Auf den Spuren des homo sovieticus

„Jeder von uns trägt ein Stück Geschichte in sich, der eine ein großes, der andere ein kleines, und aus alle dem entsteht eine große Geschichte.“

Von 1991 bis 2012 reiste Swetlana Alexijewitsch durch das riesige Land, das einst die Sowjetunion war und führte unzählige Gespräche mit Zeug*innen, die mit der sowjetischen Utopie aufgewachsen sind und deren Lebenswege bis heute von ihrem Zerfall geprägt werden. Die Zeug*innen, unter ihnen Künstler, Funktionäre, Soldaten, Arbeitslose, Geschäftsleute, Häftlinge, Täter und Opfer, berichten von Terror, Krieg, Willkür, Schikane und Demütigung. Was sie aber alle vereint ist eine große Idee: die einer alternativen Gesellschaftsordnung, der Traum der Gerechtigkeit.

Vier Schauspieler*innen in gebrauchten Adidas-Sportanzügen laufen auf die Bühne und absolvieren immer wieder ein Sportprogramm. Die Outfits spiegeln die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion wider, als sich viele Menschen nur Second-Hand-Kleidung kaufen konnten. Immer wieder machen die zwei Frauen und zwei Männer auf der Bühne gymnastische Verrenkungen, dazwischen wird das Wort wie in einem Staffellauf weitergereicht.

Vorgetragen werden mitreißende Passagen aus Swetlana Alexijewitsch‘s Buch, inszeniert von Alia Luques, die im Jahr 1978 geboren wurde, dasselbe Jahr, in dem die postfaschistische Zeit in Spanien begann. Genauso wie in der ehemaligen UdSSR sehnten sich auch die Spanier dazumals nach ihrem starken Führer.

(c) Schaupielhaus Graz

Einige der vorgetragenen Erinnerungen erzeugen Gänsehaut bei den Zuschauer*innen, andere sind zum Schmunzeln, doch hauptsächlich wird zum Nachdenken angeregt. Darüber, wie gut es uns in Mitteleuropa geht, unsere Supermärkte waren immerzu voll mit Lebensmitteln, während sich die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion nach unseren westlichen Gütern sehnten und Wurst gegen Second-Hand-Jeans eintauschten.

Die Schauspieler*innen zeigen eine sehr eindrucksvolle Leistung, die langen Textpassagen werden teilweise durch kurze, passende Videoclips unterbrochen. Besonders herausragend ist die Performance von Tamara Semcov, die selbst in der Ukraine geboren wurde und immer wieder russische Wörter miteinfließen lässt.

Eine wirklich berührende Zeitreise in das Jahr 1991, das einerseits die Verteufelung, andererseits die Verehrung vergangener Zeiten darstellt. Ob eine Zeit gut oder schlecht ist, lässt sich nicht allgemein feststellen, sondern ist immer eine Frage des Blickwinkels.

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Manege frei!

… heißt es in der Oper Graz, wenn die fröhlich bunte Operette „Die Zirkusprinzessin“ mit einem gelungenen Mix aus Romantik und russisch-wienerischem Schmäh‘ aufgeführt wird.

1. und 2. Akt

Wien, Hotel Erzherzog Karl, der typisch wienerische Kellner Pelikan, gespielt von Christoph Wagner-Trenkwitz, führt das Publikum in die komplizierte Liebeswelt der Fedora Palinska ein. Vor Jahren machte ihr Fedja Palinski, Neffe des wohlhabenden Gatten Avancen, dieser wurde daraufhin enterbt und tritt seither im Zirkus Stanislawski als Mister X auf.

Mittlerweile ist der Gatte verstorben, die vermögende Witwe wird von einer Schar russischen Männern angebetet. Unter Ihnen auch Prinz Sergius, gespielt von Ivan Oreščanin, den sie immerwährend abweist. In seinem Stolz gekränkt, schmiedet der eitle Russe einen Racheplan, er möchte sie mit dem geheimnisvollen Zirkuskünstler Mister X zusammenbringen.

Zeitgleich ist auch Toni Schlumberger, Hotelerbe aus Wien im Zirkus in St. Petersburg, um hinter dem Rücken der strengen Mutter kleine Mäderl im Trikot zu bewundern. Seine volle Aufmerksamkeit gilt der ehemaligen Offizierstochter Miss Mabel, die ein talentloses Dasein im Zirkus währt. Miss Mabel wird von der Sopranistin Sieglinde Feldhofer wie gewohnt perfekt inszeniert.

Prinz Sergius Plan geht auf, Fedora verliebt sich in den vermeintlichen Prinz Korossow, in einer typisch russischen Hochzeit vermählen sich die beiden. Auch Toni und Miss Mabel entscheiden sich dazu, spontan „mitzuheiraten“. Es folgt eine bunte Party auf der Bühne, die das gesamte Publikum mitreißt.

Doch dann lässt Prinz Sergius die Bombe platzen, er entlarvt den frisch verheirateten Prinzen als Zirkusartist und stellt Fedora als „Zirkusprinzessin“ bloß. Diese verlangt sofort die Scheidung. Was sie aber noch nicht weiß: der vermeintliche Hochstapler ist ein enterbter russischer Fürst.

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(c) Oper Graz

3. Akt

Zurück in Wien, Toni muss seiner Mutter die spontane Hochzeit beichten, diese ist nur kurz schockiert, und auch Fedora und Mister X treffen sich zur Aussprache. Es fallen endgültig die letzten Masken…

Vor allem die wunderbar harmonierenden Stimmen der beiden Hauptdarsteller Regina Riel und Alexander Geller sorgen für Gänsehaut-Stimmung im Zuschauerraum. Die Tanzeinlagen durch Affenkapelle und Pferdeballett, sowie traurigen Clowns sind eine satirische Hommage an zerfallende russische Adelsgesellschaft und den Status des Zirkus in der damaligen Zeit.

Uraufgeführt wurde Emmerich Kálmáns Stück 1926 in Wien. 90 Jahre später inszenierte Peter Lund die steirische Version. Es entstand eine vielseitige Operette, die durch den wienerischen Erzähler einen ganz besonderen Charme bekommt. Die Darstellung vermittelt einen Einblick in die Welt der Liebe und Eifersucht. Es geht um Kränkungen und Zurückweisungen. Am Ende wird jedoch alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende – wie Miss Mabel treffend feststellt.

Das Ende dieser Operette ist mehr als gut, die Bühne verwandelt sich abermals in eine wilde Party und das Publikum bricht in tosenden Applaus aus.

Tanzende Mäuse im Winterwald

Nirgendwo verschmelzen Realität und Phantasie so eindrucksvoll miteinander wie in kindlichen Träumen.

Foto: Werner Kmetitsch

E.T.A. Hoffmanns Geschichte vom Nussknacker und Mausekönig ist ein Klassiker zur Weihnachtszeit. Rund um die Welt steht in Theatern und Opern die Zeit still, wenn zur Musik von Peter I. Tschaikowski getanzt wird. Jörg Weinöhl verzichtet in seiner ganz besonderen Interpretation des Stückes gänzlich auf Text, stattdessen dürfen sich die Besucher auf eine wunderbar gelungene Mischung aus Ballett und Ausdruckstanz freuen.

Weihnachtsabend, die ganze Familie kommt zusammen, es gibt viele Geschenke. Für die Kinder unserer westlichen Welt ein ganz normales Bild. So auch für die kleine Clara, gespielt von Clara Pascual Marti. Inmitten des weihnachtlichen Trubels wirkt das Kind etwas verloren, in seinem zarten weißen Nachthemd, während es die Geschenke auspackt. Vom Patenonkel Droßelmeier bekommt das Mädchen einen Nussknacker. Während die Kinder mit den Geschenken beschäftigt sind, berichtet der Onkel den anderen Erwachsenen von seiner neuesten Erfindung: der Mausefalle.

Schlafenszeit, Clara wird zu Bett gebracht, die Bühne verwandelt sich, ein Vorhang wird herabgelassen, dahinter ein sanfter Tanz der Eltern. Die kleine Clara schwebt ins Traumland. Dort vermischen sich die abstrusen Erzählungen des Onkels und die kindliche Phantasie. In der Traumwelt besteht das Haus aus riesengroßen Mausefallen, die Familienmitglieder tragen gruselige Mäuse-Masken. Der Nussknacker, mit dem Clara in der Realität wenig anzufangen wusste, wird im Traum zum Beschützer. Umringt von unheimlichen Mausgestalten tanzen die beiden zu den dunklen Tönen Tschaikowskis.

Letzter Akt, das Bühnenbild verwandelt sich  in einen bezaubernden verschneiten Märchenwald, besonders auffallend sind Rosenblüten, die sich nun um die Mausefallen ranken, passend zu den sanften Klängen des Blumenwalzers. Die ganze Familie tanzt auf dem verschneiten See, der krönende Abschluss ist eine an Eiskunstlauf erinnernde Choreographie, an der alle Schauspieler beteiligt sind. Tosender Applaus vom Publikum.

Am Anfang des Stückes fällt vor allem das für die Grazer Oper unübliche, sehr schlichte Bühnenbild auf, umso aufwändiger ist es jedoch in Claras Träumen, um die phantasievolle kindliche Traumwelt zu unterstreichen. Die Oper Graz schafft es wie so oft, mit einer sehr außergewöhnlichen Inszenierung das Publikum von Jung bis Alt in seinen Bann zu ziehen. Das Stück versetzt alle in winterliche Stimmung und steigert die Vorfreude auf einen besinnlichen Weihnachtsabend.