Was bleibt? (Wenn nichts bleibt)

Die rosa Brille sitzt gut, sie sieht am Unglück vorbei. Doch nicht zu Weihnachten. Denn dann wird im Grazer Schauspielhaus Peter Turrinis „Josef und Maria“ inszeniert – ein Rührstück par excellence.

Heilig Abend im Kaufhaus: Maria ( Margarethe Tiesel) ist Gelegenheitsputzfrau. Josef (Franz Solar) dreht als Wachmann seine Runden. Sie kennen einander nicht. Trotzdem eint sie vieles. Ihr fortgeschrittenes Alter zum Beispiel. Und: Beide sind Aushilfen. Denn das Leben ist hart, die Pension ist klein. Für ein paar Netsch bleiben sie, während die anderen längst gegangen sind. Sie sind Rädchen im System, bleiben unsichtbar, von der Gesellschaft nicht weiter beachtet („Für die anderen ist man nur ein Stück Dreck“), in bodenloser Einsamkeit verbunden.

Doch genau dort, wo viele wegsehen, setzt Michael Schilhan (Regie) an und spendet mit Peter Turrinis „Josef und Maria“ Licht, wo sonst gewöhnlich Schatten ist. Passend dazu erleuchtet ein Meer an Lichterketten den Bühnenhimmel (Anne Marie Legenstein).

Im Kern richtig und wichtig

Es sind Schilderungen aus dem Schatten des Wohlstands, die diesen Abend prägen. Josef und Maria sind Opfer ihrer Verhältnisse: ausrangiert und am sozialen Abstellgleis geparkt und vergessen. Was hier im Laufe des Abends gelingt, sind Charakterzeichnungen in all ihrer Vielfalt. Mit leidenschaftlichen Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten. Und der Gewissheit: Maria und Josef, das sind zwei mögliche Schicksale von vielen. Denn was alles überschattet, ist nicht die persönliche Ebene, es ist die strukturelle: das Prekariat wächst.

Einen feinen Gegenpol bildet das Kaufhaus-Setting, das schon vor Beginn der Vorstellung mit Werbejingles (über Rollschinken und Knochensägen) bespielt wird. Doch Margarethe Tiesel und Franz Solar stemmen sich gegen den Turbokapitalismus, räumen ihren Figuren Platz zum Innehalten ein. Kurz: Die selbstauferlegten Masken fallen, eine Sinnsuche beginnt. Wer sind Josef und Maria, wenn sie ihre Arbeitskleidung abstreifen? Wie entwickeln sich diese Menschen, wenn man ihnen Raum lässt, zumindest für ein paar Momente wieder ins eigene Leben involviert zu sein? Welche Wünsche haben sie? Wovon träumen sie nachts?

In kleinen Schüben entsteht dadurch das große Glück. Es ist nicht schwer, geht es doch um das kleine Einmaleins des Miteinanders. Ein Stück weit Achtsamkeit füreinander. Respekt und Anerkennung. Eine warme Umarmung zur richtigen Zeit.  Und das Publikum? Das bedankt sich für das Weihnachtswunder im Warenhaus mit Beifall und Standing Ovations. Kein Wunder. „Josef und Maria“ besticht nicht nur mit leisen Momenten. Das Stück  ist als Ganzes ein kleiner Hoffnungsträger gegen die Einsamkeit.

„Josef und Maria“. Schauspielhaus Graz, Haus Eins. Termine: Sa, 11. Jän 19:30 – 21:15 Uhr; So, 12. Jän 15:00 – 16:45 Uhr; Fr, 17. Jän 19:30 – 21:15 Uhr

Die Gewalt der Idee

Schauspielhaus Graz: In Pedro Martins Bejas „Kinder der Sonne – The Sun Is A Dead Star“ lassen die Studierenden vom Institut für Schau­spiel der Kunst­uni­ver­si­tät Graz überwältigenden Weltschmerz auf eine blasse Optik prallen.

Die Privilegierten sitzen im Bunker. Ihr eigener kleiner Raum – losgelöst von jeder Sinnhaftigkeit. Dort, wo selbst Kriege von oben schön aussehen und die Herzen schon längst kalt geworden sind. Ausgangspunkt ist Maxim Gorkis Fassung aus dem Jahr 1905, in der die empathische Jugend in Zeiten des Aufruhrs mit der eigenen Unsicherheit ringt. Im Haus Zwei des Schauspielhauses werden die sieben Schauspielstudierenden von Regisseur Pedro Martin Beja jedoch in Richtung Zukunft geschickt. Inklusive düsterer Aussicht.

Kinder der Sonne_2

(c) Lupi Spuma

Allen voran der Forscher Pawel: Getrieben von der Idee, dass es einzig und alleine der Fortschritt ist, der Bestand hat. Und wenn die von ihm geschaffene künstliche Intelligenz nicht die Lösung ist, was dann? Seine Frau Jelena ist da anders. Sie verliert sich in der Kunst während seine Schwester Lisa den Schmerz der Welt auf ihren Schultern trägt. Den anderen geht es auch nicht besser, denn wenn man das Gemeinsame über das Trennende stellt, bewegen sie sich alle unter der glühend heißen Sonne, die wie ein Damoklesschwert über der Situation hängt. Und während die Gemüter auf Grund der Debatte über die Zukunft der Menschen immer mehr erhitzen, schippert das Ende der Geschichte immer weiter Richtung Unheil…

 

Es sind Sequenzen wie aus einem schrägen Traum, die in „Kinder der Sonne“ aneinandergereiht werden. Zudem wird wenig gehandelt, viel gesprochen und im Zweifelsfall noch mehr gebrüllt. Zugegeben, es braucht eine Weile, bis das blasse Treiben der  pastellfarbig Kostümierten volle Fahrt aufnimmt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass jeder der sieben Charaktere sein eigenes, nicht sofort nachvollziehbares, Motiv verfolgt.
Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine fesselnde Dystopie, die es auf Grund der zeitweise sehr poetischen Sprache und  dem vollen Einsatz der Agierenden doch noch schafft unter die Haut zu gehen und dort noch lange bleibt.

Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

Mit: Berenice Heichel, Frieder Langenberger, Mario Lopatta, Lukas Schöttler, Hanh Mai Thi Tran, Leontine Vaterodt, Kevin Wilke

„Nachklang“: Das Opern-Special für Studierende

Wenn der letzte Vorhang gefallen, das letzte „Bravo!“ gerufen und der Applaus verklungen ist, wird’s bei uns gemütlich. Lasst eure Mäntel an der Garderobe hängen, trinkt noch etwas mit uns und kommt ins Gespräch mit ganz besonderen Gästen! Profis vor und hinter der Kulisse garantieren spannende Einblicke. Feedback und Fragen erwünscht! Tickets um 8€ gibt es nach Anmeldung unter operaktiv@oper-graz.com oder 0316 80081452.

Termine
25.10.17
G. Verdi: Il Trovatore (Oper)
29.11.17
W. A. Mozart: Le nozze di Figaro (Oper)
20.12.17
J. Strauß: Eine Nacht in Venedig (Operette)
31.1.18
P. I. Tschaikowski: Eugen Onegin (Oper)
7.3.18
H. Letonja, J. P. de Paula, J. Zabala: Wunderlich! (Ballett)
21.3.18
P. Dukas: Ariane et Barbe
Bleue (Oper)
11.4.18
G. Verdi: Il Trovatore (Oper)
9.5.18
S. Flaherty: Ragtime (Musical)
16.5.18
G. Rossini: Il Viaggio a Reims (Oper)
20.6.18
J. Weinöhl:
Ein Sommernachtstraum (Ballett)