Das Elevate steht vor der Türe.

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Vom ersten bis zum fünften März findet in Graz das Elevate Festival für elektronische Musik, Kunst und politischen Diskurs statt – erstmals seit seinem 13-jährigen Bestehen am Jahresanfang.

Der wolkenverhangene Himmel macht der Sonne Platz und die ersten Schneeglöckchen sprießen aus der Erde. Der Frühling ist nicht mehr weit! Doch unsere Vorfreude gilt nicht nur den steigenden Temperaturen und den wärmenden Sonnenstrahlen. Denn parallel zum Frühlingserwachen startet das Elevate Festival bereits Anfang März in die österreichische Festivalsaison.

 Vier Monate für einhundert Künstler.

Durch den frühen Termin blieben Daniel Erlacher, Bernhard Steirer und Roland Oreski lediglich vier Monate Zeit, um ein internationales Festivalprogramm auf die Beine zu stellen. Dabei entpuppten sich die Neuwahlen in Graz als eine Herausforderung für das Budget. Doch allen Hindernissen zum Trotz kann sich das Ergebnis sehen – und vor allem – hören lassen. Neben Diskurs und der Musik gibt es heuer einen zusätzlichen Fokus auf künstlerische Interventionen, Installationen und Vorträge.

„Die zeitliche Neupositionierung am Anfang des Jahres war für uns auch Inspiration für eine engere Verschmelzung von künstlerischem und inhaltlichem Programm, ein Ansatz der zukünftig noch ausgebaut werden soll“, so Steirer.

Insgesamt nehmen etwa 98 Künstler an den unterschiedlichen Veranstaltungen teil.

Wie jedes Jahr beschäftigt sich das Festival auch heuer mit einem übergreifenden Thema. Passend zu den jüngsten weltpolitischen Ereignissen dreht sich alles um „Big Data, Quantifizierung und Algorithmen“. „Algorithmen sind wie kleine Rezepte“, sagt Erlacher. „Sie bestimmen zunehmend, welche Information wir zu Gesicht bekommen“, so Ingrid Brodnig, Redakteurin des Nachrichtenmagazins Profil, die auch diesmal wieder am Festival mitdiskutiert. Das Diskursprogramm versorgt die Besucher mit technischem Hintergrundwissen, hinterfragt die Datensammlung von Konzernen und beschäftigt sich mit dem Phänomen „Fake News“.

Daten in falschen Händen.

Unbedingt empfehlenswert ist der Eröffnungsabend im Dom im Berg (Mittwoch, 1. März, ab 20:00– Eintritt frei!). Zahlreiche internationale Gäste geben dort einen Ausblick auf die bevorstehenden Tage. Die Eröffnungsrede hält der Internetkritiker und Bestsellerautor Evgeny Morozov. Der erst 32-jährige Weißrusse beschäftigt sich mit sozialen und politischen Auswirkungen digitaler Kommunikation. Er nimmt auch an einer Diskussionsrunde zum Thema „Smart Cities“ im Forum Stadtpark (Donnerstag, 2. März, ab 19:30 – Eintritt frei!) teil, die vom Sonar Festival aus Barcelona organisiert wird. Am selben Ort findet tags darauf (3. März, 20:00) eine weitere Diskussionsrunde statt. In Kooperation mit dem Insomnia-Festival werden die Quantifizierung der Natur und der weltweite Widerstand indigener Völker diskutiert. Zu Gast ist Aslak Holmberg, ein Vertreter der Sami-Ureinwohner Lapplands, deren Existenz durch kapitalistische Waldrodung bedroht ist. Menschenrechtsanwältin Renata Avila aus Guatemala vertritt ebenfalls die Anliegen indigener Völker in ihrer Heimat.

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Max Schrems (c) Lukas Beck/ Elevate

Was passiert, wenn Daten in die falschen Hände fallen? Zwei spannende Diskussionsrunden widmen sich am Sonntag, den 5. März (ab 17:00) dem Sammeln großer Datenmengen. Dazu diskutieren im Forum Stadtpark zuerst der österreichische „Facebook-Kläger“ und Jurist Max Schrems sowie die Grazer Journalistin Ingrid Brodnig. In der zweiten Runde berichtet Cian Westmoreland, ehemaliger US-Airforce-Soldat, von seinen erschütternden Erfahrungen im afghanischen Drohnenkrieg. Als er erfuhr, dass seine Maschinen den Tod von 200 Menschen verursacht hatten, quittierte er den Dienst. Er engagiert sich seither für Aufklärung und gegen den Krieg.

Es wird laut.

Mittwochabend wird das Elevate auch musikalisch eröffnet. Dabei trifft spanische Videokunst auf ein Konglomerat aus Wiener Elektro (Sixtus Preiss) amerikanischem Funk-Pop und Blockflöte. Donnerstagabend baut das literarische Cross-Over-Format hoergeREDE bei freiem Eintritt eine experimentalische Brücke zwischen Musik und Diskurs (Forum Stadtpark). „Superandome“, die Arbeit einer jungen Grazer Dramatikerin, erforscht Sprache als Instrument bei der Erschaffung und Destabilisierung sozialer Realitäten.

