Getanzter Traum

In die Traumwelt der kleinen Clara entführt die Oper Graz in Nussknacker und Mäusetraum mit der Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski und dem tänzerischen Können des Ballettensembles. Wie beliebt die Geschichte und Umsetzung ist, wird auch darin sichtbar, dass auch bei der Vorstellung am 14. Jänner das Opernhaus mit Zuseher*innen gefüllt war – obwohl es sich eigentlich um ein Märchen für die Weihnachtszeit handelt.

Schließlich spielt das Ballett von Tschaikoswki, das E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen Nussknacker und Mäusekönig sowie Alexandre Dumas d. Ä. Geschichte eines Nussknackers zur Vorlage hatte, am Weihnachtsabend. Die Geschichte des Klassikers ist landläufig bekannt: Clara (dargestellt von Clara Pascual Marti) bekommt einen Nussknacker geschenkt, auf den ihr Bruder Fritz (Alessandro Giovine), den die Eltern nur mit einer kleinen Trommel bedacht haben, eifersüchtig ist. Zu Besuch ist auch der Erfinder der Mausefalle: Droßelmeier (Chris Yi). Als Clara am Abend einschläft, träumt sie sich zunächst in ein bedrohliches Haus, das aus Mäusefallen gebaut ist, hinein (2. Akt). Nach diesem Alptraum findet sie sich im dritten Akt in einer zauberhaften Winterlandschaft wieder. In beiden Traumwelten spielen ihre Familie, die Mäuse und auch Herr Droßelmeier eine Rolle.

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Die Mäuse und Droßelmeier im 3. Akt (c) Werner Kmetitsch

 

Unter der musikalischen Leitung von Marcus Merkel und mit einer Choreographie von Jörg Weinöhl wurde den Besucher*innen des Balletts diese Geschichte durch die ausgezeichneten tänzerischen Leistungen näher gebracht. Das Engagement der Tänzer*innen zeigte sich bei dieser Vorstellung auch am Engagement von Miki Wakabayashi, die trotz einer Erkrankung die Figur der Mutter im ersten Akt tanzte, weil die Vorstellung ansonsten ausgefallen wäre. Bezaubernd waren auch die kleinen Mäuse, die von den Kindern der Opernballettschule der Oper Graz dargestellt wurden. Das Bühnenbild sowie die Kostüme waren stilvoll, aber einfach gehalten – und ließen so Tanz sowie Musik noch mehr in den Vordergrund treten.

Vor allem im dritten Akt entfaltete sich – gleich wie auf der Bühne die surreale Zaubertraumlandschaft – die Musik Tschaikowskis für die Besucher*innnen. Auch die Entscheidung bei der Inszenierung neben den Stücken aus dem eigentlichen Ballett noch weitere des russischen Komponisten zu verwenden, etwa die letzten beiden Sätze aus seiner vierten Symphonie sowie die Troika aus dem Klavierzyklus Die Jahreszeiten, ist gelungen. Denn: diese eignteten sich für die gewählten Szenen perfekt. So untermalten die Sätze aus der vierten Symphonie die Szene des Mäusekrieges und unterstrichen so deren Narration.

Einen weiteren Eindruck in die Inszenierung lässt sich im Trailer zum Ballett gewinnen:

Heute am Abend (19. Jänner) ist das Ballett zum letzten Mal an der Oper Graz zu sehen sein.

Jarmuk: Ein Märchen für unsere trostlose Zeit

Außerhalb der Theatersaison findet bis Anfang September die Inszenierung des Flüchtlingsmärchens Jarmuk von Ernst M. Binder im dramagraz statt. Das Stück führt die Zuseher*innen mit einem neuen Narrativ an Flucht und Migration heran.

Jarmuk: Auf rund 2 Quadratkilometer erstreckt sich das Flüchtlingslager im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus. Hauptsächlich wohnen Flüchtlinge aus Palästina in Jarmuk. Bereits seit 1948 siedelten sich dort Menschen wegen der Konflikte zwischen Israel und den Nachbarstaaten an. War Jarmuk früher als Zentrum der palästinensischen Diaspora mit bis zu 160.000 Einwohnern bekannt, kam es 2015 wegen des syrischen Bürgerkrieges in die Schlagzeilen: Nach der Eroberung durch die Terrormiliz Islamischer Staat waren die Bewohner ohne Versorgung im Stadteil eingeschlossen gewesen – Jarmuk wurde ein Ort des Todes.

