Je schöner der Abend, desto später die Gäste

Mit Knall und Glitzer erobert Johann Strauss‘ Operette „Die Fledermaus“ in einer farbenfrohen und turbulenten Inszenierung von Maximilian von Mayenburg die Grazer Oper.

(c) Werner Kmetitsch
(c) Werner Kmetitsch

Der Champagner fließt – die Bühne wird zum rauschenden Maskenball: Arien werden im Boxring „ausgetragen“, Sängerinnen und Sänger kreuz und quer durch den Zuschauerraum gejagt. Es wird getanzt, gefeiert und geschossen, als gäbe es kein Morgen. „Die Königin der Operette“, um einen ausgeklügelt inszenierten Racheplan des in einem Fledermauskostüm bloßgestellten Notars, macht ihrem Namen an der Oper Graz alle Ehre.

Das Gesangsensemble besticht durch höchste Präzision, Spielfreudigkeit und Schauspielkunst. Besonders hervorzuheben: Sieglinde Feldhofer als freches Stubenmädchen Adele, das sich ab der ersten Minute in die Herzen des Publikums spielt und die virtuosesten Arien mit Leichtigkeit meistert. Bariton Markus Butter gibt die Figur des Frank mit einem unwiderstehlichen Timbre in seiner Stimme zum Besten und Ivan Oreščanin begeistert das Publikum mit einer intensiven schauspielerischen Leistung als rachsüchtiger Dr. Falke. Anna Brull verleiht ihrer Rolle des Prinzen Orlofsky eine geheimnisvolle, fast dämonische Note. Mehr der Oper als der Operette zugewandt, überzeugen Alexander Geller und Elissa Huber als verfremdetes Ehepaar Eisenstein par excellence. In die begehrte Rolle des Frosches schlüpft Schauspieler Adi Hirschal, der als „Facility Manager“ während seines Monologs nur damit beschäftigt wurde, Alkoholleichen der vorigen Nacht wegzuschaffen.

Marcus Merkel führt das Orchester gewohnt stilsicher durch den Abend und setzt dabei auf lyrische, ausdrucksstarke, ja bisweilen pompöse Klänge. Die Sängerinnen und Sänger des Chors der Oper Graz unter der Leitung von Bernhard Schneider agieren als feierwütige sowie stimmgewaltige Partygäste in luxuriösen Garderoben und unterstützen gemeinsam mit betörenden Tänzen des Balletts (Kira Senkpiel) die Rachepläne der „Fledermaus“. Das Bühnenbild von Tanja Hofmann in der Abfolge Weiß-Schwarz-Grau hingegen hält sich bedacht im Hintergrund und kann seine einzigartige Wirkung umso mehr entfalten, indem die knallbunten prachtvollen Kostüme von Frank Lichtenberg, sowie die stimmungsvollen Lichtspiele von Sebastian Alphons dadurch besser zur Geltung gebracht werden. Damit erstrahlt der Saal in neuem Glanz.

Die Oper Graz zeigt eine mitreißende Inszenierung mit originellen Ideen, ursprüngliche Funktionen vieler Figuren sind jedoch nur noch im Ansatz erkennbar und die Operette artet gegen Ende schrill und makaber aus. Es werden diverse Oberflächlichkeiten bitterböse entlarvt, finstere Rachepläne geschmiedet, Versöhnungen angestrebt und eine einfache aber bedeutende Botschaft präsentiert: Genießt den Tag! Genießt das Leben! – Und genießt die Operette!

Weitere Infos, Termine und Trailer zur Produktion finden Sie unter: https://www.oper-graz.com/production-details/die-fledermaus

Das Glück in unseren Sternen

In einer wunderbar nostalgischen Inszenierung von Natascha Grasser erwecken zwei Feen das Märchen „Die Schöne und das Biest“ in der Version von Lucy Kirkwood und Katie Mitchell mit verzauberten Rosen und funkelnden Regenschirmen wieder zum Leben – ein wahrer Ohren- und Augenschmaus für Kinder und Erwachsene.

