Ein Messias für gescheiterte Existenzen

Alexander Eisenachs Romanadaption „Vernon Subutex“ im Haus Eins des Schauspielhauses lässt in vielfältigen Bildern jene sprechen, denen die politische Korrektheit sonst das Wort verbietet.

Per Videoprojektion wird ein überdimensionales Bleiglasfenster auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht. Bunt spiegeln sich darin die verschiedenen Akteure des Abends, besonders aber der Protagonist Vernon Subutex (Norbert Wally), eine Figur, die während des ganzen Stückes Projektionsfläche bleibt. Es ist beinahe das Ende des Theaterabends im Haus Eins des Schauspielhauses. Gute drei Stunden davor hatten zwei Personen aus der Zukunft in Mikroben-Kostümen amüsant konfus von einer Bewegung erzählt, die sich am Anfang des 21. Jahrhunderts um eben jenen Vernon formiert hatte. Dieser besaß einen Plattenladen bevor das digitale Zeitalter ihn einholte. Sein Freund Alex Bleach (Clemens Maria Riegler) finanzierte ihm einige Zeit seine Wohnung. Doch nach dessen Tod muss er bei diversen Bekannten übernachten. Bis er schließlich obdachlos und zum Messias eben jener wird, in deren Wohnungen er zuvor schlief. Doch diese Geschichte ist nur der Rahmen, in dem die einzelnen Bekannten Vernons das ramponierte Bild der französischen Künstlerszene zeichnen und zugleich diverse gesellschaftliche Problemfelder skizzieren. Zu diesen Figuren zählen eine Porneuse, die ein Kinderbuch schreiben möchte, ein junges Mädchen, das mit dem Dschihadismus sympathisiert, ein rechtsextremer Filmproduzent und ein seine Freundinnen verprügelnder Türsteher. Sie alle eint das Nicht-zurecht-Kommen mit dem gegenwärtigen Zeitgeist und ein brutal-derbes Aussprechen der eigenen Wut.

Unbenannt2

Fotos: Lex Karelly

Trotz der von ihnen diskutierten schwierigen Themen erlaubt die Inszenierung dem Publikum diverse Lacher und beeindruckt durch gekonnte Multimedialität, Tanz- und Musikeinlagen. „Vernon Subutex“ beinhaltet daher vieles, was einen hervorragenden Theaterabend ausmachen würde – nicht zuletzt grenzgeniale Monologe, eindringliche, vielfältige Bilder und außergewöhnliche Figuren. Leider überstrapaziert die Länge des Stückes die Aufmerksamkeit des Publikums und schwächt so die Botschaften der einzelnen Figuren. Nichtsdestotrotz ein amüsanter, schockierender und zweifellos sehenswerter Abend.
Weitere Informationen finden Sie hier.

Unbenannt3

Schönheit und Hässlichkeit als Schwestern

Dorian Gray mit roten Highheels? Gespielt von einer Frau? Im digitalen Zeitalter? Ja, das geht. Das TaO! beweist es auf schrille und eindringliche Weise.

Schaufensterpuppen ohne Kopf, Armen, Beinen. Mehrere perfekte Torsi schmücken die hauptsächlich weiße Bühne. Dahinter stehen zwei idente weiße Schminktische. Links, rechts und auf der Rückwand schöne Fotos. Sie verlieren ihre Schönheit im Laufe des Stückes. Das Alter setzt ihnen zu. Und auch die Reinheit des Weiß verliert an Makellosigkeit. – Muss doch ein roter Teppich ausgerollt werden. Nur die Torsi bleiben beinahe unverändert. Auf ihnen sitzen die beiden Schauspielerinnen Bianca und Dilara Foscht. Sie küssen sie. Auf ihnen versuchen sie wackelig zu stehen. Fallen herunter, als eine die andere schupst. Einen festen Stand kann man auf den Schultern der puren Schönheit nicht entwickeln. Doch trotzdem streben sie danach. Sie? Wir! Die Jugend unserer Zeit. So hebt es diese TaO!-Produktion zumindest plakativ hervor. Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist nur Bezugsfläche, dient als Sprungbrett, um das Gespräch der eineiigen Schwestern in unerwartet Hohes, Tiefes, Persönliches zu katapultieren. Sie sprechen über ihre eigene Angst, die Schwester könnte besser oder schöner sein. Sie schlüpfen in die Rollen von Dorian Gray und Sibyl Vane. Personifizieren Schönheit und Hässlichkeit. Bekämpfen sich auf Leben und Tod. Eine durchgängige Erzählung tritt dabei nicht zu tage. Eine Botschaft aber sehr wohl: Dass eine Flucht vor der Hässlichkeit nicht gelingen kann. Entweder äußerlich oder innerlich bahnt sie sich ihren Weg an die Oberfläche. Und das Dank Steffi Jöris (Choreografie), Edi Haberl (Visuals) und Georg Klüver-Pfandtner (Maskencoach) auf eindrucksvolle Art. Denn in dieser Produktion von Verena Kiegerl wählte das Team zu Recht den Untertitel „Pictures of Beauty“ und ermöglicht einen Schnelldurchlauf durch heutige Präsentationsformen von Schönheit: Catwalk, Tanz mit dem Schminktisch, maskuline Bewegungsmuster, ein YouTube-Schmink-Tutorial, grotesk übertriebenes Make-up, alternde Fotos. All diese Bilder besitzen tiefe Eindringlichkeit und verankern sich machtvoll in der Erinnerung der Besucher. Die geringe Länge des Stückes und die wirkungsvollen Licht- und Ton-Effekte tragen wesentlich zu einem kurzweiligen, doch zum Reflektieren anregenden Abend bei. Zu sehen ist „Dorian Gray – Pictures of Beauty nach Oscar Wilde“ erneut im Jänner. Nähere Informationen finden Sie hier.

