Talkshow-Theater

Foto: Johannes Gellner
„Österreich, wir müssen reden!“ hieß es zum dritten Mal im Schauspielhaus Graz in Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof, diesmal zum Thema „Schutz und Sühne“. Mit Pia Hierzegger und Mathias Lodd diskutierten Expert*innen über Sicherheit zwischen Fakten und Gefühl.

Wussten Sie, dass es in Graz 2018 nur einen einzigen Taschendiebstahl in den Öffis gab? Es gibt also wahrlich keinen Grund, den Rucksack an der Brust zu tragen. Immerhin leben wir im drittsichersten Land der Welt. Diese Information kommt erst gegen Ende, doch dadurch erscheint das Anfangslied von Sarah Meyer, Susanne Weber und Anna Szandtner über die „Handtaschenräuber“ gleich noch viel großartiger. Musikalisch gestaltet übrigens das junge Duo Hausmusik Hiti den Abend.

Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle, Autor Omar Khir Alanam, Polizist Werner Miedl und Daniela Grabovac von der Antidiskriminierungsstelle besetzten das Panel mit den Moderator*innen Pia Hierzegger und Mathias Lodd. Anfangs sind sie alle noch etwas redescheu, doch spätestens nach dem ersten Spiel tauen sie auf. Was, wenn nicht ein gemeinsames Zeltaufbauen, schweißt zusammen?

Zu sagen haben sie dann alle vieles, und vor allem viel Gescheites. Khir Alanam etwa, der 2014 aus Syrien (dem unsichersten Land der Erde, wie man in einem Spiel erfährt) geflüchtet ist, erzählt von seiner Flucht und steht dafür ein, dass man es ernst nehmen muss, wenn sich Menschen in Österreich unsicher fühlen. Aber: „Wir, die Fremden, haben auch Angst vor den Einheimischen.“ Einzig mehr Dialog und offener Umgang miteinander könnten Vorurteile abbauen.

Diskussion und Unterhaltung halten ein gutes Gleichgewicht – fad wird es an diesem Abend nie, und so vergehen drei Stunden wie im Flug. Da werden Basketballkörbe geworfen, „Cocktails“ mit so schmackhaften Zutaten wie Sojasauce und Kürbiskerne (widerwillig) getrunken und für ein Schätzspiel kommen 29 Zuschauer*innen auf die Bühne. Einzig zum Thema Frauenrechte hätte man sich etwas mehr Diskussion gewünscht – das übernimmt Irene aus dem Publikum: „Männer sind manchmal zu eindimensional.“ Eine großartige Show!

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(c) Lupi Spuma

Next Liberty: Das kommt in der neuen Spielzeit

Foto: (c) Lupi Spuma
Das Next Liberty Kinder- und Jugendtheater in Graz ist schon längst ein „Theater für alle“ geworden, wie Intendant Michael Schilhan betont. „Begegnungen“ lautet das Motto der neuen Spielzeit 2019/20 mit sieben Premieren zwischen Klassikern und Gegenwartsdramatik. Ab 4. Juni beginnt der Kartenverkauf.

Das Next Liberty hat eine Rekordsaison hinter sich: Neben vielen Auszeichnungen im In- und Ausland kratzen sie bei der Auslastung an der 90%-Marke. Auch in der nächsten Spielzeit soll es so erfolgreich weitergehen. Eröffnet wird schonmal mit einem Klassiker: „Die Schöne und das Biest“ mag wohl jeder kennen, aber: „Es ist nicht Disney!“, betont Dramaturgin Dagmar Stehring, „frech und unkonventionell“ soll das Märchen werden. Ein weiterer Klassiker steht im November am Plan: Das Familienmusical „Pünktchen und Anton“ lädt auf die große Opernbühne und lässt zwei Kinder aus unterschiedlichen Schichten aufeinander treffen. Nochmals musikalisch wird es auch Anfang Februar bei der Kinderoper „Kalif Storch oder Das Zauberwort“.

