Memoirenbruchstücke – kurios bis überzeugend

Altenpfleger Alexander trifft seinen Jugendfreund Walter. Eine unangenehme und seltsame Begegnung, ist sie doch mit schmerzvollen Erinnerungen für beide verbunden.  Sie nehmen das Publikum auf eine Reise durch Zeit und Raum mit und man wird Zeuge einer einprägsamen Geschichte eines kleinen Jungen, der als Erwachsener noch immer Antworten auf Erinnerungen seiner Kindheit sucht.

(c) Lupi Spuma

 

„Frequenzen“ im Grazer Schauspielhaus ist ein Theaterstück basierend auf einem Roman des Grazer Autors Clemens J. Setz. Alexander Eisenach nimmt sich gut drei Stunden Zeit, dessen virtuose Sprache und dichte Geschichte in ein kurios unterhaltsames Theatererlebnis zu verwandeln. Das Ergebnis ist verwirrend wie einverleibend und ein gekonntes Spiel mit Raum und Zeit, das durch eine mobile Bühne und Live-Kamera – Übertragungen einen zusätzlichen, überlappenden Effekt bekommt. Handlungsstränge werden so ineinander verwoben und das Zeitempfinden verschwindet – es wechselt vielmehr mühelos zwischen Hier und Damals. Das DarstellerInnenensemble ist eindrucksvoll, herauszuheben ist die junge Johanna Marauschek, die komplizierte Textpassagen problemlos wiedergibt und Emotionen mit starker, komprimierter Mimik vermittelt. Auch Vera Bommer zeigt ihre Vielschichtigkeit in mehreren Rollen und Clemens Maria Riegler ist als Alexander gleichsam verzweifelt und aufbrausend. Ein großes Lob geht an die Verwendung der Musik; minimalistische Hintergrundmusik bei Szenenübergängen, aber vor allem David Bowie’s „Space Oddity“ geben dem Ganzen einen sphärischen, fast mythischen Charakter. Das Thema der Raketen zieht sich durch das gesamte Stück, sei es als Teil der Kleidung oder Inhalt eines kindlichen Spiels, sind sie es doch, die mühelos die Grenzen von Raum und Zeit überwinden können.

(c) Lupi Spuma

 

Zeit, in Form von Rückblenden oder Gleichzeitigkeit, bestimmt das Stück und Erinnerungen, die überwiegend Produkte der Fantasie sind, lassen Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Alexanders Erinnerungen werden zu Wahrheiten und das Erlebte bleibt verschwommen und ist vor allem eines – nicht wiederholbar. Was einmal passiert ist, kann nicht zurückgeholt werden und es bleiben kurze Einblicke in ein zerrüttetes Leben, bruchstückhaft und voll kurioser Zusammenhänge, nicht immer plausibel aber durchaus sinnstiftend.

 

 

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Nimmerland

Der Debütfilm Gita Ferlins „15 Jahre und noch keine Antwort“ ist ein Kurzfilm in Form eines Portraits und eröffnet den Diagonaletag am 11.3.2016 im KIZ Royal. Bedrückend sind die Bilder und auch das Erzählte des anonymen Asylwerbers, der nach 15 Jahren in Österreich keinen Aufenthaltsbescheid erhalten hat und nicht arbeiten darf. Die Aufnahmen seines Wohnorts, die wie Fotos wirken – starr, trostlos und klar – unterstreichen die deutschsprechende Stimme aus dem Off und hinterlassen ein nachdenkliches Publikum.

Gleich darauf folgt Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“, eine bereits mehrfach ausgezeichnete Dokumentation über eine kleine Insel im Mittelmeer. Mittlerweile ist Lampedusa aufgrund der Flüchtlingstragödien vor ihrer Küste immer wieder in den Medien und europaweit bekannt. Brossmann legt den Fokus des Films aber nicht auf ebendiese Flüchtlingsschicksale, sondern hat die BewohnerInnen, die Lampedusani, im Zentrum. Sie leben mit dem Wissen um diese Menschen, die zu Tausenden an ihrer Küste sterben oder auch gerettet werden. Doch auf einer kleinen Insel leben heißt vor allem auch selbst abhängig zu sein – von einer Fähre, die lebensnotwendige Güter bringt, der Regierung, die kilometerweitweg Entscheidungen trifft oder der Fischerei, die nach wie vor einen Großteil der BewohnerInnen ernährt. Als die alte Fähre nach Jahren eines Winters defekt ist, wird die Lage für die Lampedusani kritisch und sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Auf die Flüchtlinge auf ihrer Insel nehmen sie dennoch Rücksicht, für deren Hilfe wird immer eingetreten. Großen Anteil daran haben zwei starke Frauenfiguren im Film – die Bürgermeisterin Giusi und die Helferin Paola – die trotz männlich dominierter Inselkultur ihre Werte und Grundsätze vertreten. Vor allem Paola kämpft mit einer selbstlosen Konsequenz und Hingabe für die Gemeinde, aber vor allem für einen angemessenen Umgang mit den Flüchtlingen, lebendig wie begraben.

