Feinstes Burschenschafts-Bashing

„Burschenschaft und Blut“ ist der treffende Titel der ersten Folge der „Lecture Performance“ Tabu La Rasa, tiefschwarz der Humor, feministisch die Kritik. Der zum Teil brutale Sarkasmus unterhält gleichermaßen wie die schier endlose Anzahl der Social-Media-Beispiele aus der Welt der Korporierten schockiert.

Das Haus Drei des Schauspielhauses zeigt sich von der heimelig-österreichischen Seite: Ein paar Pokale stehen an der Wand, eine Wurst hängt von der Decke, die 50er-Jahre-Stehlampe spendet Geborgenheit, die Degen in der Ecke runden das Bild ab. Gemütlich anmutende Stühle stehen an einem runden Tisch. Darauf ein Bloody Mary, den Evamaria Salcher zuvor für Tamara Semzov zubereitet hat. Zu zweit führen sie mit rasanter Feindseligkeit und bitterschwarzem Humor durch das Programm, das an verschiedenste TV- und Literatur-Formate angelehnt ist. Nach dem die Spezie Bursche charakterisiert wird, wird munter „Ein germanisches Märchen“ vorgelesen, ins Gruselkabinett geführt und à la „Wer will mich?“ für drei „Sorgenburschen“ ein Zuhause gesucht. Zur Illustration wird auf die Leinwand daneben ein buntes Potpourri aus Facebook-Postings diverser Burschenschaften, Gemälden des Wartburgfestes, Fotos von Bundesministern projiziert. Eine Bildwelt, die die Logarithmen der Social-Media-Plattformen dem Publikum für gewöhnlich verwehren. Dem gehen die Lacher daher während der 75 Minuten auch nicht aus. Genährt werden sie von den musikalischen Kommentaren von Tamara Semzov am Mini-Keyboard, die über die zum Teil anstrengend schlechte akustische und visuelle Qualität auf der Leinwand hinwegtrösten. Auch wenn die Radikalität der betriebenen feministischen Kritik gegen Ende an Biss verliert, ist die erste Folge von Tabu La Rasa gelungen und unterhält durch die Kreativität von Nadja Pirringer und Jennifer Weiss und die Glaubwürdigkeit der Schauspielerinnen.

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Unterhaltsamer Leichtsinn

Lange nicht gesehen: „Martha“ ist nach beinahe vierzig Jahren zurück an der Oper Graz und mit ihr wallende Kostüme und ein traditionell imposantes Bühnenbild. Die Inszenierung selbst unterhält, wird aber zu keinem abgerundeten Ganzen.

Mit rosa Rüschen, fließenden Stoffen, tief geschnittenen Oberteilen sitzen sie auf langen Canapés vor hohen Fenstern mit Blumenverzierung: die Damen des 18. Jahrhunderts. Es wird gelacht, getrunken, gealbert. Bevor das Lachen verebbt, purzelt ein Affe herein. Das Amüsement ist wiederbelebt. Da kehren Lady Harriet Durham (Kim-Lillian Strebel) und ihre Bedienstete Nancy (schauspielerisch überragend: Anna Brull) von ihrem Ausflug zurück. Denn für die Lady war das Amüsement zur Alltäglichkeit geworden, die Unterhaltung vermodert. Zum Glück wusste Nancy Abhilfe und schlug vor, verkleidet den Gesindemarkt zu besuchen. Ein Heidenspaß – bis sich die beiden für ein Jahr an Lyonel (Ilker Arcayürek) und Plumkett (Peter Kellner) verdingen und diese ihnen Arbeit auftragen. Weiter gekichert wird trotzdem und auch dem Publikum entweichen einige ehrliche Lacher, wenn plötzlich die Männer ihren Mägden, in die sie sich augenblicklich verliebten, das Spinnen lehren müssen. Ernst wird die Lage für die oberflächlichen Frauen nicht, denn schon in der ersten Nacht werden sie vom absurd überzeichneten, plump Harriet umwerbenden Lord Tristan Mickleford (Wilfried Zelinka) gerettet und kehren in das dekadente Schloss zurück, das durch die hervorragende Arbeit der Bühnen- und Kostümbildnerinnen Ulrike Reinhard und Daria Kornysheva vor Lebendigkeit übersprüht. Die visuelle Nähe zum Original aus 1847 brachen Regisseur Peter Lund und Dramaturg Bernd Krispin aber leider bereits mit der ersten Szene, die in der Londoner Nervenheilanstalt Bedlam verortet ist. Die vom Wahnsinn befallenen Insassen werden später zu den Akteuren am Gesindemarkt von Richmond und auch Lyonels spätere Zelle ist Teil der Irrenanstalt. Denn für ihn wurde der Spaß der Damen zum lebensbedrohenden Ernst, als er, nach seinen Mägden suchend, von Lady Harriet verleugnet, inhaftiert und beinahe um den Verstand gebracht wird. Weshalb dem Wahnsinn so viel Platz eingeräumt wird, bleibt offen. Sollte die Verrücktheit zum Koordinatenurspung dieser Inszenierung gemacht werden? Deutlich hervor tritt dieses Konzept aber nicht. So ist die Sozialkritik zum Teil vorhanden, doch inkonsequent und affektiert. Da hätte man sie besser gleich weggelassen und wäre der Grundfunktion des Stückes treu geblieben: das Publikum einen Abend lang unkritisch in der Welt schöner Melodien und spaßiger Figuren schwelgen zu lassen. Trotz dieser nicht geglückten Dramaturgie sei aber allen, die einen unterhaltsamen Opernabend mit gewohnt professioneller Musik und diversen Lachern erleben möchten, „Martha“ in der Oper Graz durchaus empfohlen. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Martha © Werner Kmetitsch

