Von Demokratie und Diktatoren

Das Schauspielhaus Graz blickt auf eine etwas andere Saison zurück und präsentiert sein Programm für die Spielzeit 20/21.

„Als Theater beschäftigen wir uns damit, was den Menschen ausmacht“, sagt Iris Laufenberg, Indendantin des Schauspielhaus Graz. Die letzten Monate waren eine Herausforderung für ihren Betrieb. Nachdem man in der Spielzeit 19/20 eine noch nie dagewesene Saalauslastung von rund 92 Prozent verzeichnen konnte, war im März plötzlich Schluss. Das Theater bleib geschlossen und auch der Spielzeitplan für die neue Saison musste umgeworfen werden.

Die Indentantin sah die Krise aber auch als Chance, sich als Theater weiterzuentwickeln: „Wir haben digital expanidiert wie noch nie“. So wurden mit „#dramazuhause“ und der 360 Grad Performance von „Judas“ völlig neue Möglichkeiten erschlossen. Mancherorts musste man aber einsehen, dass es Dinge gibt, die nur live funktionieren: „Der Ring Award lässt sich nicht digitalisieren. Solche Abende leben auch vom gemeinsam Lachen im Publikum“, so Laufenberg.

Die vergangenen Monate ließen das Team des Schauspielhaus Graz auch ihr Konzept für die kommende Spielzeit völlig umgestalten. Ursprünglich geplant war ein Programm rund um das Thema „Entschleunigung“. „Wir haben aber gemerkt, dass wir mit dem Thema Heimat diese Saison einen Nerv getroffen haben“, meint Laufenberg. Daher beschloss man, hier anzuknüpfen.

In der Spielzeit 20/21 werden sich die Inszenierungen somit rund um das Thema „Staat und Politik“ drehen. Für Chefdramaturgin Karla Mäder aktueller denn je: „Gerade in den letzten Monaten konnten wir sehen, wie stark der Staat seine Muskeln anspannen und seine Kraft ausüben kann“. Die Planung der Spielzeit steht dennoch unter dem Motto: Mit Vorbehalt und schauen, was bis Herbst passiert. So sind die Stücke der Spielzeit für Haus 1 bereits geplant. Hingegen wartet man mit der endgültigen Festlegung eines Spielplans für Haus 2 und 3 noch bis in den Herbst.

In Haus 1 erwarten die BesucherInnen diese Spielzeit acht neue Stücke. Den Beginn liefert Thomas Köcks „dritte republik (eine vermessung) teil drei der kronlandsager“. Hier wird sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was Grenzen heute noch sind. Als zweite Premiere wartet das Schauspielhaus Goethes Klassiker „Renike Fuchs“ auf. Eine Tierfabel die sich mit dem Konzept des Staates auseinandersetzt. Heiter wird es mit Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“.

Im Schauspielhaus möchte man die kommende Spielzeit auch nutzen, um sich anzusehen, was echte Klassiker und über die aktuelle Zeit erzählen können. So wird Julia Gräfner in der Hauptrolle von „Der große Diktator“ zu sehen sein. „Making a Great Gatsby“ wird erörtern, was heute noch vom American Dream übrig ist.

Klassisch bleibt es auch mit zwei Shakespeareinzenierungen. So wird das bereits für diese Saison geplante Stück „Macbeth“ aufgenommen und „Ein Sommernachtstraum“ auf die Bühne gebracht. Auch auf eine neue BürgerInnenbühne und Wiederaufnahmen darf man sich freuen. Sicher scheinen hier unter anderem „Heldenplatz“, „Vögel“ und „Josef und Maria“ zu sein.

Alle die gerne ein Kartenabo erwerben möchten, können hierfür ab Mitte Juli Karten reservieren. Die Aussendung der Karten erfolgt dann im Herbst, wenn klar ist, auf welche Sicherheitsbestimmungen in der Spielzeit 20/21 Rücksicht genommen werden muss.
Weiter Informationen finden Sie HIER.

Der bedrückende Charm der Einöde

Mit „Schwarze Milch“ liefert das Schauspielhaus Graz einen emotionsgeladenen Abend der schwer im Magen liegt.

Da hilft nur Vodka: Die beiden überheblichen Stadtmenschen Schúra (Maximiliane Haas) und Ljòwtschik (Lukas Walcher) sind in der Einöde gestrandet. Am Bahnhof warten sie eine gefühlte Ewigkeit auf den nächsten Zug. Doch hier im Nichts, hält die Eisenbahn nur selten. Die Gier mehr Geld zu machen hat das skurrile Pärchen hierher getrieben: Um ordentlich Moneten einzusacken, verscherbeln sie Toaster an Menschen, die glauben damit den großen Gewinn zu machen.

Trotz des erfolgreichen Geschäfts, wirken die beiden durch und durch unglücklich. Die hochschwangere Schúra giert nach der nächsten Mentolzigarette und Ljòwtschik macht kein Geheimnis daraus, wie sehr er diese Gegend und ihre Menschen verachtet. Auch miteinander scheint das Paar nicht das große Los gezogen zu haben. Kaum ein Gespräch kommt ohne wüste Beschimpfungen und Geschrei aus.

Mit „Schwarze Milch“ bringt Jan Stephan Schmieding Wassilij Sigarews Werk als österreichische Erstaufführung ins Haus Zwei des Grazer Schaupielhaus. Der bösartig durchwachsene Text und die emotionsgeladene Inszenierung schaffen einen zugleich ruhigen und unruhigen Abend. Die Szenen spielen sich fast ausschließlich in der kleinen Bahnhofsbarrake ab, die ein beklemmendes Gefühl entstehen lässt. Vorbeifahrende Züge werden durch harmonische Schattenspiele dargestellt und lassen die Kälte dieses Ortes erahnen.

