(c) Lupi Spuma

Drama geht durch den Magen

Noah Haidles „Götterspeise“ erzählt das Schicksal einer Kantinenköchin wie ein griechisches Drama. Regisseur Jan Stephan Schmieding inszeniert am Schauspielhaus Graz die österreichische Erstaufführung.

Sie ist eine Kantinenköchin, eine der unteren 10.000, eine pure Idealistin mit winzigem Wirkungsraum: In ihrer Rolle als Constant schmückt Julia Gräfner mit gigantischem Plastikkopf die triste Schulkantine mit Margeriten. Sie übernimmt die essenstechnische Verantwortung für rund 800 Pubertierende, steht alleine im Widerstand gegen den Elfenbeinturm der Lehrer*innen mit selbst mitgebrachter Jause.

Mimik lassen die großen Masken keine zu, dafür braucht es umso mehr Gesten. Die sind bei Julia Gräfner ganz groß: pantomimisch backt sie dem Mathelehrer Yorkshire Pudding, da weiß sie noch nicht, dass er sie ins Unglück stürzen wird. Regisseur Schmieding lässt die Tristesse auch mal weichen: Am Schulball trällert der Direktor (Oliver Chomik) im roten Pailletten-Jackett „Oh Mandy“ von Barry Manilow vom Kantinentresen, ein aufblasbarer Nemo kreist durch die Lüfte. Was für eine herrliche Farce!

„Wer bin ich, wenn ich anderen nicht helfen kann?“ (Julia Gräfner als Constant)

Doch die Tragödie beginnt. Constant wird schwanger, der schmierige Mathelehrer Tom (Florian Köhler) will davon nichts wissen, ihr Job wird weggespart. Langsam verliert das Bühnenbild an Raum und Strukturen, wird zu einzelnen Teilen vor bedrohlicher Dunkelheit (Bühne: Rosa Wallbrecher). Constants Maske fällt, nicht aber ihre Liebe zu Menschen. Irgendwann fallen sie alle, die Masken, und aus der Schulkantine ist die Todeszelle geworden. Doch selbst dort gibt es noch Krapfen und Schaumrollen.

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Maximiliane Haß und Julia Gräfner (c) Lupi Spuma (2)

 

Mit Florian Köhler, Oliver Chomik, Florian Stohr, Nanette Waidmann und Maximiliane Haß steht der (gewohnt) großartigen Julia Gräfner ein starkes Ensemble zur Seite, egal, ob mit oder ohne riesigen Plastikköpfen. Obwohl die Geschichte trauriger und tragischer kaum sein könnte, bewahrt die Inszenierung bis zum bitteren Ende die Hoffnung – genau wie seine Heldin Constant.

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(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

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Ein Garten ohne Ertrag

Bei Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am Schauspielhaus Graz prallt die Tiefe der Charaktere und ihren Verstrickungen an der Inszenierung von András Dömötör ab. Bühnen- und Kostümbildnerin Sigi Colpe sowie Raphael Muff als großkotziger Privatsekretär Jascha trösten darüber hinweg.

Pelzkrägen, knallige Velvet-Kostüme und Designer-Frisuren – die illustre Reige an altem Adel kehrt nach Jahren in Frankreich zu ihrem russischen Kirschgarten-Gut zurück. Das Geld ist weg. Doch den geliebten, aber ertragslosen Kirschgarten abzuholzen, um ihn mit Ferienhäusern zu bebauen und sich finanziell zu retten, ist keine Option für Gutsherrin Ranjewskaja, gespielt von Evamaria Salcher.

Nicht nur an den massiven gerafften Stoffbahnen, die von der Decke baumeln, prallt die Komik des von Tschchow als „Komödie“ betitelten Stücks ab, sondern auch an den bedrohlich knarrenden Lauten, die den Hintergrund erfüllen.  Ebenso will die Tragik nicht so richtig aufkommen: Ein kurzer emotionaler Zusammenbruch von Salcher, in ihrer Rolle eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn verloren hat, kratzt an der Oberfläche. Tragik und Komik ersticken einander. Wie hohle Hüllen ihrer selbst wirken die Figuren vor der dichten Kulisse, ironisch schlängeln sie sich durch den Dschungel an gesellschaftlichen Umbrüchen. Aber: Vielleicht ist es genau das, was Tschechow wollte, nämlich die Leere der Charaktere zeigen.

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Franz Solar und Evamaria Salcher im „Kirschgarten“ (c) Lupi Spuma (2)

Mit einigem Unterhaltungswert kann der Schauspielhaus-„Kirschgarten“ jedenfalls aufwarten. Raphael Muff reiht einen großartigen Auftritt an den anderen, seine Grundhaltung ist immer lässig in die Hüfte gelehnt, während er seine Haare nach hinten wirft. Mit Anna Szandtner als Zimmermädchen Dunjascha stellt er irgendetwas zwischen Verführung und handfester Belästigung an, schleckt ihre Füße ab und nennt sie „meine kleine Gurke“. Oder er spaziert nackt einmal quer über die Bühne. Ein arroganter Großkotz, wie er im Buche steht.

Höhepunkt ist eindeutig die letzte Party im Kirschgarten: Zur Techno-Musik (Musik: Tamás Matkó) wippt das Ensemble wie getrieben über die Bühne. Muff zeigt nochmal die hässlichste Seite von Jascha und überschüttet den blutspuckenden alten Diener Firs (Franz Solar) mit Champagner, Buchhalter Jepichodow (Mathias Lodd) dreht völlig durch. Vorbei ist das alles, als Nico Link als Geschäftsmann Lopachin verkündet, er habe das Gut gekauft. Wirklich glücklich ist damit niemand, die Familie wendet sich von dem Aufsteiger-Kapitalisten ab und lässt ihr altes Leben schließlich leichten Herzens zurück. Nach über zwei Stunden ohne Pause trösten einige gute Momente und wunderbare Optik über teils langwierige Inszenierung hinweg.

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