Styriarte – erste Reihe fußfrei

Nikolaus Harnoncourt, Dirigent © Werner Kmetitsch(c) Werner Kmetitsch

An alle, die nicht die Zeit, Gelegenheit, das nötige Kleingeld oder den Willen zur Aufbringung derselbigen haben/hatten: Bis 7.7. kann man sich unter folgendem Link gratis die Aufzeichnung der Premiere von Henry Purcells The Fairy Queen am 21.6. in der List-Halle unter dem Dirigat von Nicolaus Harnoncourt anschauen!

Link: http://www.sonostream.tv/performances/henry-purcell-the-fairy-queen/

An alle, denen die 2 Stunden Aufführungsdauer zu lang sind: Dido and Aeneas von H. Purcell dauert nur halb so lang und enthält viele der Motive, die in The Fairy Queen quasi recycelt werden 😉 Eingespielt ebenso vom Concentus Musicus Wien unter N. Harnoncourt!

Link: http://www.youtube.com/watch?v=uFmOVBUywoc

An alle, ohne Ausnahme: Wunderbares Zeug, hört rein!!

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Ein Film als Fotoalbum – Richard Linklaters „Boyhood“

Wer Richard Linklater kennt, kennt ihn vermutlich durch seine Before-Filme: Before Sunrise, Before Sunset, Before Midnight. Alle funktionieren nach demselben Prinzip: Die Figuren treffen sich und bleiben für die nächsten zwei Stunden aneinander kleben, sie sitzen, spazieren, essen, liegen, fahren – und reden. Boyhood ist ganz ähnlich, aber doch anders. Linklater hat mit diesem Film etwas Außergewöhnliches geschaffen, und gleichzeitig etwas, das typisch Linklater ist.

Da wäre einmal der zeitliche Aspekt: Jeder Before-Film ist eine Momentaufnahme, ein wenige Stunden umfassender Zustand, der im Jetzt spielt und die Vergangenheit bzw. die Welt, außerhalb derer sich die Protagonisten gerade bewegen, bloß im Gespräch thematisiert. Linklater erklärt, d.h. er zeigt und sagt nur so viel wie für das Verständnis der gegenwärtigen Lage unbedingt nötig. Jeder Before-Film bricht an einer verheißungsvollen Stelle ab, endet in einem cliff hanger, um 9 Jahre später (so viel Zeit liegt jeweils zwischen den drei bisher erschienenen, aufeinanderfolgenden Teilen) fortgesetzt zu werden. Hält Linklater sich dabei an die Aristotelische Regelpoetik der Einheit von Ort, Zeit und Handlung, so verkehrt er dieses Konzept in seinem neuesten Film vollkommen – und bleibt ihm trotzdem treu. Für die Dreharbeiten von Boyhood hat er sich zwölf Jahre Zeit genommen, jedes Jahr hat er wieder ein paar Tage gedreht und die Geschichte fortgesetzt, hat mit den tatsächlichen – und nicht nur fiktionalen – Jahressprüngen sowohl die körperliche Entwicklung der heranwachsenden Darsteller als auch Abrisse und das Fortschreiten der Weltgeschichte in diesen zwölf Jahren dokumentiert.

Rechnerisch bleiben für jedes Jahr in den ca. 160 Minuten Laufzeit des Films etwas über 10 Minuten Erzählzeit, deren erzählte Zeit jeweils kaum über einen oder zwei Tage hinausgeht und in deren Setting sich die Lebensumstände und persönliche Entwicklung der Darsteller zu Eindrücken akkumulieren (müssen). Linklater bleibt damit also dem erzählerischen Prinzip der Momentaufnahme treu: Boyhood ist, als wären 12 Before-Filme aneinandergereiht worden. Und zwischen den 12 Momentaufnahmen herrscht eine erzählerische Leere, liegt das Nicht-Erzählte – Linklater gibt den Handlungsstrang vor, die Details kann der Zuschauer selbst ergänzen, wenn er mag. Hier flirtet A mit B, am Anfang der nächsten Szene sind A und B dann verheiratet, C geschieht dasselbe mit D (abgesehen davon, dass A B wieder verlässt) und dann geschieht A selbiges wiederum mit E, wobei E zwei Szenen später nicht mehr im Leben von A vorkommt. Man ergänzt: A und E haben sich getrennt, wer aber wen verlassen hat, bleibt ungewiss, zweifellos hätten beide gute Gründe dafür gehabt. Erzählerische Freiheit wird hier zur Freiheit des Zusehers.

