Marry the man today and change his ways tomorrow

Endlich, nach rund 70 Jahren ist es soweit. Guys and Dolls, der allseits bekannte Broadway Klassiker von Damon Runyon und Frank Loesser hat es auf die Grazer Opernbühne geschafft. Die lebhafte Inszenierung von Henry Mason ist ein Muss für jeden Musicalbegeisterten.

New York, Mitte des 20 Jahrhunderts. Während die gutgläubige Missionsleiterin Sarah Brown, gespielt von Johanna Spantzel, verzweifelt versucht die armen Sünder des Broadways davon zu überzeugen, das Glücksspiel hinter sich zu lassen, hat der Würfelspielorganisator Nathan Detroit, gespielt von Rob Pelzer, ein ganz anders Problem. Er ist auf der Suche nach einen neuen Veranstaltungsort für seine nächtlichen Eskapaden. Doch dafür braucht er erstmal einen ganzen Haufen Geld. Zum Glück ist der größte Spieler von allen, Sky Masterson (Christof Messner), gerade in der Stadt. Mit dem Wissen, dass dieser niemals eine gute Wette ausschlägt, fordert Nathan ihn dazu heraus die religiöse Sarah davon zu überzeugen, mit nach Havanna zu reisen. Währenddessen wird Nathans langjährige Verlobte Miss Adelaide, gespielt von der wunderbaren  Bettina Mönch, von einem ganz anderen Problem geplagt. Schnupfen. Ausgelöst entweder von den knappen Kostümchen die sie als Fronttänzerin in der „Hotbox“ immer trägt, oder vielleicht doch aufgrund der Frustration nach 14 Jahren immer noch verlobt zu sein.

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© Werner Kmetitsch

Wie so oft im Leben kommt nichts wie geplant. Sarah fliegt doch mit nach Havanna, Sky erkennt das er mehr will vom Leben als das Glücksspiel, Adelaide hat endlich genug vom Warten und Nathan möchte seine Verlobte nicht verlieren. Am Ende erkennt vorallem Nathan, dass ein bisschen Veränderung dem Leben nicht schadet sondern es sogar besser machen kann.

Wie es so schön in der Stückeinführung gesagt wurde, bei Guys and Dolls handelt es sich um das perfekte Musical. Schwungvolle und abwechslungsreiche Musik (Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Julian Gaudiano), fabelhafte Kostüme (Daria Kornysheva), fantastische Tanzeinlagen (Francesc Abós )und liebenswerte Charaktere mit humorvollen Dialogen.

Mehr Informationen und weitere Termine gibt es hier.

Dürrenmatts Physiker*Innen

Bis Anfang Februar kann man im Schauspielhaus Claudia Bossards Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ besuchen. Ein Muss für jeden der auf bunte Farben, gute Musik und Rollschuhe steht.

Man betritt den Saal und das erste, das einem ins Auge fällt, ist die Leiche der Krankenschwester, reglos auf der Bühne. Noch bevor der Vorhang aufgeht fragt sich jeder, der mit dem Inhalt von „Die Physiker“ etwas vertraut ist, müsste hier nicht eigentlich eine Frau auf dem Boden liegen?

Frauen in traditionellen Männerrollen sind schon lange keine Seltenheit mehr. Weshalb sich die Regisseure dazu entscheiden kann oft mehrere Gründe haben. In diesem Fall wird schnell klar was damit bezweckt werden soll. Frauenrollen, speziell bei klassischen Stücken, fallen immer wieder in die traditionellen Muster. Oftmals haben sie wenig Tiefgang und ihre einzige Charaktereigenschaft ist die hoffnungslose Liebe oder ein ähnlicher Stereotyp. Sie sind Accessoires in schönen Kleidern, meistens in der Unterzahl. Somit fällt es auf, wenn auf einmal fünf laute Frauen zur gleichen Zeit auf der Bühne stehen.

Männer in Frauenrollen sieht man eher weniger und wenn dann meistens überspitzt. Ein weiterer Grund, warum dieses Stück so überzeugt, ist, dass auf pompöse Perücken, übertriebenes Make-up und ausgestopfte BHs verzichtet wurde. Die Herren, allen voran natürlich Andri Schenardi als Doktor Mathilde von Zahnd, geben sich Mühe ihre Figuren nicht ins Lächerliche zu ziehen und das fällt auf.

Genug von de Gesellschaftskritik und zurück zum Stück. Der nächste Blickfang gleich am Beginn ist die in steril weiß und türkis gehaltene Kulisse(Frank Holldack). Mit der Zeit fällt diese Stück für Stück auseinander, die Grenzen zwischen davor und dahinter verschwimmen und das Chaos ist perfekt.

Bei den Kostümen (Elisabeth Weiß) wurde auch eine Interessante Wahl getroffen. Speziell die Uniformen der Schwestern (Matthias Ohner, Frieder Langenberger) und die der Frau Doktor, elegant, androgyn und im Türkis der Sanatoriums Wand gehalten. Die bunten und legeren Jogginganzüge der Insassen des Privatsanatoriums „Les Cerisiers“ stehen hierzu im direkten Kontrast und lassen Freirau für Interpretation.