Schafsköpfe gibt’s zu allen Jahreszeiten

Die Oper Graz verpflanzt Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ im gleichnamigen Ballett ins Kunstmuseum und schafft ein Fest der lebendigen Gemälde. Die neue Ballett-Direktorin Beate Vollack feiert die Vielfalt des Lebens und zugleich auf humorvolle Weise den Reichtum des Tanzes.

Die fünf großen Gemälde im Hintergrund sind noch mit schwarzen Vorhängen verhangen. Hausmeister tragen verpackte Bilder über die Bühne. Eine Putzfrau wischt den Boden. Ihr fehlt sichtbar die Motivation. Gelangweilt lehnt sie sich an ihren Wischmopp und schließt die Augen. Der Museumsdirektor treibt sie zur Eile an. Als sie nach getaner Arbeit die Bühne verlässt, werden die ersten Triebe des Frühlings sichtbar. Mit klassischem Ballett und barocker Garderobe erscheinen die jungen Knospen voll konservativer Schönheit. Der Kontrast folgt sofort: Wiederaufbau-Stimmung entsteht, wenn im 50er-Jahre-Blaumann die Fäuste in die Luft gestreckt werden. Als wenig später die Schickeria feiert, ist der Übermut des Neubeginns in der Gegenwart angekommen und die Heiterkeit vollends im Publikum.

Photo-by-Ian-Whalen-_IWP8896-Edit.jpg

Bei „Die Jahreszeiten“ traf Schönheit auf Komik. © Ian Whalen

Beate Vollack schenkte jedem Gemälde auch den adäquaten Tanzstil. Mit Spitzentanz bis Barfußtanz, ländlichem Tanz bis Rokoko zeigen die Tänzerinnen und Tänzer die Bandbreite ihres Könnens. Dieses ist auch hinter der Bühne gefordert, denn jedes Bild bringt neue Bekleidung mit sich. Kostümbildner Jon Morrell schöpfte aus dem Vollen. Ein Schianzug der 80er-Jahre traf so auf Anzüge, die weißen Schneekugeln glichen. Ein fließendes, blaues Kleid auf glitzernd-grelle Party-Kleidung. Badeanzüge im Stil des niederländischen Malers Piet Mondrian auf griechische Togen. Und dazwischen trippelt immer wieder ein Schaf herein. So absurd überzeichnet beinahe jede Kunstepoche mit ausreichender zeitlicher Distanz wirkt, sosehr amüsieren die zum Leben erweckten Bilder dieses Balletts. Denn die Inszenierung wird angereichert mit humorvollen tänzerischen Kommentaren, die dem Publikum diverse Lacher entlocken. Nicht zuletzt als besagtes Schaf plötzlich das Ende der Musik vor lauter Tanzeslust versäumt und im Discostil ein Solo hinlegt. Oder als im Herbst Dionysos der Wein zu sehr schmeckte, er sich im Rausch auf den Rahmen eines Gemäldes zum Schlafen legt und in das Bild fällt. Abgerundet werden die einzelnen Bilder von den Solisten, die nicht nur mit hohem gesanglichem Niveau begeistern, sondern auch durch Agilität. Mirella Hagen (Sopran), Martin Fournier (Tenor) und Neven Crnić (Bass) beweisen ihre Wandelbarkeit und machen den Variantenreichtum der Bilder hörbar. Getragen wird dieser stets von der Feinsinnigkeit des Orchesters unter der Leitung Robin Engelens.

Photo-by-Ian-Whalen-_IWP5500.jpg

Feierstimmung in der Grazer Oper. © Ian Whalen

Diese Koproduktion mit dem Theater St. Gallen zeigte eindrucksvoll, dass sich Ballett im 21. Jahrhundert von den Adjektiven „langweilig“ und „verstaubt“ weit entfernt hat. Kurzweilig, vielfältig und zu tiefst unterhaltsam zeigt sich „Die Jahreszeiten“. Man hofft auf mehr davon in der Grazer Oper, deren Bühne am Ende des Abends wieder von einer gelangweilten Putzfrau gesäubert wird. Wieder ruht sie sich auf ihrem Wischmopp aus. Wieder weckt der Museumsdirektor sie und wieder geht sie zurück an die Arbeit. Denn die Museumstage sind wie die Jahreszeiten: Ein ständig wiederkehrender Kreislauf – doch stets mit vielfältigen Bildern.