Vom Lauschen, Erfassen und Weitertragen

Großer Besuch zugunsten der ganz Kleinen: Klaus Maria Brandauer las in der Oper Graz Texte von Dietrich Bonhoeffer.

Klaus Maria Brandauer (c) Nik Hunger

„Klaus Maria Brandauer schenkt uns diese Lesung gleich in zweifacher Weise“, wusste der Caritas Direktor Herbert Beiglböck klug den Abend der besonderen Art einzuleiten. Ein Geschenk einerseits für das musikalische Sozialprojekt SUPERAR, das Kindern im Volkschulalter Musikunterricht mit Qualität und ohne Kosten ermöglicht. Das Projekt nimmt sich dabei nicht nur der Musikvermittlung an, sondern sieht sich auch als Integrations- und Bildungsinitiative.Ein Geschenk war es wohl aber auch für alle Anwesenden, die sich den Höhenflügen und Abgründen in den Worten Dietrich Bonhoeffers öffnen konnten. Ohne Show oder Theatralik, beinahe ganz wie nebenbei lieh Brandauer dem deutschen Theologen und Widerstandskämpfer seine reife, schlichte Stimme. Viele Texte stammen aus persönlichen Briefen Bonhoeffers, waren für einzelne und nicht für viele gedacht, und trotzdem fanden sie in der ungekünstelten Art des namhaften österreichischen Schauspielers Anklang selbst im großen Saal der Grazer Oper.
Ohne Pause zum Verweilen oder Weiterspinnen der Gedanken erklangen die Texte aneinandergereiht jeweils im Wechselspiel mit dem Cellospiel Maria Magdalena Wiesmaiers. Mit teilweise zu hektischen Übergängen ergänzte die deutsche Cellistin die gelesenen Worte in passend schonungsloser Manier mit Stücken des 20. Jahrhunderts und einem Abstecher zu J. S. Bach. Denn wer sich von dieser Lesung nur Verse wie das bekannte „Von guten Mächten treu und still umgeben“ erwartet hatte, durfte von der Auswahl überrascht werden. Nicht den Helden und Märtyrer wollte Brandauer scheinbar primär charakterisieren. Viel mehr schien es ihm um die menschlichen Seiten des Hoffnungsträgers zu gehen, um seine mutige Ehrlichkeit ebenso wie sein Hadern und Verzweifeln, die er am Grat zwischen Lesung und Schauspiel einprägsam darstellte.

„Glück und Unglück sind sich manchmal so nahe wie zwei Meteore, die ihre Bahnen über unseren Köpfen ziehen“

(frei zitiert)

Manch Schönes, manch Trauriges wurde in der Stunde dieser Lesung vernommen. Die geballte Vortragsweise ließ manchem Gedanken nicht genug Raum sich zu entwickeln, die Quintessenz aber konnte sich im Kopf dieser Zuhörerin fortpflanzen. „Schlichte, einfach, gerade Menschen werden wir brauchen“ sagt Bonhoeffer. Es möge sich jeder angesprochen fühlen, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/klaus-maria-brandauer-liest-dietrich-bonhoeffer

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Göttliches Liebesfest

„Die Schule der Liebe“ lud im Schloss Eggenberg zum Erkunden und Staunen.

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(c) Nikola Milatovic

Ein stimmiges und vielseitiges Konzept haben sich Thomas Höft von der Regie- und Michael Hell von der Musikseite für die heurige Styriarte erdacht. Von Kammerorchester mit Chor und Solisten bis zu improvisierenden Duos mit Seiltänzerin wurde einiges bei diesem Fest geboten.
Zum Auftakt platzierte sich der HIB.art.chor unter der Leitung von Maria Fürntratt im Schlossinnenhof und bot leichte Liedeinstimmung mit Ward Swingle und den Beatles. Die motivierte Jugend des Chors war aber auch am Hauptakt des Abends beteiligt: John Blows kleine Oper „Venus and Adonis“. Getragen von der fein besetzten Neuen Hofkapelle Graz traten die Nachwuchssänger als kleine Amors und schöne Grazien auf und bewiesen dabei fülligen Klang und eine natürliche Bühnenpräsenz. Mit großer Professionalität und kindlichem Eifer traten Sophie Sinabell und Irma Charlotte Wielandt in der Rolle des kleinen Cupido auf. Wunderbar besetzt war das Solistenquartett. Benedikt Kristjánsson als Schäfer und Jäger brachte mit seinem Haute-Contre elfengleich große Weite und prägnante Helle, sein Kollege Mario Lesiak rundete mit seinem Tenor den Ensembleklang noch ab. Als Adonis präsentierte sich vollmundig und reif Norman Daniel Patzke, dem mit Sophie Daneman eine herrliche Venus zur Seite gestellt war. Neckisch und zärtlich beim Flirt mit Adonis zeigte sie bei dessen Tod eine ergreifende Verzweiflung mit Aufschrei und leiser, verletzter Fassungslosigkeit. Die Musiker der Neuen Hofkapelle Graz wussten diesen Moment spannendst zu durchleben, besonders auch die präsente Rolle der Theorbe (Sofie Vanden Eynde) unterstrich den einfühlsamen Charakter.

