Gleich und Gleich gesellt sich gern

Gleich und Gleich gesellt sich gern – das darf nicht nur als dezenter Hinweis auf das Happy End von Der Talisman verstanden werden, sondern bezieht sich auch auf die Gemeinsamkeiten, die alle Figuren des Stückes teilen: Nach dem eigenen Vorteil trachtend, intregieren und täuschen sie, wo sich nur die Möglichkeit dafür bietet. Dabei darf man ihnen unter der Regie von Domique Schnizer aktuell im Schauspielhaus Graz zusehen.

Die Natur hat es nicht gut gemeint mit Titus Feuerfuchs – sie hat ihm rote Haare und damit auch den Spott und die Ächtung seiner Mitmenschen beschert. Dieses Schicksal teilt er mit Salome Pockerl, der Gänsehüterin des Dorfes – doch anstatt sich der Leidensgenossin zuzuwenden, ergreift er jede sich bietende Gelegenheit, um seine ärmliche Lage zu verbessern. Mithilfe einer Perücke versteckt er seine feuerrote Achillesverse und nutzt sein nun einnehmendes Äußeres, um die Damenwelt um den Finger zu wickel. So buckelt er sich in den sozialen Schichten nach oben und tauscht dabei jede Liebschaft skrupellos aus, hat sich eine bessere gefunden. Er steigt bis zum Sekretär der Frau von Cypressenburg auf, wo schließlich – das voraussehnde Publikum ahnte es bereits – der Schwindel auffliegt.

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DER TALISMAN Riegler, Meyer, Salcher (c) Lupi Spuma

Das Sujet der Täuschung findet sich aber nicht nur in der Handlung, sondern besonders in der Sprache: Kunstvoll windet sie sich mit Verdrehungen und Umschreibungen um den eigentlichen Kern der Sache – genauso wie die Figuren, die sich um des eigenen Vorteils willen verbiegen. Besonders schön lässt sich das bei Monsiuer Marquis beobachten, wenn die eloquente französische Ausdrucksweise in einem Moment der Ehrlichkeit dem österreichischem Akzent weichen muss. Auch Titus ist sich dessen bewusst, denn in Gegenwart der Literatin Frau von Cypressenburg heißt es, ein „jeder Red´ ein Feiertagsgwandl anziehen“ – ebenso wie er die Kleider je nach aktueller Liebschaft wechselt.

Den Schauspielern merkt man den Spaß an diesem Spiel mit der Sprache an; sie geben den zum Teil monströsen Satzgeflechten die nötige Leichtigkeit und beugen damit jedem Gefühl von Konstruierheit vor. Clemens Maria Riegler macht Titus dabei zu einem fantastischen, charmanten Macho, dem man auch die völlige Absenz von schlechtem Gewissen nicht übel nehmen kann. An seiner Seite beeindrucken Evamaria Salcher als Constantia, Franz Loar als Marquis und Sarah Sophia Meyer als Salome. Besonders hervorzuheben ist auch Emma, fantastisch gespielt von Tamara Semzov, die – so abstrus ihre expressiven Handlungen auf den ersten Blick auch erscheinen mögen – sehr passend auf die Entwicklung der Geschichte reagiert.

Das besondere Highlight des Stückes sind aber die Couplets, die – wäre der Stoff rund um Ausgrenzung und Anderssein allein nicht schon aktuell genug – endgültig den Transfer ins Heute herstellen. Mit Texten von Ferdinand Schmalz werden politische Ereignisse, oft mit lokalem Bezug, musikalisch aufbereitet. Dabei sind die Pointen wunderbar bissige Anspielungen, die den bösen Witz im Sinne Nestroys hochhalten. Die politischen Themen gelingen dabei besser, als etwa der schon zu oft bediente Seitenhieb auf kohlehydratbewusste Soja-Latte-Schlürfer.

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DER TALISMAN Neumaier, Fuchsberger, Riegler, Ohner (c) Lupi Spuma

Der Talisman zeigt, wie ein historisches Stück heute auf die Bühne gebracht werden kann, ohne dem Stoff Gewalt anzutun und trotzdem den Bezug zur Lebenswelt des Publikums herzustellen. Mit großartiger schauspielerischer Leistung, wunderbaren Musikern, einer beeindruckenden Bühne (Highlight: die tote Katze im Jagdzimmer) und bissigen Couplets ist Der Talisman auf jeden Fall einen Abend im Schauspielhaus Graz wert und eine klare Empfehlung für Freunde des nestroyschen Humors.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-talisman

Nicht am Text kleben

Wenn man eine Faust-Inszenierung besucht, lässt sich eine gewisse Erwartungshaltung nicht vermeiden. Auf irgendeine Art und Weise hat jeder eine ganz persönliche Verbindung zu dem berühmten Stoff, sei es durch traumatische Deutschstunden oder den täglichen Sprachgebrauch – wie würden wir uns sonst mitteilen, wenn es um des Pudels Kern geht?

