Wenn sich zwei streiten, hilft hier nur noch ein Wunder

Zum letzten Mal in dieser Spielzeit konnte man gestern im Grazer Schauspielhaus Zeuge eines zwischenmenschlichen Wunders werden. Daniel Glattauers Wunderübung, ein tiefer Griff in die Beziehungskiste, wurde noch einmal gefeiert.

„Streiten“ ist nur ein Hilfsbegriff für das verbale Gemetzel, das Johanna und Valentin Dorek in der Probestunde beim Paartherapeuten veranstalten. „Wir haben derzeit nicht unsere beste Phase“, bedient sich Valentin denn auch eines Understatements zur Beschreibung der prekären lage. Dass er seine Frau einst in Ägypten gefragt hat, ob sie seine Tauchpartnerin sein möchte, erzählt er heute mit Grabesstimme und Haareraufen, als hätte er damit sein eigenes Todesurteil ausgesprochen. Franz Solar spielt den Technischen Direktor einer Zulieferfirma für Flugzeugteile als einen, der weiß, wer er ist, der aber dummerweise eine Frau hat, der es gar nicht passt, wie er ist. Stramm sitzt der gut aussehende, erfolgreiche Mann im Therapiezimmer und wirkt, als wäre er überall lieber als hier. Obwohl er das Kinn gerne hochhält, steht er im Kampf mit seiner Gattin doch eher unter dem Schlapfen. Margarethe Tiesel mäht als aufbrausende, bissige Johanna jedes Widerwort nieder und verpasst keine Gelegenheit, um süffisant-sarkastische Spitzen gegen ihren Angetrauten auszuteilen. Wie eine Kanonenkugel schießt sie durch den Raum und bohrt ihren Zeigefinger Millimeter vor Nase ihres Mannes in die Luft.
Die Doreks sind elegant gekleidet, beide eloquent und schlagfertig. Die gewählte Ausdrucksweise bleibt sogar dann erhalten, wenn die Stimme sich vor Zorn bereits überschlägt. „Sie haben eine lebendige Streitkultur auf sehr hohem Niveau“, konstatiert der Herr Magister, ganz Analyst.

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Zwei Streithähne und ein Schlichter: Margarethe Tiesel, Johannes Silberschneider und Franz Solar. (Foto: Lupi Spuma)

 

Eingespielte Kampfbeziehung

Das Hickhack ist wunderbar anzuhören, und kaum jemand wird hier nicht ein Quäntchen Identifikationspotenzial vorfinden, denn Glattauer hat so ziemlich alles, worüber in einer Beziehung klassischerweise gestritten wird, in sein erstes Bühnenstück verpackt: Ignoranz, Überempfindlichkeit, Verschlossenheit, Abwesenheit, Affären etc. – die Liste der Vorwürfe ist lang. Hier lässt er es ordentlich krachen, bekannt geworden ist der Schriftsteller und Journalist aber mit einer sich sanft anbahnenden Beziehung in den E-Mail-Romanen Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009). Mit Ewig Dein folgte 2012 eine problematischere Liebesgeschichte. Mit Beziehungen kennt sich Glattauer also aus.
Die Wunderübung ist eine Fallstudie einer zwischenmenschlichen Katastrophe. Zwar ist der Text eine Theaterkomödie, aber selten wird das Tragödienhafte von Komödien so deutlich wie hier. Sind die zwei noch zu retten? Der „Herr Magister“, wie Valentin ihn zu bezeichnen pflegt, scheint vor eine unlösbare Herausforderung gestellt und sieht sich gezwungen, alle Register zu ziehen. Mit seiner ruhigen Stimme und den fließenden Handbewegungen spielt Johannes Silberschneider den Gegenpol zum Gezeter der Streithähne und bedient mit runder Brille, Notizbuch und Tweedsakko das Klischee des leicht weltfremden Intellektuellen. Die Empfindsamkeit in Person, scheint er ganz darin aufzugehen, sich in die Gefühle seiner Klienten hineinzuversetzen. Andächtig betrachtet Johanna den mit reicher Gestik schwadronierenden Therapeuten, doch kaum kommt ein Wort ihres Mannes dazwischen, verfinstert sich ihr Gesicht, als würden Gewitterwolken aufziehen. Tiesels Mienenspiel ist wunderbar anzusehen. Es sagt im Grunde alles, was sie aber freilich nicht davon abhält, ihre Verachtung wortgewaltig und geifernd Valentin entgegenzuschleudern. Immer wieder geraten sich die beiden in die Haare und der Therapeut muss einschreiten, um Handgreiflichkeiten zu verhindern.
„Warum trennen Sie sich eigentlich nicht?“, fragt sich wohl nicht nur er. Obwohl die Doreks es leugnen, haben sie daran offenbar noch nicht ernsthaft gedacht, zu eingespielt sind sie in ihrem fortwährenden Kampf, der sie trotz allem zusammenhält.

Wunder geschehn?

Der Herr Magister hat diverse Übungen auf Lager, die gemeinsames Agieren und schöne Erinnerungen fördern sollen. Tatsächlich wird Johannas Stimme bei der Erinnerung an die Vergangenheit sanft, liebevoll und schwärmerisch. Diese friedlichen Momente währen aber nur sehr kurz. Das Stichwort für den nächsten Ausbruch folgt bestimmt, und Stichwörter gibt es viele, wenn man kein gutes Haar mehr am Partner lassen kann und sogar längst verjährte Liebeleien mit einer gewissen Brigitte und einem Herrn Guido wieder aus der Mottenkiste hervorholt. Kurz, die therapeutischen Übungen scheitern eklatant und enden in der Regel mit Gebrüll aller Beteiligten. „Wir haben uns leider irgendwie auseinandergelebt“, gesteht Valentin. „Du hast uns auseinandergelebt“, kommt es prompt von seiner Frau. Ein klarer Fall für den Therapeuten: Hier braucht es eine „paradoxe Intervention“, ein gewagtes, aber perfektes Rezept für die erfolgreiche Paartherapie. Er gibt Johanna und Valentin etwas, das sie beide neugierig macht. Da spitzen sie die Ohren, wechseln vielsagende Blicke und entwickeln eine erstaunliche, gemeinsame Betriebsamkeit. Die Stimmung ist verändert, die beiden betätigen sich plötzlich als Therapeuten für den Therapeuten. Saßen sie zunächst stur auf getrennten Bänken, nähern sie sich nun auch körperlich an, Johannas herrisches „Ich“ wird zum „Ich und mein Mann“. In Konfrontation mit einer scheinbar perfekten Beziehung, die trotzdem scheitert, reflektieren sie unbewusst ihre Ehe und tauen langsam auf. Dabei geht es allerdings drunter und drüber. Das großartige Trio brilliert noch einmal in einer Auseinandersetzung. Am Ende wird geturtelt, und der Therapeut muss offenkundig an seiner Ehe arbeiten. Wer wissen will, wie es dazu kommt, sei getröstet: Das Wunder unter der Regie von Mario Matthias wird im Oktober wieder zu bestaunen sein.

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/die-wunderuebung#termine

Wühlen in den Aborten der Menschlichkeit

Mit Werner Schwabs tabulosen Präsidentinnen gastiert eine die Grenzen des Ekels überschreitende, aber beeindruckende Burgtheaterproduktion am Grazer Schauspielhaus.

Sehr präsidentiell residieren Erna, Grete und Mariedl nicht. Zwischen nackten Betonwänden häuft sich heruntergekommener Hausrat, auf der einen Seite der Wohnküche eine Kochzeile (oder das, was einmal eine solche war), auf der anderen Seite eine Toilette, nur zwei Meter vom Tisch entfernt. „Abgefuckt“, wie man heute sagen würde. Diese Beschreibung trifft auch auf das Trio zu, das sich inmitten dieser Erbärmlichkeit eineinhalb Stunden lang mit dem Leben hadert und sonst eigentlich nichts tut. Dass die Inszenierung trotzdem so fesselnd ist, liegt daran, dass Werner Schwab tief im Innersten der Menschen wühlt und all die Abgründigkeit herausholt, die sich dort, hinter der Scheinheiligkeit von Glauben oder anderen Tugenden, die man sich auf die Fahnen des Lebens haften kann, verbirgt.
Verkörpert wird dieser Vorgang von Mariedl (Stefanie Dvorak), der Jüngsten im Bunde, die mit bloßen Händen verstopfte Aborte reinigt und dieses Geschäft als Opfer für Gott versteht. „Die Mariedl macht’s auch ohne“ und ist stolz darauf, ein rothaariges, schmutziges Mädchen mit geschundenen Knien. Dvorak zeigt präzise den kontroversen Charakter: Unablässig eine Puppe bürstend wirkt sie wie ein großes Baby, erzählt in ihrer kindlichen, naiven und gestelzten Sprache aber die grauslichsten Geschichten von ihren Heldentaten in allerlei Klomuscheln.

