Zu Besuch im glitzer-pinken Ballett-Wunderland

Vergangenen Montag richteten sich alle Blicke auf den Nachwuchs der Grazer Ballett-Szene: Die Opernballettschule lud zur alljährlichen Großen Gala mit viel pinkem Tüll und Glitzer.

Ein Jahr voll eisernem Durchhaltevermögen in Spitzenschuhen und Schläppchen neigt sich dem Ende zu. Mit dem Schuljahr endet auch der Unterricht in der Opernballettschule in Graz, und das im ganz großen Stil: Auf der Bühne des Opernhauses durften die Elevinnen und Eleven (davon zwei an der Zahl, um genau zu sein) ihr tänzerisches Jahresprodukt präsentieren. Wie man sieht, haben sich Schweiß und Blut der letzten Monate mehr als ausgezahlt.

Mit einer Modern-Choreographie von Diana Ungureanu eröffneten die Jungtalente den späten Nachmittag vor einer Ballettsaal-Kulisse mit Barres und aufgehängten Kostümen.  Nach einer kurzen Stepp-Nummer war es Zeit für Höhepunkt des Abends – dem romantischen Ballett „Paquita“ von Pierre Lacotte, Marius Petipa und Joseph Mazilier. Die beiden Lehrerinnen Ungureanu und Andrea Krauß kreierten daraus eine Suite, in der alle Altersgruppen – vom Mini bis hin zur ersten Solistin – glänzen konnten.

Zugegeben: Die schiere Menge an der Farbe Pink, gepaart mit Glitzer-Halsketten und Krönchen, drohte kurz zu erschlagen. Überscheint wurde sie jedoch von der Anstrengung und dem Talent der Elevinnen und Eleven. Variation über Variation präsentieren sie die schönsten Momente aus dem Ballett, mal mit Schellenkranz und Charakter-Einschlag, mal klassisch am Ballett gehalten; mal die ganz Kleinen, mal die Großen.

Zukunftshoffnungen im Mittelpunkt

Am hellsten glitzerte nicht nur vom Kostüm her die Solistin Laura Konrad. Jedes der vielen Soli, jede Gruppennummer und auch das Pas de deux durchtanzt sie, ohne auch nur einmal zu straucheln. Glitzer, wem Glitzer gebührt! Hier darf man wohl eine erfolgreiche Zukunft voraussagen.

Á propos Pas de deux: Zu einem Paartanz gehört natürlich ein Partner, in diesem Fall Andres Mora Gonzales, der sich als einziger Mann (neben dem Burschen aus der jüngsten Klasse) im Tutu-Gewimmel sichtlich wohlfühlt. Zuverlässig hebt er, springt er und dreht er seine Pirouetten, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Ein talentierter junger Mann, von dem man ebenfalls noch einiges erwarten darf. Schade jedoch, dass die Ballettszene nach wie vor so stark weiblich dominiert ist – und es mit der Geschlechter-Umverteilung in den jüngsten Klassen wohl auch noch länger sein wird.

Nichtsdestotrotz ein schön inszenierter Abend, an dem die jungen Talente sich präsentieren und profilieren konnten. Nicht nur die Eltern werden die Große Ballettgala der Opernballettschule Graz 2017 in guter Erinnerung halten.

Mehr Informationen: http://www.oper-graz.com/news-details/groe-gala-der-opernballettschule

Startschuss für das Dramatiker*innenfestival: „Literarische Nahversorgung“ in Geidorfer Studentinnen-WG

Zum Auftakt des Dramatiker*innenfestivals in Graz sorgten 50 Lesungen in 50 steirischen Wohnzimmern für „Literarische Nahversorgung“. Der syrische Dramatiker Mudar Alhaggi las in einer Grazer Studentinnen-WG.

Neben 49 anderen Haushalten in der ganzen Steiermark hat auch eine Studentinnen-WG in Geidorf ihre Türen geöffnet und ihr Wohnzimmer mit Lichterketten zur Lesebühne umdekoriert. Mit den Worten „This is my first time reading without shoes“ eröffnete der aus Syrien stammende Dramatiker, Autor und Regisseur Mudar Alhaggi seinen literarischen Streifzug durch seine Zeit in Bern, kurz nachdem er aus dem Nahen Osten gekommen war. Die Blogbeiträge, gelesen und verfasst in dialektalem Arabisch, entstanden 2014 im Rahmen eines Berner Theaterfestivals. Die deutsche Übersetzung wurde von Christina Horn gelesen.

