Der Fisch, der nach seinem Wasser suchte

„Der thermale Widerstand“ von Ferdinand Schmalz flutet am 30. Juni 2018 das Schauspielhaus Graz. Das Publikum scheint mitgerissen. Ob das Stück langfristig Wellen schlägt? Es bleibt zu hoffen.

Vier Kurgäste liegen auf ihren weißen Plastikliegen umwabert von Dampf. Im Hintergrund blubbert und gluckst das Thermalwasser. Das raspelnde Geräusch der kratzenden, von Hornhaut überzogenen Zehen ist unnatürlich laut. „Fußdesinfektion! Fußdesinfektion!“, lautet die erregte Sorge. Denn schließlich gefährde man nicht nur sich selbst, wenn man gegen die basalen Regeln der Hygiene verstoße. Doch nun noch rasch ins Badewasser, bevor das größte Übel – die Tagesgäste! – alles an sich reißen. Nur, dass das tatsächliche Schwimmen doch lieber auf später verschoben wird. Schließlich müsse man ja noch Aufwärmübungen machen und ein Schwimmen direkt nach dem Essen sei ja eine viel zu große Selbstgefährdung!
Der Bademeister Hannes (Nico Link) träumt dagegen von einer Welt ohne zwei (Bade-)Klassengesellschaft, ohne endloser Effizienzsteigerung, ohne Ausbeutung der natürlichen Quellen und ohne globaler Konkurrenz. Kurverwalterin Roswitha (Anna Szandtner) hält nichts von derartigem Gedankengut. Die Kündigung ist rasch ausgesprochen. Noch schneller verriegelt Hannes die Thermentüren und geht „in den Untergrund“. Die lösungsorientierte, rationale Entscheidung Roswithas, vollzogen von ihrem willigen Gehilfen Walter (Fredrik Jan Hofmann): die Therme fluten.

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Köhler, Szandtner, Muff, Veit (c) Lupi Spuma

 

„Der thermale Widerstand“ ist ein selten aufrührendes Stück, dem es weder an spannender Handlung noch an lebeneinhauchenden Details mangelt und das dabei die Zuschauenden regelmäßig zum Lachen bringt. Getragen wird die stets vorhandene Komik nicht nur vom punktgenauen Spiel mit den Geräuschen, sondern auch vom grenzenlosen Sprachspiel des Autors Ferdinand Schmalz. Die Sprache ist übervoll mit Wasser-Metaphern und trieft sozusagen vor Zweideutigkeit: Wenn von nationalen Strömungen, Effizienzsteigerung, Wiederaufbau des menschlichen Körpers, damit dieser bis zum nächsten Zusammenbruch durchhält, die Rede ist, dann ist auch dem letzten Eskapisten klar, dass das Thema dieses Stückes nicht die Therme, sondern die heutige Gesellschaft ist. – Die „Wohlfühl-Gesellschaft“, um es mit den Worten des Bademeisters Hannes zu sagen. András Dömötör (Regie), Tamás Matkó (Musik) und Elisabeth Geyer (Dramaturgie) schaffen gemeinsam mit Monika Annabel Zimmer (Bühne und Kostüme) ein in sich geschlossenes und unterhaltsames Theatererlebnis, bei dem die gesellschaftsverändernde Botschaft dem Publikum klar vor Augen tritt.
„Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen wie ein Fisch im Wasser“, soll Mao einmal gesagt haben. Ferdinand Schmalz zitiert diese Worte am Stückende. Doch wie schwimmt es sich in einer wasserscheuen Gesellschaft aus regelverliebten Kurgästen, denen nichts fremder ist als „sein eigener Bademeister“ zu sein? Die Antwort erscheint offensichtlich, doch schockiert das Ende deshalb nicht weniger.

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Gesellschaft und Individuum im ewigen Spannungsfeld

Am 29. Juni 2018 eröffneten im Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, zwei Ausstellungen: Rage Fluid trifft auf Studienraum, Hannah Perry auf Jörg Schlick.

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Hannah Perry, Liquid Language (Detail), 2018
Siebdruck, Digitaldruck, Autofolie, Autolack, courtesy die Künstlerin und Galerie Lisa Kandlhofer

Hannah Perry schmirgelt mit multimedialen Mitteln die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität ab – um sie mit Autofolie, Lack und Tracy Chapman von neuem aufzupolieren. Besonders der „Shock Absorber“ füllt den ersten Raum mit glänzend roségoldenen, verzerrten Spiegelungen der Besucher, die von der Soundinstallation zusätzlich in Schwingung gebracht werden. Perrys erster 380°-Film lässt die Zuschauer eindringen in eine Welt tanzender Körper und Brüchen von Sätzen, die zum Teil in den Druckwerken im Raum 3 wiederzufinden sind. Das Eintauchen in die Hochglanzwelt der ersten institutionalisierten Ausstellung Hannah Perrys reinigt den Blick für vorhandene Geschlechternormen und die individuelle Verletzlichkeit, die aus der Anziehungskraft der Ekstase geboren wird.

Die Treppe in das Untergeschoss des Künstlerhauses ist sowohl Zeitreise als auch schrittweise Neufokussierung – weg von den kollektiven Vorstellungen, die die individuellen Empfindungen beeinflussen, und hin zu einem Individuum, das die kollektiven Vorstellungen nachhaltig herausforderte.

 

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Jörg Schlick courtesy Paul Zach

 

Ein Werkkatalog, elektronischer Lebenslauf, zahlreiche Briefe, Skizzen, Fotos, Filmausschnitte sollen das Gesamtwerk Jörg Schlicks sichtbar machen. Was beim Verlassen der Räumlichkeiten jedoch bleibt, ist der Mensch in seiner Eigenart, seinem Eigenwert und seiner für ihn ganz typischen, vorbildlosen Lebensart.
Reflektiert von seinem künstlerischen Werk wird Jörg Schlick als Persönlichkeit in dieser Ausstellung erlebbar: Nicht nur für alte Bekannte Schlicks eine Freude, besonders auch für jene jungen Menschen, die glauben, den Namen Jörg Schlick vielleicht irgendwann einmal am Rande gehört zu haben.

Weitere Informationen erhalten Sie hier.