(c) Lex Karelly

Wirklich bestechend wird der Abend durch die großartige Besetzung der Hauptcharaktere. Maximiliane Haas und Lukas Walcher ziehen als herrlich schreckliches Pärchen in ihren Bann. Detailreich und gefühlsbetont verkörpern sie ein Paar, das es schafft, nur das Schlechteste aus dem jeweils anderen herauszuholen. Ihnen zuzusehen vergnügt und schmerzt zugleich. Durch die sorgfältig ausgewählte Besetzung der Nebenfiguren bietet sich insgesamt ein Bild, dass schon früh auf einen unschönen Ausgang wetten lässt.

„Schwarze Milch“ ist keinesfalls leichte Unterhaltung. Der Abend stellt viele Themen in dem Raum, die schwer im Magen liegen. Von ungesunden Beziehungen, über Hochmut bis hin zu Habgier und ethischen Grundsätzen schwebt alles in der Luft. Eine Inszenierung, die einen die Charaktere des Stücks verachten lässt und es trotzdem schafft, dass man mit ihnen fühlt und leidet.

Alle Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/schwarze-milch/

Jetzt wird Graz auf den Kopf gestellt

Krieg, Liebe, Realität: Das spleen*graz zeigt derzeit Theaterinszenierungen aus ganz Europa und widmet sich gemeinsam mit seinem jungen Publikum großen Fragen. Wir haben uns bei zwei Stücken auf die Suche nach den Grenzen der Wirklichkeit gemacht.

Es ist Zeit für mehr Theater: Das Kinder- und Jugendtheaterfestival spleen*graz zeigt vor, wie vielfältig Theater für junge Menschen sein kann. Dabei gibt es nicht nur viel zu lachen, sondern auch so einiges zum Staunen und Nachdenken.

Im Kunsthaus Graz kann man mit „Deep“ einen tiefen Blick riskieren. Rund um ein scheinbar tiefes Loch versammelt, blickt man hinab. Dort sitzt der Protagonist (Daan Mathot) an seinem Schreibtisch und erledigt alltägliche Dinge. Er macht Notizen und grübelt. Doch schon bald wird klar: Etwas stimmt hier doch nicht! Weggeworfenes Papier fällt nach oben und was hinaufsteigen sollte, schwebt nach unten.

In dieser zauberhaften 10 Minuten Performance verwandelt sich der Schreibtisch schließlich in ein Boot und gegen Ende hin wird klar, wie die Magie funktioniert: Der Protagonist befindet sich nicht im scheinbaren Loch, sondern hängt kopfüber über dem Publikum. Am Boden sind nur Spiegel angebracht, die diese perfekte Illusion ermöglichen. Umso beeindruckender ist Mathots Performance, dem man die vollen 10 Minuten keine Sekunde lang die Anstrengung der Übung anmerkt. Die Bewegungen wirken natürlich und erhalten den Schein aufrecht. So leicht wie die Darbietung für ihn zu sein scheint, so leicht ist das Gefühl, mit dem man die Performance verzaubert verlässt.

Auch im Kristallwerk durfte sich das Publikum fragen, was denn nun tatsächlich real ist. Dort zeigte das Theater Artemis ein Stück das schlichtweg „(…..)“ genannt wurde – weil es „dem Stück powidl ist, wie es heißt“. Die Inszenierung zeigt so viel und gleichzeitig nichts. Drei Darsteller (Willemijn Zevenhuijzen, Elias de Bruyne, Carola Baësrstschiger) finden sich auf der Bühne ein und diskutieren über ein furchtbar schlechtes Theaterstück, dass sie vor kurzem mit der Schule ansehen mussten. Nach kurzer Zeit wird klar: Die zeitlichen Grenzen sind hier aufgelöst, denn das diskutierte Stück ist jenes, das gerade auf der Bühne stattfindet.

(c) Clemens Nestroy

„This is so random“, meint ein Darsteller schließlich und das ist wohl die beste Beschreibung für diesen Abend. Ständig geht das Licht aus und wieder an. In der Dunkelheit hat sich der Bühnenraum verändert: Gegenstände tauchen auf und verschwinden, eine Darstellerin wird durch einen Pappaufsteller ihrer Person ersetzt und statt einer Katzen Haube trägt eine Protagonistin plötzlich einen ganzen Turm voll Hauben auf ihrem Kopf.

Nicht nur das Publikum fragt sich, was denn nun real sei, auch die Protagonisten ringen mit dieser Frage und sind scheinbar in einem Kreislauf der Randomness gefangen. Ein Abend, der zwar nur schwer zu beschreiben ist, aber umso mehr Unterhaltung bietet. (…..) überzeugt mit einmaligem Konzept und Selbstironie. Die Darsteller, die allesamt Erwachsene sind, die Jugendliche verkörpern, scheuen sich nicht darüber zu scherzen, wie peinlich es doch ist, wenn erwachsene Menschen auf jung und cool machen.

Mit Deep und (…..) zeigt spleen*graz einmal mehr, wie hoch die Qualität der aus ganz Europa zusammengetragenen Stücke ist. Ein Festival, das erlebbar macht, wie gutes Kinder- und Jugendtheater funktioniert.

spleen*graz: noch bis 12. Februar, Infos und Termine: spleen-graz.at