„Denkt ihr wirklich, ich bin so einfach gestrickt?“

Vor 25 Jahre begann die blutigste Bombenserie der Zweiten Republik. Vor 18 Jahren erhängt sich jener Mann in der Justizanstalt Graz-Karlau, der dafür verurteilt wurde. Die Theater-Kaendace-Produktion von Felix Mitterers „Der Patriot“ ermöglicht nach all den Jahren für eineinhalb Stunden einen Einblick in das Gehirn von … Ja, von wem eigentlich? Von Franz Fuchs, einem Verrückten? Einem Einzeltäter? Einer traurigen Gestalt?

„Es lebe die Bajuwarische Befreiungsarmee! Es lebe die deutsche Volksgruppe!“, brüllt Franz Fuchs aus tiefster Überzeugung, als er die Bühne betritt. Rassistische Spuckefäden sprühen durch das Haus Zwei des Schauspielhauses. Nur mit wenigen Eisenstangen wird Fuchs Zelle skizziert, die einzig durch unterschiedliche Lichtnuancen zu Gerichtsraum und Gesprächsraum wird. Im Zentrum stets ein Sessel, auf dem Franz Fuchs sitzt, von dem er sich verkrampft erhebt, auf dem er in sich zusammensinkt und hinter dem er getrieben auf und ab wankt. Das Bühnenbild, das den Bewegungsraum auf wenige Quadratmeter schrumpfen lässt, verschärft die innere Spannung des Protagonisten weiter, die so grandios überzeugend von Alexander Mitterer in diesem Solospiel dargestellt wird. (Das Publikum quittierte es mit Standing Ovations.) Die Inszenierung von Klaudia Reichenbacher schafft es jeweils bevor die Monologe die Nerven der Zuschauer zu sehr belasten, eine neue Facette von Franz Fuchs‘ Charakter lebendig werden zu lassen, und lässt dabei stets die Frage im Raum schweben, ob er wirklich Einzeltäter war.

„Die Nazi-Zeit brauch‘ ich wirklich nicht!“
Er interessiere sich nicht für Politik, sagt Fuchs, solange sie so ablaufe, wie zwischen 1953 und 1983. Von der Nazi-Rassenlehre distanziere er sich. Aber etwas Geschichtsunterricht schade nicht. Schließlich habe es Österreich ja schon vor 1945 gegeben. Wirr nennt Fuchs Zusammenhänge historischer Ereignisse, zitiert wichtige Stationen der Geschichte der Bajuwaren, spricht von Umvolkung, von Tschutschenweibern, die in der Regierung sitzen, und Ministern, die nur noch slawische Namen tragen. – Sympathie für dieses radikalisierte Monster von Mensch? Bei aller Toleranz, man kann sie nicht aufbringen.

„Wenn‘s Streit gibt, dann bin ich weg.“
Aber Franz Fuchs mag auch Katzen, selbst wenn seine nie in sein Zimmer kommen wollte und er jetzt niemanden mehr streicheln kann. Seine Mutter und Großmutter waren für die Trachten Prügel zuständig. Geliebt hat er einmal eine Slawin, aber sie hat ihn um Geld betrogen. Obwohl er studiert hatte, arbeitete er am Fließband. Er wollte sich bereits umbringen. Aber die Mutter fand den Abschiedsbrief zu früh… Zwei Monate Psychiatrie waren die Folge. – Trotz seiner Taten: Mit dieser traurigen Lebensgeschichte kann man dann doch nur Mitleid haben.

„Zu Oberwart sage ich nichts!“
Franz Fuchs ist sich sicher, dass er seit über einem Jahr überwacht wurde, kann nicht glauben, dass die Polizei erst auf ihn gekommen war, als er den Selbstschussapparat falsch gehalten hatte und sich die Hände wegsprengte. Um seine Hände trauert er, ebenso schluchzt er beinahe, als ihm die Bilder der vier toten Roma von Oberwart gezeigt werden. Es sei ein Unfall gewesen, kein Mord. Nur, dass er wenig später schildert, wie er die Männer nicht aufgehalten hat, obwohl er wusste, dass es sie töten wird. Auch habe er nie geglaubt, dass Helmut Zilk tatsächlich den Brief in die Hände bekomme und doch hatte er die Bombe gebastelt. Obwohl er ja immer beteuert, dass er nicht das Bombenhirn ist. Er sei nur ein kleines Rädchen. In Wahrheit seien sie viele… – Die Frage, was glaubwürdig ist, bleibt wohl auf ewig offen.

„Ich verspreche Ihnen Sie werden von mir träumen.“
Ein schöner, leichter, kurzweiliger Theaterabend ist „Der Patriot“ zweifellos nicht. Aber dafür ein durch die Qualität der schauspielerischen Leistung beeindruckender und durch die Abgründigkeit des menschlichen Geistes verstörender, aufrüttelnd-intensiver Abend. Franz Fuchs verspricht dem ihn begutachtenden Arzt, dass er gelegentlich von ihm träumen werde. Vielleicht tut das Publikum das nicht, doch es wird den Abend mit Sicherheit für längere Zeit in lebendiger Erinnerung behalten.

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