Todestanz im Stadl

Am 2. November wurde das Stück „Jedem das Seine“ von Silke Hassler und Peter Turrini auf der Hauptbühne des Schauspielhauses Graz aufgeführt. Die Aufführung war sehr gut besucht und das Publikum begeistert. Nach all den vorangegangenen Lobgesängen der Presse war auch nichts Anderes zu erwarten.

Neun ungarisch-jüdische Flüchtlinge sollen in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges in das KZ Mauthausen deportiert werden. Während des „Todesmarsches“ werden sie für eine Zeit lang in einer Scheune österreichischer Bauern untergebracht. Die Scheune mit den sich darin befindlichen Flüchtlingen bildet den Rahmen des gesamten Stücks und das imposante Bühnenbild (Vibeke Andersen) ab. Ohne Essen, ohne Trinken, ohne Verpflegung, mit nichts, außer dem Gewand, das sie anhaben und den Geschichten, die sie in sich tragen, müssen die neun Weggefährten in besagtem Schuppen ausharren. Einer der Flüchtlinge, Lou Gandolf aus Budapest, ist ein begeisterter Operettensänger und wurde noch während einer Aufführung des Stücks „Wiener Blut“ von den Nazis verhaftet, um deportiert zu werden. Vielleicht ist es ihm deswegen ein so großes Anliegen, dieses Stück innerhalb der Scheune mit seinen acht weiteren Leidensgenossen aufzuführen. Ein anderer Grund für die Besessenheit des Operettensängers könnte der Versuch sein, ausschließlich mit der Liebe zur Kunst zu überleben – ein schöner Gedanke.

„Die Welt da draußen will uns töten. Deshalb müssen wir so tun, als wären wir in einer anderen.“

Essen kann man die Kunst zwar nicht, aber verbinden tut sie allemal. Im Stück wird dies deutlich, als drei österreichische Dorfbewohner das kühne Unterfangen beginnen, tatkräftig zu unterstützen. Anfangs noch skeptisch, steuern sie bald Verpflegung, Instrumente, Kostüme und ihre eigene Stimmkraft bei. Kurz bevor „Wiener Blut“ schlussendlich in dem nun nicht mehr allzu trist wirkendem Stadl von der begrenzten Besatzung aufgeführt werden kann, stürmt ein Hitlerjunge herbei und lässt die Botschaft vom Tod des „bis zum letzten Atemzug kämpfenden“ Hitlers verlautbaren. Das kleine Ensemble gibt den Walzer nun zum Besten, mit Freudentränen und Hoffnungsschimmern in den Augen. Doch der Walzer begleitet die Flüchtlinge nicht in die Freiheit, sondern in den Tod.

„Wenn der Wald am finstersten ist, pfeifen wir vor Angst. Ich für meine Person ziehe es vor, zu singen. Ich singe, ich tanze. Wollen Sie mit mir tanzen?“

Ein sehr bestimmtes Stück, welches mich so manchen Lacher nochmals überdenken ließ. Generell schien es, als ob sich das Publikum nicht zwischen pietätlosem Auflachen und verwunschenen Seufzern entscheiden konnte. „Eine ebenso brillante wie berührende Neuvermessung der Grenzen zwischen Galgenhumor und Grauen.“ Viel treffender als Werner Krause es in seiner Kritik für die Kleine Zeitung formuliert hat, kann ich es unmöglich ausdrücken. Der für Musik und Regie zuständige Sandy Lopičić vermischte jüdische, ungarische und steirische Volkslieder mit der Leichtigkeit des Walzers und verhalf der Inszenierung so zu noch mehr Schärfe und Wucht.

Nachdruck

Wie intensiv, stürmisch und nachdrücklich die Aufführung wirklich war, wurde mir erst am Heimweg durch die historische Altstadt bewusst. Man kennt die Bilder mit den stolz gehissten Hakenkreuzfahnen rund um den Hauptplatz. Man kennt die grausamen Geschichten, die sich zugetragen haben. Man kennt die Gräueltaten, die begangen wurden. Man weiß plötzlich, dass die aufgeführte Geschichte wahr ist. Man spürt, dass es sich so zugetragen haben muss und bemerkt, dass es wieder passieren kann.

Weitere Informationen bezüglich des Stücks finden Sie hier.