Mit „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, zu sehen ab 14. März, hat Christine Nöstlinger 1974 ein zeitgenössisches Werk geschaffen, das pädagogische Modelle hinterfragt. Inszeniert wird es von dem Grazer Regisseur Simon Windisch, der vor allem aus dem TaO! bekannt ist und am Next Liberty sein Regiedebüt gibt: „Windisch ist ein guter Partner für ein Plädoyer für Anarchie“, so Stehring. Graz-Bezug hat auch „Der Koffer der Adele Kurzweil“, das am 24. Jänner Premiere hat. Es erzählt die Geschichte zweier Grazer Kinder, die unter der NS-Herrschaft nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden – ihre Koffer wurden in den 90ern in Südfrankreich gefunden. Im Auftrag von Next Liberty wird ihr zu kurzes Leben erstmals für die Bühne adaptiert.

Gegenwartsdramatik auf höchstem Niveau nimmt man ebenso wichtig: Ab 16. November stellen sich in „Krähe und Bär oder Die Sonne scheint für uns alle“ von Erfolgsautor Martin Baltscheit zwei Tiere die großen, philosophischen Fragen. Beschlossen wird die Saison mit Roland Schimmelpfennigs erstem Kinderstück „Die Biene im Kopf“, einer kafkaesken „Mischung aus Sozialkritik und Adventuregame“, wie Dramaturgin Stehring erklärt. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit dramaforum von uniT gestärkt werden: Ab 2021 wird der Retzhofer Dramapreis auch in der Kategorie Jugendtheater verliehen.

Ein Leben als Rückwärts-Krimi

Im Haus Zwei des Schauspielhaus‘ Graz laufen die Uhren bei „Pfeil der Zeit“ rückwärts – das Stück nach dem Roman von Martin Amis erzählt einen biografischen Krimi, dem das dunkelste Kapitel der Geschichte zugrunde liegt. Regisseurin Blanka Rádóczy schafft mit einem Top-Ensemble einen intensiven Abend.

Wer ist dieser Todd Friendly, der sich die Hände abtrocknet, bevor er sie wäscht und Essen in den Supermarkt bringt, um es gegen Bargeld einzutauschen? Ein ganz normaler alter Mann mit starrem Blick, zunächst verkörpert von Franz Solar – und einer inneren Stimme, die in Form von Raphael Muff, Tamara Semzov und Nico Link auf Plastikstühlen im Krankenhaus-Ambiente auf der linken Bühnenseite sitzt.

So wenig man über diesen Mann weiß, so schnell merkt man, dass etwas nicht stimmt mit ihm: Wenn die Szenen wechseln wird es dunkel, die Neonröhren flackern, im Hintergrund schreit ein Baby – zu laut, zu lang sind die Sequenzen.

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Tamara Semzov, Nico Link (li.) und Raphael Muff. Fotos: (c) Lupi Spuma (2)

 

Den Auslöser für die Konsequenz muss man aber abwarten: Todd lebt nämlich von Tod bis Geburt, von hinten nach vorne, spült die Toilette bevor er sie benutzt und steckt im Garten Unkraut in die Erde. Als Arzt pflanzt er Föten in Frauenkörper ein. Das Stück bekommt dadurch Krimi-Struktur: Das Hirn will eben immer wissen, wo die Konsequenz herkommt, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Das kann schon mal überfordernd sein, zumal man jede Handlung gedanklich umdrehen muss.

Gar nicht freundlich, dieser Todd

Das dunkle Kapitel von Todd Friendly (oder einer seiner vieler Identitäten) entpuppt sich schließlich als alles andere als freundlich: In Auschwitz hat er Juden aus den Flammen erschaffen, war in den Ghettos und auf Schloss Hartheim. Beklemmend emotionslos erzählt das Ensemble von den Verbrechen – die hier Erschaffung, Wiederbelebung sind.

Wie erzählt man diese Verbrechen, die eigentlich zu schrecklich sind, um erzählt zu werden? Wie meine weise Begleitung es beim Nachgespräch in der Theaterbar so treffend formulierte: „Vielleicht muss es so erzählt werden, damit man es überhaupt erzählen kann. Die Details wären anders herum nicht auszuhalten.“ Regisseurin Blanka Rádóczy und das Ensemble haben mit „Pfeil der Zeit“ jedenfalls eine ziemlich gute Möglichkeit des Erzählens gefunden.

Infos und Karten gibt es hier!