Um Kühe und Grenzzäune…

…geht es in „Yellow Line“. Das von Charlotte Roos und Juli Zeh geschriebene Stück ist noch bis Juni im Schauspielhaus (HAUS ZWEI) zu sehen.

Der libysche Fischer Asch-Schamich versteht die Welt nicht mehr. Nicht nur hat eine Kuh sein Boot getroffen, er hat auch noch seinen Freund Mubarak verloren und muss sich nun vor den europäischen Grenzbeamten rechtfertigen. Dass er gar nicht nach Europa möchte glaubt ihm keiner, denn wieso sollte man nicht ins wunderschöne Europa wollen, wo doch Arbeit, Einfamilienhaus und Versicherungen auf einen warten?

Auch Helene (Anne Weinknecht) ist verzweifelt, gefangen im Pauschalurlaub, wo ihr vorgeschrieben wird, wann sie das Essen zu sich zu nehmen hat. Am Heimweg tritt sie über die gelbe Sicherheitslinie am Flughafen und wird prompt verhaftet. An diesem Punkt dreht sie endgültig durch, sie fühlt sich nicht mehr wohl in ihrem vorgefertigten Leben, möchte Grenzen überschreiten und sich nichts vorschreiben lassen. Parallel dazu wird ein neues Management-System vorgestellt, das den Tagesablauf von Kühen regelt und so vom Tagesrhythmus des Menschen unabhängig macht.

(c) Lupi Spuma

Egal ob im Urlaub, im Wellness-Center oder bei Grenzkontrollen. Mensch und Tier werden in der heutigen Zeit in Regeln gezwungen, die die „Allgemeinheit“ von ihnen verlangt, doch wer ist diese Allgemeinheit? Wer bestimmt welche Grenzen die Menschen übertreten dürfen, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten haben?

Als Yellow Line 2012 geschrieben wurde, lebten wir in einem freien Europa, ohne Grenzkontrollen und Zäunen. Nur vier Jahre später sieht die Situation ganz anders aus: Europa ist nicht bereit, die erlangte Freiheit mit anderen zu teilen, die Angst vor Zuwanderung schürt Nationalismus und verengt die Sicherheitsrhetorik.

Die Figuren im Stück sind überfordert mit ihrem eigenen Leben. Einerseits möchten sie aus Grenzen ausbrechen, sich nicht bevormunden lassen, andererseits ist das Schnitzel am Buffet im Pauschalurlaub zugleich einfach und verlockend. Aus Bequemlichkeit fügen sie sich in die vorgegebenen Grenzen.

Das sehr kurzweilige Stück wirkt auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung skurriler Situationen ohne ersichtlichen Zusammenhang. Es geht jedoch immer um Freiheit und Grenzen – ein Thema das leider aktueller nicht sein könnte, trotzdem können Zuschauer*innen über die verrückte, teils hysterisch anmutende Performance der Schauspieler*innen lachen.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/yellow-line

Zwei auf einen Streich

Mit „Der Zwerg | Der Gefangene“ verbindet die Oper Graz zwei Einakter zu einer Aufführung.

Auf den ersten Blick haben die beiden Opern von Alexander Zemlinsky und Luigi Dallapiccola wenig gemein. Knapp dreißig Jahre trennen die beiden Stücke. Doch im Laufe der Vorstellung wird klar, es geht um Ausgrenzung aus der Gesellschaft und die mit ihr verbundenen Leiden, die in beiden Fällen ein tragisches Ende nehmen.

Der achtzehnte Geburtstag der Infantin Donna Clara (gespielt von Tatjana Miyus) wird prächtig gefeiert, sie erhält Geschenke aus aller Welt: eine goldene Rose mit Dornen aus Edelstein vom Papst, ein Kostüm aus tausend Perlen vom König und zwei prächtige Pferde vom Kaiser. Doch das aufregendste Geschenk ist vom Sultan: ein hässlicher Zwerg (Aleš Briscein), der glaubt ein gutaussehender Ritter zu sein, hat er sich doch noch nie im Spiegel gesehen. Er deutet das Lächeln seiner Gegenüber stets als freundliche Geste der Wertschätzung.

Sofort verliebt sich der Zwerg in die Infantin, schenkt sie ihm doch eine weiße Rose beim Tanz. Er malt sich die gemeinsame Zukunft aus, sie hingegen verspottet seine Träume und befiehlt der Freundin Githa, ihm zu sagen, dass er hässlich ist. Diese traut sich jedoch nicht. Am Ende holt den Zwerg sein Schicksal ein: er sieht sich selbst im Spiegel, kann seinen Augen kaum trauen und stirbt.