Offizielles Plakat zum Film, Quelle: http://www.imdb.com/title/tt1065073/

Offizielles Plakat zum Film, Quelle: http://www.imdb.com/title/tt1065073/

Linklater will mit Boyhood ein fiktionales Erwachsenwerden mit beinahe dokumentarischer Behandlung der Körper darstellen. Dieses fiktionale Heranwachsen zweier Kinder und damit das Älterwerden ihrer Mutter geschieht anhand bereits erwähnter Momentaufnahmen. Solche müssen, so sehr Linklater auch zeigen will, dass das Leben nicht (nur) aus den großen Dramen, sondern zumindest ebenso sehr aus den vielen kleinen Momenten (dazwischen) besteht, doch irgendwie charakteristisch sein – zum einen für die Stationen des Heranwachsens, zum anderen für die Stationen eines Films, der eine Geschichte erzählen soll. Hieran möchte ich zwei Gedanken anschließen: 1. Die Erwartungshaltung, mit der man als Zuschauer für gewöhnlich einem Spielfilm begegnet, wird gründlich unterlaufen, die eigene cineastische Konditionierung wird einem bewusst – weil hier eben nicht hinter jeder Ecke etwas Tragisches lauert, weil hier eben das große Unglück, das lebensverändernde Ereignis etc. nicht mit einem Schlag geschieht. 2. Die Notwendigkeit dennoch aussagekräftiger Situationen birgt die Gefahr, dabei in etwas grob Aufzählendes, Kategorisierendes, Holzschnitthaftes zu verfallen, das die Frage aufwirft, sind dies wirklich die Eckpunkte eines individuellen Lebens oder nicht manchmal bereits Klischees einer Gesellschaft: Der Umzug; der neue Mann der Mutter, der sich als Alkoholiker entpuppt; der dritte Mann der Mutter, der auch nicht viel besser ist; zum 15. Geburtstag – typisch amerikanisch – gibt’s eine Schrotflinte und eine Bibel von den – typisch amerikanisch – überchristlichen Stiefgroßeltern; altes, klappriges erstes eigenes Auto; Minijob als Küchenhilfe während der High School; Alkohol, Gras und Schmusen hinten im Wagen; erster Sex im fremden Bett bei der ersten gemeinsamen Übernachtung auswärts; Trennung, weil sie am College den Lacrosse-Spieler dem trübsinnigen Kunst-Nerd vorzieht… Und dann gibt es wieder die vielen Kleinigkeiten, die, obwohl ebenso abgedroschen, unmittelbar als echt erscheinen: die Kabbeleien der Geschwister, die Monotonie in den Antworten der Pubertierenden auf Fragen der Eltern, etc.

Und bei all dem wird, wieder typisch Linklater, viel geredet: Viel Altkluges, vielleicht Abgedroschenes, manchmal lächerlich Anmutendes, aber doch auch wahr Erscheinendes.  Es gibt peinliche Aufklärungsgespräche, weltanschauliche Monologe im Julia Engelmann-Style, George W. Bush-Bashing und Obama-Mania, pubertäres Gemaule und verliebtes Schwärmen. Alles schön und gut, doch manchmal wird es beinah etwas zu viel des Guten.

Und doch ist Boyhood ein wunderbarer Film über das Wachsen und Älterwerden, über das sich Verändern und doch seinen Kern bewahren, über das Zusammenbleiben und Auseinandergehen von Beziehungen, über sich entfaltendes Potential und sich auftuende Abgründe, über die größeren Stationen und noch mehr Kleinigkeiten. Unaufgeregt, dabei aber nicht langweilig, kurzweilig, dabei aber auch nie unter Spannung. Interesse ist wohl die richtige Rezeptionshaltung – Interesse von lat. ‚interesse‘ für ‚dazwischen sein‘. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, nicht Tragödie oder Komödie, nicht großartig oder scheiße – es bewegt sich in dem Dazwischen. Und man selbst ist, wenn man mittendrin ist, dazwischen. Und im Kino eben Beobachter, interesselos und gleichzeitig interessiert, wie es sich entwickelt.

Die Scheißjugend des Andreas Altmann

Fast wäre es nicht einmal eine Scheißjugend geworden, so lange hat sich der kleine Andreas geweigert, seinen Darminhalt zu entleeren, nur um ein wenig Aufmerksamkeit von seiner Mutter zu bekommen, dass er beinah dran gestorben wäre. Er hat dann doch noch geschissen und überlebt, deshalb jetzt diese Rezension.

Eine Autobiographie. Und ein Väterroman. Man kennt sie ja schon, die Romane über diese aus dem Krieg heimgekehrten Väter, physisch und/oder psychisch versehrt, sprachlos, emotional kalt, hart, tot. Mit Franz Xaver Altmann hat es 2011 wieder einen erwischt, als die Jugendgeschichte seines Sohnes Andreas Altmann unter dem treffenden Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend veröffentlicht wurde. Und mit dem Vater erwischt es, wie üblich für dieses Genre, die ganze Familie gleich mit.

Bild

(c) Lupi Spuma

Andreas Altmann geht nicht zimperlich mit der Schilderung seines Lebens um. In der Bühnenfassung von Oliver Kluck werden erst einmal die biographischen Daten runtergerattert: von den üblichen Stationen über die privateren bis zu denen, die man sonst eher geheim halten würde: sexuelles Versagen, Urschreitherapie, Selbstverletzung etc. Und trotzdem ist dieses Leben dann doch noch geglückt, möchte man aufatmen. „Geglückt“ – gut, das für jemand anders zu behaupten, ist vermessen. Aber es ist besser geworden. Was angesichts der Ausgangslage – 1949 als noch ein Schwanz ins Zentrum des katholischen Miefs, in die private Einfamilienhölle des Altöttinger Rosenkranzkönigs hineingeboren worden zu sein – nicht sonderlich schwer war. Doch was sagen die Startbedingungen schon über den weiteren Verlauf eines Lebens aus? Nun gut, nicht gar nichts, wie Andreas Altmann vorführt, aber auch nicht alles. Schließlich ist aus dem körperlich und seelisch missbrauchten, zur Arbeit im väterlichen Devotionalienhandel ausgenutzten und weitgehend lieblos aufgewachsenen Jungen ein erfolgreicher Mann und Reisereporter geworden. Im Gegensatz zu seinem Vater, der als mondäner Schönling mit besten Aussichten „am Krieg gestorben“ ist und nach seiner Heimkehr mit der Heirat auch noch seine Braut, die Tochter eines der besten Hotels im Wallfahrtsort, und mit dieser die nachfolgende heilige Familie mit ins Unglück gerissen hat. Dabei hätte alles so schön werden können!

Hätte! Die Angst, mit erst 16 Jahren schon sein Leben vertan zu haben, die Angst vor dem Vater, die erwachende Renitenz, die erwachenden Hormone, der erwachende Kampfgeist, Sexualstörungen, Selbstverletzung, Verweigerungs- und Verteidigungsstrategien, die Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen, Schwäche, die Perversion der Religion. Westentaschenpsychologie, damit erklären zu wollen, dass Altmann später, nachdem er das verhasste Vaterhaus verlassen hat, rastlos durch die Welt gezogen sei. Diese Rastlosigkeit des Andreas mache es aber halt auch den Frauen schwer, er habe, heute 64 Jahre alt, nie eine längere Beziehung, nie eine Beziehung mit bloß einer Frau gehabt, schaltet sich am Ende des Abends die deutsche Feuilleton- und Talkshow-Welt hinzu. Nein, man selbst habe ganz andere Erfahrungen gemacht, man selbst habe den Segen der Religion als tröstend, die Kirche als schützend empfunden in seiner Jugend: Die letzte Szene wird aus Pressestimmen und Berichterstattung über Altmanns Roman collagiert – und man möchte sich zwischendurch an den Kopf greifen ob der Qualität und Stoßrichtungen der Diskussionen. Vergangenheitsbewältigung auf deutsch ist eben auch nicht viel anders als auf österreichisch. Ein „Ja aber“ kann ein wertvoller Einwand, ein  verzichtbarer Widerspruch, oder auch einfach nur Stumpfsinn sein.

Alle drei sind gute Gründe, warum es ein „Ja aber“ im Hause Altmann nicht geben darf. Hier herrschen der Vater und dessen Strenge, die sich in der Symmetrie und schlichten Ordnung des Bühnenbildes und der Kostüme widerspiegeln. Und dazwischen das Erwachsenwerden, als ob es nicht so schon schwer genug wäre! Rastlos treibt es die vier Darsteller Sebastian Klein, Florian Köhler, Franz Solar und Thomas Frank in dieser Kulisse um. Sie streifen sich die Figuren wechselweise, mal einzeln und mal als Gruppe, über: den Andreas, seine beiden älteren Brüder, den Vater, die Mutter, die psychisch am Boden vor jenem Reißaus genommen hat und ihren schulpflichtigen Kindern keine Hilfe ist, und Detta, die tumbe Haushälterin des Vaters, die hofft, von der Haushälterin zur zweiten Ehefrau des Rosenkranzkönigs aufzusteigen, wenn sie nur sein Spiel aus Gewalt und Erniedrigung mitträgt und jede seiner Schandtaten mit Eifer unterstützt.

Die Stimmungen schlagen v.a. in der zweiten Hälfte des Abends öfters um, Schenkelklopfer wechseln mit Betroffenheit: es gibt Nacktheit, es gibt Schläge, es gibt Masturbation, es gibt Blut, es gibt Bauchfürze und Weihrauch. Und am Ende des Abends gibt es verdientermaßen tosenden Applaus für eine Inszenierung, die eine dramatische Biografie auf packende Weise dramatisiert hat: laut und leise, aufrüttelnd und ergreifend, anklagend und am Ende doch wieder – nicht vergebend, nicht verständnisvoll, aber verständig: Was für ein einsamer Mann dieser Franz Xaver Altmann gewesen sein muss.

Es wäre zu wünschen, dass sich da so schnell kein Weihrauch drüberlegt. Im doppelten Sinn: Nächste Spielzeit geht’s weiter!

http://schauspielhaus-graz.at/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=18673