Genrehybrid der herzhaften Art

Mit einem neuen Album im Gepäck machen sich Holler My Dear auf den Weg durch die Konzertsäle Europas – und noch viel weiter. Nationale Grenzen spielten für die Multi-Kulti-Band nie eine bedeutende Rolle, weder geographisch noch musikalisch. Das hört man auch auf ihrer neuen Platte „Steady As She Goes“, welche Anfang Februar 2018 unter Traumton Records erschienen ist. Am 05.04. zog es die Band zu einem obligatorischen Auftritt nach Graz, der zweiten Heimat der Leadsängerin Laura „Laus“ Winkler.

Holler My Dear steckten das bunt durcheinander gewürfelte Publikum in der netten kleinen Location mit einer herzlichen Freude an. Nicht nur ihre dynamische Musik, sondern auch ihre locker lässige Art begeisterten die ZuhörerInnen. Holler My Dear mussten nicht zum Tanzen aufrufen, das geschah von ganz alleine. Die Tanzschuhe waren zwar noch vom langen Winter etwas eingerostet, aber das änderte sich im Laufe des Abends. Bereits nach den ersten Songs wurde kollektiv mitgeschwungen und im Takt gewippt. Ruhig stehen bleiben konnte bei dieser Musik niemand.

Multi-Kulti in all ihren bunten Facettenhollermydear_L4A0520

Die Bandmitglieder stammen allesamt aus unterschiedlichen Nationen, gefunden haben sie sich in Berlin, wo die Gruppe bis heute ansässig ist. Die verschiedenen Einflüsse werden in ihrer Musik treffend verarbeitet, ebenso wie die eher ungewöhnliche Kombination des Instrumentariums. An dieser Stelle muss natürlich auch Laura „Laus“ Winklers eingängige Stimme erwähnt werden: Die Sängerin studierte Jazzgesang in Graz, danach Komposition in Berlin. Ihr Gesang ist mitreißend, aber auch zart und sensibel. Sowohl wild als auch gefühlvoll. Selbst das ungeschulte Laienohr hört, dass hier hochwertige Musik geboten wird. Harmonisch und strukturell ist Holler My Dears Musik komplex, jedoch ohne jene augenzwinkernde Leichtigkeit zu verlieren. Anspruchsvoll, aber keineswegs sperrig. Leichtfüßig, ohne einen Hauch von Langeweile.

Holler My Dear lassen sich mit ihrer Musik nicht so einfach in eine Genre-Schublade stecken. Ihre mannigfaltige Musik lebt von einer Transzendenz, die das Publikum zum Tanzen, als auch zum müßiggängerischen Mitschwingen motiviert. Die Band selbst bezeichnet ihre Musik als Neo-Discofolk, so mancher behauptet aber auch, dass sie sich in den weiten Sphären des Jazz bewegen. Dem sichtlich begeisterten Publikum war es allerdings gleich, in welche Stilrichtung sich Holler My Dear eingliedern lässt.

Eine Band zum Verlieben

In den Songtexten wird über die schönen Dinge des Lebens gesungen, besonders hervorzuheben sei hier der Song „The More The Merrier“. Eine Hommage an die Liebe an sich, aber auch an die gleichgeschlechtliche Liebe. Laut der Leadsängerin gäbe es sowieso zu wenige Liebeslieder, die Homosexualität thematisieren. Es werden auch ernstere Themen aufgegriffen, wie der ungesunde Umgang mit dem Smartphone, auch politische Statements finden ihren Weg in die Lyrics. Kleiner Tipp des Autors: Bei Holler My Dear Konzerten einfach das Smartphone zuhause lassen!

Das Konzert im Orpheum Extra war ein musikalischer Gaumenschmaus; eine angenehme Aufforderung weitere Konzerte der Band zu besuchen. Das bereits dritte Album „Steady As She Goes“ birgt all die gesammelten Erfahrungen der vergangen Jahre in sich und beweist, wie vielseitig gute Musik sein kann. Das Album bekommt 5 von 5 Holunderblüten (österreichisch: Holler).

Holler My Dear sind:

Laura »Laus« Winkler: Gesang, Komposition
Fabian Koppri: Mandoline, Gesang
Stephen Molchanski: Trompete, Gesang
Valentin Butt: Akkordeon
Lucas Dietrich: Bass
Elena Shams: Schlagzeug

Weitere Infos zu Holler My Dear auf ihrer Homepage.