Für alle Nachtschwärmer und Fans der elektronischen Musik gibt es freitags und samstags die bewährten Konzert- und Clubhighlights in und rund um den Schloßberg, darunter die für ihre gender- und identitäspolitischen Konzeptalben bekannte nordeuropäische Künstlerin Jenny Hval, John Hopkins am Klavier, die amerikanische Synthie-Dark-Wave-Musikerin Tropic of Cancer sowie Clara Moto aus Österreich.

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John Hopkins (c) Elevate

Beim Abschlusskonzert erwartet die Besucher hochenergetische Musik vom Wiener Rockjazz-Trio Radian sowie vom portugiesischen Freejazz-Trio Hungtai/Maranha/Ferrandini. In einem dröhnenden Finale bringt der US-Gitarrist Stephen O’Malley die Wände schließlich ein letztes Mal zum Beben.

Technik kreativ nutzen.

Erstmals dabei sind in diesem Jahr die künstlerischen Installationen, die sich wiederum den Themen Algorithmen und Selbstermächtigung widmen.

Am Samstag (4.03., ab 12:00) gibt es dazu zahlreiche Workshops, darunter einen Wikipedia-Workshop für Frauen. Weibliche Inhalte befinden sich auf der Wissensplattform in der Minderheit. Das will der Workshop ändern und lädt daher Frauen in das Kulturzentrum ein, um sich dort im Schreiben eigener Beiträge zu üben. Im Anschluss daran (Forum Stadtpark, 15:30) kann man an einem Stadtrundgang zum Thema Algorithmen im öffentlichen Raum teilnehmen.

Absolute Highlights am Samstag sind schließlich die Installationen Speculative Capital von Manuel Beltrán sowie Drone Shadow von James Bridle. Indem er den Umriss einer Drohne in Originalgröße auf öffentlichen Plätzen nachzeichnet, macht der britische Künstler die Schatten dieser unsichtbaren Kriegsführung für die Bevölkerung sichtbar.

Alle Kunstwerke können ab der Eröffnung am Samstag noch eine Woche lang besichtigt werden.

Fazit: Ein weltbewegendes Festival – und das vor der eigenen (Grazer-) Haustüre. Wer nicht hingeht, ist selbst schuld. Einziger Wehrmutstropfen: der Zeitpunkt der Veranstaltung. Anfang März befinden sich viele Studenten noch in ihren wohlverdienten Semesterferien.

Neugierig geworden? Hier geht es weiter zum  Programm des Festivals.

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Der Fluch des Fremdseins

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An die Wand geschraubte weiße Blöcke. Menschen, die sich von Würfel zu Würfel angeln. Eine Kamera, die dieses Szenario aus der Vogelperspektive erfasst und auf die Leinwand überträgt.

Von oben betrachtet krabbeln die Protagonisten orientierungslos zwischen den Trümmern umher, eingezwängt in einen Käfig. Was hier passiert, ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hindernissen, eine düstere Vorahnung auf das, was kommt.

Denn auch in dem Stück von Ayad Akhtar sind die Darsteller letztendlich Gefangene: ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung, eines Systems.

(c) Lupi Spuma

Wo ist dein Platz? Es geht nur entweder oder. Man kann nicht beides sein.

Seine doppelte Identität macht Amir (Benedikt Greiner) schwer zu schaffen. Er ist ein aufstrebender New Yorker Anwalt, der sein Gehalt gern in exklusive Markenhemden investiert und die Existenz seiner pakistanischen Geburtsurkunde verleugnet. Verheiratet ist er mit der liberalen Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), die unter dem Deckmantel der Kunst mit Kopftuch und Islam kokettiert: „Der Islam ist ein Teil von dem was wir sind. Aber wir wissen es noch nicht einmal.“ Emily´s Faszination für orientalische Lebensformen stößt bei Amir auf Unverständnis. Er hat sich von seinem Glauben längst abgewandt, bezeichnet den Koran als Hassbrief und den Islam als Wüstenreligion, der sich Muslime bedingungslos unterwerfen. Nur unter großem Widerstreben erklärt er sich dazu bereit, einen zu Unrecht beschuldigten Imam vor Gericht zu vertreten.

An diesem Punkt beginnt die Stimmung zu kippen. Als die Anwaltskanzlei von Amir´s wahrer Idenität erfährt, findet seine Karriere ein jähes Ende. Beim gemeinsamen Abendessen mit einem jüdischen Kurator und seiner afroamerikanischer Ehefrau (Mercy Dorcas Otieno) gesteht diese, ungerechterweise anstelle von Amir befördert worden zu sein.

