„Die Dummen weinen, die Gescheiten lachen“

Friedrich Torbergs Schüler Gerber zeigt am Grazer Next Liberty, dass die Schule im Leben nicht alles sein sollte. Eindrucksvolles Comeback der Bühnenfassung von Felix Mitterer unter der Regie von Michael Schilhan.

Die zahlreichen Schüler, die im Zuschauerraum des Next Liberty Platz genommen haben, werden wohl kaum noch ein böses Wort über ihren Mathematikunterricht verlieren, nachdem sie gut zwei Stunden lang verfolgt haben, wie Professor „Gott“ Kupfer (Helge Stradner) seine Schüler schikaniert. Im Maturajahr legt er ihnen größtmögliche Steine in den Weg, um sie von der zu Lebzeiten Torbergs (erste Hälfte 20. Jahrhundert) noch sakrosankten „Reife“ abzuhalten.

Anfang 1929 wurden mehrere Suizidfälle unter Schülern bekannt, was Torberg, neben seiner eigenen unrühmlichen Schulkarriere (er bestand 1927 die Mathemaktik-Matura erst beim zweiten Anlauf) veranlasste, den Roman Der Schüler Gerber zu schreiben. Felix Mitterer machte daraus eine Bühnenfassung, die 1999 unter der Regie von Michael Schilhan in Graz uraufgeführt wurde und nun wieder im Next Liberty zu sehen ist (bis 27. April).

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Kurt (Michael Großschädl) gibt Professor Kupfer (Helge Stradner) eine Mahnung mit der gefälschten Unterschrift seines Vaters. Die Klassenkameraden (v.r.) Lewy (Christoph Steiner), Pollak (vorne, Michael Gernot Sumper), Schönthal (Leon Wieferich), Weinberg (Amelie Bauer), Benda (Harwin Kravitz) und Zasche (David Valentek) sehen zu. (c) Lupi Spuma

„Danke, setzen, nicht genügend!“

„Der wählt sich seine Opfer aus“, weiß Kurt „Scheri“ Gerber (Michael Großschädl) über den gefürchteten Professor Kupfer, der die Schule zum Zuchthaus und die Mathematik- und Geometriestunden zur Folter macht. Ein überdimensionale Tafel dominiert das Bühnenbild, bedeckt mit kryptischen Formeln. Davor stehen in Reih‘ und Glied altehrwürdige Pulte sowie der Katheder, an dem Kupfer zu thronen pflegt. „Danke, setzen, nicht genügend!“ verkündet er von dort aus oft schon, bevor die aufgerufenen Schüler überhaupt richtig den Mund aufgemacht haben. Widerstand ist zwecklos. „Die Dummen weinen, die Gescheiten lachen“, sagt er. Der weiße Anzug, in dem er fast militärisch durchs Klassenzimmer stolziert, passt so gar nicht zu seinem Wesen und dem düsteren Gesichtsausdruck. Die Strenge und Unerbittlichkeit in Person, wirkt er durchaus beängstigend.

Kurt hingegen ist zu Beginn noch ein lebensfroher Gymnasiast mit Zuversicht, dass er die Matura bestehen wird, auch als Kupfer sein Klassenvorstand wird. Michael Großschädl spielt eindrucksvoll den langsamen Niedergang, als Kurt in der Schule trotz Bemühungen nicht besser wird und sich auch die Liebe zur Schulabgängerin Lisa Berwald, eher steif gespielt von Yvonne Klamant, als vergeblich herausstellt. Er weiß, dass Kupfer ihn als sein Opfer auserkoren hat, und dass sein herzkranker Vater ein Scheitern bei der Matura nicht überstehen wird. Druck von zu Hause, Missbrauch pädagogischer Autorität – an Aktualität hat Der Schüler Gerber keineswegs verloren.