Das Biest (Christoph Steiner) und Belle (Simone Leski)
© Lex Karelly Photography
 

Wenn zwei echte(!) Feen ein Märchen erzählen, dann muss es wohl voller Magie sein – und die kommt bei der Geschichte über Prinz Phillip definitiv nicht zu kurz. Dieser wurde als Junge von einer auf Rache durch verschmähte Liebe sinnende Fee verflucht und muss seitdem als gefürchtetes Biest ein einsames Dasein auf seinem Schloss fristen. In diese Gemäuer verirrt sich der Vater von Belle und Gundula, erhält dort Speis und Trank und nimmt eine rote Rose an sich, die er Belle versprochen hat. Das Biest verlangt im Gegenzug dafür, er möge doch seine Tochter zum Abendessen vorbeibringen. Das „Blind Date“ verläuft gut – (nahezu) jeder Wunsch wird Belle erfüllt –  und das Biest kann sie überzeugen, zu bleiben.
Fortan lebt sie auf dem Schloss und haucht den verstaubten tristen Gemäuern mit ihrer unkonventionellen Art (u.a. bevorzugt sie bequeme Puffhosen gegenüber prunkvollen Kleidern) und einem stets positiven Gemüt neues Leben ein. Belle und das Biest kommen sich näher, doch bevor sie ihn retten kann, muss sie zu ihrer Familie zurückkehren und vergisst (beinahe) ihre Zeit am Schloss. Wird sie den tieftraurigen Schlossbesitzer doch noch von seinem Fluch erlösen können und damit auch endlich ihr eigenes Glück finden?

Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern stimmte jedenfalls so perfekt, dass sich das junge Publikum lautstark für ein Happy End einsetzte. Simone Leski verzaubert in ihrem Einstand am Next Liberty als herzensgute rebellische Belle, an ihrer Seite steht Christoph Steiner, herrlich als tierisch gutes und liebenswertes Fellknäuel. Yvonne Klamant kommt als fröhliche Fee Cecile doch noch zu ihrem entzückend dargebotenen Chanson, während Helmut Pucher als strenge Fee Pink gekonnt das Publikum durch das Märchen führt. Darüber hinaus unterhalten Lisa Rothhardt als Belles bedauernswerte Schwester Gundula und deren elegant gekleideter und fürsorglicher Vater, gespielt von Martin Niederbrunner.

Die Inszenierung von Natascha Grasser sprüht vor originellen Ideen und magischen Momenten (Philipp Tawfik). Düstere Stimmung erzeugt die schlicht in schwarz gehaltene Ausstattung von Markus Boxler, sowie die mystische Musik von Christof Ressi, inklusive skurrilem Insektenorchester. Schrille kreative Kostüme werden – wie bunte Farbtupfer – auf der Bühne perfekt in Szene gesetzt. Außerdem verleihen Schattenspiele, Sandmalereien, Szeneneinfrierungen und funkelnde Accessoires dem Werk einen Hauch Nostalgie und dem Publikum leuchtende Augen.

Es ist ein Stück über den wahren Wert der äußeren und inneren Schönheit, die Vorteile einer vorurteilsfreien Welt, sowie über all die großen und kleinen Momente im Leben, die zählen:
Ein zauberhafter Auftakt in eine neue Spielzeit.

Weitere Termine (bis März 2020), Trailer und Infos unter:
http://www.nextliberty.com/stuecke/die-schoene-und-das-biest/

Vom Irdischen zum Himmlischen

Als Beethoven seine letzten Streichquartette, entstanden in den Jahren 1824-26, erstmals der Öffentlichkeit vorstellte, reagierte diese mit Unverständnis auf das Spätwerk des Komponisten – es hagelte heftige Kritik. Knapp 200 Jahre später, am 29. Juni 2019, wurden diese Quartette im Rahmen der Styriarte in drei Konzerten an einem Tag mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht. Vor der wunderbaren Kulisse im Planetensaal des Schlosses Eggenberg spielten das Pacific Quartet Vienna und das Eliot Quartett.

