Last Woman Standing: #Feminismus und Theater

Passend zur aktuellen #MeToo-Debatte wurde auch im Schauspielhaus Graz über die Gleichberechtigung von Frauen diskutiert. Lina Hölscher gastierte am 05., 08. und 09. Jänner mit der Stückentwicklung „Last Woman Standing“ in HAUS DREI und gestaltete mutig feministische Theater-Geschichte mit.

Drei Frauenbilder, verkörpert durch die androgyne Lucia Neuhold, die rigorose Gina Mattiello und die betörende Ninja Reichert, schickt Hölscher in den amikalen Wettbewerb um den Titel der „Last Woman Standing“, die ultimative Superfrau. Die Annäherung an die brisante Thematik erfolgt humoristisch in Form von Wissensaufgaben, die historische wie auch aktuelle Entwicklungen zu Feminismus aufzeigen. Die drei Frauen überzeugen dabei mit Ausdrucksstärke und verleihen dem Stück gleich zu Beginn die notwendige Dynamik. Angespornt durch ihre Kampfeslust folgen sie zunächst blind den Anweisungen des Moderators, dessen (männliche) Stimme aus den Lautsprechern tönt, bis ein Ratespiel die entscheidende Wende bringt. Das plötzliche Bewusstsein über den sinnlosen Wettbewerb veranlasst die Frauen ihre jeweiligen Auffassungen zu Feminismus und Gleichberechtigung zu reformulieren, um als Verbündete ihre Freiheit zu suchen.

Drei Frauen, die unterschiedliche Frauenbilder verkörpern, in teilweise verschiedenen Zeiten feministisch sozialisiert wurden und somit in ihren Feminismen unterschiedliche Sichtweisen und auch Auseinandersetzungen haben. Es ist ein  ambitioniertes Unterfangen eine mehrhundertjährige Debatte in kompakten 75 Minuten zu erklären. Das Stückende ist gleichzeitig ein Aufruf und ein Lösungsansatz in dieser nicht enden wollenden Debatte um Gleichberechtigung und das Ermöglichen von Freiheiten, die der Lebensrealität gerecht werden sollen. In Bezug auf die heutige Situation der Frau gibt es nach wie vor Missstände, vor allem aber Missverständnisse. Wenn auch die Botschaft gegen Ende hin, wie der Feminismus selbst, teils missverständlich ausfällt, so bleibt die zentrale Kontroverse des Stücks im Gedächtnis: Ja, Feminismus hat Recht, ist berechtigt und wenn er die Gemüter reizt, dann hauptsächlich weil es der Gesellschaft nach wie vor nicht gelungen ist, ihm seine Notwendigkeit zu entziehen.

Schauspielhaus Graz | Last Woman Standing

Advertisements

Tartuffe begeistert Grazer Premierenpublikum

Markus Bothes Inszenierung von Molières Skandal-Komödie im Schauspielhaus Graz zeigt verblüffende Nuancen: Ein Ensemble, das an beziehungsweise auf seiner Bühne hängt, perfekt getimte Slapstick-Einlagen und Theater, das nicht nur vor, sondern auch im Publikum stattfindet.

Graz, 07. Dezember 2017

Das großartige Ensemble zieht die Zuschauer von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Franz Solar wechselt für dieses Stück kurzerhand sein Geschlecht und brilliert gleich zu Beginn in Stilettos mit Charme und Stimmkraft als Madame Pernelle. Das sonst eher verhaltene Premierenpublikum pfiff doch tatsächlich auf die übliche Theater-Knigge und würdigte seine Performance zurecht mit einem Zwischenapplaus. „Das gab es noch nie“, so ein sichtlich verzückter Herr auf den vorderen Plätzen.
Überhaupt ist es ein Abend der starken und spannenden Darsteller. Niemand lockt und verführt auf der Bühne so schön und emanzipiert zugleich wie Henriette Blumenau. Julia Gräfner überzeugt als trotzige Zofe mit perfekt getimten Slapstick-Einlagen. Der heuchlerische Tartuffe wird von Pascal Goffin verkörpert, dessen „Robert Palmer“-Outfit einen Kontrastpunkt zu den goldenen Pailletten-Kostümen des restlichen Ensembles bildet. Mathias Lodd als Familienoberhaupt Orgon und Simon Käser als dessen Sohn Damis ließen gekonnt die Grenze zwischen Bühne und Publikum verschwimmen und sorgten für amüsante Verstörung und Entzückung. Die spürbare Dynamik und Wechselwirkung zwischen Ensemble und Publikum gehörte sicherlich zu den Höhepunkten des Premierenabends.