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Kurt bei der mündlichen Mathematik-Matura. (c) Lupi Spuma

Kampf gegen Kupfer

Die Klassenkameraden sind Kurt auch keine große Hilfe. Kupfers Unbarmherzigkeit macht jede Solidarität zunichte. Da traut sich niemand, aufzumucken – außer der lungenkranke Anton Zasche aus einer armen Familie, sehr impulsiv und stark gespielt von David Valentek. Das bleibt natürlich nicht ungestraft, und Kurt sieht sich immer mehr ins Dilemma rutschen. Insgesamt gerät sein Leidensweg etwas langatmig. Einige von den unzähligen Klassenzimmerszenen hätte man einsparen oder straffen können, aber insgesamt ist die Inszenierung sehr eindrucksvoll. Hervorragend ist die Idee der transparenten Tafel, durch die etwa Szenen in Kurts Elternhaus und im Kino sichtbar werden.

Kurt kämpft sich durch bis zur mündlichen Matura und tritt dort dem vor Gehässigkeit sprühenden Kupfer ein letztes Mal gegenüber. Der Kampf entscheidet sich. Wie er ausgeht, wissen wohl viele Schüler schon, wenn sie ins Next Liberty kommen. Und sie tun gut daran, sich mitsamt ihren Lehrern das Stück anzusehen, denn es zeigt, wozu schulischer Druck im Extremfall führen kann, und es fordert auf, gedanklich ein paar Schritte Distanz einzulegen zum (eigenen) Schulalltag und sich bewusst zu werden: Das ist nicht alles. Die Schule ist nicht das Leben. Man nehme sie ernst, aber nicht tragisch.

Alle Infos zur Veranstaltung finden Sie hier.

 

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Am Fuße des Zauberbergs lauert der Krieg

Alexander Eisenach glückte am Grazer Schauspielhaus eine meisterhafte Inszenierung von Thomas Manns Epochalwerk Der Zauberberg über die großen Fragen des Lebens, über Krankheit und Krieg.

Auf mehr als 1000 Seiten schildert Thomas Mann zwischen 1913 und 1924 das Leben der Patienten im Davoser Lungensanatorium „Berghof“, wo der 24-jährige angehende Ingenieur Hans Castorp (Raphael Muff) aus Hamburg seinen Vetter Joachim Ziemßen (Clemens Maria Riegler) vor dem Eintritt ins Berufsleben für drei Wochen besuchen will. Ein vom unerbittlichen Dr. Behrens (Fredrik Jan Hofmann) entdeckter feuchter Fleck auf der Lunge sowie die Lieblichkeit einer gewissen Madame Chauchat (Sarah Sophia Meyer) tun aber ihr übriges, um den Erholungsaufenthalt des Jünglings in die Länge zu ziehen. „Wir kennen das Wochenmaß nicht“, wird er belehrt. Die kleinste Zeiteinheit ist ein Monat.

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Hans Castorp (Raphael Muff) inmitten der Sanatoriumsbewohner (c) Lupi Spuma

Wochen, Monate, Jahre?

„Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, ist sehr lang“, bereitet denn auch Vera Bommer als erzählerisches „Wir“ das Publikum mit vielsagender Stimme auf einen besonderen Theaterabend vor. Monate werden es dann zwar nicht, aber immerhin dreieinhalb Stunden. Kurzweilige Stunden wohlgemerkt, in denen das Ensemble höchste Schauspielkunst zeigt und die Bühne (Daniel Wollenzin) technisch alle Register zieht.
Der Zauberberg ist ein Roman des Verfalls, des körperlichen wie des gesellschaftlichen. Die Patienten liegen in der Liegekur wie Leichen am Boden, kennen kaum wichtigere Lebensinhalte als ihre mit der „Quecksilberzigarette“ sieben Mal täglich gemessene Körpertemperatur, und wenn jemand Blut hustend auf dem Boden liegt, kümmert das niemanden. Gleichzeitig verschärft sich „unten“ die kriegerische Stimmung, und der Soldat Joachim sehnt sich danach, ins Feld zu ziehen. Die permanente Untergangsstimmung konterkariert Eisenach mit gewitzten Einlagen wie Interaktion mit dem Publikum und Auseinandersetzungen der in ihren Ansichten erbitterten Gegner Lodovico Settembrini (Florian Köhler) und Leo Naphta (Nico Link), wobei sich die Empörung mitunter so aufschaukelt, dass mit Spaghetti geworfen und zur Waffe gegriffen wird. Für Lacher sorgen auch die Naivität des frischen, gesprächigen Hans Castorp und das beherzte Zugreifen Dr. Behrens‘, wenn es darum geht, das Innere seiner Patienten zu ergründen.