Das eröffnende Bild von Faust im Next Liberty befriedigt diese Erwartungen recht schnell, wenn zwei Engel in fröhlich wabernden Fatsuits zu schönster Goethe‘scher Sprachakrobatik ihre Hüften schwingen. Spätestens bei den bekannten „Da steh ich nun“- Zeilen kann der/die besorgte ZuseherIn endgültig aufatmen, es ist keine Modernisierung bis zur Unkenntlichkeit zu erwarten. Diese Fusion zwischen Alt und Neu setzt sich während des Stücks fort und holt alle mit ins Boot: Der/die literarisch gebildete ZuseherIn wird durch die Bestätigung seines/ihres profunden Fachwissens befriedigt, gleichzeitig ziehen visuelle Anreize auch die jüngere Generation in den Bann der Faust‘schen Leidensgeschichte.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Unangefochtener Höhepunkt ist dabei die Szene der Walpurgisnacht, wenn im stroboskopischen Lichtgewitter bis zur Ekstase getanzt wird. Neben diesen performativen Szenen verhindern besonders Momente ironischer Selbstreflexion, dass die Inszenierung zu schwer im Magen liegt. So wird extradiegetisch thematisiert, wie man das Jahrhundertwerk überhaupt gekürzt auf die Bühne bringen kann. Sogar das Reclam-Heftchen bekommt seinen Auftritt – im Dekolleté der genialen Marthe (Helmut Pucher). Das Dilemma wird dann mit einem resoluten „nicht am Text kleben“ aufgelöst, was symptomatisch für die gesamte Inszenierung steht. Teilweise wirkt diese Vermischung von traditionellen Szenen und modernen Einlagen jedoch etwas erzwungen und führt zu einem inhomogenen Bild – das Gefühl für Fausts unerträgliche Suche nach dem Sinn des Lebens bleibt dabei auf der Strecke.

Dass das Stück dennoch über die knapp zwei Stunden fesselt, liegt deshalb nicht zuletzt an Nikolaus Habjans Puppenkunst, der mit seinen liebevoll gestalteten Figuren begeistert. Gott, der überragende Mephistopheles (Manuela Linshalm) oder etwa die Hexe treten durch die Puppen mit einer spektakulären Präsenz auf – dabei ist besonders die differenzierte und ausdrucksstarke „Mimik“ beeindruckend, ganz zu schweigen von der koordinativen Leistung, wenn eine Figur von zweien bespielt wird.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Damit wird Faust zu einem besonderen Schauspiel, das den Stoff für Jugendliche spannend aufbereitet. Ob dabei die Faust’schen Motive wirklich berühren oder nur das fantastische Puppenspiel und andere Highlights begeistern sei dahingestellt – in jedem Fall ist Faust im Next Liberty für Jung und Alt einen Besuch wert.

Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühnenbild: Jakob Brossmann
Kostüme: Denise Heschl

…wenn nur noch ein Wunder hilft

Es gibt viele verschiedene Vorstellungen einer funktionierenden Partnerschaft. Wenn aber aus dem einst harmonischen Miteinander ein nervenaufreibender Kampf geworden ist, hilft vielleicht nur noch eine Paartherapie. Einer solchen darf man bei Daniel Glattauers „Wunderübung“, derzeit zu sehen im Schauspielhaus, beiwohnen.

So kämpft nun der Inbegriff eines Paartherapeuten in Rollkragenpulli und Samtsakko, der seriöse und verständnisvolle Herr Magister Harald (Johannes Silberschneider), um die Ehe seiner Klienten Valentin (Franz Solar) und Joana Dorek (Margarethe Tiesel). Aus der Liebesgeschichte, die beim Tauchurlaub vor 20 Jahren begann, entwickelte sich eine verbale Kampfzone aus bissigen Vorwürfen, untergriffigen Anklagen und gegenseitigen Beschuldigungen. Selbst der Herr Magister muss dem Ehepaar zugestehen, dass sich ihre gehässigen Wortgefechte durch eine Polemik höchsten Grades auszeichnen – Übung macht eben den Meister. Seine Bemühungen, dem Paar Dorek durch gefühlsbetonte, selbstreflexive Übungen die positiven Seiten ihrer Beziehung zu verdeutlichen, scheitern kläglich und bieten lediglich Anlass für neue Tiraden von Anschuldigungen.

So stellt sich das Ehepaar als hoffnungsloser Fall dar, die logische Konsequenz scheint die Trennung. Erst im zweiten Akt ist dann plötzlich alles anders: Mit den Beziehungsproblemen des Herrn Magister Harald konfrontiert, hat sich ein verbindendes Ziel gefunden. So zeigen sich durch die „Wunderübung“ doch noch jene Gemeinsamkeiten, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte verloren gegangen sind und bescheren Ehepaar und Publikum, wie könnte es anders sein, ein Happy End.

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DIE WUNDERÜBUNG Margarethe Tiesel, Johannes Silberschneider, Franz Solar (c) Lupi Spuma

Damit ist „Die Wunderübung“ das theatralische Pendant zu einem „Feel Good Movie“ – man wird zwei Stunden durchaus gut unterhalten, während die Handlung locker-leicht an der Oberfläche dahinflockt. Allerdings wird dabei besonders im ersten Akt die Komik durch klischeebehaftete Rollenbilder getrübt: Sie fühlt sich mit Haushalt und Kindern allein gelassen, er möchte nach einem anstrengenden Arbeitstag nur das Essen auf dem Tisch und seine Ruhe haben. Auch durch die Gestik wird das stereotypische Rollenbild immer wieder bedient – so spielt sie verträumt mit ihrer Bluse, während er breitbeinig-männlich seinen Platz auf der Therapeutencouch behauptet. Hier wird jedoch wenigstens eine gewisse Selbstironie bewiesen, wenn die Klienten die Rollen tauschen müssen und dabei mit der Überspitzung ihres Gehabes spielen.

Lässt man diese Punkte außen vor, kann man sich an der eindrucksvollen schauspielerischen Leistung und einer leichten und dennoch durchdachten Handlung erfreuen. Komplementiert wird die Inszenierung noch mit einem einfachen, aber ansprechenden Bühnenbild: Durch kleine Details, wie das schief hängende Bild eines Paares, wird die Idee der „Wunderübung“ aufgegriffen. So wird das Publikum mit einem Lächeln und vielleicht einer etwas offeneren Vorstellung von der idealen Beziehung entlassen.