„Rote Haar‘ zeigen immer von ein‘ fuchsigen Gemüt, von einem hinterlistigen“

Derzeit wird im Schauspielhaus Graz Johann Nestroys Posse „Der Talisman“ unter der Regie von Dominique Schnizer aufgeführt. Der zeitlose Klassiker wurden neu inszeniert und mit einigen zeitgemäßen Anspielungen ausgestattet.

Das Stück beginnt mit einer trinkenden Dorfgemeinschaft, die sich am Weg zum Kirchtag befindet. Als sich die rothaarige Gänsehüterin Salome (Sarah Sophia Meyer) der Gesellschaft anschließen möchte, wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass ihre Haarfarbe sie auf ewig davon abhalten wird eine anständige und ehrbare Frau zu sein und kein Mann sich je freiwillig mit ihr Blicken lassen würde. Mit dem Rotschopf Titus Feuerfuchs (Clemens Maria Riegler) aus der Stadt scheint sie einen Leidensgenossen gefunden zu haben, doch schnell wird klar, der gewitzte und charismatische junge Mann hat andere Pläne. Mithilfe seines Talismans bewirbt er sich um eine Stelle bei der feinen Frau von Cypressenburg (Christiane Roßbach). Bei seinem Glücksbringer handelt es sich um eine rabenschwarze Perücke, die er vom örtlichen Friseur Monsieur Marquis (Franz Solar) aus Dankbarkeit erhalten hatte. Mit seiner neuen Haarpracht fällt es ihm plötzlich leicht Frauenherzen zu erobern und sich gesellschaftlich nach oben zu arbeiten. Doch sein Glück währt nicht ewig und der ganze Schwindel fliegt auf.

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©Lupi Spuma

 

Zwischen den Zeilen

Hinter der scheinbar trivialen Handlung steckt ein ernsthafter Kern. Wie bereits erwähnt, wurden dem Stück einige zeitgenössische Aspekte hinzugefügt. Weshalb sich dieses Stück besonders gut eignet um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, liegt auf der Hand. Der Mensch hat sich seit dem 19. Jahrhundert in gewissen Bereichen scheinbar ganz und gar nicht verändert.

Den ersten gegenwartsbezogenen Beitrag finden wir gleich am Beginn des Stückes. Salome gibt eine Gesangseinlage zum Besten. In dieser beklagt sie sich, wie weit Männer es doch bringen können trotz, oder gerade aufgrund, ihres frevelhaften Verhaltens. Sie bricht ihr Solo allerdings abrupt ab, bevor ihr beinahe ein anstößiges Synonym für das weibliche Geschlechtsteil über die Lippen rutscht, gepaart mit einer eindeutigen Geste während im Hintergrund die Melodie der amerikanischen Nationalhymnen ertönt. Auf wen sich diese Anspielung wohl bezieht?

Nachdem ein weiters Lied zur Melodie von Katy Perry’s Hot’n’Cold gesungen wird, kommt auch die Österreichische Politik auf ihre Kosten. Kurz vor Schluss wird dem Parteivorsitzenden der Volkspartei sehr subtil geraten, erst die Pubertät abzuschließen bevor er sich als Bundeskanzler versucht.

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©Lupi Spuma

Zusammenfassend handelt es sich hierbei um eine ausgezeichnete Neuinszenierung mit fabelhaften Schauspielern und einem Funken Hoffnung. Diskriminierung aufgrund der Haarfarbe empfinden wir heutzutage als nahezu lächerlich. So scheinen wir uns zumindest auf dieser Ebene etwas weiterentwickelt zu haben. Jetzt können wir nur noch abwarten und hoffen, dass sich Diskriminierung bezüglich der Hautfarbe, oder anderen Merkmalen ebenso lächerlich anfühlt.