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(c) Nikola Milatovic

Mit diesem musikalischen Leckerbissen wäre man schon zufrieden gewesen, aber noch so manche Überraschung wartete das Fest in Eggenberg auf. Thomas Höft selbst erläuterte in den Räumen der Alten Galerie kundig und launig von den Bezügen der Familie Eggenberg zum antiken Stoff des Abends, und auch über die Geschichte des Schlosses selbst blieb man dank Dominik Augustinovi´c nicht uninformiert. Die Entspannung im Graben umrahmt von den eitlen Haustieren des Schlosses wurde begleitet von einer modernen Deutung der Geschichte von Ariadne und ihrem Faden. Ariadne, dargestellt von Linn Brodén, tanzte und wirbelte dabei auf einem Seil während gleich zwei Theseuse – Miloš Milojević mit der Klarinette und Gabriel Froihofer mit Percussion – um sie warben. Auch die gute Daphne blieb an diesem Abend nicht unerwähnt. Mit Jacob van Eycks „Doen Daphne d’over schoone Maeght“ erfüllte Andreas Böhlen die mit Kerzenschein erfüllte Kirche mit stimmungsvollen Linien, die er anschließend mit eigenem Geist improvisatorisch verwandelte. Ein großes Finale brachte alle Mitwirkenden im Innenhof zusammen. Zum klaren Sommernachtshimmel wurde schlicht und schön „Der Mond ist aufgegangen“ angestimmt, dessen Melodie schließlich das ganze Schloss und wohl auch so manches Herz erfüllte.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/schule-der-liebe/?sti=41999

Es mutet an so zart

Schuberts große Es-Dur Messe füllte bei der heurigen Styriarte die Stainzer Pfarrkirche mit klangbarer Ehre.

(c) Werner Kmetitsch

Viele von Schuberts Werken ergreifen mit ihren so wohl bemaßten Mitteln. Sie ergreifen das Ohr und Herz des aufmerksamen Zuhörers so weit, dass jede Beschäftigung der Augen gänzlich zur Nebensache verkommt. So geschah es auch am vergangenen Sonntag in Stainz selbst auf den abgelegensten Plätzen. Getragen vom Arnold Schönberg Chor und dem Concentus Musicus Wien unter Andrés Orozcp-Estrada entfaltete sich die letzte Messe des feinsinnigen Franzl in seinen großen Tönen voller Empfindsamkeit. Eben diese zartesten Empfindungen gewährte der Arnold Schönberg Chor unter der Einstudierung von Erwin Ortner besonders stimmungsvoll. Das Credo erklang im ppp nur wie ein Hauch und doch mit wirkungsvoller Präsenz der abgestimmten Stimmen. Davor die Fuge im Gloria mit Wucht zum triumphierenden Klang der Blechbläser. Auch die Solsiten ließen wenig Wünsche offen, wie sie im Benedictus in Einigkeit, Sehnsucht und Zerstreutheit vermittelten. Auffalend zart anmutend war Daniel Johannsen im vorangestellten Intende Voci (D 963), ebenso im Credo wo die kantable Linie des Cellos direkt in seinen Tenor überging.
Zurück bleibt Dankbarkeit für so große Musik.

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte unter:
https://styriarte.com/events/schubert-in-stainz-2019/?sti=41997