Wollen wir ein Kind?

„Ich denke gerade laut“. Im Stück ATMEN unter der Regie von Sam Brown wird laut gedacht: Wo sieben Milliarden Menschen die Erde bevölkern, wo Nahrungs- und Trinkwasserressourcen knapp werden, wo Energie- und Rohstoffbedarf steigen,… Und diese Gedanken sollen darüber entscheiden, ob die zwei Protagonisten, gespielt von Verena Lercher und Jan Gerrit Brüggemann nun eben ein Kind miteinander „machen“ sollen – wird es immer schneller immer ungeheuerlicher: Denn es gibt ja zu viele Menschen auf der Welt. Da noch eines mehr zu machen – nein das geht nicht. Aber genau dieses Kind könnte doch alles zum Besseren wenden!? Vor allem ihr Kind, dessen „gute“ Eltern sie doch wären. Die anderen sollten keine Kinder kriegen, sie wären schlecht.

© Lupi Spuma

Aber irgendwie funktionieren diese Gedanken nicht so recht für die beiden. Was bleibt ist das Eingeständnis: „Ich weiß nicht mehr, wie man denkt“. Das war vermutlich das erste ehrlich Vernommene, was man in diesem Stück zu hören bekommt. Die wirklich gut gelungene Inszenierung geht weiter: „Sag was du fühlst“. An jenem Punkt wird mehr und mehr das Ungeheuerliche zurückgelassen und das Wundervolle setzt ein – Gefühle stoßen auf Gedanken. „Willst du heiraten?“ „Wollen wir Sex haben?“, „Wollen wir ein Kind haben?“ – es setzt sich viel für die beiden in Bewegung. Was man da auch noch zu hören bekommt bedeutet viel – für sie: „Ich hab eine scheiß Angst“. Die beiden schlagen einen Pfad ein, der sie immer mehr zu sich kommen lässt und in der Erkenntnis endet: „Ich weiß, was du hören willst, genau das ich fühle!?“

© Lupi Spuma

Das Stück ATMEN von Duncan Macmillan trifft den Nagel auf dem Kopf. Verena Lercher und Jan Gerrit Brüggemann gelingt eine authentische Inszenierung jenes bedeutsamen Themas unserer Zeit – unserer Welt: Eine von Gedanken bestimmte Welt.

Zeitpunkt des Theaterbesuchs: 28. Jänner 2015

Brisant, bewegend, Brahms.

Gleich wie in Béla Bartóks Rumänischen Volkstänzen, mit denen der Abend begann, tanzten wir mit den Komponisten, die alle im ehemaligen Kaiserreich wirkten, mit einer Leichtigkeit durch drei Stilrichtungen der Musikgeschichte. Recreation-GROSSES ORCHESTER GRAZ, dirigiert von Heinrich Schiff, führte uns freudig über die Moderne in die ca. eineinhalb Jahrhunderte zurückliegende Wiener Klassik und traf mit Haydns Hornsignal in D-Dur eine wohl gut durchdachte Wahl, die ihr Ziel, nämlich das Publikum bei guter Laune zu halten und es so auf Brahms vorzubereiten, nicht verfehlte.

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Brahms, Quelle: Styriarte

Denn nicht ohne Grund hatte der Hochromantiker bei der Aufführung seines Klavierkonzertes in d-moll 1859 Missfallen, um es noch nett auszudrücken, ausgelöst. Die brisanten Paukenschläge schlugen nach der Pause einen ganz anderen Ton an und so schien es als fast notwendig, dass Heinrich Schiff mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung quer durch die Musikgeschichte dirigierte, und so zu einer Annäherung zwischen Brahms, dem Pianisten Bernd Glemser und dem Orchester nicht unwesentlich beitrug. Doch dabei blieb es leider, denn als harmonische Einheit erschienen der Pianist, das Große Orchester und der seiner Zeit voranschreitende Komponist nicht; die Fröhlichkeit der Tänze und des Hornsignals waren einer starren Konzentriertheit beim Orchester gewichen. Lediglich bei der ersten Violine, bei einem Kontrabassisten und ein paar wenigen Musikern schien es Brahms bis ins Blut geschafft zu haben, denn deren gefühlsgeladenen Gesichts- und Körperbewegungen waren ansteckend. Doch würde es möglicherweise der Realität eher gerecht, die starre Konzentriertheit als verhaltenen Respekt zu deuten, stand doch der sagenhafte Bernd Glemser auf der Bühne.

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Bernd Glemser, © Werner Kmetitsch

Ein Blick in seine Biographie ist inspirierend! Vielleicht war er es, der einen bewegenden Eindruck hinterließ, denn, dass ein vierzigplus-Publikum beim Applaus johlt und mit den Füßen stampft und damit den sich auf einen Gehstock stützenden Dirigenten mehrmals auf die Bühne holt sowie dem Pianisten ein strahlendes Lächeln auf die Lippen zaubert, geschieht auch nicht so oft.

Von Jeta Zhitia

Weitere Konzerttermine im Rahmen der Styriarte findet man unter:

http://styriarte.com/recreation/

Ein „Münchner Gipfel“ (und von Goethe)

Michael Hofstetter © Werner Kmetitsch

Michael Hofstetter © Styriarte

Johann Wolfgang von Goethes Gedicht Selige Sehnsucht beginnt folgendermaßen:

„Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet.“

Recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ hat ausgesprochen, gewagt – und wurde keinesfalls verhöhnt! Eingeleitet wurde jener Abend mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Prager“ Sinfonie Nr. 38 in D, KV 504. Pulsierend! Ohne Zögern, leidenschaftlich und präsent. Dirigent Michael Hofstetter gelang jene heikle Vermittlung von Vollendetem.

Inmitten dessen, begab sich Sarah Wegener (Sopran). Sie war es, die an jenem Abend der Sehnsucht – „des Lichts begierig“ – so nah an jene Kerze heranflog und Großes erschuf. Der Applaus gegen Ende der Aufführung galt vor allem ihr – voller Herzlichkeit fügte Dirigent Michael Hofstetter dem zart-freudige Küsse zu.

Sarah Wegener © Nikola Milatovic

Sarah Wegener © Styriarte

Das Programm des Münchner Gipfel war ein harmonisch mitreißendes, wo sich Werke von Mozart und Richard Strauß in einer lieblichen Schwere vereinigten. Voller Hingabe verfolgten meine Begleiterin und ich die Liedertexte im Programmheft, während Strauß‘s Vier letzte Lieder inszeniert wurden. Darin heißt es – von der wunderbaren Sarah Wegener gesungen und dem fulminanten Recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ begleitet:

„Du kennst mich wieder,
du lockst mich zart,
es zittert durch meine Glieder
deine selige Gegenwart.“

(aus Frühling – Hermann Hesse)

Und wie ich zitterte – gar schwebte. Dorthin, wo meine

„…Seele unbewacht,
will in freien Flügen schweben,
um im Zauberkreis der Nacht
tief und tausendfach zu leben.“

(aus Beim Schlafengehen – Hermann Hesse)

Selig eben – war’s.

Weitere Konzerttermine im Rahmen der Styriarte findet man unter:

http://styriarte.com/recreation/