Jarmuk ist auch der Name der titelgebenden Hauptfigur in Ernst M. Binders Märchen, das am 17. August 2016 im dramagraz uraufgeführt wurde. Jarmuk, der seine Eltern nie kennengelernt hat – sein Vater ist auf der Flucht aus Palästina, seine Mutter bei seiner Geburt gestorben – ist in der Flüchtlingsstadt geboren und nach ihr benannt worden. Von dort ist der Jugendliche nach Österreich geflohen, wo er Selina, einer Österreicherin aus „gutbürgerlichem Hause“ – wie es in der Stückbeschreibung treffend heißt – begegnet.

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Selina (Lucia Neuhold) und Jarmuk (Lukas Walcher) (c) dramagraz 2016

Von Selina wird er zunächst fälschlicherweise für einen syrischen Flüchtling gehalten, dem die enthusiastische Schülerin helfen will. Sie nimmt ihn mit nach Hause, versteckt ihn in ihrem Kleiderschrank vor ihren Eltern, redet auf Englisch mit ihm und kauft sich sogar ein Arabisch-Wörterbuch für die bessere Verständigung. Bis sie feststellt, dass Jarmuk perfekt Deutsch spricht, kein Syrer, sondern Palästinenser ist und seine Familiengeschichte enger an Österreich geknüpft ist als sie gedacht hätte.

Vom Nebeneinander zum Miteinander
Deutlich wird der Kontrast der Welten von Selina und Jarmuk in ihren Monologen am Anfang des Stückes. Obwohl die beiden Jugendlichen ein ähnliches Alter haben, weisen ihre Lebensläufe gänzlich andere Erfahrungswelten auf. Selina schreibt zu Beginn des Stückes gerade einen Schulaufsatz und zählt auf, was sie alles nicht werden will. Währenddessen ist Jarmuks Lebensgeschichte gekennzeichnet von der Brutalität im Überlebenskampf, dem Verlust von Freunden und dem frühen Erkennen, dass er auf sich allein gestellt wird.
Dennoch entfaltet sich zwischen den beiden eine zarte Liebe als Hoffnungsschimmer in einer trostlosen Welt. Dadurch nähern sich ihre unterschiedlichen Welten im Verlauf des Stückes deutlich aneinander an – aus den nebeneinander stehenden Monologen der beiden am Beginn des Stückes entwickelt sich ein Dialog miteinander.

Soundtrack zum Stück
Das Stück spielt zu einem großen Teil in Selinas Kinderzimmer, weswegen die Kulisse, die von Vibeke Andersen gestaltet wurde, ein einziger großer Kleiderschrank ist. Im Kopf bleibt den Zuseher*innen nicht nur die Handlung hängen, sondern auch der gut ausgewählte Sound zum Stück, vor allem PJ Harveys „The Community of Hope“. Aber auch das grandiose Spiel der beiden Schauspieler*innen Lucia Neuhold und Lukas Walcher bleibt in Erinnerung, die die Rollen von Jarmuk und Selina für die Zuseher*innen mit Leben füllen.

Neue Diskursräume
„Wir dürfen es nicht der FPÖ überlassen, Flüchtlingsmärchen zu erzählen“, setzt Ernst M. Binder dem Stück voran. Jarmuk bietet eine Möglichkeit auf eine andere Perspektive auf Flucht und Migration, Hintergründe werden beleuchtet, Handlungen von Personen nachvollziehbarer.

Nicht nur durch das Stück, das noch bis zum 8. September um 20:30 Uhr im dramagraz gespielt wird, wird der Diskurs um Flucht und Migration neu aufgeworfen, sondern auch im Anschluss an das Stück eröffnen sich neue Perspektiven: Dienstags ist nach der Vorstellung um 22 Uhr noch zweimal eine Diskussion zum Thema Migration: am 30. August (mit Robert Reithofer, Geschäftsführer ISOP – Innovative Sozialprojekte) und am 6. September (mit Heidrun Primas, Leiterin des Forum Stadtpark).

Trailer zum Stück:

Im Wunsch nach Rache gefangen

Passend zum 400. Todestag Shakespeares bringt auch das Schauspielhaus Graz mit Der Sturm ein Stück des Dramatikers auf die Bühne. Das Streben und die Gier nach Macht der einzelnen Figuren, allen voran des Herzogs Prospero, der auf Rache sinnt, wird vor einem kargen Bühnenbild in Szene gesetzt.