Pacific Quartet Vienna © Julia Wesely

Den Auftakt machte das Pacific Quartet Vienna, bestehend aus dem Primgeiger Yuta Takase, sowie Eszter Major, Chin-Ting Huang und Sarah Weilenmann mit dem 12. Streichquartett op. 127. Die Vielseitigkeit dieses Werkes wurde professionell auf die Interpretation angewandt. Beethoven erklang dabei mal feurig, melancholisch, dann wieder von tänzerischem Charakter. Präzise Einsätze und lebhaft mitreißende, zuweilen orchestrale, Klänge zeichneten das Pacific Quartet Vienna aus.

Im Kontrast dazu stand das vom Eliot Quartett dargebotene 15. Streichquartett op. 132. Mit ihrer Primgeigerin Maryana Osipova, sowie Alexander Sachs, Dmitry Hahalin und Michael Preuss legte diese Formation ihre Interpretation der Streichquartette feinfühlig, jedoch bestimmter und dynamisch differenzierter an. Schon im von Spannungsklängen geprägten Anfangssatz ist der typische Beethovensche Stil unverkennbar. Zu Beginn der ersten zwei Sätze kam die Musik jedes Mal, wie noch in einer Knospe verborgen, aus dieser heraus und wuchs im Laufe des Stückes zu einer Blume heran. Im 3. Satz „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“ entführten sie in himmlische Sphären und schlossen mit einem lebhaften 4. und 5. Satz ab.

Zu Beginn des zweiten Konzertes spielte das Eliot Quartett Beethovens 14. Streichquartett op. 131 meisterhaft mit einer Spieldauer von etwa 40 Minuten zur Gänze ohne Pause(!) durch. Die kurzen Themen von stark entwickelndem Charakter wanderten durch alle Stimmen und wurden immer wieder überraschenden Wechseln unterzogen.

Eliot Quartett © Andreas Kessler

Den zweiten Teil dieses Konzerts gestaltete das Pacific Quartet Vienna mit dem 16. und letzten Streichquartett, op. 135. Statt des zu erwartenden melancholischen Typus Beethovens, setzten die MusikerInnen auf eine schwungvoll tänzerische Note. Einzig der getragene ausdrucksstarke 3. Satz kontrastierte mit den übrigen Sätzen.

Das dritte und letzte Konzert eröffnete abermals das Pacific Quartet Vienna mit ihrer Interpretation des 13. Streichquartetts op. 130. Den 1. Satz prägte der Primgeiger Takase mit seiner hohen Virtuosität. In den kraftvollen Sätzen Nr. 2, 4 und 6 wurde der experimentell entwickelnde Charakter gut hörbar, während der 5. Satz, von tiefer Melancholie durchdrungen, mit dem höchsten Maß an Gefühl und Ausdruck wiedergegeben wurde.

Direkt im Anschluss wurde das von Beethoven ursprünglich vorgesehene Finale des zuvor gespielten Streichquartetts, die „Große Fuge“ op. 133, dargebracht. Ein Meilenstein der Musikgeschichte der zeigt, dass Beethoven seiner Zeit weit voraus war. Ausgeklügelt und kontrastreich bewegte sich das Eliot Quartett auf sicherem Terrain und entführte das Publikum abermals in höhere Sphären.

DAS war Beethoven pur und ein würdiger Abschluss eines großartigen Tripel(streich)konzertes.

Die Veranstaltung „Beethoven!!!“ in Zahlen:
1 Abend – 1 Komponist – 2 Formationen – 3 Konzerte – 5 Quartette – 7 Stunden – 8 MusikerInnen – unzählige begeisterte ZuhörerInnen.

Weitere Informationen…
… über das Konzert.
… über das Pacific Quartet Vienna.
… über das Eliot Quartett.