StückGespräche Runde #3: DU (NORMA)

Die StückGespräche – der Theaterstammtisch im Schauspielhaus Graz in Kooperation mit dem Kulturreferat Graz und Schauspielhaus Aktiv – finden bereits das zweite Semester statt. Dabei besucht die Stammtisch-Gruppe aber nicht nur gemeinsam ein Stück zu ermäßigten Ticketpreisen – als großes Zuckerl gibt’s dazu immer ein Gespräch mit Personen aus der Regie, dem Bühnenbild und/oder dem Ensemble. 

Dieses Mal im Programm: DU (NORMA) von Philipp Löhle.

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StückGespräch zu (DU) NORMA mit dem Ensemble (Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Pascal Goffin), moderiert von Timo Staaks (Schauspielhaus Aktiv)

Löhle präsentiert hier seine Prototypenfrau Norma, in deren Leben alles schief geht, was schief gehen kann in einer patriarchalen Weltordnung: Vergewaltigung, Untergrabung der eigenen Identität und Selbstständigkeit und Entmündigung. Schlussendlich wird das ursprünglichste Patriarchatsbild verworfen und umgeschrieben: die Schöpfergeschichte.

Das Ensemble des Abends, bestehend aus Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Pascal Goffin und Benedikt Greiner, gewährte im Anschluss an das Stück Einblicke in den Arbeitsprozess mit Regisseur Dominic Friedel:

„Der Regisseur hat uns hier viel Raum gegeben. Er bringt uns in Szenen, in denen wir sein dürfen, wie wir sind.“ – Pascal Goffin

Das Schauspielen sei in Löhles Stück kein Hineinversetzen in andere Charaktere, sondern das Finden der eigenen Persönlichkeit in der Inszenierung. „Es ist viel von uns allen drin und jeder erzählt dabei etwas anderes, ohne, dass es sich im Weg steht“, so Clemens Maria Riegler. Diese Natürlichkeit macht sich auch auf der Bühne bemerkbar – mal irrsinnig komisch, dann wieder überraschend schockierend, nimmt DU (NORMA) das Publikum mit „auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle“ (so ein Zuseher).

Auch das Thema ‚Victim Shaming‘ wurde besprochen – interessant bei Friedels Inszenierung ist dabei, dass es keine fixen Rollenverteilungen gibt – jeder im Ensemble ist mal Norma, auch die große Puppe.

„Jeder von uns ist ein Opfer, genauso, wie die Puppe Opfer ist.“ – Pascal Goffin

Die Konklusion: Erst, wenn die Thematisierung von Gender und Stücke wie DU (NORMA) nicht mehr notwendig sind, kann man von einer gleichberechtigten Welt sprechen. Bis dahin darf man hoffen, dass diese Thematisierung so passiert wie in Friedels Inszenierung von DU (NORMA).

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Dieses Semester waren bereits FAUST :: MEIN BRUSTKORB :: MEIN HELM sowie AM BODEN im Rahmen der StückGespräche zu sehen, die nächste geplante Vorstellung ist Thomas Manns ZAUBERBERG am 20. Jänner (Anmeldungen bis spätestens 12. Jänner). Mehr Infos zu Anmeldung und Ablauf gibt’s hier.

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Merlin oder Metaphern mit Marionetten

Mal vorweg gestellt – ja, das Stück dauert wirklich ganze vier Stunden. Und: ja, es sind vier gelungene Stunden – auch, wenn man völlig ohne nähere Kenntnisse zu dem extrem komplexen und metaphernreichen Stück ins Schauspielhaus gegangen ist und sich nur aus einer Laune heraus für „Merlin oder das wüste Land“ entschieden hat, weil das Plakat ja doch so geheimnisvoll aussieht.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Tankred Dorsts „Wüstes Land“, inszeniert von Jan-Christoph Gockel, ist eine 3 Stunden und 50 Minuten lange Menschheitsgeschichte, verpackt in die Metapher der Artus’schen Tafelrunde. Merlin als „die Macht, die Böses will und Gutes schafft“ (ja, auch Goethe-Zitate finden sich hier) versucht, die Ritter der Tafelrunde in die richtige Richtung zu führen – wie im realen Leben ignorieren sie aber jeden Hinweis und gehen ihren eigenen Eingebungen nach. Endet natürlich nicht gut.

