Nichts soll durch diese Mauern dringen

Im Schauspielhaus Graz hat man Anfang April noch ein letztes Mal die Möglichkeit, Federico Garcia Lorcas Stück  Bernarda Albas Haus auf der Bühne zu bewundern. Thomas Schulte- Michels Inszenierung lebt vor allem von der starken schauspielerischen Leistung des Ensembles.

Totenglocken läuten die Geschichte ein. Der Mann im Haus ist gestorben und lässt seine herrische Ehefrau Bernarda mit ihren fünf Töchtern zurück. Die Mutter ruft zu acht Jahren Trauer auf. Acht Jahre, in dem das Haus nicht verlassen werden soll. Auch sonst ist Bernarda bemüht, dass nichts aus den Mauern des Familiensitzes hinausdringt. Kein Geheimnis, kein Gerücht, schlichtweg nichts, über das die Leute reden könnten. Es gilt den Ruf der Familie zu wahren. Da Bernarda sehr viel auf den Familiennamen hält und gerne alles fest in der eigenen Hand hat, ist auch keine ihre Töchter verheiratet, obwohl diese alle schon lange das passende Alter für eine Hochzeit erreicht, oder sogar überschritten haben. Das scheint sich nun aber zu ändern, da Pepe el Romano auftaucht und nach einer wohlhabenden Frau für die Ehe sucht. Heiraten will er Angustias, die älteste Tochter, da diese im Besitz des Geldes ist. Jedoch liebt er Adela, die Jüngste. Diese Situation bringt Geheimnisse, Versteckspiele und vor allem viel Neid und Konflikt in das Haus der Frauen und die schützende Fassade beginnt zu bröckeln. „In jedem Zimmer dieses Hauses wartet ein Sturm“, bemerkt die langjährige Dienerin Bernardas richtig.

Bernarda Albas Haus ist ein Stück, das sich die Frage stellt, wie Frauen darauf reagieren, wenn das männliche Oberhaupt, das Unterdrückung bedeutete, verschwindet und zeigt damit auf, dass herrschende Strukturen, durch den Tod der Herrschenden nicht einfach verschwinden. Das Bild des Verstorbenen bleibt das ganze Stück über an die Rückwand der Bühne projiziert und vermittelt dadurch ein Gefühl des Beobachtetseins und der Omnipräsenz gesellschaftlicher Strukturen und Regeln. Zwar verlangt es Bernardas Töchtern nach Freiheit, Sexualität und Selbstbestimmung, jedoch sind sie nicht fähig die Fesseln der Frau aus ihrem Denken zu verbannen. Die Lösung um aus der Unterdrückung durch die Mutter zu fliehen, scheint für die jungen Frauen die Flucht in eine Ehe und damit in die nächste Abhängigkeit zu sein. Es handelt es sich bei Bernarda Albas Haus um eine Geschichte, die vielversprechend beginnt, jedoch inhaltlich leider zu wenig in die Tiefe geht und wenig Überraschungen oder Denkanstöße für die ZuseherInnen bereit hält.

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(c) Lupi Spuma

Was dem Stück selbst an Inhalt fehlt, wird am Schauspielhaus aber durch eine fabelhafte Inszenierung und großartige schauspielerische Leistungen wettgemacht. Die Stimmung auf der Bühne hat etwas schaurig Bedrohliches an sich. Alles ist in Schwarz gehalten – die Kleidung, die Möbel, die Wände – schier alles wird von der ausgerufenen Trauer erdrückt. Die finstere Atmosphäre wird noch unterstrichen, wenn eine der Türen zur Außenwelt geöffnet wird und helle Lichtkegel für kurze Zeit aufzeigen, was außerhalb des Hauses wohl auf die Frauen warten könnte, aber unerreichbar scheint. Die Hitze des Sommers, unter der die im Haus eingesperrten Frauen leiden, ist bis auf die hintersten Plätze des Zuseherraums spürbar. Spürbar sind auch die Qualen, die Adela durch ihr unglückliches Verliebtsein zu leiden scheint. Maximiliane Haß bringt das körperliche Unwohlsein des Liebeskummers so glaubwürdig auf die Bühne, dass es als ZuseherIn fast Schmerzen bereitet, ihr zuzusehen. Auch Christiane Roßbach brilliert als herrische Mutter Bernarda. Allein ihre Körperhaltung und ihr Gang wirken dermaßen einschüchternd, dass man die Unterwürfigkeit der Töchter schon nachvollziehen kann, bevor sie überhaupt zu sprechen beginnt. All diese unheilvollen Elemente der Inszenierung lassen die ZuseherInnen schon bald fürchten, dass dieses Stück wohl enden muss, wie es begonnen hat: mit Totenglocken.