Dessen Lebenstraum zerplatzt wie eine Seifenblase. Aus der Party entsteht ein Streit, bei dem die vier Lebenswelten miteinander kollidieren und Vorurteile hervorbrechen.
Amir erfährt, dass er nicht nur von seiner Kanzlei sondern auch von Emily betrogen wurde. Er verliert die Kontrolle und wird zum gewalttätigen Ehemann, der er niemals werden wollte.

Indes scheint sich die Behauptung seines Bruders Abe (Pascal Goffin) zu bewahrheiten. Die Welt ist nicht neutral, dazugehören werden sie nie.

„Sie haben uns geächet!“ , schmettert Abe in den Raum. „Und jetzt tun sie so, als würden sie unseren Zorn nicht verstehen.“

Die Stimmung im Saal ist bedrückend, als sich ein Lichtkegel auf Amir richtet, der nun alleine auf einem weißen Würfel in der Mitte des Raumes sitzt und seine Tränen nicht weiter zurückhalten kann.

Vielleicht ist es das Resümee dieser grandiosen Inszenierung: die Unvereinbarkeit zwischen dem Fluch der Fremdheit und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dieses Stück gibt wenig Hoffnung sondern bohrt sich vielmehr tief in unser Gewissen.
Ein zutiefst bewegendes Meisterwerk.

Bewegende Erschöpfungsperformance

Wer nichts leistet, verliert. Wer alles kontrollieren will, ist verloren.

In der modernen Performance von Simon Windisch trainieren fünf Jugendliche verbissen für den Erfolg und zahlen dafür einen hohen Preis.

Mit „Beißen“ lädt das TaO zu einer Burnout-Schocktherapie. Die Zuseher nehmen auf einer Tribüne Platz und haben freie Sicht auf das Spielfeld. Dort bewegen sich die Protagonisten im Gleichklang mit einem immer schneller schlagenden Metronom. Sie alle brennen für ihre Disziplin: das Ballett, die Schwimmhalle, den Kampfsport und das Computerspiel.
Das Tempo steigert sich von Minute zu Minute. Lichter flackern auf, die Beats hämmern sich in die Köpfe aller Anwesenden und das Adrenalin lässt das Blut schneller durch den Körper zirkulieren.

Die Jugendlichen schnaufen und schwitzen. Ein Lächeln kommt ihnen dabei kaum über die Lippen. Schon bald wird aus dem Training bitterer Ernst. Beim Anblick der nunmehr Süchtigen läuft es dem Publikum kalt über den Rücken. Auf der Bühne stehen sie ihren lebensgroß auf die Wand projizierten Spiegelbildern gegenüber. Akribisch analysieren sie jedes kleinste Detail ihrer Bewegungen. Sie reichen ihrem Video-Gegenüber die Hand und verlieren dabei alles andere aus den Augen. Eine erschütternde Analogie für den Narzissmus unserer ambitionierten Gesellschaft.

Schwäche zeigen? Gibt es nicht.

beissentao_c.nestroy_m3.jpgFoto: (c)  C. Nestroy

Selbst als ihre Hosen nach unten rutschen und sie sich unfreiwillig vor dem Publikum entblößen, machen die fünf Einzelkämpfer weiter. Wie ein Mantra wiederholen sie die Worte des Profischwimmers Michael Phelps:„I think that´s the biggest thing, it´s how strong you can be mentally. I think that´s what separates the good from the greatest.“

Eine kurze Trainingspause lässt die Sehnsucht der viel zu erwachsenen Jugendlichen erahnen. Die Boxerin (Magdalena Hanetseder) greift zu ihren Kopfhören und entflieht dem Zwang mit einem kitschigen Schlager. Die Schwimmerin (Alexandra Schmidt) und die Balletttänzerin (Tatjana Walter) planschen unbeschwert mit Mineralwasser. Als ihr Sportskamerad (Alexander Wychodil) auf dem feuchten Boden stürzt, hat das kindliche Spiel jedoch ein jähes Ende.

Nach einer kurzen Eskalation in der Computerspielewelt (Mirjam Hameter) können die Jugendlichen ihre Erschöpfung schließlich kaum mehr verbergen. Die Videoprojektionen nutzen diesen Moment der Schwäche und greifen zur Chipstüte.

Endlich schafft es eine, sich loszureißen: Die Sportlerin entledigt sich der Sneakers und verlässt abrupt die Bühne. Die Anderen starren hilflos hinterher. Bis auf die Ballettänzerin: Sie dreht weiter ihre Pirouetten, wie ein Kreisel, der niemals zur Ruhe kommt. Dem Zuseher wird schmerzhaft klar: Ihr Feuer ist längst erloschen.

Das geht unter die Haut – und so mancher ehrgeizige Zuseher erkennt sich aufgewühlt in dem selbst auferlegten Leistungsdruck wieder.

Sehenswert!

Beissen, Theater am Ortweinplatz, 28.03-19.00, 29.03.-12.00, 31.03.-19.00, 03.04-12.00,05.04-19.00. Tel.: 0316/84609420, office@tao-graz.at.