Prospero (gespielt von Barbara Petritsch), ehemals Herzog von Mailand, wurde von seinem Bruder Antonio gestürzt und auf dem Meer ausgesetzt. Prospero überlebt jedoch gemeinsam mit seiner Tochter Miranda (gespielt von Tamara Semzow), da sie auf einer Insel stranden. Diese hat Prospero kolonialisiert und sich sowohl den Insulaner Caliban (gespielt von Julia Gräfner) als auch den Luftgeist Ariel (gespielt von Sarah Sophia Meyer) zu Dienern gemacht. 12 Jahre nach ihrer Ankunft bekommt er die Chance, sich zu rächen, da sein Bruder mit dem König auf der Heimreise an der Insel vorbeisegelt. Er lässt Ariel einen Sturm heraufbeschwören, der die Flotte des Königs auf der Insel stranden lässt.

Regisseur Stephan Rottkamp verzichtet auf eine idyllische Darstellung der von Zauberwesen bevölkerten Insel und stellt diese als kargen, unwirtlichen Ort dar. Das Bühnenbild, gestaltet von Ralph Zeger, besteht aus einem erdigen Hügel, der die Gestrandeten zur Verzweiflung bringt. Der erdige Geruch, der das gesamte Theater durchströmt, bringt eine Brise der rohen Natur auch dem Publikum nahe.

Zwischen Rache und Machtgier gefangen

Prospero, der sich schon als Herzog in Mailand mit okkulter Magie beschäftigte, hat das Leben der übrigen Figuren mithilfe des Luftgeistes Ariel in der Hand und präsentiert sich als unbesiegbar. Passend dazu ist Schauspielerin Barbara Petritsch ganz in Schwarz gekleidet und hält sich auch in den Szenen anderer Figuren als Beobachterin im  Hintergrund auf. Prospero, der selbst aus seinem Herzogreich vertrieben wurde, stellt sich als Kolonialherrscher der Insel dar, und macht sich den Insulaner Caliban zum Untertan, obwohl dieser ihm die Geheimnisse der Insel erst offenbart hat. Julia Gräfner, die zurecht für ihre Darstellung vielfach gelobt wurde, spielt Caliban als getriebenes Wesen, dass fast nackt, zu den Füßen seines jeweiligen Herrschers herumkriecht, und sich um die Herrschaft seiner Insel beraubt sieht.

Aber nicht nur im nach Rache strebenden Prospero, sondern auch in den anderen Figuren wird der Hunger nach Macht erkennbar: Antonio versucht den Bruder des Königs zu verleiten, diesen zu töten, um die Krone für sich in Anspruch zu nehmen. Zwei Mitglieder der königlichen Flotte, die das komödiantische Element des Stückes verkörpern, Trinculo und Stephano schmieden gemeinsam mit Caliban den Plan, Prospero zu töten, um selbst Herrscher der Insel zu werden.

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Tamara Semzow, Barbara Petritsch, Sarah Sophia Meyer (c) Lupi Spuma


Darstellung der Magie

Wichtiges Element im Stück ist die Magie der Insel, die vor allem vom Luftgeist Ariel verkörpert wird, und in dessen Handlungen auch das Theater an sich in den Vordergrund rückt. Schon über die Kleidung des Luftgeistes – einen silbernen Glitzerbody – Die Bühne wird zu seiner Manege, vor allem erkennbar, wenn er von oben – sichtbar an Schnüren – und mit Engelsflügeln in der Hand ins Bild schwebt, um die Gesandtschaft rund um König Antonio an ihren Verrat an Prospero zu erinnern.

Gut umgesetzt ist auch die Untermalung der magischen Elemente durch Musik, wobei durchaus Lieder von zeitgenössischen Sänger*innen, etwa Lana del Rey, einfließen und so eine Verbindung zur Gegenwart herstellen. Auch bei der Liebeserklärung des Prinzen Ferdinand (Raphael Muff) an Prosperos Tochter Miranda hat Ariel seine Finger im Spiel. Mit Seifenblasen, in Rosa getauchtem Licht und Rauch wird der Liebeszauber als kitschiger Höhenrausch der beiden Figuren dargestellt. Dazu trägt auch maßgeblich die etwas gewöhnungsbedürftige Musikauswahl – Unperfekt von Mateo – bei.

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Tamara Semzov, Raphael Muff, Sarah Sophia Meyer (c) Lupi Spuma

 

Das sehr sehenswerte Stück wird noch ein letztes Mal in der diesjährigen Theatersaison aufgeführt: am 16. Juni 2016 um 19:30 Uhr.