Nostalgie des Alltags

Bei der Uraufführung von „The Wonderful and the Ordinary“ wurde das Gedächtnis auf der Bühne des Orpheums im Rahmen des „steirischen herbsts“ herausgefordert. Nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen ist eine beliebte Tätigkeit bei jedermann. Doch in Erinnerungen des Alltags zu schwelgen stellt eine Herausforderung dar.

Entwickelt wurde das Konzept, in dem das Alltägliche im Scheinwerferlicht steht, von der schwedischen Choreographin und Filmemacherin Gunilla Heilborn. In einer Kooperation zwischen Heilborn und dem Theater im Bahnhof bringen drei Mitglieder des TiB und zwei schwedische Kollegen Erinnerungen an das Alltägliche auf die Bühne. In völlig verschiedenen kurzen Sketches wird die Bühne zur Trainingsstation fürs Gedächtnis. Die Schauspieler demonstrieren, wie sie sich an ganz gewöhnliche Dinge erinnern: welches Gewand sie an einem gewöhnlichen Tag getragen, wen sie getroffen und über was sie sich unterhalten hatten – an Dinge, die normalerweise nie den Sprung in das Langzeitgedächtnis schaffen: an die alltäglichen. Sich an alltägliche Dinge zu erinnern, ist nicht so unwesentlich wie es scheint, wird während der Aufführung klar. Zum Beispiel bei der Hinterfragung der nostalgischen „Früher war alles besser!“-Aussage. Die guten alten Zeiten eben. Doch dass die guten alten Zeiten gar nicht immer so gut waren, wird in einem kleinen Monolog dargelegt, der wahrlich zum Nachdenken anregt.

Hin und wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus, was sie von der Bühne herab auf die Ebene der Zuseher führt. Durch fantastisch gespieltes Improvisieren fühlt man sich teilweise weniger als Zuseher einer Theateraufführung und mehr als Zuhörer von realen Gesprächen zwischen Bekannten – etwa wenn die Gruppe zusammen ein gemeinsames Erlebnis Revue passieren lässt. Stück für Stück wird der erlebte Tag aus den Erinnerungen rekonstruiert und es wir beobachtet, wie die kollektive Erinnerung immer mehr Farbe annimmt.

Auch der Gesang kommt nicht zu kurz – in zwei netten, einfach gehaltenen Gesangseinlagen ist ebenfalls die Erinnerung an das Alltägliche das Thema. Dieser Teil der Aufführung wird wahrscheinlich aufgrund dessen „ordinary“ Charakters schnell wieder vergessen werden. Dafür wird man sich an eine andere Stelle vermutlich noch lange erinnern können. Wer glaubt, die Aufführung bestehe aus der alleinigen Darstellung alltäglicher Dinge, der irrt. Das Alltägliche wird nämlich in einer Szene gebrochen, in der das Publikum bedroht wird. Die Pistole auf die Theaterbesucher zu richten und sie in einen Bankraub zu versetzen ist ein genialer Einfall, der bestimmt noch lange im Gedächtnis verweilen wird – auch wenn andere Dinge längst verblasst sein werden.

„The Wonderful and the Ordinary“ sorgt als Appell ans Gedächtnis für einen netten, kurzen Theaterabend, welcher dazu anregt, sich ab und zu an das Alltägliche und nicht nur an das Wundervolle zu erinnern. Ansonsten werden kleine Wunder, wie sie auch im Alltag geschehen, möglicherweise nie wirklich wahrgenommen und was wäre schon ein Wunder, wenn es nicht als solches erkannt wird?

Infos über das Theater im Bahnhof gibt es hier.

Und Näheres zu Gunilla Heilborn findet man hier.

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Is Everything Alright?

Ein Grundrecht, das in etlichen Ländern in Gefahr ist, ist die Meinungsfreiheit. Diese wird in „Redaktionsschluss“ von Sandy Lopičić in ein vielfältiges Musikspektakel verpackt und im Haus Eins vorgeführt. Auf der Bühne wird ein Augen- und Ohrenschmaus zubereitet, der dem Publikum mit einer Zugabe als Nachspeise serviert wird.

„Redaktionsschluss“ beginnt raffiniert mit einem Abschied – brav in einer Reihe nebeneinander aufgestellt wird „Pfiat di Gott“ gesungen. „Solche Zeiten wie wir’s hatten, werd‘n mer net mehr seh’n!“. Wie sich alles verändert, so verändert sich auch die Bühne andauernd. Kaum ist der letzte Ton verklungen, verteilen sich die Schauspieler auf der Bühne. Die Musiker huschen in den Hintergrund.

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© Lupi Spuma

Die Idee zu dem Stück entwickelte Sandy Lopičić, nachdem die türkische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Kontrolle fiel. Wenn Medien kontrolliert werden, hat die Meinungsfreiheit keine Chance mehr zu existieren. Lopičić schafft mit einer äußerst guten Liedauswahl einen tollen musikalischen Abend und deckt dabei eine breite Palette ab – von dem Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ über Klassiker wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ bis hin zu „The hanging tree“. Immer wieder verbreitet eine von oben herab gleitende Kamera stilllegende Panik und Angst und scheint ganz nach Orwell zu sagen: „Big brother is watching you“. Auch die Rebellischste der Gruppe wird vom Großen Bruder gebändigt und verklebt ihren Mund mit Klebeband.
Besonders hervorzuheben ist die Wiedergabe von „Was tut man, um zu sein“ durch Sarah Sophia Meyer, die mit jeder pantomimischen Trommelbewegung exakt den Ton des versteckten Musikers trifft. Nicht nur dies ist ein Volltreffer, sondern auch, wenn sie sich zusammen mit ihrem Kollegen Andri Schenardi einen Schlagabtausch im Schweizer Dialekt liefert. Auch die Klassik findet Platz, etwa als der leidenschaftliche Klavierspieler (Helmut Stippich) seine flinken Finger über die Tasten schwingen lässt und nicht daran denkt, dies zu unterlassen – auch nicht, als diese mit einer grausamen Fröhlichkeit abgehackt werden.

