Die Ruhe im tobenden Sturm

Ein Abend ohne laute Schreie, aber mit bestechenden Monologen: Franz-Xaver Mayr bringt „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard auf die Bühne des Grazer Schauspielhaus.

„Wenn ein Mensch keinen Ausweg mehr sieht, muss er sich umbringen, hat der Professor gesagt.“ 1988: Österreich bebt. Schon vor der Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ gehen die Wogen in der Gesellschaft und Presse hoch. Die Geschichte erzählt von den Hinterbliebenen des Professors Josef Schuster, der sich aus dem Fenster seiner Wohnung auf den Heldenplatz gestürzt hat. Als Jude ist er zwar nach dem Krieg nach Österreich zurückgekehrt, stellt aber fest, dass die Situation „schlimmer ist als vor 50 Jahren“. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft sorgte Ende der Achtziger Jahre für laute Gegenrufe aus der Gesellschaft. Nun bringt das Grazer Schauspielhaus Bernhards Stück wieder auf die Bühne, ohne damit zurückzuschreien.

Ruhig und dennoch mitreißend inszeniert Franz-Xaver Mayr „Heldenplatz“. Ein Abend der beinahe ohne Requisiten, mit spärlichem Bühnenbild und nur wenigen technischen Krimskrams auskommst. Den Fokus legt der Regisseur, der letzte Saison bereits mit „Menschen mit Problemen – Teil I-III“ aufzeigen konnte, ganz und gar auf Bernhards Text und das unumstrittene Können des Schauspielhaus-Ensembles. Mit einer bestechend intensiven ersten Szene beginnt ein Abend voller sprachgewandter Monologe, die sich die Mitglieder der Familie gegenseitig an den Kopf pfeffern, ohne den anderen jemals wirklich zuzuhören. Es wird geredet, aber nicht verstanden. Das Ensemble bringt eine Familie auf die Bühne, die ein Sinnbild der österreichischen Gesellschaft darstellt, die sie so verabscheut. Auch sie schauen auf die herab die anders sind, bevorzugen die Boulevardpresse gegenüber seriösen Medien und granteln lieber zu Hause, anstatt aufzustehen und die Stimme zu erheben.

(c) Karelly/ Lamprecht

Florian Köhler und Rafael Muff bestechen als Hauspersonal. Ein großartiger Köhler bringt als Frau Zittel nicht nur die Wirtschafterin der Familie auf die Bühne, die zerrissen scheint zwischen Verehrung und Furcht vor ihrem geliebten Professor, sondern lässt auch diesen Professor brillant in Zittels Erzählungen wiederauferstehen. Köhlers Monolog, der die erste Szene bestimmt, ist an Klarheit und Intensität kaum zu übertreffen. Er wird gestützt durch die köstliche Darstellung des jungen Hausmädchens durch Raffael Muff. Dass Julia Franz Richter als Bruder des Professors und Oliver Chomik als Tochter Olga danach nicht ganz nachlegen können, macht die dritte Szene mit einer herrlich leidenden Julia Gräfner wieder gut, die dem Abend einen runden Abschluss gibt.

Die Unaufgeregtheit der Inszenierung ist ihre Stärke, vermittelt sie doch das Gefühl einen realen, trauernden und schimpfenden Familienkreis vor sich zu haben. Dennoch würden ein paar aufschreiende Momente der Inszenierung noch mehr Schwung verleihen. Gut funktionieren dafür die Chorpassagen, die allerdings noch ein wenig dichter gestreut sein könnten, um die zwischendurch entstehenden Längen zu durchbrechen.

Trotzdem: Der Mut einen ehemaligen Aufreger wie Heldenplatz so ruhig zu inszenieren wird belohnt. Am Ende zeigt sich ein Abend, gesellschaftspolitische Debatten der Vergangenheit und Gegenwart humorvoll und trotzdem höchst relevant darbietet.

Hüpfende Katzen und gackernde Hühner

Hier werden Kinderherzen zum Lachen gebracht: Das Theater Feuerblau zeigt ab sofort „Findus zieht um“.

Man kennt sie, die lustigen Geschichten rund um Pettersson und seinen kleinen Kater Findus. Die beiden verbindet eine familiäre Freundschaft. Doch auch in einer solcher, kann es ab und an zu Konflikten kommen. Der Kater Findus liebt es, morgens um vier Uhr auf seinem Bett herumzuhüpfen, denn „Kater brauchen ihre Morgengymnastik“. Pettersson hingegen liebt es auszuschlafen und hält das Gequietsche des Bettes nur sehr schwer aus.