Stilles Örtchen im Rampenlicht

Der Grazer Radikaldramatiker Werner Schwab mischte Anfang der 90er-Jahre die österreichische Theaterlandschaft auf. Nach langer Ablehnung seitens der Verlage und Spielstätten wurde Die Präsidentinnen 1990 im Wiener Künstlerhaus uraufgeführt. 2014 inszenierte Simone Blattner das Stück am Grazer Schauspielhaus. Nun ist die Inszenierung von David Bösch aus 2015 zu Gast. Hier regieren nicht die großen Gesten, sondern Schwabs entblößende, dynamische Sprache, die rund um die Begriffe „Abort“, „Stuhl“ und „Verkehr“ ein reiches Betätigungsfeld findet, sodass trotz aller Abgründigkeit Wort- und Situationskomik nicht zu kurz kommen.
Das stille Örtchen rückt ins Rampenlicht – so sehr, dass peinliche Berührung seitens des Publikums keine Unmöglichkeit ist. Ja, eine Fäkalienschau sondergleichen spielt sich hier ab. Während Mariedl immer mehr in Ekstase gerät, je weiter sie mit dem Arm in der „menschlichen Jauche“, die Gott schließlich auch erschaffen hat, steckt, ergeht sich auch Erna (Regina Fritsch) gerne in Abhandlungen über Stuhlgang, wobei sie von schlechtem Stuhl auf schlechte Menschen schließt. Überhaupt sind für die biedere Betschwester mit Gehstock, Kniestrumpf, Hauskleid und Pelzhaube von der Mülldeponie alle Menschen schlecht, ganz besonders Grete (Barbara Petritsch), die gealterte, zerzauste Diva, die mit ihrer wilden Jugend für Erna die Verwerflichkeit schlechthin verkörpert, selbst aber nur zu gerne in Erinnerungen an diese Zeit schwelgt und selbige mit Schmuck und Schminke wach hält. Nur der Fleischer Wotila mit seinem günstigen Leberkäse und seiner ausgeprägten Gottesfürchtigkeit kommt bei Erna gut weg.

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Erna (Regina Fritsch), Mariedl (Stefanie Dvorak) und Grete (Barbara Petritsch) – Foto: Reinhard Werner

Frust und Undank

Kontrovers sind auch diese beiden: Erna ist extrem sparsam und religiös, die Verzeihung hochhaltend, gleichzeitig aber hämisch und gewaltbereit. Grete sieht sich selbst gerne als feine Dame, ist in Wahrheit aber doch recht versaut. Gemeinsam haben die beiden auch die Enttäuschung über ihre Kinder, vor allem weil diese sich dem „Verkehr“ verweigern. Keine Enkelkinder weit und breit, aber Grete hat ihre Hündin Lydia sowieso viel lieber. Die kann weder nach Australien abhauen noch sich die Eierstöcke entfernen lassen (Tochter Hannelore sehr wohl).
Wenn das „Leben nicht mehr lebenswert“ ist (Erna), wenn sich alles irgendwie spießt (verstopft) und man ein unglückliches Leben führt, obwohl man sich für einen guten Menschen hält, entpuppen sich auch die schönen Sachen als „Scheißhaufen“ (Mariedl). Viel Frust und Wut stauen sich auf bei Erna und Grete, die sich gegenseitig als „zugenähte Klosterschwester“ und „Hure“ bezeichnen. Auch die größte Nächstenliebe verhindert da keine Handgreiflichkeiten.
Mariedl scheint unterdessen wie ein Sensor für Gewalt und Demütigung, gequält von jedem Ausbruch derselben, stets um Wiederherstellung der Nächstenliebe bemüht, egal wie tief sie dafür in die Klomuschel greifen muss. „Lasst uns den ganzen Lebensschmutz vergessen“, plädiert Erna, und man begibt sich auf eine Art Volksfest. Ein paar Girlanden über der gleichbleibend tristen Szene stehen für diese Belustigung. Was dort geschieht, schildern die Schauspielerinnen bloß mit Worten, aber derartig wirkungsvoll und plastisch, dass es sich genauso gut auf der Bühne zutragen könnte. Mariedl räumt einen Abort nach dem anderen aus, während Erna und Grete sich in Liebesdingen engagieren. Beim Ringen um die Sprecherrolle und Ausschmücken der Geschichten geht es um Selbstbehauptung, um etwas Glanz unter der verstaubten, dreckigen Oberfläche. Nur Mariedl stört den schönen Schein mit ihren ekelerregenden Schilderungen, und erst recht, als sie sich gegen Erna und Grete wendet und ihrem Abscheu freien Lauf lässt. Der Hauch von Würde ist zerstört, die älteren Damen sehen rot und das Grauen nimmt seinen Lauf.