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Settembrini (Florian Köhler) versucht, Hans Castorp (nicht im Bild) aufzuheitern. (c) Lupi Spuma

Große Fragen

Ist Krankheit ehrwürdig? Woraus besteht der Mensch? Was ist Zeit? Der Zauberberg ist auch ein hoch philosophischer Roman. Die Handlungsarmut wird durch Erörterungen elementarer Fragen des Daseins aufgefüllt, die das Ensemble brilliant umsetzt. Hans Castorp ist wunderbar verdattert und hin- und hergerissen ob der entgegengesetzten Positionen Settembrinis und Naphtas, Dr. Krokowski (Evamaria Salcher) spricht in hypnotisierendem Ton von Seelenzergliederung (Vorläufer der Psychoanalyse) und Madame Chauchat sinniert auf Französisch über die Freiheit. Damit verdreht sie Hans gehörig den Kopf, und es kommt zu einer der besten Szenen des Stücks, in der er voll Pathos ihren Körper beschreibt und erkundet, um ihr seine Liebe zu erklären. Clemens Maria Riegler tut sich wiederum hervor, als Joachim eine Begegnung von Hans und Madame Chauchat im Speisesaal schildert und dabei ihn und sie gleichzeitig spielt.
Eine sehr starke Komponente der Inszenierung ist die Symbolik. Ein Pferdeskelett gemahnt etwa an den bevorstehenden Krieg, und Naphta schultert buchstäblich das Kreuz der Menschheit, das später seinen Schatten auf die Bühne wirft. Deren Zentrum ist ein eleganter Salon, an den sich andere Räume, wie ein Schlafzimmer und ein Zugabteil anschließen. Die Unterbühne fördert so manche Überraschung zu Tage und sorgt für fließende Übergänge zwischen den Szenen. Äußerst eindrucksvoll sind auch die mittels Live-Kamera (Carmen Zimmermann) auf eine das gesamte Bühnenportal einnehmende Gazeleinwand übertragenen Close-up-Aufnahmen, die den Blick fürs Detail schärfen und das Spiel aus zwei Perspektiven gleichzeitig betrachten lassen.

Vom Schneetraum in den Krieg

Einzig gegen Ende verliert die Inszenierung an Dynamik. Hans Castorps Schneetraum ist vielstimmig, mystisch und bilderreich, aber dann dauert es, bis Mynheer Peperkorn (Franz Xaver Zach) auf den Zauberberg steigt, von „unten“ berichtet und langsam das Ende erahnen lässt, und dass es ein Ende mit Schrecken wird. Der Krieg reißt die Sanatoriumsbewohner aus ihrer seltsamen Welt, und Hans Castorp wird ihm zum Opfer fallen. Auf der Bühne liegen wieder Menschen, aber nicht in der Liegekur, und das Licht geht aus. Der Applaus hält lange an, und die Begeisterung noch länger.

Link zur Veranstaltung: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-zauberberg/

Belogen und betrogen

Molières Tartuffe mischt am Grazer Schauspielhaus die Familie des frommen Orgon gehörig auf. Markus Bothe inszeniert einen schillernden und höchst unterhaltsamen Niedergang.

Tartuffe ou l’Imposteur ist der ursprüngliche Titel des Stückes – Tartuffe oder Der Betrüger. Diesen religiösen, nur Gutes wollenden Tartuffe nimmt Orgon (Mathias Lodd) bei sich auf und durchschaut natürlich nicht, dass er sich einen Betrüger in die Familie geholt hat. Einen, der vorgibt, Ordnung im Chaos zu schaffen, in Wahrheit aber alles untergräbt. Spätestens bei dieser Charakterisierung lässt sich das im 17. Jahrhundert entstandende Stück mühelos in die heutige Zeit übertragen.