Eine Lösung ist schnell gefunden: Das alte Klo im Garten bietet sich perfekt an, um daraus ein eigenes Haus für die Katze zu bauen. Problem gelöst, oder? Nicht ganz. Denn Pettersson merkt schnell, dass sein Haus ohne den quirligen Kater ganz schön leer ist. Auch die Katze muss bald erkennen, dass ihm sein eigenes zu Hause zwar viel Freiraum bietet, es jedoch allein in der Nacht ganz schön gruselig sein kann…

(c) Clemens Nestroy

Liebevoll inszeniert das Theater Feuerblau die Geschichte für alle Kinder ab vier Jahren. Dass die Themen rund um eigenen Freiraum und Zusammenhalt die jungen Gäste bewegen, ist an den Publikumsreaktionen nicht zu verkennen. Mitgerissen rufen die Kinder den beiden Darstellern zu und wollen den Protagonisten die Lösungen für ihre Probleme vorsagen. Der liebevolle Umgang mit dem aufgeregten Publikum durch Klaus Seewald und Monika Zöhrer ist nur einer von vielen Gründen, der dieses Stück zu einer empfehlenswerten Erfahrung für die ganze Familie macht. Hier ist wirklich Platz für Kinder – vor und zwischendurch gegebenenfalls auch auf der Bühne.

Auch schauspielerisch ist der Nachmittag im FRida und freD Knopftheater ein richtiger Hingucker: Klaus Seewald sorgt für herzhaftes Kinderlachen, wenn er mit den Stoffhühnern über die Bühne flitzt und Monika Zöhrer ist als frecher Findus offenbar geschaffen für die Rolle des aufgeweckten Katers.

Zusätzlich sorgen märchenhaftes Schattenspiel und Slapstick-Momente für ein buntes Theatererlebnis. Familientheater, das für viele Lacher sorgt, aber auch Themen anspricht die Kinder und Eltern bewegen. Große Empfehlung.

Alle Infos und Termine: http://www.theaterfeuerblau.at/findus-zieht-um/

Sound of Bürokratie, jawohl!

Bergidylle, Einwanderungspolitik und herrlich schrecklicher Akzent: „The Hills are Alive“ feiert im Schauspielhaus Graz seine Uraufführung und scheut sich nicht heftig über und mit Österreich zu lachen.

Wer Österreich sagt, muss auch Bürokratie sagen. Diese schmerzliche Erfahrung sollen auch Max und Maria machen. Die Geschichte ihrer Vergangenheit kommt einem, wie der Titel des Stücks, verdächtig vertraut vor: Vor 50 Jahren flohen der Mann, seine vielen Kinder und sein singendes Hausmädchen in Windeseile in die Schweiz. Von dort aus ging es nach Amerika, wo sie mit der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte weltweit berühmt wurden. Das heißt, ihre Bekanntheit reicht um die ganze Welt, mit Ausnahme von Österreich natürlich. Aber genau dorthin soll es jetzt zurück gehen, denn immerhin baut ein etwas verrückter amerikanischer Präsident gerade eine Mauer Richtung Mexiko. Und die geht genau durch den Garten von Max von Maria von Trüb.

Nikolaus Habjan steht mal wieder auf der großen Bühne: Während der Puppenspieler mit „F. Zawrel“ sieben Jahre nach der Uraufführung immer noch Publikumsräume bis auf den letzten Platz füllt, startet auch das neue Stück „The Hills are Alive“ mit einem restlos gefüllten Schauspielhaus und minutenlangen, stehenden Applaus. Gemeinsam mit seinem Mentor Neville Tranter (Regie, Text, Puppenbau) wird Österreich kräftig durch den Kakao gezogen.

Die beiden Puppenspieler bringen die Geschichte energiegeladen auf die Bühne. Dabei gehen ihre Bewegungen so sehr in die Puppen über, dass man nach kurzer Zeit schon vergisst, dass hier keine echten Menschen in die Rollen der Erzählung schlüpfen. Perfekt mimen die beiden die verschiedenen Stimmlagen der Figuren, vom rauchig kratzigen Klang bis zur kindlichen Pipsestimme, so dass keine Sekunde zu zweifeln bleibt, in welche Rolle gerade geschlüpft wird.

 

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(c) Lex Karelly

 

Beeindruckend sind auch die unglaublich schnellen Wechsel der zahlreichen Puppen von den nur zu zweit auf der Bühne stehenden Spielern. Zusätzlich überzeugt die Optik der von Tranter geschnitzten Werke. Besonderes Highlight ist hierbei der Bürokrat Norbert Frickl, bei dem nicht nur der Name irgendein Glöckchen im Hirn läuten lässt, sondern auch sein Aussehen an einen international bekannten gescheiterten österreichischen Künstler erinnern lässt. Sein Ziel: Die Von Trübs so schnell wie möglich ins Ausreisezentrum zu schicken.

Mit herrlich schrecklichem Austrian English und schrägen Gesängen, nimmt das Stück nicht nur „Sound of Music“ aufs Korn, sondern auch die ÖsterreicherInnen selbst. So gehen die zahlreichen Lacher oft auf Kosten der Kronen Zeitung, überzogene Heimatliebe, Kitsch und Alltagsrassismus.

Ein kompakt gefüllter Abend, der stets für viele Lacher sorgt und keine Minute Langeweile mit sich bringt. Großartige Leistung von Neville Tranter und Nikolaus Habjan, die jetzt schon auf weitere Zusammenarbeit hoffen lässt.

Infos und Termine: HIER

Übrigens: Gewusst? StudentInnen unter 26 können bei jeder Vorstellung im Schauspielhaus Graz Restkarten für alle Kategorien um 5 Euro kaufen!