Vom großen Generationenspalt und blonden Perücken

Man nehme: Fünf junge SchauspielerInnen, alle zwischen 11 und 12 Jahren alt, und stelle sie gemeinsam mit Manfred „Ossi“ Weissensteiner auf die TaO-Bühne.
Man bekommt: Einen erlebnisreichen Abend mit Bildern, die sich einprägen. Die Message hinter der skurrilen Szenerie lädt auch am Weg nach Hause noch zum Denken ein  – alles verpackt im derzeitigen TaO-Projekt „Prophezeiungen„.

Wenn das Aufbauen der Kulisse einen Teil des Stückes darstellt, ist man gewiss im TaO, dem Theater am Ortweinplatz. Auf den Schultern ein unhandliches Kreuz tragend, eröffnet der Theaterinhaber-und Gründer Manfred Weissensteiner als Protagonist den Abend. Den Zuseher noch immer im Unklaren lassend, beendet er die Aufbauarbeiten mit dem Verstreuen von Kreidesteinen und nimmt Apfelspalten-essend Platz. Kurzerhand versinkt die gesamte Bühne im Nebel, die Unklarheit nimmt Gestalt an. Wie ein Schauplatzwechsel, der den entschlossen-wirkenden Mann samt dem Publikum in eine unbekannte, schauererregende Atmosphäre entführen soll.

Der Schauer wird spätestens erregt, als die (in unserem Fall nur) vier jungen DarstellerInnen die Bühne betreten (Anouk Hagemann, Simon Mitrovic, Melanie Muhrer, Felicia Sobotka und Ronja Ulrych). Ohne eine Miene zu verziehen marschieren sie monoton und im Gleichschritt über die Bühne, sie wirken sicher aber ohne Ziel. Die Kostümierung scheint simpel; Anzugshose, weißes Hemd – und am Kopf eine blonde Perücke. Trotz der Einfachheit der Kleidung erfüllt diese ihren Zweck insofern, dass alle vier dasselbe tragen, dass alle gleich aussehen, ohne Abweichungen.

Diese Gleichheit spiegelt sich auch in den Taten und Gesten der „Wesen“ wieder. Macht’s einer, folgen die anderen. Egal, um was es sich handelt. Ob dies auf blindem Vertrauen, fehlender Selbstsicherheit oder Denkfaulheit beruht, ist unklar. Der Besucher hat selbst zu entscheiden, was der Grund sein möge, manch einer erkennt sich selbst vielleicht sogar wieder. Aber eines ist gewiss: Geheuer ist das, was auf dieser Bühne passiert, keinesfalls. Man wünscht sich, es würde endlich einer aus der Reihe tanzen. Wie im realen Leben?

So versucht der Mann, den Weissensteiner verkörpert, dieser Spezies unter allen Umständen näher zu kommen. Aufgezeichnete Erfahrungsberichte an seine Frau erläutern seine Befindlichkeiten und dienen zusätzlich als Verständnishilfe für das Publikum, denn Sprache kommt nur selten zum Einsatz.

Es ist ein Generationenkonflikt, der einem in diesem Stück vor Augen geführt wird. Anfangs nicht ganz augenscheinlich, wird dies im Laufe des Abends immer deutlicher. Die Absurdität, mit der diese „Spezies der neuen Generation“ von dem Mann behandelt und umschrieben wird, zeigt deutlich, wie groß die Lücke inzwischen sein muss. Der Regisseur Simon Windisch bemüht sich, in „Prophezeiungen“, eben diesen Spalt zu betonen, wobei die „Jungen“ dabei allgemein schlechter und unsympathischer wegkommen als die „Alten“. Alles in allem ein sehr imponierender Abend mit schaurig-schönen Kulissen und begabten SchauspielerInnen, die mit Leichtigkeit eine ganz eigene Atmosphäre auf die TaO-Bühne bringen.

