Diagonale: Fräulein Else

Kurz nach der Finanzkrise. Die junge Else (Korinna Kraus) aus höheren Kreisen verbringt ihre Ferien mit einigen Verwandten, als sie ein Brief ihrer Mutter erreicht. Ihr Vater hat leichtsinnig eine hohe Summe Geld veruntreut, weshalb die Mutter Else bittet, mit Herrn Dorsday (Martin Butzke), einem alten Bekannten der Familie zu sprechen und ihm die Lage zu erklären. Als sie dieser Bitte nachkommt, schlägt Dorsday jedoch einen Handel vor. Im Austausch für das Geld möchte er Else nackt sehen. Es folgt ein emotionales Ringen der jungen Frau mit sich selbst, das nur in einer Katastrophe enden kann.

So lässt sich der Inhalt der Novelle Fräulein Else von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1924 zusammenfassen. Achtzig Jahre später bringt uns Anna Martinetz mit ihrem ersten Spielfilm die Geschichte in einem anderem Setting nahe und bleibt dabei bemerkenswert nahe am Original. Die Finanzkrise herrscht ja praktischerweise wieder vor.

Die Vorlage spielt in Italien, was zu jener Zeit ein Schwellenland mit für die Oberschicht interessantem Exotismus, liebenswert einfachen Menschen und teilweise sichtbarer Armut gewesen sein dürfte. Die Idee für den Film kam der Regisseurin aber auf einer Reise durch Indien, in der sie einige Kolonialhotels besichtigte und fasziniert darüber war, dass man sich dort hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlt. Indien als Handlungsort funktioniert somit auf mehreren Ebenen ausgezeichnet.

Eine der ersten Auffälligkeiten des Films ist die stilisierte Sprache. Nicht nur, dass die Schauspieler sprechen als würden sie sich auf der Burgtheater-Bühne befinden, was einen anfangs schmunzeln lässt, die Dialoge wurden auch oft wörtlich der Vorlage entnommen:

„Herr Dorsday!“

„Vom Tennis, Fräulein Else?“

„Was für ein Scharfblick, Herr Dorsday.“

Somit wird von Anfang an eine Distanz zwischen dem geschlossenen Kreis der Figuren und dem Publikum geschaffen.

Die Novelle wurde bekannt als erstes Werk, das vollständig im Inneren Monolog verfasst ist. Dies filmisch umzusetzen stellt eine enorme Herausforderung dar und wurde sehr überzeugend realisiert. Ohne sich verzweifelt daran zu klammern, immer nur aus der Perspektive von Else erzählen zu dürfen, bekommt man viele tiefe Einblicke in Elses Gedankenwelt durch teils surreale Szenen. Das Gespräch zwischen Dorsday und Else wird beispielsweise plötzlich noch einmal in einer ganz anderen Version gezeigt.

Die Musik ist ein stimmiges Gemisch aus Streicherklängen, schwebend und bedrückend zugleich, mit mitreißenden indischen Rhythmen und hin und wieder einem verträumten Klavier.

Das Konzept des Inneren Monologs kommt natürlich der Kreativität des Kameramannes Jakob Wiessner entgegen, der mit sehr experimentellen Mitteln arbeitet und auch mal zwanzig Sekunden lang einfach nur verschwommene Szenen zeigt. Immer wieder werden kleine wunderbar poetische Augenblicke eingestreut, die einen schmunzeln lassen.

Auffällig sind mehrmalig auftretende Bilder, die Selbstmord suggestieren, diesen aber nicht ausführen. So sieht man Else schon am Anfang auf ein Fensterbrett steigen, man erkennt dann aber, dass nur ein Gitter vor dem Fenster zu sehen ist. Weiters schafft die Kamera einen scharfen Gegensatz zwischen den starren Sequenzen im Hotel und einer sehr freien Kameraführung, wenn Else durch das „echte“ Indien streift.

Bezeichnenderweise ist sie die einzige Figur, die in Kontakt mit der Außenwelt tritt. Hier kommt der filmische Hintergrund der Regisseurin zum Vorschein – wie in einem Dokumentarfilm sieht man einen alten Inder erklären, wie viel Geld man in Indien zum Leben braucht, während Else durchgehend verständnisvoll nickt. Diese realistischen Elemente bilden einen Kontrast zu dem sonst so stilisierten Filmgeschehen. Dadurch, wie „Geld zum Überleben“ mit der laut der Mutter „Lappalie“ von 300 000€ in Kontext gestellt wird, bekommt man eine Idee davon, was wohl in Elses Kopf vor sich gehen mag, wenn sie ihre persönliche Überzeugung und ihre Selbstachtung mit der Familientreue aufwiegt.

Der Film ist Teil einer Trilogie zum Thema Geld, in deren zweitem Teil Martinetz sich dem Theaterstück Onkel Wanja von Tschechow widmen wird.

Fräulein Else startet am 22. Mai im Kino und sei allen Menschen wärmstens ans Herz gelegt, die eine Kombination aus werktreuer Literaturverfilmung und poetischem Kunstfilm zu schätzen wissen.

 

http://www.else-film.com/

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„Studies on Shivering“ by Damir Ocko im Künstlerhaus Graz

Fotos von nackten Männern im Schnee. Gedichte. Mit Wortfetzen beschriftete Schlangenhäute. Eine Projektion eines klappernden Gebisses, mithilfe eines schnarrenden alten Projektors. Handschriften eines Parkinson-Erkrankten. Lautsprecher mit Zähneklappern.

Die Ausstellung „Studies on Shivering“ (Studien des Zitterns) des kroatischen Künstlers Damir Ocko zeigt verschiedenste Dimensionen und Interpretationen des Zitterns in multimedialen Ausdrucksformen. Im Zentrum der Ausstellung steht der Film „TK“, der alle diese Facetten beinhaltet und Klarheit in das Durcheinander der Eindrücke bringt, dem man zuerst einmal ausgesetzt ist. So wie in der Produktion eines Films am Ende alle Fäden zusammenlaufen, so tun sie es hier über den Ausstellungsraum verteilt. Das Ganze wirkt wie eine Mindmap.

Foto: Markus Krottendorfer

„The sun has teeth“, lautet eine kroatische Redewendung, wie man im Künstlergespräch erfährt. Damit ist das Gefühl gemeint, wenn man von winterlicher Sonne zwar beschienen wird, die Sonnenstrahlen aber durch die Kälte eher wie spitze Zähne auf den Körper wirken. Diese Unberechenbarkeit, das Unkontrollierbare ist für den Künstler der wichtigste Aspekt des Zitterns.

Der Film ist zwar auf eine gewisse Weise interessant (ein Parkinson-Erkrankter versucht vergeblich einen Satz zu schreiben, drei Männer zittern auf einem sonnigen Schneefeld), aber der Künstler schafft es trotz des physischen Themas nicht wirklich, zu berühren. Obwohl alle Exponate durch ihre mehr oder weniger erkennbare Rolle im Film ihre Berechtigung haben, wirken sie mehr dazugestellt als wirklich bereichernd. Kunst, über die man sich nicht aufregen muss, aber verstehen kann man sie auch nicht.