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Voodoo-Zauber über Graz

Am Abend des 9. Junis bespielte der Wiener Musiker Voodoo Jürgens im Zuge des 3. Drammatikerinnenfestivals das Haus 1 des Schauspielhauses. Angekündigt war der Auftritt als Solo-Konzert, jedoch erwartete das Publikum eine kleine, aber feine Überraschung.

Das Konzert konnte durch und durch überzeugen, war musikalisch wie humoristisch ein österreichischer Gaumenschmaus. Voodoo Jürgens bewies erneut, wie gut seine mit Musik untermalten Geschichten auch live funktionieren. An diesem Abend konnte er auch zeigen, dass er ein für sich eher ungewöhnliches Ambiente vollkommen für sich gewinnen kann – und zwar mit lässiger Wiener-Strizzi-Manier par excellence.

Das Publikum kannte die Musik von Voodoo Jürgens bereits, immerhin tragen seine Lieder seit seinem 2016 veröffentlichten Debütalbum „Ansa Woar“ Kultstatus. Der Musiker tauchte mit kleiner Verspätung alleine vor heruntergelassenen rotem Vorhang auf, begrüßte das Publikum kurz und bündig und begann sogleich zu spielen. Mit schrullig-poetischen Liedern unterhaltet Voodoo das Publikum auch solo. Jedoch wirkt er ohne Band auf der großflächigen Bühne etwas zurückhaltend, schüchtern und unvorbereitet. Gehört das zur Show? Soll der Auftritt improvisiert, ja, gar etwas verloren wirken? Spätestens nachdem sich für die ZuschauerInnen vollkommen überraschend der rote Vorhang lüftet und sich dahinter eine voll motivierte „Ansa Panier“ befindet, war klar, dass die vorherige Zerstreutheit des Musikers nur gespielt war. Mit seiner Band fühlte sich der Liedermacher sichtlich wohler und gab seine Musik zum Besten. Es prasselten den restlichen Abend musikalische „Packl Hausdetschn“ auf das begeisterte Publikum ein. Gespielt wurden zumeist Lieder der ersten Platte, von der kein Hit ausgelassen wurde. „Gitti“, „Hansi Da Boxer“ und das bei Konzerten obligatorische „Heite Grob Ma Tote Aus“ heizten dem Schauspielhaus ordentlich ein. Erwähnenswert ist hier auch ein Cover von Ludwig Hirsch, welches der Musiker mit bescheidenen Worten ankündigte: „Vielleicht haut´s mich über den Text noch ein bissal drüber, wär auch bled.“ Nur einmal haspelte er über eine Textpassage, es sei ihm verziehen. Ein kleiner Einblick in sehnlich erwartete, neue Musik wurde ebenfalls gewährt und es lässt sich bereits eine Prognose aufstellen: gleichbleibend gut.

„Meine Damen, meine Herrn von Graz bis zum Praterstern…“

Voodoo Jürgens und die Ansa Panier wissen haargenau, tiefgründige, ein bisschen abgefuckte aber stets liebevolle Texte über Laster, Lüste und Leiden mit perfekt harmonierender Musik zu unterstreichen. David „Voodoo Jürgens“ Öllerer beweist allemal, wie poetisch der Altwienergrind dargestellt werden kann, was besonders in den Liedern „Drei Gschichtn ausn Café Fesch“ und „Tulln“ deutlich wird. Gesucht wird stets das Morbide im Normalen, gefunden wird das Ästhetische im „Schiachen“. Voodoo Jürgens´ Musik zieht alle Altersklassen in ihren Bann; seine Texte über Existenzverzweiflung und die mehr oder weniger leiwande Wiener Beislkultur bilden die ungeschminkte Realität ab. Nicht nur textlich und musikalisch, sondern auch visuell konnten Voodoo und seine Gruppe überzeugen. Die genau zur Musik und den erzählten Geschichten passende legere Kleidung, wie auch der Vokuhila von Voodoo Jürgens und die dazugehörige Tschick zieren ihn und die Ansa Panier und vervollständigen das authentische Gesamtbild der Band.