Advertisements

Faust, mal anders

Einen Abend der gemischten Gefühle bekam man bei Claudia Bauers Inszenierung von „Faust:: Mein Brustkorb: Mein Helm“ im HAUS EINS des Grazer Schauspielhauses geboten. Zwischen amüsanten Pointen und schockierenden Bildern blieben die Erwartungen des Goethe-Enthusiasten aber unerfüllt.

Goethes Faust ist allgemein als dessen Lebenswerk bekannt, aufgrund der ständigen Aktualität des Kernthemas ist auch der grobe Inhalt weiträumig geläufig. So hat es hierbei jedoch keinen Zweck einen Vergleich zwischen der Originalversion und Werner Schwabs Fassung anzustellen. Hier und da erkennt man Bekanntes; Auerbachs Keller oder den übertrieben schlechten Einfluss Mephistos beispielsweise. Jene Elemente geben Anhalt in der chaotischen Welt Fausts, bei dessen Inszenierung oft der Anhalt fehlt.

So ist es größtenteils schwer, der Handlung zu folgen – auch wenn die grundsätzliche Materie bekannt ist. Dennoch bleibt der Zuschauer versiert, denn die schauspielerische Leistung der Darbietenden ist herausragend. Scheinbar ununterbrochen fließen Blut, Schweiß und Tränen bei Florian Köhler, da er mit Faust einen sichtlich unzufriedenen und psychisch labilen Mann darstellt. Skrupellos wird dieser ständig mit Verlockungen und dem negativen Einfluss durch Mephisto (Benedikt Greiner) belastet. Rot eingefärbt und szenenweise mit einem neuen, kunstvollen Kostüm bekleidet, weicht dieser nicht von Fausts Seite. Jan Hoffmann tritt als Prügelknabe Wagner auf, welcher dem Frust der Hauptfigur zwecklos ausgeliefert ist. Obszöne Szenen bestätigen seine Unterwürfigkeit, zu welcher er regelrecht gezwungen wird. Emotionslos und unbeteiligt gibt sich Henriette Blumenau als Margarethe, deren puppenartiges Erscheinungsbild ihre Rolle passend unterstreicht. Begleitet wird sie von der derben Marthe Schwerdtlein, gespielt von Julia Gräfner, die mit ihrer aussagekräftigen Mimik und ihrer Wandelbarkeit überzeugt. Das Sextett macht Raphael Muff, als dem Faust eindeutig unterlegener Gegner im Streit um die Margarethe, komplett.

Zu sechst verkörpern sie eine zeitgemäße Version von Goethes Hauptwerk. So spielt hier das Element des Videos und der richtigen Kameraführung eine wichtige Rolle, was zu einer modernen und erfrischenden Abwechslung zu klassischen Theaterstücken beiträgt. Auch mit der Sprache wird in Schwabs Variante gespielt. Rhythmische Sprechchöre und komplexe Konstruktionen beweisen Schwabs Eigenart. Im Takt des hörbaren Metrums prägt eine ganz eigene Sprache den Abend.

Mit zeitlich gut gesetzten Abweichungen von den Originaltexten nimmt Claudia Bauer in ihrer Version der Inszenierung das Publikum für sich ein, denn die Souffleuse Rosemarie Brenner wird inmitten des Stücks zu einer eigenständigen Figur. Damit löst die Regisseurin sämtliche Konventionen auf, dem Abend wird ein sympathischer Flair verliehen.
So stehen amüsante Szenen aber auch Momente des allgemeinen Unbehagens direkt nebeneinander; Eine Kombination, die die Aufmerksamkeit des Publikums sichert.

Fazit: Der Goethe-Enthusiast kommt nicht gänzlich auf seine Kosten, man vermisst klassische Züge. Nichtsdestotrotz entpuppt sich das Stück als erfrischende und amüsante Variante, die vom Publikum mit Standing Ovations belohnt wurde.

„Mal anders“ klingt klarerweise breit gefächert. Um  eine Ahnung davon zu bekommen, inwiefern sich dieses Stück von der klassischen Originalversion unterscheidet, klicken Sie hier.

EUROPE IS DONE!