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Mudar Alhaggi erzählte über seine Zeit in Bern. (Fotos:  Noorullah Husseni Sahid)

In seinen Blogs berichtete Alhaggi über den Kulturschock vom Leben im Krieg in Syrien zum ruhigen Leben im schweizerischen Bern, wo seit über eineinhalb Jahrhunderten Frieden herrscht. Passend zum Thema des Festivals „Privatsache“ eröffnete er mit einer Geschichte über Trauer und Freude im Öffentlichen: Wenn die SchweizerInnen gemeinsam tanzend ihre Freude zelebrieren, wieso können sie nicht gemeinsam weinen? Er schildert Begegnungen und Erlebnisse, Gedanken und Emotionen – darüber, wieso Krieg nicht notwendig, sondern schrecklich ist, und darüber, wie Flüchtende ihre traurige Freiheit am grenzenlosen Grund des Meeres finden.

Alhaggis Texte geben einen emotionalen Einblick in seine Lebenswelt, zu Krieg und Frieden, zu Osten und Westen, zu Grenzen und Freiheiten. So nehmen seine Worte das Publikum mit auf eine Reise durch eine bekannte Welt aus der Sicht fremder Augen, unterstützt durch die Klänge des Arabischen. Ein wunderschöner Auftakt für das DramatikerInnenfestival in Graz.

Zur Homepage des DramatikerInnenfestivals

Zu „Literarischer Nahversorgung“

Die Freiheit, ein Menschenrecht?

Für die Performance „Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2“ hat Clemens Bechtel ein Rechercheprojekt in den Grazer Justizvollzugsanstalten Jakomini und Karlau umgesetzt.

Stille. An einer Galerie stehen die BesucherInnen aufgereiht und blicken auf die Installation aus Gitterstangen und Plastikfolien hinab, die an ein Gefängnis erinnert. Ein bedrückender und minimalistischer Raum, in dem eine männliche Gestalt entkräftet umherirrt.

Sukzessive wird das Publikum in die Installation geführt. Jede/r bekommt einen kleinen schwarzen Hocker mitten im Bühnenraum zugewiesen. Von der Begleitung wird man getrennt; von den DarstellerInnen mit eiskaltem Blick flankiert. Und wieder, Stille.

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Was passiert mit einem Menschen, wenn er oder sie der Freiheit beraubt wird? (Foto: Lupi Spuma)

Entführung aus dem Alltag

Zurück zum Anfang: Im Bus fahren die ZuschauerInnen vom Schauspielhaus bis zum Schaumbad Graz, einem freien Atelierhaus mitten im Industriegebiet. Mit Kopfhörern lauscht man einer Erzählung von Michel Foucault. Es ist, als würde man in einer kleinen Blase durch die Stadt schweben – die gewohnten Geräusche sind ausgeblendet und durch die Geschichte über eine grausame Hinrichtung ersetzt. Der Anblick der Justizvollzugsanstalt Karlau rückt mit einer Geschichte eines Insassen im Ohr in ein noch bedrohlicheres Licht – bis man schließlich selbst ankommt und in den performativen Käfig hinabsteigt.

Worte – Fragen – Freiheit

Nacheinander lesen die SchauspielerInnen (Oliver Chomik, Gideon Moaz, Patrick Schlegel, Tamara Semzov, Heiko Senst, Silvana Veit) Fragmente aus den Interviews mit Häftlingen und Bediensteten vor. Sie erwecken banale Fragen zum Leben, die man sich in Freiheit nie stellen würde: Was nimmt man eigentlich mit ins Gefängnis? Wie dekoriert man sein Zimmer?

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Tamara Semzov liest Interviews von Häftlingen. (Foto: Lupi Spuma)

Aber auch Ernstere werden gestellt: Wie alt wird mein Kind sein, wenn ich rauskomme? Wer trägt wie viel Schuld? Ist das System restriktiv genug? Ist es überhaupt möglich, wieder in die Freiheit und in ein normales Leben zurückzukehren, nachdem man in diesem Maße entmündigt wurde?

„Er verlor nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre. Er verlor das Ich.“

Die Worte der DarstellerInnen laufen im Endeffekt auf eine zentrale Frage hinaus: Ist die Freiheit ein Menschenrecht? Ein beeindruckendes Rechercheprojekt, das künstlerisch fein umgesetzt wurde und eine Problematik in den Fokus rückt, die oft beiseitegeschoben wird.

Mehr Informationen gibt es HIER.