Hat man sich politische Erkenntnisse erhofft, wird man allerdings enttäuscht. Auch auf der Suche nach einem roten Faden bleibt man ein Suchender. Die Lieder scheinen willkürlich aneinander gereiht zu sein, was jedoch nicht weiter stört, da dies von der Kreativität und dem Einfallsreichtum, welche sich durch das ganze Stück ziehen, kompensiert wird. Kein Lied ähnelt dem anderen. Jedes bekommt seine eigene Note. Technische Raffinessen, das wechselnde Bühnenbild und musikalische Begabung führen zu dem gelungenen Stück. Am Ende fragt man sich, wie viele Stunden Arbeit wohl dahinter stecken, sodass „Redaktionsstück“ zu dem wurde, das nun bewundert werden kann und sollte. Der Aufwand wird am Ende nach Grönemeyers „Stück vom Himmel“ mit begeistertem Applaus und beeindruckten Zurufen belohnt.

Unterwerfung

Integration findet nicht nur in politischen Diskursen, sondern auch auf der Theaterbühne ihren Platz. Kann man sich zu viel integrieren? Mit einem eindeutigen „Ja“ antwortet Geächtet von Ayad Akhtar, das im Schauspielhaus unter der Regie von Volker Hesse aufgeführt wird, indirekt auf diese Frage.

Es ist gut nachzuvollziehen, dass Ayad Akhtar für „Geächtet“ (original „Disgraced“) den Pulitzerpreis für Dramatik bekam. Es ist auch gut nachzuvollziehen, dass es von „theater heute“ zum besten ausländischen Stück des Jahres ernannt worden ist. Es ist sehr gut nachzuvollziehen, dass die Schauspieler nach der Aufführung Tränen in den Augen haben. Zu diesen glasigen Augen führen Konflikte zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Religionen vermischt mit Vorurteilen und Klischees, welche eine Thematik ergeben, die im Stück mit tiefgreifenden Dialogen und einer hohen Emotionalität aufbereitet wird.

Das junge amerikanische Ehepaar Amir (Benedikt Greiner) und Emily (Evamaria Salcher) befinden sich in einem steten Wechsel von harmonischer Leidenschaft und ausartenden Meinungsverschiedenheiten. Amir, ein ehrgeiziger Anwalt, sieht sich im ständigen Konflikt mit seiner pakistanischen Herkunft und dem Islam, von dem er sich völlig abgewandt hat. Die beiden vertreten zwei entgegengesetzte Positionen bezüglich des Islam. Nichts Positives sieht er in dieser Religion, welche übersetzt „Unterwerfung“ heißt. Emily hingegen sieht beinahe nur Positives und bringt dies auch in ihrer Kunst zum Ausdruck. Der von Emilys orientalischer Kunst begeisterte Galerist Isaac (Florian Köhler) spitzt die Lage noch weiter zu. Bei einem gemeinsamen Pärchen-Abend treffen schließlich vier Menschen unterschiedlicher Ethnien aufeinander. Aufgestaute Gefühle und unterdrückte Gedanken brechen hervor. Jahre lang negierte Klischees erhalten mit einem Schlag einen Funken Wahrheit. Aus einem geplanten gemütlichen Abend wird ein Wortgefecht voller anfeindenden Meinungen, welches mit Elementen des Ausdruckstanzes die gesamte innere Gefühlswelt nach außen trägt. Wie auf einer Hetzjagd springen sie athletisch von Block zu Block auf der Bühne und verfolgen sich gegenseitig und flüchten voreinander.

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© Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Das Stück wird von einer Ernsthaftigkeit geprägt, welche jedoch hin und wieder aufgelockert wird. Durch den ironischen und exzentrischen Isaac, der von Florian Köhler äußerst authentisch verkörpert wird, werden Momente des Schmunzelns erzeugt. Vieles wird einem während der Aufführung vor Augen geführt. Integration kann – wie Amir demonstriert – in eine völlig falsche Richtung umschlagen, indem alle Gefühle unterdrückt werden. Integration sollte nicht heißen, seiner Identität und Kultur gänzlich abzuschwören. Sie ist außerdem eine Aufgabe, die nicht nur einseitig stattfinden kann, sondern die von beiden Seiten der Bevölkerung als Teamarbeit gelöst werden muss.

„Geächtet“ ist eine eindrucksvolle Produktion. Jede der fünf Figuren regt mit ihren vielfältigen Meinungen und Weltbildern an, seine eigenen Vorurteile und Meinungen zu überdenken. Man geht nach dem Theaterbesuch mit einem fleißig arbeitenden Gehirn nachhause, das lange über die Thematik nachdenkt.

Hier geht’s zum Trailer: