Kein Theaterstück, ein Experiment

In Haus 3 des Schauspielhauses Graz kann man derzeit Nassim Soleimanpours geniales Werk „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ genießen. Das Besondere daran: Jede/r SchauspielerIn kann das Stück nur einmal aufführen. Diesmal gab sich Florian Köhler die Ehre.

Der Bühnenraum ist in schlichtem Schwarz gehalten. Da sind nur ein paar Tische und Sessel so wie zwei Wassergläser zu sehen. Der Titel des Stücks ist groß an die Wand projiziert. Der Schauspieler selbst, Florian Köhler, begrüßt das Publikum bereits am Eingang freundlich und es herrscht eine fast familiäre, aber auch gespannte Stimmung. Niemand weiß so genau, was heute Abend auf die Anwesenden zukommen wird.  Eine Frau betritt die Bühne, begrüßt das Publikum und den Schauspieler. Letzterem händigt sie einen großen roten Umschlag aus. Darin befindet sich der Text zu „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ den Florian Köhler gleich selbst zum ersten Mal zu Gesicht bekommen wird. Alle SchauspielerInnen die sich bereit erklären, dieses Stück an einem Abend zu lesen und zu spielen, müssen zuvor versprechen, nichts über das Stück in Erfahrung zu bringen. Sich einfach überraschen lassen und direkt vor dem Publikum ins kalte Wasser zu springen lautet die Devise.  Jede/r kann dieses Stück nur einmal auf die Bühne bringen, denn es lebt von dem Unwissen der/des SchauspielerIn und ZuseherInnen.

Der Umschlag wird geöffnet und Florian Köhler legt los. Er liest und spielt sich geschickt durch diesen Abend, lässt sich voll auf den Text ein und schlüpft in die verschiedensten Rollen. Wer schon immer einmal einen Schauspieler, der einen Leoparden imitiert, welcher gerade einen Vogelstrauß imitiert, sehen wollte, ist hier genau richtig. Aber auch wer gerne über ernste Themen, von Politik über Konformität bis hin zu Freiheit nachdenkt, ist in diesem Stück gut aufgehoben. Mehr soll auch gar nicht verraten werden, alles andere muss man selbst sehen und erleben. Man sollte aber nicht darauf hoffen als BesucherIn des Stücks eineinhalb Stunden faul herumsitzen und sich berieseln lassen zu dürfen. Um diesem Theaterstück, das nach eigenen Angaben wohl doch mehr ein Experiment ist, gerecht zu werden, muss man auch bereit sein mitzudenken und sich eventuell sogar von seinem bequemen Stuhl zu erheben.

Florian Köhler führt das Publikum an diesem Abend charmant und enthusiastisch durch das ihm selbst fremde Experiment, indem er sich voll und ganz darauf einlässt, die spärlich vorhandenen Requisiten bestens nutzt und das Publikum stets animiert das Experiment auch zu ihrem eigenen zu machen.

„Googlen Sie das Stück nicht. Lernen Sie den Namen des Autors auszusprechen.“, diese Aufforderungen werden an die SchauspielerInnen gerichtet, wenn sie sich bereit erklären, einen Abend lang in das Experiment einzutauchen. Den beiden Anweisungen sollte man auch als zukünftige/r ZuseherIn Folge leisten. Je weniger man vorher darüber weiß, desto mehr wird dieser Abend zum einem überraschenden und eindrucksvollen Erlebnis. Und auch den Namen des Autors, Nassim Soleimanpour, sollte man sich wirklich merken, denn was er sich hier ausgedacht hat, ist großartig!

Als nächstes wagt sich Maximiliane Haß am 6. März an die weißen und roten Kaninchen.

Alle weiteren Termine und Infos: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/weies-kaninchen-rotes-kaninchen

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Ragtime – Die Musik einer explodierenden Ära

Regisseur Philipp Kochheim bringt das Musical „Ragtime“ auf die Bühne der Grazer Oper und regt das Publikum damit sowohl zum Swingen, wie auch zum Nachdenken an.

Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders und Ära des American Dream: Am Beginn des 20. Jahrhunderts hoffen die verschiedensten Menschen in New York auf ein besseres Leben und eine glanzvolle Zukunft. Eine Ehefrau und Mutter muss erkennen, dass sie in ihrem bisherigen Leben eines stark vermisst hat: Selbstbestimmung. Und als sie diese kennenlernt, ist es ihr unmöglich ihr altes Leben wieder so aufzunehmen, wie es war. Tateh, ein jüdischer Immigrant, sucht in Amerika nach einer aussichtsreichen Zukunft für seine kleine Tochter und sieht sich dabei mit den Schwierigkeiten der Arbeiterschicht konfrontiert. Für den afroamerikanischen Pianisten Coalhouse Walker Jr. und seine Liebe Sarah scheint sich erst alles zum Guten zu wenden, doch dann muss der junge Mann auf schmerzhafte Weise erkennen, dass trotz dieser Zeit des Umbruchs Vorurteile und Rassismus noch tief in der amerikanischen Gesellschaft verankert sind. Auf der Suche nach Gerechtigkeit und dem American Dream sind all diese Schicksale miteinander verwoben. „Was diese Welt braucht, ist ein kräftiger Tritt in den Hintern!“, verkündet der Großvater der gutbürgerlichen Familie am Anfang des Stücks und damit soll er Recht behalten.

„Ragtime“ ist nicht nur der Titel des Musicals, sondern bezeichnet auch eine Musikrichtung des frühen 20. Jahrhunderts, die die sozialen und politischen Umbrüche dieser Zeit mit zerrissenen Takten widerspiegelt. Neben den fesselnden Ragtime- Nummern weißt das Musical eine Vielzahl an Musikstilen auf. Auf ruhige Balladen folgt fetziger Jazz oder auch aufrüttelnde Märsche. Der Stilmix wird vom Orchester der Oper Graz mitreisend umgesetzt und vom Ensemble auf der Bühne perfekt abgerundet. Besonders sticht hier Dionne Wudu in ihrer Rolle als Sarah hervor, die mit ihrer Stimmgewalt Gänsehaut erzeugt und den ganzen Saal zum Jubeln bringt. Vor allem die Duette mit Alvin Le-Bass, der Coalhouse verkörpert, gehen tief unter die Haut. Berührender ist hier nur noch Monika Staszak, als sie als gutbürgerliche Mutter mit „Back to Before“ eine Hymne auf die weibliche Emanzipation auf der Bühne singt und lebt.

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© Werner Kmetitsch

Während die Kostüme klassisch und damit eher unauffällig gehalten sind, kommt man nicht umher das Bühnenbild zu bestaunen. Vor allem die sekundenschnellen Wechsel zwischen den verschiedensten Schauplätzen sind beeindruckend. So verwandelt sich der Bühnenraum innerhalb kürzester Zeit von einem Schiff auf hoher See zu einem Gerichtssaal, oder vom gemütlichen Wohnzimmer in ein belebtes Baseballstadion.

In diesem Setting wird durch lebhafte Choreographien und zahlreiche Chorgesänge beste Unterhaltung geboten, ohne dabei auf die Ernsthaftigkeit politischer und gesellschaftlicher Fragen zu vergessen. Als nach dem Niederschießen einer afroamerikanischen Frau der gesellschaftliche Aufschrei ausbleibt, wird lautstark: „Why does nobody care? What is wrong with this country?“, in den Raum gesungen und damit endgültig der Bogen zu heutigen sozialen und politischen Problemen gespannt.

Ragtime ist ein fulminantes Musicalerlebnis, das beste Unterhaltung bietet, aber auch zum kritischen Nachdenken über gesellschaftliche Phänomene von damals und heute anregt. Sehr sehenswert!

Weitere Infos und Termine: https://www.oper-graz.com/production-details/ragtime

Widerstand am Beckenrand

András Dömötör bringt das Stück „der thermale widerstand“ des preisgekrönten Grazer Dramatikers Ferdinand Schmalz erstmals auf eine österreichische Bühne und setzt dabei auf großartige SchauspielerInnen, viel Humor und (berechtigte) Klischees. 

„Wer so lange schon herin ist, dem hat die Wellness zugesetzt“ – Es herrscht eine paradiesische Depression im Kurbad. Im Halbdunkel sind weiße Liegen zu sehen, auf denen weiß gekleidete Menschen auf weißen Handtüchern in Entspannung dahinvegetieren. Die Kurgäste genießen gemeinsam die morgendliche Ruhe bevor die unerwünschten Tagesgäste, die nur auf billiges Relaxing aus sind, auftauchen. „Was noch ein wahrer Kurgast ist, der kennt keine Zeit“, wird festgestellt bevor man sich ein weiteres Mal auf der bequemen Liege nachdreht, denn das Wasser und die damit verbundene Bewegung wirkt für die Kurgäste derweil noch eher unangenehm.

Damit will der strengblickende Bademeister Hannes nun endlich Schluss machen, denn immerhin sei Wasser ein Menschenrecht und die Bäder sollten wieder allen offen stehen, nicht nur den Kurgästen. Während er seinen Widerstand plant, werden auch die Kurgäste und das Personal widerständig, denn Wut vereint und sie wollen ihre Entspannungszonen und Ruhebereiche auf keinen Fall teilen!

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(c) Lupi Spuma

Mit intelligenten thermalen Wortspielen nimmt „der thermale widerstand“ den/die ZuseherIn mit ins Kurbad, wo sich zwischen „Wasserscheu“ und „Unheilfasten“ noch im Leiden gesuhlt werden kann. Großartig ist dabei nicht nur die sprachliche Darbietung, sondern vor allem auch die eingesprochenen Geräuschimitationen, so beispielsweise jener bei der Fußpflege oder das Badeschlapfenschmatzen der BesucherInnen, wenn diese sich langsam und stöhnend zum Beckenrand quälen. Unschlagbar komisch ist die Inszenierung aber nicht nur aufgrund textlicher und geräuschlicher Genialitäten, sondern vor allem auch wegen der hervorragenden schauspielerischen Leistung der gesamten Besetzung. Besonders hervorzuheben ist hier Nico Link, der es als Bademeister Hannes schafft, das simple Aufstellen eines „Achtung Rutschgefahr!“ – Schildes zum bedrohlichsten Moment des ganzen Abends zu machen. Auch Florian Köhler sticht sowohl als alteingesessener Kurgast, vor allem aber als Hydrogeologe Dr. Folz hervor, wenn er es möglich macht, einen einfachen Gegenstand, wie eine Tauchbrille, sowohl zum Fotoapparat, wie auch zum Computer und zur Bohrmaschine werden zu lassen.

„der thermale Widerstand“ bringt das Publikum somit in HAUS ZWEI zum einen zum Nachdenken über die Frage, ob Bequemlichkeit verloren geht, wenn man sie teilt, vor allem aber zum herzhaften Lachen und großartiger Unterhaltung!

Weite Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-thermale-widerstand