Bernarda Albas Haus ist ein Stück, dem es leider etwas an inhaltlicher Tiefe mangelt, jedoch machen die stimmungsvolle Inszenierung und optimale Besetzung es dennoch zu einem empfehlenswerten Theaterabend im Grazer Schauspielhaus.

Am 5. April ist das Stück das letzte Mal zu sehen.

Alle Infos: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bernarda-albas-haus/

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Kein Theaterstück, ein Experiment

In Haus 3 des Schauspielhauses Graz kann man derzeit Nassim Soleimanpours geniales Werk „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ genießen. Das Besondere daran: Jede/r SchauspielerIn kann das Stück nur einmal aufführen. Diesmal gab sich Florian Köhler die Ehre.

Der Bühnenraum ist in schlichtem Schwarz gehalten. Da sind nur ein paar Tische und Sessel so wie zwei Wassergläser zu sehen. Der Titel des Stücks ist groß an die Wand projiziert. Der Schauspieler selbst, Florian Köhler, begrüßt das Publikum bereits am Eingang freundlich und es herrscht eine fast familiäre, aber auch gespannte Stimmung. Niemand weiß so genau, was heute Abend auf die Anwesenden zukommen wird.  Eine Frau betritt die Bühne, begrüßt das Publikum und den Schauspieler. Letzterem händigt sie einen großen roten Umschlag aus. Darin befindet sich der Text zu „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ den Florian Köhler gleich selbst zum ersten Mal zu Gesicht bekommen wird. Alle SchauspielerInnen die sich bereit erklären, dieses Stück an einem Abend zu lesen und zu spielen, müssen zuvor versprechen, nichts über das Stück in Erfahrung zu bringen. Sich einfach überraschen lassen und direkt vor dem Publikum ins kalte Wasser zu springen lautet die Devise.  Jede/r kann dieses Stück nur einmal auf die Bühne bringen, denn es lebt von dem Unwissen der/des SchauspielerIn und ZuseherInnen.

Der Umschlag wird geöffnet und Florian Köhler legt los. Er liest und spielt sich geschickt durch diesen Abend, lässt sich voll auf den Text ein und schlüpft in die verschiedensten Rollen. Wer schon immer einmal einen Schauspieler, der einen Leoparden imitiert, welcher gerade einen Vogelstrauß imitiert, sehen wollte, ist hier genau richtig. Aber auch wer gerne über ernste Themen, von Politik über Konformität bis hin zu Freiheit nachdenkt, ist in diesem Stück gut aufgehoben. Mehr soll auch gar nicht verraten werden, alles andere muss man selbst sehen und erleben. Man sollte aber nicht darauf hoffen als BesucherIn des Stücks eineinhalb Stunden faul herumsitzen und sich berieseln lassen zu dürfen. Um diesem Theaterstück, das nach eigenen Angaben wohl doch mehr ein Experiment ist, gerecht zu werden, muss man auch bereit sein mitzudenken und sich eventuell sogar von seinem bequemen Stuhl zu erheben.

Florian Köhler führt das Publikum an diesem Abend charmant und enthusiastisch durch das ihm selbst fremde Experiment, indem er sich voll und ganz darauf einlässt, die spärlich vorhandenen Requisiten bestens nutzt und das Publikum stets animiert das Experiment auch zu ihrem eigenen zu machen.

„Googlen Sie das Stück nicht. Lernen Sie den Namen des Autors auszusprechen.“, diese Aufforderungen werden an die SchauspielerInnen gerichtet, wenn sie sich bereit erklären, einen Abend lang in das Experiment einzutauchen. Den beiden Anweisungen sollte man auch als zukünftige/r ZuseherIn Folge leisten. Je weniger man vorher darüber weiß, desto mehr wird dieser Abend zum einem überraschenden und eindrucksvollen Erlebnis. Und auch den Namen des Autors, Nassim Soleimanpour, sollte man sich wirklich merken, denn was er sich hier ausgedacht hat, ist großartig!

Als nächstes wagt sich Maximiliane Haß am 6. März an die weißen und roten Kaninchen.

Alle weiteren Termine und Infos: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/weies-kaninchen-rotes-kaninchen

Ragtime – Die Musik einer explodierenden Ära

Regisseur Philipp Kochheim bringt das Musical „Ragtime“ auf die Bühne der Grazer Oper und regt das Publikum damit sowohl zum Swingen, wie auch zum Nachdenken an.

Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders und Ära des American Dream: Am Beginn des 20. Jahrhunderts hoffen die verschiedensten Menschen in New York auf ein besseres Leben und eine glanzvolle Zukunft. Eine Ehefrau und Mutter muss erkennen, dass sie in ihrem bisherigen Leben eines stark vermisst hat: Selbstbestimmung. Und als sie diese kennenlernt, ist es ihr unmöglich ihr altes Leben wieder so aufzunehmen, wie es war. Tateh, ein jüdischer Immigrant, sucht in Amerika nach einer aussichtsreichen Zukunft für seine kleine Tochter und sieht sich dabei mit den Schwierigkeiten der Arbeiterschicht konfrontiert. Für den afroamerikanischen Pianisten Coalhouse Walker Jr. und seine Liebe Sarah scheint sich erst alles zum Guten zu wenden, doch dann muss der junge Mann auf schmerzhafte Weise erkennen, dass trotz dieser Zeit des Umbruchs Vorurteile und Rassismus noch tief in der amerikanischen Gesellschaft verankert sind. Auf der Suche nach Gerechtigkeit und dem American Dream sind all diese Schicksale miteinander verwoben. „Was diese Welt braucht, ist ein kräftiger Tritt in den Hintern!“, verkündet der Großvater der gutbürgerlichen Familie am Anfang des Stücks und damit soll er Recht behalten.

„Ragtime“ ist nicht nur der Titel des Musicals, sondern bezeichnet auch eine Musikrichtung des frühen 20. Jahrhunderts, die die sozialen und politischen Umbrüche dieser Zeit mit zerrissenen Takten widerspiegelt. Neben den fesselnden Ragtime- Nummern weißt das Musical eine Vielzahl an Musikstilen auf. Auf ruhige Balladen folgt fetziger Jazz oder auch aufrüttelnde Märsche. Der Stilmix wird vom Orchester der Oper Graz mitreisend umgesetzt und vom Ensemble auf der Bühne perfekt abgerundet. Besonders sticht hier Dionne Wudu in ihrer Rolle als Sarah hervor, die mit ihrer Stimmgewalt Gänsehaut erzeugt und den ganzen Saal zum Jubeln bringt. Vor allem die Duette mit Alvin Le-Bass, der Coalhouse verkörpert, gehen tief unter die Haut. Berührender ist hier nur noch Monika Staszak, als sie als gutbürgerliche Mutter mit „Back to Before“ eine Hymne auf die weibliche Emanzipation auf der Bühne singt und lebt.

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© Werner Kmetitsch

Während die Kostüme klassisch und damit eher unauffällig gehalten sind, kommt man nicht umher das Bühnenbild zu bestaunen. Vor allem die sekundenschnellen Wechsel zwischen den verschiedensten Schauplätzen sind beeindruckend. So verwandelt sich der Bühnenraum innerhalb kürzester Zeit von einem Schiff auf hoher See zu einem Gerichtssaal, oder vom gemütlichen Wohnzimmer in ein belebtes Baseballstadion.

In diesem Setting wird durch lebhafte Choreographien und zahlreiche Chorgesänge beste Unterhaltung geboten, ohne dabei auf die Ernsthaftigkeit politischer und gesellschaftlicher Fragen zu vergessen. Als nach dem Niederschießen einer afroamerikanischen Frau der gesellschaftliche Aufschrei ausbleibt, wird lautstark: „Why does nobody care? What is wrong with this country?“, in den Raum gesungen und damit endgültig der Bogen zu heutigen sozialen und politischen Problemen gespannt.

Ragtime ist ein fulminantes Musicalerlebnis, das beste Unterhaltung bietet, aber auch zum kritischen Nachdenken über gesellschaftliche Phänomene von damals und heute anregt. Sehr sehenswert!

Weitere Infos und Termine: https://www.oper-graz.com/production-details/ragtime