Von Dichtern und Zigeunern – Liederabend im Musikverein

Der 3. Liederabend der Saison im Musikverein Graz bot ein vielseitiges Programm, das vor allem durch seine Vielfältigkeit hinsichtlich gesungener Sprachen außergewöhnlich und faszinierend werden konnte. Der aus Polen stammende Piotr Beczala wurde dabei vom in Graz allseits bekannten Helmut Deutsch am Klavier begleitet, der gewohnt souverän und gefühlvoll den großenteils herrlichen Gesang trug und unterstützte.

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(c) Musikverein Graz

Die erste Hälfte des Abends bot dem erwartungsvollen Publikum Robert Schumanns Dichterliebe, die für ihre teils hektischen, kurzen, aber auch gefühlvollen und romantischen Lieder bekannt ist. Vor allem die langsameren Stücke wurden berührend interpretiert („Im wunderschönen Monat Mai“, „Ich hab im Traum geweinet“), während jedoch so manches Lied, das vor allem von seiner Intensität und Wortgewalt lebt („Ich grolle nicht“, „Das ist ein Flöten und Geigen“, „Und wüssten’s die Blumen die kleinen“), einen Hauch zu glatt und vorsichtig vorgetragen wurde.

In der zweiten Hälfte des Konzertabends, die slawischen Gesang bot, wurde Piotr Beczala merkbar freier und sicherer und trug beherzt schönes Liedgut des weithin unbekannten polnischen Komponisten Mieczyslaw Karlowicz vor, ehe Antonín Dvoraks Zigeunerlieder (op. 55) in Originalsprache für einen zarten, angemessenen stilistischen Bruch sorgten. Den Abschluss bildeten Lieder Sergej Rachmaninows (auf Russisch), ehe drei Zugaben dem erfreuten Publikum geboten wurden, das am Ende vor allem Helmut Deutsch für seine jahrelange Tätigkeit im Musikverein nochmals gebührend Ehre erwies. Ein gelungener Liederabend!

Beethoven und Schostakowitsch – Konzert für Menschenrechte

Am 6. März fand im Grazer Stefaniensaal unter der Leitung von Dirk Kaftan das 6. Orchesterkonzert des Musikvereins statt, das als Konzert für Menschenrechte tituliert und mit einer politisch motivierten Ansprache von Altbürgermeister Alfred Stingl begonnen wurde. Nach jenen einleitenden Worten, Zitaten und wohlklingenden Aufrufen zur Menschlichkeit folgte endlich der erste Teil des musikalischen Programms des Abends, die Aufführung von Beethovens Tripelkonzert in C-Dur, op. 56, mit dem Grazer Philharmonischen Orchester und dem Trio Maisky (Sascha Maisky an der Violine, Mischa Maisky am Violoncello und Lily Maisky am Klavier), das erneut vollends überzeugen konnte.

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Trio Maisky (c) Musikverein Graz

Das schwierig zu spielende, da sehr leicht in befremdliche Klänge verführende Konzert wurde von dem Trio souverän und doch gefühlvoll vorgetragen und dabei von dem Orchester dezent und doch feurig begleitet, stets unter der von musikalischem Gespür zeugenden Leitung des sich in Hochform befindenden Dirigenten Kaftan. Spielerisch vollzog sich der Übergang des beginnenden Allegros über das berührend traurige Largo hin zum abschließenden Rondo, das von so viel geistreichem Geschmack, sinnlicher Freude und ernster Bejahung leidenschaftlichen Dranges zeugte, dass das Publikum gerührt und erfreut in die Pause gehen konnte, um dem angekündigten Höhepunkt des Abends zuzusteuern.

Schostakowitschs 7. Symphonie in C-Dur (op. 60), auch Leningrader Symphonie genannt, inmitten der Kriegswirren des Jahres 1941 uraufgeführt, dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet und von kriegerisch affektiertem Pathos durchzogen, schien trotz seiner schwierig zugänglichen Tonalität und vieler langatmiger Passagen das Grazer Publikum zu hehrer Freude und stehenden Ovationen zu verführen, ganz dem Geschmack der am Beginn des Abends stehenden Rede des Altbürgermeisters entsprechend. Inwiefern jedoch ein zwar anspruchsvolles und durchaus gelungenes Werk, das sich gegen „den Feind“, also den Faschismus, wendet, sich gleichzeitig aber – zumindest zeitgenössisch propagandistisch – einem totalitären System und einem Diktator verschreibt, etwas an einem Konzertabend für Menschenrechte zu suchen hat, sei dem kritischen Geist eines jeden selbst überlassen.

Im Großen und Ganzen war es also ein geglückter Abend, der vor allem dadurch überzeugte, dass zwei große Werke als herrliche Interpretationen dargebracht wurden und hierdurch ein faszinierendes und berührendes Orchesterkonzert gelingen konnte, das erfreulich lange nachzuwirken imstande war.

Das Mädchen sprach von Liebe – Schuberts Winterreise

Der zweite Liederabend der laufenden Saison des Grazer Musikvereins bot, nachdem man sich im Vorjahr über Die Schöne Müllerin freuen durfte, am 6. Februar den zweiten (vollendeten) Liederzyklus Schuberts dar – die Winterreise. Gary Matthewman begleitete den tschechischen Bassbariton Adam Plachetka am Klavier, dessen unwesentlich gebrochenes Deutsch beim Gesang nicht störte und an gewissen Stellen sogar einen eigenwilligen Reiz zu erlangen vermochte. Die 24 Lieder des allbekannten Zyklus, die auf Wilhelm Müllers Gedichten beruhen und die große romantische Kraft scheiternden Glückes musikalisch intensivieren und letztlich unterminieren, sind ebenso zeitlos wie sibyllinisch und daher für Neuinterpretationen gut geeignet.

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(c) Musikverein Graz

Die trostlose und nur selten von Hoffnung verzierte Reise durch die winterliche, von bildhaften und symbolträchtigen Elementen gesäumte Landschaft, die am Ende bei dem geheimnisvollen Leiermann endet – oder dort erst wirklich beginnt – wurde elegant, stilvoll und souverän von Matthewman und Plachetka dargebracht, ganz dem Ernst und Pathos der Vorlage entsprechend. An manchen Stellen schien die Interpretation etwas zu „glatt“ ausgefallen zu sein (Auf dem Flusse, Die Krähe), die Interpretation so manchen Liedes (z.B. Gute Nacht, Mut, Die Nebensonnen) gelang hingegen äußerst gut. Auch der Schmerz und die Zerrissenheit des verlorenen Wanderers wurde nicht bloß stimmlich, sondern auch gestisch und mimisch angemessen vermittelt, ohne zu überreizen. Und dass trotz stehender Ovationen am Ende auf eine Zugabe verzichtet wurde (was den Interpreten hoch anzurechnen sei), zeugt außerdem von der konservativen und derowegen gelungenen Vorstellung, die ganz ohne ausgefallene Neuerungen schlicht dasjenige bot, wofür man an diesem Abend in den Stefaniensaal gekommen war – Schuberts Winterreise.