 

Genrehybrid der herzhaften Art

Mit einem neuen Album im Gepäck machen sich Holler My Dear auf den Weg durch die Konzertsäle Europas – und noch viel weiter. Nationale Grenzen spielten für die Multi-Kulti-Band nie eine bedeutende Rolle, weder geographisch noch musikalisch. Das hört man auch auf ihrer neuen Platte „Steady As She Goes“, welche Anfang Februar 2018 unter Traumton Records erschienen ist. Am 05.04. zog es die Band zu einem obligatorischen Auftritt nach Graz, der zweiten Heimat der Leadsängerin Laura „Laus“ Winkler.

Holler My Dear steckten das bunt durcheinander gewürfelte Publikum in der netten kleinen Location mit einer herzlichen Freude an. Nicht nur ihre dynamische Musik, sondern auch ihre locker lässige Art begeisterten die ZuhörerInnen. Holler My Dear mussten nicht zum Tanzen aufrufen, das geschah von ganz alleine. Die Tanzschuhe waren zwar noch vom langen Winter etwas eingerostet, aber das änderte sich im Laufe des Abends. Bereits nach den ersten Songs wurde kollektiv mitgeschwungen und im Takt gewippt. Ruhig stehen bleiben konnte bei dieser Musik niemand.

Multi-Kulti in all ihren bunten Facettenhollermydear_L4A0520

Die Bandmitglieder stammen allesamt aus unterschiedlichen Nationen, gefunden haben sie sich in Berlin, wo die Gruppe bis heute ansässig ist. Die verschiedenen Einflüsse werden in ihrer Musik treffend verarbeitet, ebenso wie die eher ungewöhnliche Kombination des Instrumentariums. An dieser Stelle muss natürlich auch Laura „Laus“ Winklers eingängige Stimme erwähnt werden: Die Sängerin studierte Jazzgesang in Graz, danach Komposition in Berlin. Ihr Gesang ist mitreißend, aber auch zart und sensibel. Sowohl wild als auch gefühlvoll. Selbst das ungeschulte Laienohr hört, dass hier hochwertige Musik geboten wird. Harmonisch und strukturell ist Holler My Dears Musik komplex, jedoch ohne jene augenzwinkernde Leichtigkeit zu verlieren. Anspruchsvoll, aber keineswegs sperrig. Leichtfüßig, ohne einen Hauch von Langeweile.

Holler My Dear lassen sich mit ihrer Musik nicht so einfach in eine Genre-Schublade stecken. Ihre mannigfaltige Musik lebt von einer Transzendenz, die das Publikum zum Tanzen, als auch zum müßiggängerischen Mitschwingen motiviert. Die Band selbst bezeichnet ihre Musik als Neo-Discofolk, so mancher behauptet aber auch, dass sie sich in den weiten Sphären des Jazz bewegen. Dem sichtlich begeisterten Publikum war es allerdings gleich, in welche Stilrichtung sich Holler My Dear eingliedern lässt.

Eine Band zum Verlieben

In den Songtexten wird über die schönen Dinge des Lebens gesungen, besonders hervorzuheben sei hier der Song „The More The Merrier“. Eine Hommage an die Liebe an sich, aber auch an die gleichgeschlechtliche Liebe. Laut der Leadsängerin gäbe es sowieso zu wenige Liebeslieder, die Homosexualität thematisieren. Es werden auch ernstere Themen aufgegriffen, wie der ungesunde Umgang mit dem Smartphone, auch politische Statements finden ihren Weg in die Lyrics. Kleiner Tipp des Autors: Bei Holler My Dear Konzerten einfach das Smartphone zuhause lassen!

Das Konzert im Orpheum Extra war ein musikalischer Gaumenschmaus; eine angenehme Aufforderung weitere Konzerte der Band zu besuchen. Das bereits dritte Album „Steady As She Goes“ birgt all die gesammelten Erfahrungen der vergangen Jahre in sich und beweist, wie vielseitig gute Musik sein kann. Das Album bekommt 5 von 5 Holunderblüten (österreichisch: Holler).

Holler My Dear sind:

Laura »Laus« Winkler: Gesang, Komposition
Fabian Koppri: Mandoline, Gesang
Stephen Molchanski: Trompete, Gesang
Valentin Butt: Akkordeon
Lucas Dietrich: Bass
Elena Shams: Schlagzeug

Weitere Infos zu Holler My Dear auf ihrer Homepage.