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Von Lippenstift und Kokosnüssen

Derzeit wird im Haus Zwei des Schauspielhauses das Stück „Orlando“ nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf aufgeführt. Unter der Regie von Jan Stephan Schmieding erzählen die Schauspieler Henriette Blumenau und Mathias Lodd die Lebensgeschichte einer der wohl charismatischsten Figuren der Literatur.

Mit Glaskästen und großem weißen Tuch

Das Bühnenbild scheint simpel und kompliziert zugleich. Zu sehen sind mehrere Glaskästen, die stark an ein Museum erinnern. Unter jenen befinden sich, scheinbar wahllos verstreut, verschiedene Gegenstände. Wie sich im Laufe des Stückes herausstellt, hat jedes einzelne Taschentuch seine ganz bestimmte Bedeutung, die während der Vorstellung variieren kann. Ein Beispiel dafür sind die Kokosnuss oder das große weiße Tuch, das anfangs die gesamte Bühne bedeckt. Zuerst dient es als Bettdecke, dann wieder als stürmische See, bis es letztendlich als Rock seine finale Bedeutung findet.

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(c) Lupi Spuma

Ein Leben, mehrere Epochen

Ein elisabethanischer Adeliger namens Orlando verfällt während der kleinen Eiszeit einer russischen Gräfin namens Sasha. Als diese ihn nach einer kurzen, aber intensiven Affäre wieder verlässt, zieht sich Orlando in sein Landhaus zurück und versucht sich abermals als Schriftsteller. Um einer ungebetenen Verehrerin zu entfliehen, lässt er sich anschließend als Botschafter nach Konstantinopel versetzen. In dieser Stadt fällt der junge Mann in einen mehrtägigen Schlaf, aus dem er schließlich als Frau erwacht. Weder wird der Grund für diese mysteriöse Verwandlung weiter erläutert, noch führen die veränderten Umstände zu gröberen Komplikationen. Mit der Rückkehr nach London beginnt Orlando ihr Leben nun in vollen Zügen zu genießen. Tagsüber als Frau, nachts manchmal auch als Mann. Eine Nebenwirkung der plötzlichen Geschlechtsumwandlung scheint Unsterblichkeit zu sein. Die immer noch 36 Jahre alte Orlando entscheidet sich zum Beginn der viktorianischen Ära, mehrere hundert Jahre nach ihrer Verwandlung, für eine Heirat mit einem Kapitän. In dieser Epoche kommt es nun auch zur Veröffentlichung ihres Gedichtes „Die Eiche“. Dieses Werk hatte sie in ihrer Jugend begonnen zu schreiben und mehrere Jahrhunderte lang daran gearbeitet. Sie trug es immer bei sich und mit der Vollendung tritt eine gewisse Leere in ihr Leben.

Das Stück endet ursprünglich im Jahr seines Erscheinens 1928. Mit seinen nach wie vor aktuellen Themen wie Identitätskonflikt und gesellschaftliche Strukturen lässt sich allerdings ein Bezug bis in die Gegenwart herstellen.

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(c) Lupi Spuma

431 Jahre in knapp zwei Stunden

Um eine solche Zeitspanne auf die Bühne zu bringen, muss man mit einigen Tricks arbeiten. So werden manche Ereignisse mit einem einzelnen Requisit dargestellt. Die Schauspieler erzählen die Geschichte dieser einzigartigen Figur und zeigen dabei vollen Körpereinsatz. Ob sie waghalsig von einer Glasplattform zur nächsten springen, oder kopfüber von der Decke hängen, alles läuft perfekt koordiniert ab. Auch kurze Gesangseinlagen und kleine Exkursionen in die Gegenwart sorgen für Abwechslung. So wird das Kennenlernen von Orlando und dem Kapitän Marmaduke schnell und einfach mit dem Lied „Time’s a Wastin‘“ von Johnny Cash und June Carter dargestellt. Wer an einer ungewöhnlichen Reise durch die Epochen und einer faszinierenden Persönlichkeitsentwicklung interessiert ist, kann mit „Orlando“ nichts falsch machen.

Mehr Informationen unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/orlando