Über weite Strecken rast das Ensemble nur so durch die zugespitzten Verse Molières. Sprech- und Spieltempo zeugen von Unreflektiertheit und überhasteten, im Affekt gesetzten Handlungen. Da muss im Zorn von Orgons Sohn Damis (Simon Käser) schonmal der Teddy dran glauben, und da wirft sich Elmire, seine Frau, nach anfänglicher Abweisung doch dem charmanten Tartuffe an den Hals. Gespielt von Henriette Blumenau schlängelt sie sich anzüglich und kokett um den Wolf im Schafspelz. Ein uraltes Radiogerät sorgt für die passende musikalische Untermalung.

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Elmire (Henriette Blumenau) umgarnt Tartuffe (Pascal Goffin)… (c) Lupi Spuma

Fromme Verblendung

Alle Familienmitglieder, und auch die Zofe Dorine (Julia Gräfner), tragen mit Goldpailletten besetzte Gewänder. Vor allem Orgon sieht vor Glitzer die Realität nicht mehr, und auch seine Mutter, Madame Pernelle, von Franz Solar als vornehme Dame mit federbesetztem Hut gespielt, ist Tartuffe verfallen. Orgons Huldigung des vermeintlich perfekten Mannes geht so weit, dass die Hochzeit seiner Tochter Mariane (Maximiliane Haß) mit ihrem Geliebten Valère (Florian Stohr) kurzerhand abbläst, stattdessen Tartuffe als Schwiegersohn will und diesen auch gleich zum Alleinerben erklärt. Man macht schließlich keine halben Sachen. Sein Schwager Cléante (Thorsten Danner) und Damis erkennen aber sehr wohl, dass dieser Tartuffe Dreck am Stecken hat. So hängt von Anfang an der Haussegen schief, wie die Bühne von Alexandre Corazzola, eine gewaltige Tafel mit weißer Tischdecke (die auch als Bettdecke fungiert) und gebrauchtem Geschirr.

Pascal Goffin spielt Tartuffe als aalglatten, Anzug tragenden Perfektionisten und Erbschleicher, der allerdings vergleichsweise wenig zu sagen hat und meistens der quirligen, impulsiven Familie die Bühne überlässt. Deren Mitglieder streiten fast nur und überbieten sich gegenseitig mit akrobatischen Abgängen vom hinteren Bühnenrand, um wenig später von eben dort schon wieder zu lauschen, was andere reden.
Marianes dreiste und gerissene Zofe Dorine ist offenbar die einzige, die den Durchblick behält (lauscht sie doch allzu gerne), und übernimmt das Heft des Handelns, um zu verhindern, dass Mariane „tartuffisiert“ wird. Das kostet ihr so manchen Tobsuchtsanfall ob des Unvermögens der ganzen Familie. Julia Gräfner spielt sie mit köstlich ungelenker Eleganz und perfekt platzierten Einwürfen, die die Komik des Stückes steigern.

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… und Dorine (Julia Gräfner, rechts) ist das alles nicht geheuer. (c)

Geht doch noch alles gut?

Die erste Fassung des Tartuffe löste bei der Uraufführung 1664 einen Theaterskandal aus, und es sollte noch fünf Jahre dauern, bis Jean-Baptiste Poquelin alias Molière eine der Obrigkeit – damals Ludwig XIV. – genehme Version auf die Bühne brachte, die bis heute gespielt wird. Zu groß war damals der Einfluss der Kirche, deren Proponenten es nicht goutierten, wie der Autor übertriebene Frömmig- und Sittlichkeit durch den Kakao zog. Das heutige Theaterpublikum erfreut sich umso mehr daran, und die Spannung steigt, als sich im Finale die Bühne immer weiter Richtung Zuschauerraum neigt  und die Entscheidung bevorsteht: Siegt der Betrüger oder behält Dorine Recht mit ihrer Feststellung: „Das ging ja nochmal gut“?
Aus Sicht des Publikums ging es jedenfalls mehr als gut. Für alle, die Bothes Inszenierung des Cyrano der Bergerac in den Kasematten gesehen haben, war das wohl keine Überraschung, und auch das energiegeladene Ensemble hatte sich den begeisterten Applaus redlich verdient.

 

Link zur Veranstaltung: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/tartuffe/