50 Jahre Geschichte der King’s Singers, oder das intellektuelle Werk „Master of Music“, dessen Komponist – wie die Sänger selbst – ein Cambridger Absolvent ist. Den heiteren Abschluss bildete ein Auszug aus dem leichteren, jazzig-poppigen Repertoire des Ensembles mit dem klingenden Namen „Die Zuckertüte“. Applaus, Applaus!

 

Zu den nächsten Terminen im Musikverein hier.

9 Menschen, ein Schicksal, viele Emotionen

Ob des großen Erfolges zeigt das Schauspielhaus Graz erneut das Theaterstück „Jedem das Seine“ des österreichischen Autorenduos Silke Hassler und Peter Turrini. Regisseur Sandy Lopičić gelingt damit ein Hochgesang auf die vereinigende, von Nationalitäten und Religion unabhängige Kraft des Theaters und der Musik.

Musik, Theater, darstellende Kunst – sie alle entführen den Menschen in eine andere, oft subjektiv „heile“ Welt. Dies ist auch der gemeinsame Nenner der mitunter sehr verschiedenen Figuren im Stück „Jedem das Seine“: Musik und Theater wird für sie zum Mittel, um zu vergessen, um aus der Traurigkeit ihres unbeschreiblichen Schicksals zu flüchten – wenn auch nur für die Dauer eine Arie.

Kein anderer hätte diesen tiefgründigen Stoff emotionsgeladener inszenieren können als Sandy Lopičić, der das Schauspielhaus Graz bereits mit einigen Musiktheaterstücken beglückt hat. Wer etwa sein Grazer Erststück „Trümmerfrauen, Bombenstimmung“ gesehen hat, erkennt seinen Genius in „Jedem das Seine“ sofort wieder.

Wir schreiben das Jahr 1945. Die Russen stehen kurz vor Wien, das Ende des Krieges ist offenbar in Sicht. In einem steirischen Bauernstadl warten neun Gefangene auf den weiteren „Transport“. Bekanntermaßen macht aber gerade die Not erfinderisch; und so wird aus einem – zuerst als Schnapsidee gewerteten – Einfall ein gemeinsames Projekt: Die Aufführung einer Szene aus der Operette „Wiener Blut“. Das Projekt entpuppt sich mit der Zeit als Friedensprojekt, an dem sich alle, ungeachtet ihrer Nationalität, Religion, ihres Alters, Geschlechts oder ihrer politischen Gesinnung beteiligen. Die Aufführung steht kurz vor ihrem Höhepunkt, als die Nachricht eintrifft, Hitler sei tot. „Es ist vorbei“, sagt die Bäuerin. Die imaginäre Welt bricht zusammen, was nun? Sie brauchen nicht mehr zu spielen, sondern können wahrhaftig singen und tanzen – zumindest für ein paar Stunden…

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

„Jedem das Seine“ – „suum cuique“: Dem Bauer sein Bier, dem Musiker sein Instrument, dem Sänger seine Bühne, der Verliebten ihren Geliebten. Die bittere Doppeldeutigkeit dieses Prinzips, die dem Stück zugrunde liegt, ist ihre missbräuchliche Verwendung im NS-Regime: Den Gefangenen wurden damit klargemacht, sie würden genau das bekommen, was ihnen gebührt – nämlich nichts anderes als den Tod. Wie im Programmheft nachzulesen ist, kam für das Autorenduo Hassler und Turrini daher nur die Tragikomödie als theatralische Darstellungsform in Frage, „um vom Lachen ins Weinen und wieder zurück zu kommen“. Tatsächlich erwischt man sich als ZuhörerIn dabei, über eine komisch-tragische Szene herzhaft zu lachen, während im nächsten Moment aber die Brutalität wieder die Überhand gewinnt. Überhaupt ist ein Blick ins Programmheft zu empfehlen, das die wahren historischen Gegebenheiten beleuchtet: Im weiteren Sinne handelt das Stück von den sog. „Todesmärschen“, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges durch ganz Österreich zogen und denen tausende Juden zum Opfer fielen. Graz blieb nicht verschont.

Doch auch der Komödienaspekt der Tragikomödie kommt nicht zu kurz, und so wird die knapp zweistündige Aufführung (ohne Pause) zum kurzweiligen Abend – dem wunderbaren, vielfältigen Ensemble sei Dank: Besonders authentisch sind Margarethe Tiesel als vive Bäuerin Traudl Fasching, die sich auch am Horn gekonnt erprobt, sowie Andri Schenardi als exzentrischer Operettensänger „Lou“ Gandolf. Die gesanglich höchst berührenden Interpretationen, etwa von deelinde als Romafrau, offenbaren nicht zuletzt die kulturell-musikalische Vielfalt auf österreichischem Boden. Von der Wiener Klassik (insbesondere der „Themesong“ Wiener Blut) über jüdische Traditionals und Kletzmer-Musik bis hin zu steirischen und slawischen Volksliedern spannt Lopičić einen breiten musikalischen Bogen über das gesamte Stück. Die teilweisen abrupten Übergänge sind dabei ganz im Stile des Regisseurs und stehen stellvertretend für den Chaos und die Absurdität des Krieges. Ein großes Lob gebührt auch dem schlichten, aber wirkungsvollen Bühnenbild. Dieses gibt der großen Einfühlsamkeit der szenischen Darstellung den nötigen Rahmen – etwa, wenn sich die Gefangenen an einer schlichten Suppe so erfreuen, dass einem das Herz aufgeht…

(c) Lupi Spuma-2

(c) Lupi Spuma

Alles in allem ist „Jedem das Seine“ nicht nur ein höchst künstlerisches Werk, sondern auch ein unvergesslicher, wertvoller Beitrag zur historischen Aufarbeitung. Denn das größte Verbrechen ist es, zu vergessen, was passiert ist, und damit zu vergessen, aus der Geschichte zu lernen.

Wer bei den Standing Ovations nach der krönenden, berührenden Gesangszugabe des Ensembles dabei sein möchte, hat noch zweimal Gelegenheit dazu – Infos zu den Terminen –> hier

Pssst! – Studenten aufgepasst: Im Schauspielhaus können Studenten 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Haus Eins & Zwei günstige Restkarten um nur 5 € ergattern! Infos dazu –> hier