Die drei Damen überzeugen in den Rollen und in ihren Jogginghosen. Das erste Vergnügen beschert uns Julia Franz Richter als „Newton“. Mit vollem Körpereinsatz und lauter Stimme führt sie uns in die Welt der Sanatoriums Insassen. Bald darauf gibt Einstein (Tamara Semzov) gemeinsam mit dem Fräulein Doktor ein Rollschuhduett zu David Bowies „Heros“ zum Besten. Der Physiker, der am längsten auf sich warten lässt ist Möbius (Sarah Sophia Meyer). Dieser stellt sich erst vor, als seine Exfrau (Oliver Chomik) mit den Kindern zu Besuch ist um sich zu verabschieden. Leider endet das ganze eher unschön. Die drei Physiker  bemühen sich stark die Welt glauben zu lassen sie wären verrückt, sie haben sich nur bei den Krankenschwestern etwas verrechnet…

Die Musikalische Untermalung (Paul Öllinger) spielt in diesem Stück eine sehr große Rolle. Abwechslungsreich und dennoch passend. Auffallend hierbei ist nicht nur, dass die Musiker direkt in das Stück eingebunden werden, sondern auch, dass zwei von drei ebenfalls dem weiblichen Geschlecht angehören (Alice Peterhans, Anna Tropper-Lener).

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© Johanna Lamprecht

Unglücklicherer Weise geht durch die ganze Aufregung, der Musik und den Maschinengewehren ein bisschen der Sinn des Ganzen verloren. Die tiefer sitzenden Motive und die Kritik an der Menschheit (und wie sie mit Wissen umgeht) verlieren sich leicht im Pulverdampf. Dennoch, ein sehr empfehlenswertes Stück.

Weitere Informationen zum Stück unter:

Die Physiker

„Rote Haar‘ zeigen immer von ein‘ fuchsigen Gemüt, von einem hinterlistigen“

Derzeit wird im Schauspielhaus Graz Johann Nestroys Posse „Der Talisman“ unter der Regie von Dominique Schnizer aufgeführt. Der zeitlose Klassiker wurden neu inszeniert und mit einigen zeitgemäßen Anspielungen ausgestattet.

Das Stück beginnt mit einer trinkenden Dorfgemeinschaft, die sich am Weg zum Kirchtag befindet. Als sich die rothaarige Gänsehüterin Salome (Sarah Sophia Meyer) der Gesellschaft anschließen möchte, wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass ihre Haarfarbe sie auf ewig davon abhalten wird eine anständige und ehrbare Frau zu sein und kein Mann sich je freiwillig mit ihr Blicken lassen würde. Mit dem Rotschopf Titus Feuerfuchs (Clemens Maria Riegler) aus der Stadt scheint sie einen Leidensgenossen gefunden zu haben, doch schnell wird klar, der gewitzte und charismatische junge Mann hat andere Pläne. Mithilfe seines Talismans bewirbt er sich um eine Stelle bei der feinen Frau von Cypressenburg (Christiane Roßbach). Bei seinem Glücksbringer handelt es sich um eine rabenschwarze Perücke, die er vom örtlichen Friseur Monsieur Marquis (Franz Solar) aus Dankbarkeit erhalten hatte. Mit seiner neuen Haarpracht fällt es ihm plötzlich leicht Frauenherzen zu erobern und sich gesellschaftlich nach oben zu arbeiten. Doch sein Glück währt nicht ewig und der ganze Schwindel fliegt auf.

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©Lupi Spuma

 

Zwischen den Zeilen

Hinter der scheinbar trivialen Handlung steckt ein ernsthafter Kern. Wie bereits erwähnt, wurden dem Stück einige zeitgenössische Aspekte hinzugefügt. Weshalb sich dieses Stück besonders gut eignet um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, liegt auf der Hand. Der Mensch hat sich seit dem 19. Jahrhundert in gewissen Bereichen scheinbar ganz und gar nicht verändert.

Den ersten gegenwartsbezogenen Beitrag finden wir gleich am Beginn des Stückes. Salome gibt eine Gesangseinlage zum Besten. In dieser beklagt sie sich, wie weit Männer es doch bringen können trotz, oder gerade aufgrund, ihres frevelhaften Verhaltens. Sie bricht ihr Solo allerdings abrupt ab, bevor ihr beinahe ein anstößiges Synonym für das weibliche Geschlechtsteil über die Lippen rutscht, gepaart mit einer eindeutigen Geste während im Hintergrund die Melodie der amerikanischen Nationalhymnen ertönt. Auf wen sich diese Anspielung wohl bezieht?

Nachdem ein weiters Lied zur Melodie von Katy Perry’s Hot’n’Cold gesungen wird, kommt auch die Österreichische Politik auf ihre Kosten. Kurz vor Schluss wird dem Parteivorsitzenden der Volkspartei sehr subtil geraten, erst die Pubertät abzuschließen bevor er sich als Bundeskanzler versucht.

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©Lupi Spuma

Zusammenfassend handelt es sich hierbei um eine ausgezeichnete Neuinszenierung mit fabelhaften Schauspielern und einem Funken Hoffnung. Diskriminierung aufgrund der Haarfarbe empfinden wir heutzutage als nahezu lächerlich. So scheinen wir uns zumindest auf dieser Ebene etwas weiterentwickelt zu haben. Jetzt können wir nur noch abwarten und hoffen, dass sich Diskriminierung bezüglich der Hautfarbe, oder anderen Merkmalen ebenso lächerlich anfühlt.