Die Musik Zemlinskys spiegelt perfekt die pompöse, jedoch einsame Welt der jungen Infantin wider. Das Stück spielt frei nach Oscar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“ und wurde 1922 in Köln uraufgeführt.

(c) Oper Graz

Die Mutter besucht ihren Sohn, ein Gefangener der spanischen Inquisition. Sie hat die Angst, ihn zum letzten Mal zu sehen, da sie immerzu von König Philipp II. träumt, der sich in den Tod verwandelt. Der Gefangene hat jedoch Hoffnung, er erzählt vom Kerkermeister, der ihn „Bruder“ nennt.

Als der Gefangene wieder alleine ist, traut er seinen Augen kaum: die Tür zum Verlies is offen. Hoffnungsvoll folgt er dem Lichtstreifen, der ihn in die Freiheit führen soll. Empfangen wird er von einem Riesen: dem Großinquisitor selbst. Der Gefangene erkennt, dass die Hoffnung die schlimmste Folter war.

Begleitet wird das Stück von den dunklen Klängen Dallapiccola, die zuletzt auch Aufschluss darüber geben, dass die Hoffnung des Gefangenen ihm nicht außer den Tod gebracht hat.

(c) Oper Graz

Wer sich auf die aufregenden Bühnenbilder und pompösen Kostüme freut, für die die Grazer Oper bekannt ist, wird auf den ersten Blick enttäuscht sein über den ungewohnten Minimalismus dieser Aufführung. Die Geschichten sind jedoch gekonnt miteinander verknüpft, so findet sich jeweils ein Zwerg und ein Gefangener auf der Bühne des anderen Stückes und auch Kostüme und Requisiten ziehen sich wie ein roter Faden durch beide Inszenierungen.

Das Spiel mit dem Geld

Selbst im vermeintlich nobelsten Viertel der Stadt bröckelt es hinter den Fassaden…

Geidorf – gehobener Lebensstandard, aber auch Studentenviertel, was nicht immer leicht zu vereinbaren ist. Der Bezirk hat viele positive Seiten, den Rosenhain, Hilmteich und die Universität, einzig ein DM fehlt, wie die Protagonistinnen feststellen.

Sechs Damen versammeln sich um einen Tischtennistisch, offenbar das einzige Stück, das in der vornehmen Villa noch nicht gepfändet wurde. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte – und steckt bis über beide Ohren in Schulden. Die aus der Schweiz stammende Vera wurde vom steigenden Zinseszins ihres Kredites für die eigene Agentur überrascht, die schlecht gelaunte Pia versucht, der Spielsucht zu entfliehen, ihre Schwester Silvana hat weder Wohnung noch Freund. Gabi ist Komponistin und scheitert an der Uraufführung ihres Stückes. Martina, die Villenbesitzerin, ist verwitwet und Beatrix kämpft mit ihrem Schuldenberg im Vorort Hitzendorf.

(c) Johannes Gellner

 

Jede Woche treffen sich die Damen zum Tischtennismatch, die Zuschauer dürfen auf ihre Favoritin setzen. Es folgt ein Match, bei dem die Protagonistinnen ihre tiefsten Sorgen preisgeben. In der Pause vorm großen Finale hat Martina plötzlich eine zündende Idee: ein Raubüberfall könnte all ihre Schuldenprobleme lösen. Es muss in Graz doch einen Tresor geben? In der Herrengasse, zwischen Weikhard und Schullin, dort wo früher der Tchibo war… Die Frauen planen in Ocean’s Eleven Manier den Coup, und machen sich dabei die Eigenheiten einer jeden zunutze.

Regisseur Helmut Köppning zeigt mit dem Stück ,,Geidorf’s Eleven“, das in Kooperation mit dem Theater im Bahnhof entstanden ist, das Schulden und Geldprobleme selbst vor den noblen Vierteln nicht Halt machen und oftmals die schöne Fassade im Inneren bröckelt. Dabei wird Kritik an der ökonomischen Situation geübt, die immer mehr Schulden verursacht. Schulden müssen aber nicht immer negativ behaftet sein, in manchen Kulturen sind sie eine soziale Methode, um in Kontakt zu bleiben.

Alles in allem ein sehr kurzweiliges Stück, das vor allem Ortsansässige Geidörfler*innen immer wieder zum Schmunzeln bringt. Allerdings lenkt das Tischtennismatch etwas vom eigentlichen Inhalt des Stücks ab, man würde sich ein bisschen mehr Handlung erhoffen, die Darstellerinnen könnten mehr von ihren Geschichten preisgeben.

Der Trailer auf Youtube: