Anleitung zum Fest der Liebe

Wer sind diese Menschen, die Heiligabend einsam zubringen und von einem Fest der Liebe nur träumen können? Diese Frage stellte sich Peter Turrini in seinem Spiel „Josef und Maria“, das nun im Grazer Schauspielhaus Erfolge feiert. Regisseur Michael Schilhan schenkt den einsamen und vergessenen Seelen eine Stimme.

Josef und Maria © Karelly Lamprecht

Nach Ladenschluss zu Heiligabend: Die letzten Käufer haben das Kaufhaus verlassen, die grellen Lichter gehen aus, die musikalische Dauerberieselung verstummt. Seltsam still ist die Nacht, alles schläft, einsam wachen inmitten des leeren Gebäudes: Maria, eine Gelegenheitsputzfrau, und Josef, Aushilfe bei der Wach- und Schließgesellschaft. Sie haben sich bewusst für diese Arbeit entschieden, um der quälenden Einsamkeit am Weihnachtsabend zu entgehen. Das Schicksal meint es jedoch gut mit ihnen und lässt die einsamen Herzen schließlich aufeinandertreffen. Sie brauchen nicht mehr als jemanden der ihnen zuhört. So ist es beinahe schon unerträglich, dass sie – zu sehr mit sich selbst beschäftigt – vorerst nur aneinander vorbeireden, bis sie sich bei einem spontanen gemeinsamen Tanz endlich die ersehnte Zuwendung schenken, es sich nebenbei auch ein klein wenig heimelig einrichten und so doch noch ihr Glück finden.

Heimat ist ein gewichtiges Wort in den Werken Turrinis: Aus einem Ort der Schnelllebigkeit und des Vergessens wird zunächst Raum für Erinnerungen und Überzeugungen und schließlich Platz für neue Hoffnung. Es grenzt schon an Ironie, wenn die wahre Bedeutung und der Wert von Weihnachten ausgerechnet in einem Kaufhaus – einem lärmenden Ort voller Hektik, dessen einziger Sinn des Festes wohl nur kommerzieller Natur ist – gefunden wird.

Anne Marie Legenstein gelingt es durch ein stimmungsvolles Bühnenbild aus Leuchtreklamen, warmen Lichterketten und Deko-Schnee das zweite Leben eines Kaufhauses zu beleuchten. Sie erzeugt damit einen Wirkungsraum, in dem der Fokus immer auf Maria und Josef gerichtet ist.

Die Situationskomik der beiden Figuren, inklusive fantastischer Gesangs- und Tanzeinlagen (Choreographie: András Kurta), bringt das Publikum einmal mehr zum Schmunzeln. Den beharrlich ernsten Unterton von Altersarmut und Alleinsein lässt sie jedoch nicht verstummen, etwa wenn Maria bekennen muss: „Was bleibt denn von einem übrig, wenn nichts von einem übrigbleibt?

In der Rolle des Josef – einem unreligiösen Freidenker, Kommunisten und verhinderten Schauspieler, der seine Vorlieben in jedem noch so unpassenden Moment mit aller Vehemenz klarstellen muss – kann Textwunder Franz Solar die gesamte Palette seines schauspielerischen Könnens darlegen (köstlich vor allem seine Darstellung als Rodolfo Valentino).
Margarethe Tiesel als Maria weiß sich ebenfalls zu behaupten und überzeugt als liebende, aber ungeliebte Mutter mit einem Hang zu ausgewähltem Hochprozentigen.

Spätestens seit dem triumphalen Erfolg mit „Die Wunderübung“ sind Margarethe Tiesel und Franz Solar, auch im echten Leben ein Ehepaar, im Grazer Schauspielhaus das Dream-Team schlechthin. Sie demonstrieren mit „Josef und Maria“ abermals, dass ihnen die große Bühne gehört. Das Publikum begrüßt dieses Geschenk mit Riesenapplaus und Standing Ovations.

Alles über dieses Stück, welches übrigens im Herbst 2020 wieder aufgenommen wird, unter: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/josef-und-maria/

Pink, Pink!

Im Grazer Schauspielhaus sind die Vögel los: Die Uraufführung von „Bookpink“, ein dramatisches Kompendium von Caren Jeß, ging am 29. November mit Witz und allerlei Federvieh über die Bühne.

Bookpink-Ensemble (c) Stella

Eines sei vorweg gesagt: Der titelgebende Buchfink selbst hält sich nicht besonders lange im Stück – einmal vorgestellt lässt ihn eine Katze sogleich ins Gras beißen. Stattdessen werden in der Inszenierung von Anja M. Wohlfahrt in sieben „komisch-poetischen Miniaturen“ die tiefsten Sehnsüchte von über 30 ebenso komisch-poetischen Vögeln ans Licht gebracht.

Der Dreckspfau hat als abgewiesenes Ei keinen guten Start ins Leben – kein Wunder, dass sein erstes Wort „Fuck“ statt „Piep“ lautet. Die Pute mit viel Bauch und Bauchgefühl baut ihr eigenes Reich auf und scheint es (vorerst) etwas besser getroffen zu haben. Derweil sinnen die tanzenden Flamingos Jim und Jenny, die der Krähe bloß als Spielzeug dienen müssen, auf Rache. Sumpfmeise Veroniko sehnt sich nach etwas Freiheit und sei es nur durch das Nicht-Rasieren ihrer Beine. Derweil erwarten sich verschiedene Singvögel Antworten vom „Kokon der Vernunft“ in der Verkörperung des Bussards, der jedoch nicht gerade gesprächig eine Mausefalle mehr demontiert als repariert. Die Taube auf dem Campingplatz flüchtet sowieso in ihre eigene Traumwelt voller barocker Koloraturen.

Ist der Anfang des Stückes noch bunt und laut, so wird die Energie des Stückes allmählich gedrosselt, bis die Charaktere vor einem atmosphärischen Lagerfeuer über das Leben sinnieren. Szenische Übergänge werden von einem Vogelstimmen imitierenden Schlagzeug nach einer Idee von Thomas Petritsch begleitet. Der nahezu durchgehend rasante und lockere Wortwitz lässt über einige Längen des Stückes hinwegsehen, etwa die Szene mit den drei gesprächigen Meisen, die ohne Situationskomik auskommen muss.

Ein paar bunte Accessoires wie Mützen oder Ketten zur Unterstützung des Charakters (Kostüm: Kathrin Eingang), sowie einige geräuschvolle Kisten auf der Bühne (Szenenbild: Philipp Glanzner) – mehr braucht es nicht, denn die DarstellerInnen tragen dieses Stück alleine. Das fünfköpfige Ensemble brilliert mit Worten und glänzt überdies mit perfektem Timing. Maximiliane Haß als obszöner Dreckspfau weiß das Publikum vom ersten Moment an einzunehmen und Mathias Lodd wird als herrliche Pute Ute ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben. Auch Frieder Langenberger etwa als Bussard mit Aggressionsproblem oder als hinreißender Spatz sowie Clemens Maria Riegler als perfide Krähe und geheimnisvoller Beobachter unterhalten bestens. Anna Szandtner führt nicht nur als Erzählerin zielsicher durch das Stück, sondern verzaubert als Taube auch mit brillanten Fragmenten barocker Arien.

In 90 Minuten bringen sie menschlich Tierisches und tierisch Menschliches auf die Bühne und debattieren nebenbei noch über aktuelle Themen wie Emanzipation, Gender, Vorurteile, und Vergänglichkeit, sowie über die einen oder anderen Abgründe der Gesellschaft.

Für die Fabel-hafte Premiere gibt es verdient langen Applaus.
Weitere Informationen und Termine unter:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bookpink-1

Als Träume fliegen lernten

Mit einer tierisch erfrischenden Inszenierung von “Krähe und Bär“ lässt Helge Stradner im Next Liberty zwei (scheinbar) grundverschiedene Figuren auf der Suche nach dem Glück aufeinandertreffen.

Bär (Helmut Pucher) und Krähe (Simone Leski) (c) Stella

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben: Ein Bär rettete im Zoo einer ertrinkenden Krähe das Leben, nur um sich dann sofort wieder seinem Futter, bestehend aus Äpfeln und Karotten, zu widmen. Diese wahre Begebenheit aus dem Jahre 2014 griff Martin Baltscheit auf und spann diese ungewöhnliche Begegnung zu einem Kinderbuch weiter, welche nun in einer Theaterversion auf der Bühne des Next Liberty zu sehen ist.

Die beiden Protagonisten könnten auf dem ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Während die Krähe den Bären nach ihrer Rettung flugs mit ihrer unermüdlichen, teils derben Redseligkeit „beglückt“, möchte das grummelige Zotteltier erstmal nur seine Ruhe beim Fressen haben. Die beiden merken jedoch schnell, dass sie ohneeinander nicht können – denn der eine besitzt genau das, was für den anderen Glück bedeuten würde: die Krähe wünscht sich Sicherheit und drei Mahlzeiten am Tag – der Bär träumt davon, ans Meer zu fliegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Eine magische Schlangenmedizin scheint ihre Wünsche zunächst auch zu erfüllen…

Helmut Pucher begeistert als gemütlicher Bär, dessen Lebensraum nur sieben Schritte lang und breit ist und der endlich die Welt außerhalb seines Käfigs entdecken möchte. Simone Leski verzückt als energische Quasselstrippe von Krähe, die vor kreativen Ideen nur so sprüht, jedoch von ständigem Hunger geplagt ist und auf gutes Benehmen weitgehend verzichtet („Höflichkeit ist was für satte Tiere, du Pelzpopel!“). Gleich in mehreren Rollen überzeugt Martin Niederbrunner als Giraffe Marius, Ratte, graue Krähe, Blaumeise (köstlich!) und Erzähler.

Ein Bällebad als Pool und zwei Eimer mit Knochen schmücken das bescheidene Reich des Bären – Viel mehr braucht es nicht, um dem Publikum die Illusion eines Zoos vor Augen zu führen. Als Flugfeld und Aussichtspunkte für die Krähe dienen ein Dutzend Stehleitern in unterschiedlichen Größen. Für die gesamte Ausstattung, inklusive dezenter, aber wirkungsvoller Kostüme, zeichnet Denise Heschl verantwortlich. Diese reichen von einem kuscheligen Bärenfell über multifunktionale Krähenflügel bis zu überdimensionalen Brillen.
Der Dialog überwiegt, einzig atmosphärische Melodien von Spieluhren (Maurizio Nobili), sowie ein spannungs-erzeugendes Donnerblech untermalen das Stück.

Zwischen all den rasanten Schlagabtauschen und einer Portion Humor stimmt das Stück auch nachdenklich, etwa wenn die Tiere in Massen von Plastik nach essbaren Resten suchen oder der Bär hinter Gittern seines kleinen Geheges sitzt und bekennt, dass er für sein eigenes Glück niemand anderen dafür einsperren würde.

Fazit: Ein herzerwärmendes Stück über die Kraft der Freundschaft und perfekt für die kalte Jahreszeit – Sol lucet omnibus!

Weitere Termine und Infos unter:
https://www.nextliberty.com/stuecke/kraehe-und-baer-die-sonne-scheint-fuer-uns-alle/