Molières bitterböse Komödie über den betrügerischen Tartuffe sorgte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens für großen Unmut beim Klerus. Die Empörung darüber entlarvte, wie auch im Roman, die gesellschaftliche Doppelmoral. Im Zentrum der Handlung steht das ambivalente Verhältnis der Familie Orgons zu Hausgast Tartuffe. Während dieser von Orgon glorifiziert und dessen Mutter verteidigt wird, verhält sich der Rest der Familie ihm gegenüber eher misstrauisch und verunsichert. Schon bald wird dem Betrüger seine Schwäche für Elmire, Orgons Frau, zum Verhängnis und so verrät er sich letztendlich selbst. Geblendet von ihren Eitelkeiten und gehemmt durch ihre eigenen Unsicherheiten wird von der Familie zu spät erkannt, was sich hinter der attraktiven und geschulten Fassade verbirgt.

„Man handelt zunächst und denkt dann“, so Tartuffe. In der Beschreibung werden Parallelen zu Donald Trump gezogen, einem Tartuffe der Neuzeit und aktuellem Sinnbild für narzisstische Politik. Bothe gelingt der kritische Blick auf die Gesellschaft, untermalt wird diese Kritik durch ein Ensemble in Höchstform, ansprechende Optik und Sprachwitz. Zum Abschluss der diesjährigen Saison beeindruckt diese Inszenierung auf jeden Fall mit ihrem hohen Niveau und bietet tiefgehende schwarze Unterhaltung. Vom Publikum gab’s zurecht tosenden Applaus und stehende Ovation.

Meine Damen und Herren, lassen Sie sich tartuffisieren!

Doppelt staunen im Künstlerhaus

Eröffnung der Einzelausstellungen von Ute Müller und Ingo Abeska
Am 07. Dezember lud das Künstlerhaus – Halle für Kunst & Medien im Rahmen von CMRK zur doppelten Ausstellungseröffnung von Ute Müller und Ingo Abeska.

Einzelausstellung Ute Müller in Raum C (UG):
Es obliegt nicht dem Künstler über seine Werke zu sprechen. Er hat das künstlerische Werk, das für ihn spricht und durch das er mit BetrachterInnen kommuniziert. Das genügt. Bei der Eröffnung ihrer Einzelausstellung wirkt die Grazer Künstlerin Ute Müller zurückhaltend und diskret so wie ihre Kunst. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Künstlern macht Ute Müller den Entstehungsprozess ihrer Werke sichtbar. Sie kommuniziert durch Bildkörper, Arrangements, Negativformen, Plastiken und Sockel. Utes Objekte antworten auf die Strukturen und gebrochenen Formationen in den Malereien, die sich nach nähere Betrachtungsweise in Beziehung zu einander setzen. Bereits beim Betreten des Raum C überrascht die Einzelausstellung mit harmonischen Bilderräumen, geschaffen durch im Raum platzierte Wände, körpergroße Gemälde in dezenten Blau- und Grautönen, teilweise erkennbare Plastiken und Bildhauereien. Mit gekonnter Raffinesse kombiniert die Künstlerin dabei unterschiedlichste Formen und Materialien und nimmt dabei die BetrachterInnen auf ihre malerische Reise mit. Ute Müllers Ausstellung, bei der Raum und Zeit eine erkennbare Rolle spielen, zeigt abstrakte Kunst als klare Sprache, die in die Tiefe geht.

Ute Müller

Ute Müller, 2017 (c) KM

Einzelausstellung Ingo Abeska im Grafikraum (EG):
Ingo Abeska schläft nicht. Nachts begibt sich der Grazer Zeichner auf Recherchereise: Beim Lesen und Durchblättern von Zeitungen und Zeitschriften holt er sich seine Inspiration, was folgt sind eindrucksvolle Zeichnungen mit der er auf humoristische und kritische Weise auf aktuelle geopolitische Entwicklungen aufmerksam macht. Abeskas Skizzenbücher wirken wie ein Bild der Welt. Die Illustrationen und Inhalte seiner künstlerischen Kritik sind vielfältig, wie die Konflikte und Probleme auf dieser Welt. Er kombiniert kritische und narrative Botschaften mit Motiven – zu Papier gebracht durch spitze Feder statt spitzer Zunge. Dabei fehlt es nicht an der nötigen Sanftheit sowie der individuellen Note des Zeichners.

Ingo Abeska (c) Blog4Tickets

Ingo Abeska (c) Blog4Tickets

Gezeigt werden die beiden Ausstellungen bis 25. Jänner 2018.

Künstlerhaus KM–, Halle für Kunst & Medien
Burgring 2
8010 Graz
http://www.km-k.at/