Das HAUS ZWEI öffnet ab 17. Jänner 2018 wieder seine Pforten  und verwandelt das Grazer Schauspielhaus in einen Schauplatz von Problemen rund um – und vor allem in – Europa. Das Stück „Rest of Europe“ basiert auf den Gedanken und Beobachtungen der moldawischen Autorin Nicoleta Esinencu und liefert den Startschuss für ein zweiteiliges Projekt zwischen den Städten Graz und Chişinău.

Europe is done, Europa ist fertig. Eine Reise durch Unverschämtheiten und Katastrophen unserer wohl-gerühmten Union gibt Anlass für eben jenen Pessimismus der Autorin. Fünf Jahre nach Erhalt des Friedensnobelpreises werden Mauern wieder errichtet und das allgemeine Solidaritätsgefühl schwindet, stattdessen schmückt man sich mit leeren Phrasen.

Ein Haufen aus blauen Schläuchen bildet die Kulisse des Schauspiels und eine ideale Metapher für das derzeitige europäische System. Im Zusammenspiel mit den Schauspielern wirkt es auf diese wie Fesseln, bietet ihnen aber dennoch einen Polster, in den sie sich fallen lassen können. Die drei Schauspieler (Mathias Lodd, Mercy Dorcas Otiento und Tamara Semzov) verkörpern in ihrem Verwandlungstalent unterschiedlichste Persönlichkeiten, vom Politiker bis hin zum Käsebauern. Besondere Unterstützung erhalten sie dabei von Traian, welcher dem Stück durch seine moldawische Herkunft noch mehr Authentizität verleiht. Er erzählt die Geschichte eines moldawischen Studenten, welcher dem Geschehen im EU-Parlament durch Kellner-Arbeiten aus nächster Nähe folgen konnte. Seine preisgegebenen Beobachtungen gewähren dem Publikum exklusive Einblicke in den wahren Alltag unseres Regierungsmittelpunktes. Er erzählt von identitätsraubenden Uniformen und schlechtem Kaffee. Hauptsache war, das EU-Logo sprang einem ins Auge.

Ein ständig plötzlicher Szenenwechsel sorgt im Stück oft für Verwirrung, eröffnet aber die Möglichkeit, so viele Themen wie möglich zu behandeln. Und diese reichen von Rassismus über das Wegwerfen von Lebensmitteln, bis hin zu einem unverschämten Journalismus, der von der Mehrheit nicht nur akzeptiert, sondern auch mit offenen Armen empfangen wird. Jeder Moment wird von der überragenden spielerischen Darbietung der Schauspieler mit Emotionen angefüllt. Zum Gänsehautmoment kommt es, wenn sich die Beispiel-Geschichten als Wahrheit entpuppen, als tatsächliche und schockierende Ereignisse im europäischen Raum. Um die Realität der Dinge zu untermauern, wird zu jedem Exempel ein „beweisführender“ Internetlink angegeben.

Da Musik ja bekanntlich verbindet und die Handlung nicht intensiver auf Zusammenhalt und Solidarität plädieren könnte, stellt auch die musikalische Begleitung einen signifikanten Teil des Stückes dar. Traian repräsentiert nicht nur seine und Nicoleta Esinecus Heimat, sondern erweist sich auch als Musiker. In moldawischen Worten adressiert er seine persönlichen Gedanken und Beobachtungen an das Publikum. „Das ist es nicht, was mich deprimiert, sondern die Doppelstandards der Spezies, der ich angehöre.“, heißt es in einem der Rap-Songs. Genauer könnte er den Kern des Stückes wohl kaum treffen.

Intensive, treffende eineinhalb Stunden, die zum Nachdenken auffordern. An einigen Stellen bleibt der Zuseher im Unklaren über die dargestellte Situation aber die zentrale Message ist klar: Europa befindet sich in einer Art Pause von seinen grundsätzlichen Prinzipien, versucht den Schein jedoch mit aller Müh zu wahren. Aber done sind wir hoffentlich doch noch nicht!