„Lampedusa im Winter“ ist in seinem dokumentarischen Zugang intim, der Regisseur nimmt sich und sein Team komplett aus dem Geschehen heraus. Sie sind Beobachtende des Inselgeschehens, mittendrin und vorurteilsfrei. Dem ‚typischen‘ Alltagsleben wird Raum gegeben – der Radiostation, die Infos zu Wetter und Fährenthematik gibt oder dem Jugendfußballverein, der trainiert und sich auf ein Spiel am Festland vorbereitet. Den Gemeindesitzungen, wo heftig diskutiert und entschieden wird oder den Müllbergen, die immer größer werden. Sehr beeindruckend ist die Begleitung eines Künstlers, der auf Flüchtlingsbooten nach ‚Artefakten‘ sucht. Er möchte den unbekannten Toten ein Sprachrohr geben – tut dies aber mit viel Respekt, dass etwa Briefe nicht ausgestellt werden. Und Ironiefähigkeit zeigen die Lampedusani auch, als sie zu Karneval ihre eigene Insel als Nimmerland bezeichnen, klein und verloren, weit weg von Italien und der Realität. All diese kleinen Situationen machen das Publikum zum Teil der Insel und offenbaren mehr Fragen als Antworten. Unaufgeregt, mit starken Bildern und noch stärkeren Menschen zeigt er, dass neben den tragischen Szenarien vor Lampedusa auch noch Menschen mit ganz normalen Problemen zu kämpfen haben. Und dass es durchaus möglich ist, Fremden zu helfen und gleichzeitig seine eigenen Schwierigkeiten zu bewältigen.

 

Bombe mit Spätzünder

Zöpfe, Kinderschaukel und kluge Worte – Katie ist ein Teen, mal verspielt, dann wieder überlegt. Offen redet die 18-Jährige über Blow-Jobs und Klauen und darüber, dass sie schlichtweg zu viel nachdenkt, aber genau weiß, was sie tut. Als ihr Freund in eine Schlägerei gerät und sie Teil einer seltsamen Verfolgungsjagd wird, rollt sie ihre bisherige Jugend auf und erkennt am Ende, wer sie ist und wer sie lieber nicht sein will – ein „Bunny“.

(c) Annette Boutellier

Katies harter, bitterböser Monolog ist ein sozialkritischer Abriss des modernen Englands und der Autor Jack Thorne zeigt, wie vielschichtig und verworren die Identitätssuche einer Jugendlichen ist. Das ewige Ausreizen und Ausprobieren, das Bedürfnis zu gefallen, der Versuch sich selbst zu finden…all das bekommt in „Bunny“ Platz. „Ich bin eine tickende Zeitbombe.“ – Katies Gedanken sind voller Widersprüche und dem Bestreben sich zu einer Frau zu emanzipieren, bloß kein Häschen zu sein. Sie ist getrieben, in erster Linie von ihren Ängsten, so will sie zum Beispiel bloß nicht so werden wie ihre Mutter, hilflos und betrogen. Ihrem Vater, der die Mutter schlecht behandelt, kann Katie aber nicht immer böse sein, sie verachtet ihn zwar, versteht ihn aber. Kompensation dieser Zwiespälte findet Katie in Sex, Stehlen und anonymen Racheakten.

(c) Annette Boutellier

Henriette Blumenau spielt Katie authentisch mit eindringlichem Ausdruck und bildreicher Sprache – man nimmt ihr die unsichere Getriebene jede Sekunde ab. Das klare Bühnenbild mit pinken Schließfächern und Reifenschaukel sowie sporadische Requisiten legen den Fokus auf das Gesprochene und die ironischen, mehrdeutigen Wortspiele fesseln von Anfang bis Ende. Wie kraftvoll und packend muss dieses Stück in seiner Originalsprache Englisch sein! Auch die Wahl der Musik ist ein Volltreffer – Clubsongs, die jeder irgendwann schon gehört hat und als Höhepunkt „Fuck the pain away“ von Peaches, der textlich nicht passender sein könnte. Wie gut die Inszenierung unter Jan Stephan Schmieding wirklich ist, zeigen die Reaktionen des jüngeren Publikums (offensichtlich eine Schulklasse). Alles wird gebannt verfolgt, sie lachen und ekeln sich gleichermaßen – bloßgestellt wirkt Katie aber nie, viel mehr verstanden und auch ein wenig bemitleidet. Als Mittzwanziger fühlt man sich dank Musik und Auszügen des Schulalltags zeitweise zurückversetzt. So soll zeitgenössisches Theater sein! Prädikat empfehlenswert.