Einfach kompliziert

Thomas Bernhard zählt neben Samuel Beckett zu den radikalsten Dramatikern der europäischen Literatur nach 1945. Man nannte ihn „Übertreibungskünstler“ und meinte damit zum einen, seine konsequenten Wiederholungen wie kompromisslosen Polemiken. In Bernhards 1986 – also drei Jahre vor dessen Tod – entstandenem Schauspiel Einfach kompliziert findet sich vom Skandal-Dichter des Romans Holzfällen oder des Dramas Heldenplatz wenig. Stattdessen erwartet den Zuseher in dem drei Akte umfassenden Stück, das derzeit auf der Ebene 3 des Grazer Schauspielhauses (wie auch in der vergangenen Saison) aufgeführt wird, ein Monolog über die Kunst und das Leben. Radikal ist dabei aber die Zurückgezogenheit des Protagonisten, eines gealterteten Schauspielers, der sich vor der Gesellschaft verschließt. In einer zentralen Szene setzt der Schauspieler eine Krone auf, die er einst in der Rolle von Shakespeares Richard III. getragen hat und sich dabei sagt, sie müsse so fest sitzen, dass der Kopf blute. Leiden für die Kunst – Thomas Bernhard in nuce.

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Gerhard Balluch – (c) Lupi Spuma

Im Theaterstück treten nur zwei Figuren auf. Eine davon ist die kleine Katharina, die dem alten Schauspieler regelmäßig Milch vorbeibringt, obwohl dieser gar keine Milch mag, doch da sie denselben Namen wie seine verstorbene Frau trägt, lässt er sie zu sich. Katharina ist dabei der einzige Schlüssel zur Außenwelt. In der Inszenierung im Schauspielhaus wird das Mädchen weggelassen und der Abend wird als Ein-Mann-Stück angelegt. Die Wirkung ist aber dennoch sehr groß, da Gerhard Balluch zum Besten gehört, was das Schauspielhaus Graz an Akteuren zu bieten hat. Der tobende Applaus bestätigte das.

Weitere Termine unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/einfach-kompliziert

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La Bohème

La Bohème wurde zum Inbegriff des italienischen Verismo, einer Stilrichtung der Oper, die als besonders realitätsnahe gilt. So hört man in der Bohème die an Tuberkulose leidende Mimi husten oder die kokette Musetta einen hysterischen Schrei ausstoßen, als ihr vermeintlich der Schuh drückt. All das hat es bei Verdi noch nicht gegeben, der die ausdrückliche Anweisung gab, dass „seine“ ebenfalls kranke Violetta im Schlussakt der Traviata nicht husten dürfe. Zum Verismo kommt aber noch eines hinzu: Die Alltäglichkeit des Gezeigten. Nicht mehr große historische oder mythologische Stoffe, sondern Szenen aus dem täglichen Leben waren, was Komponisten wie Leoncavallo, Mascagni oder eben Puccini zu ihren Kompositionen anregten. Das ist auch der Grund, weshalb die Bohème nach wie vor zum Ergreifendsten gehört, was die Gattung Oper zu bieten hat.

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La bohème – (c) Werner Kmetitisch

Am Sonntag nahm die Oper Graz eine rund zehn Jahre alte Inszenierung wieder auf, die La Bohème zwar nicht im Pariser Künstlermilieu der 1830er-Jahre zeigt, sich aber dennoch rigide an die Vorlage hält.

Die gesangliche Leistung des Hauptpaares Rodolfo (Pavel Petrov) und Mimi (Polina Pastirchak) war beeindruckend. Besonders im Schlussakt konnten sich beide zu überwältigender Stimmgewalt und Ausdruckskraft aufschwingen. Erst in den letzten Takten, als Rodolfo die berühmten Mimi-Ausrufe sang, gingen die im dramatischen Bombast des die Oper beschließenden Mantel-Motivs (aus der Arietta des Colline) etwas unter. Musetta war ihrer Rolle nicht ganz gewachsen. In ihrem berühmten Walzer im zweiten Akt fehlte es an Schwung und Stimmkraft, erst im dritten Akt konnte sie gemeinsam mit Marcello im eifersüchtigen Parallelduett zu jenem von Rodolfo und Mimi ihre stimmliche Qualität unter Beweis stellen. Vor allem die schauspielerische Leistung aller Sängerinnen und Sänger muss lobend hervorgehoben werden.

Weitere Aufführungstermine der Bohème finden sich unter: http://www.oper-graz.com/production-details/la-boheme

Il trovatore

Enrico Caruso zufolge braucht es für eine erfolgreiche Troubadour-Aufführung die vier besten Sänger der Welt. Sprechen wir ehrlich: Im Trovatore an der Grazer Oper, der am Samstag seine Premiere feierte, traf Carusos Bedingung nicht zu.

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Il trovatore – (c) Werner Kmetitisch

Wer vor wenigen Wochen den Troubadour in Wien gehört hat, durfte Anna Netrebko in ihrer Paradepartie, der Leonora, erleben. Freilich ist es nicht angemessen, eine der besten Sopranistinnen der Gegenwart mit Sängerinnen kleineren Formats zu vergleichen, doch wurde der Niveauabstand in Anbetracht der relativ zeitgleichen Aufführungen derselben Oper sehr deutlich: So sehr Lana Kos sich bemühte, eine überzeugende Leonora zu geben, scheiterte sie an den großen Herausforderungen, die diese Partie an ihre Interpretin stellt. Während man den falschen Ton in ihrer ersten großen Arie im 1. Akt noch verzeihen konnte, zeigte sich vor allem in der zweiten Szene des 3. Akts sowie dem besonders anspruchsvollen 4. Akt, dass Kos damit zu kämpfen hatte, fließend zwischen den Registern zu wechseln. Auch Stefano Secco als Manrico war – allen voran in der berüchtigten Stretta im berühmten Di quella pira – dem Schweregrad seiner Partie nicht gewachsen. Rodion Pogossov gab einen passablen Luna. Am überzeugendsten aber erwies sich die kanadische Mezzospranistin Nora Sourouzian, die als stimm- und ausdrucksstarke Azucena brillierte.

Die Inszenierung war optisch ästhetisch, doch überzeugte die Verlegung des Troubadour-Stoffes ins Varieté-Milieu des 20. Jahrhunderts nicht vollends.

Weitere Aufführungstermine finden sich unter folgendem Link: http://www.oper-graz.com/production-details/it