„Merlin“ ist extrem dicht mit Metaphern bestickt. Zwischendurch blitzt auch öfters ein interessanter zeitgenössischer Bezug auf – leider immer etwas zu kurz, um das Stück durchgehend als eine kohärente Geschichte lesen zu können, aber immerhin so lange, um sich Gedanken zu machen. Und dies ist der Knackpunkt: In „Merlin“ wird der Zuseher grundsätzlich dazu angehalten, aktiv mitzudenken. Es geht nicht bloß darum, anzusehen und einzufühlen; vielmehr wird es dem Zusehenden überlassen, Botschaften und Doppelbödigkeiten selbst herauszulesen, möglicherweise als einzige Person im Publikum eine Metapher verstanden zu haben – die eventuell gar nicht intendiert war. Kurz: man soll sich Gedanken machen – und zwar eigene. Die Inkorporation der Puppen, gebaut von Michael Pietsch, ist deshalb eine gelungene Sache. Sie eröffnet eine neue Ebene im Spiel, die Reflexion erbittet.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

„Merlin“ schwankt immer wieder zwischen slapstickhafter Komik, grotesken Momenten und bitterem Ernst. Trotzdem gelingt es, die lachhaften Momente des Puppenspielens durch gut positionierte Denkanstöße auszubalancieren – nicht zuletzt wegen der gelungenen Besetzung. Allen voran Julia Gräfner, die als Parzifal und Lady Elaine eine Bandbreite an Emotionen präsentiert, und Benedikt Greiner als Mordred, der es gekonnt schafft, die vierte Wand immer wieder zu durchbrechen, ohne aus seiner Rolle zu fallen.

Die neue Intendanz im Schauspielhaus hat mit diesem intriganten Stück einen gelungenen Einstieg in ihre erste Grazer Saison geschafft – angefangen mit der bildgewaltigen Bühnengestaltung unter der Leitung von Julia Kurzweg, die es schafft, die teilweise sehr komischen Elemente der Inszenierung gut auszubalancieren, bis hin zum neuen Ensemble, das noch einige sehenswerte Stück verspricht. Etwas lang, aber sehenswert – die zeitgenössisch kolorierten Metaphern versprechen einen Theaterabend, der zum eigenständigen Denken anregt.

© 2015 dramagraz

Eine Kindergeschichte für Große

 Nein, Handke beschimpft zur Abwechslung mal nicht das Publikum – in der dramagraz-Inszenierung von „Kindergeschichte“ wird, völlig unprätentiös, von der Beziehung eines heranwachsenden Kindes und dessen Bezugsperson erzählt. Ein Stück, das dazu veranlasst, über die eigene Kindheit zu reflektieren.

Gemütlich auf einer Parkbank sitzend, den Blick in die unbestimmte Ferne gerichtet, die Hände sorgsam im Schoß gefalten, erzählt uns Heinz Trenczak aus Peter Handkes „Kindergeschichte“. Diese thematisiert – ganz kurz und banal gesagt – dessen erste gemeinsame Zeit mit seiner Tochter Amina, zugebracht in Deutschland und Frankreich. Erzählt wird im Präsens, um der Unmittelbarkeit willen, von der Entwicklung einer Eltern-Kind-Beziehung. Hier geht es aber nicht um die bloße Akkumulation von Anekdoten, von konkreten Ereignissen, ja, nicht einmal Namen werden genannt – vielmehr erschafft Handke in seinem Text ein Beziehungsgeflecht, ja, ein Gedankennetz, welches über Jahre hinweg weitergesponnen wird, angefangen bei der Geburt, bis hin zur Schulzeit des Kindes. Die „Kindergeschichte“ versucht, in einer gänzlich unsentimentalen Weise, zu entschlüsseln, was eigentlich mit einem Erwachsenen geschieht, der plötzlich für ein anderes Lebewesen zuständig wird.

© 2015 dramagraz

© 2015 dramagraz

 

In der dramagraz Inszenierung von Ernst Marianne Binder gibt es kein vollkommenes Hineinfallen in die Geschichte – alles wird schlicht gehalten, von der Bühnengestaltung (simpel aber passend: eine Parkbank mit Leseleuchte und im Hintergrund Kinderzeichnungen an der Wand) bis zur Erzählweise: Heinz Trenczaks über-artikulierter Sprachduktus, der fast schon an eine Lesung erinnert, verhindert jegliches Sich-Fallen-Lassen und erfordert höchste Konzentration von den Zusehenden. Ja, mit der Überbetonung der Sprache führt er fast schon zu einem Verfremdungseffekt – nichts also für jene, die sich lieber in einer Aufführung verlieren. Denn hier muss mitgedacht werden – mit dem Effekt, dass man, möglicherweise, aufmerksamer als zuvor über die eigene Kindheit reflektiert. So schafft die Inszenierung ein verspätetes Einfühlen, kein unmittelbares.

Peter Handkes „Kindergeschichte“ im dramagraz – eine Reminiszenz an das Heranwachsen des eigenen Kindes mit einem Klecks V-Effekt. Mehr Infos unter dramagraz, kurze Einblicke ins Geschehen gibt’s hier.