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Politisch daneben; musikalisch überlegen

Ein Puppenspiel, dessen Zielgruppe keine Kinder, sondern Erwachsene sind; ein Theaterstück, welches versucht, uns die Mitläuferthematik näherzubringen. Ein hervorragendes Künstlerkontingent, bestehend aus dem Puppenspielvirtuosen Nikolas Habjan und dem Wortschmied Paulus Hochgatterer, macht dies möglich. Nach der viel umjubelten Premiere des Stücks wurde nun auch die zweite Aufführung von einem nahezu ausverkauften Schauspielhaus zelebriert.

Das Stück beginnt mit einer komplett verdunkelten Bühne, nur Silhouetten sind für die ZuschauerInnen erkennbar. Eine Person tritt auf die Bühne und zieht mechanische Uhren auf. Die Uhren beginnen allmählich wild durcheinander zu ticken, es wirkt düster, man wird nachdenklich. Ein wunderbarer Bühneneffekt, der seine Wirkung über das gesamte Stück entfalten sollte. Licht an, und schon ist man begeistert. Die lebensgroße Puppe wirkt enorm realitätsnah, nur die im Hinterkopf steckende Hand des Puppenspielers bestätigt, dass die Puppe das Replikat eines alten Herren ist. Dieser in die Jahre gekommene, im Rollstuhl sitzende Mann stellt Doktor Karl Böhm, den in Graz geborenen, viel umstrittenen Dirigenten, dar. Nikolaus Habjan lässt jene Puppe mit sarkastisch-mürrischer Stimme sprechen und verleiht ihr mit treffender Gestikulation einen geistig verwirrten Eindruck. Mastermind Habjan tritt auch selbst in die Handlung ein: Er spielt einen aus Rumänien stammenden Pfleger, dessen kleine Schwester dem verwirrten Greis die heutzutage propagierte political correctness auf süffisantem Wege näherbringt. Die Schimpftiraden gegenüber dem Pfleger und seiner kleinen Schwester von Seiten Böhms erinnern manchmal an unseren geliebten „Nestbeschmutzer“ Thomas Bernhard. In diesem Sinne: Ein Lob an den Autor Paulus Hochgatterer!

Zerschellendes Statement

Die Handlung des Stücks lässt sich an manchen Punkten nur mühsam nachvollziehen, vor allem wenn Traumsequenzen, Erinnerungsfetzen, bloße Halluzinationen, sowie Rückblenden aus dem Leben Böhms in verdrehter Reihenfolge aufeinandertreffen. Die Sequenzen, in denen der alte Verwirrte im Rollstuhl zu denken vermag, der junge Karl Böhm in seiner Glanzzeit zu sein, werden amüsant umgesetzt. Wenn die Puppe zum Beispiel vor dem Orchester – verkörpert durch das Publikum –  zu dirigieren beginnt, unterhaltet das musikalische Genie den Zuschauerraum mit köstlich-zynischen Bemerkungen. Erschreckend sind die Originalaufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus; so wird eine Passage aus der Rede Hitlers am Heldenplatz eingespielt und Originalaufnahmen des dirigierenden Böhms werden riesengroß präsentiert. Ein Auftritt Böhms am 9. November – an jenem dunklen Tag des Pogroms -, bei dem er Bruckners Fünfte angeblich zum Besten gegeben hätte, zeigt die wetterwendische Art des oft renommierten Dirigenten auf. Spätestens dann wird auch wirklich allen ZuschauerInnen bewusst, dass Böhm ein Profiteur des Dritten Reiches war. Das Bühnenspiel selbst versucht erst gar nicht, die Problematik um das opportunistische Wesen Böhms zu erklären, auch eine Schuldzuweisung lässt sich nirgendwo finden. Die Zuschauer sollen zum Nachdenken angeregt werden. Doch ein Statement wird dennoch abgegeben: Das Stück wird durch eine am Boden zerschellende Steinbüste Böhms beendet.

Leib und Seel

Zusammenfassend kann von einem gelungenen Stück gesprochen werden, von dem bestimmt noch länger die Rede sein wird, nicht zuletzt wegen der heiklen Thematik. Nikolaus Habjan haucht seinen akribisch gestalteten Puppen mit Stimme und Gestik Leben ein. Doch der Autor, Paulus Hochgatterer, gibt dem Stück erst seinen Charme. Die zynische Sprache Böhms wird in jeder Sprechszene deutlich, einzelne sprachliche Nuancen liegen mir noch heute im Ohr. Ich traue mich sogar zu behaupten, dass erst Paulus Hochgatterers Text den als Schauspieler fungierenden Puppen eine Seele verleiht.

 Weitere Infos und Termine sind hier zu finden.