Link zur Veranstaltung: https://www.burgtheater.at/de/spielplan/produktionen/die-praesidentinnen/

 

Geschichtensehnsucht und Theaterpuder

Heinz Marecek beglückt das Publikum am Grazer Schauspielhaus mit Anekdoten aus dem „Dunstkreis des Theaters“.

Wer wissen möchte, woher Friedrich Torberg seinen Nachnamen hat, was „Onkels“ und „Neger“ im Theater sind, warum der Papst einst Schwierigkeiten mit dem Heiligen Stuhl hatte, und was es mit dem Theaterpuder auf sich hat, der begebe sich demnächst ins Grazer Schauspielhaus zu Heinz Mareceks Gastspiel Das ist ein Theater! Begegnungen auf und hinter der Bühne nach seinem gleichnamigen Buch von 2002. Obwohl der Vorhang geschlossen bleibt, herrscht ausgelassene Stimmung. Heinz Marecek erklimmt den hohen, mit seinem Namen versehenen Regiesessel und knapp zwei Stunden vergehen wie im Flug. Er führt zurück in die Zeit der späten Wiener Kaffeehauskultur, als das Theater in der Josefstadt noch für seinen Kristallluster bekannt war. Marecek verrät, warum er sich als junger Schauspieler ab 1971 dort besonders wohl fühlte (Stichwort „Theaterpuder“), sodass er dem Haus bis 1998 treu blieb und auch als Regisseur tätig war. Zuvor, nach dem Studium am Max-Reinhardt-Seminar, begann er seine Karriere 1966 am Ateliertheater und ging zwei Jahre später an die Volksoper.

„Warum sind Sie Schauspieler geworden?“, sei eine der häufigsten Fragen. Marecek hat darauf zwei Antworten, die sein Gastspiel prägen. Zum einen sei er schon als Kind der „Einstiegsdroge“ Bewunderung verfallen, denn Künstler würden mehr bewundern als andere Menschen. Zum anderen habe er seit jeher eine Sehnsucht nach Geschichten. An diesem Abend ist er selbst der Geschichtenerzähler. Er stillt die Geschichtensehnsucht des Publikums, erntet dafür Bewunderung und jede Menge Applaus, der, wie er beteuert, wichtiger ist als die Gage – ein Blick und alles ist klar.

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Heinz Marecek (Foto: Lukas Beck)

Die Größen des Wiener Theaters

Mareceks Geschichten strotzen nur so vor illustren Namen der Wiener Theaterszene. Da geht es beispielsweise um Peter Ustinov, „Großmeister der Geschichten“ und „leidenschaftlicher Esser“ zugleich, den Psychiater Friedrich Hacker, der den wichtigsten Satz aus Hamlet anders übersetzen wollte, und um Ernst Häussermann, der im Restaurant „Linde“ seinen täglichen Stammtisch pflegte, wo Humor, Ironie und Sarkasmus frohe Urständ feierten und sogar Bruno Kreisky mitunter zu Gast war. Auch die Leiden des dortigen Obers Lehner würdigt Marecek, und er interpretiert großartig den legendären Fritz Kortner, den damals „bedeutendsten und gefürchtetsten Regisseur und Schauspieler“.
Besonders erheiternd sind die vielen Geschichten, in denen Schauspieler den Text vergessen hatten. Marecek kennt viele Schauspieler und viele von ihnen neigten zu „Hängern“, was köstliche Anekdoten über Improvisationen und Souffleusen abgibt.

Am Ende weiß man auch, dass es in Mareceks Kindheit vor Marillenknödeln immer Gemüsesuppe gab, was Eric Frey mit einem Gecko gemeinsam hat, wie der berüchtigte Kritiker Hans Weigl sich dereinst zwei Ohrfeige einfing und dass man in der Stunde der Wahrheit stets lügen muss wie gedruckt.
Marecek ist unter anderem bekannt für seine Rollen in der Lindenstraße und in SOKO Kitzbühel. 2016 erschien sein Buch Lauter lachende Lyrik. Im Theater hat er nun lauter lachende Leute vor sich. Er bietet einen lebendigen, überaus lustigen Blick hinter die Kulissen der Theaterbühnen und auf die kleinen Fehler berühmter Schauspieler. Der Schauspieler schätze den Applaus als spontane Anerkennung für sein flüchtiges Werk, meint Marecek zu Beginn, und als er von der Bühne geht, bedauert man diese Flüchtigkeit bereits.

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/das-ist-ein-theater