Norma- voller Schmerz, Liebe, Trauer, Wut und Verzweiflung

2.6.2017, Oper Graz, Vorhang auf. Ein kahler ruinöser Raum. Fabrikshalle oder Regierungsgebäude, hoch, das Dach nur noch aus den Resten erahnbar. Das unerbittliche Flackern einer Neonröhre synchronisiert die letzten Zuckungen im Todeskampf eines Erhängten. Eine Frau tritt auf und sucht in ständiger Verfolgungsangst für ihre beiden Kinder ein Versteck im winkellosen Raum zu finden. Drängende Musik erhebt sich, wird wieder sanft und melodiös, unwirklich schön zur bedrückenden Szene, dann werden wieder kriegerische Töne eingestreut. Vom ersten Moment an fesselt diese Aufführung alle Sinne des Zusehers, berührt zutiefst und hält dieses Versprechen auch bis zum Fall des letzten Vorhanges ohne Pause.

Norma, eine Tragedialirica in zwei Akten von Vincenzo Bellini wurde 1831 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Anders als man von einer Belcanto- Oper erwarten würde, geht es hier jedoch nicht um den romantischen Beginn einer Liebesbeziehung, sondern um deren tragisches Ende, Betrug, Verzweiflung, und die Anbahnung einer weiteren, nicht minder schwierigen Liebesbeziehung. Aber gerade diese tragische Handlung kommt dem vielzitierten „elegischen“ Charakter von Bellinis Musik, die er selbst als „melanconicamusa“ bezeichnete, entgegen. Mit unglaublicher Präzision zeichnet er musikalische Seelengemälde der Protagonisten und erlangt damit eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Synchronisation zwischen Ton und Wort.  Die klangliche Umsetzung der Szenen und Gefühle ähnelt schon fast großen Filmen der Neuzeit.

Die Handlung: Norma ist eine druidische Priesterin im von den Römern besetzten Gallien. Während das unterdrückte Volk einschließlich seines Oberhauptes Oroveso, Normas Vater, sich endlich nach dem göttlichen Zeichen für den Kampf gegen die römische Besatzungsmacht sehnt, tobt in Norma ein wilder innerer Konflikt. Sie, die als Priesterin ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat, unterhält seit langem eine Liebesbeziehung mit dem römischen Prokonsul Pollione und hat mit ihm sogar zwei gemeinsame Kinder, die sie versteckt halten muss. Obwohl Norma bereits spürt, dass sie die Liebe Polliones verloren hat, ruft sie im heiligen Ritus nicht zum Krieg auf, wenngleich sie aber bereits den Untergang Roms verkündet. Pollione hingegen hat sich längst in Adalgisa, eine junge Novizin, verliebt und will diese überreden, mit ihm nach Rom zurückzugehen. Adalgisa, die sich ihrem Gelübde verpflichtet fühlt versucht verzweifelt, ihre Liebe durch Gebete zu überwinden, erliegt aber schließlich Polliones Liebesschwüren und verspricht mit ihm zu gehen. Nichtsahnend vertraut sie sich Norma an, die sie anfangs voller Mitgefühl von ihrem vorläufigen Gelübde entbindet und für sie das Leben erhofft, das sie selbst nicht hatte, bis sie schlagartig erkennt, dass Pollione der geliebte Mann ist und der Betrug für alle offenkundig wird. Norma schwört Rache,ringt jedoch mit ihren Gefühlen. Knapp davor, ihre eigenen Kinder zu töten, siegt doch die Mutterliebe und sie bittet Adalgisa, mit Pollione und den Kindern nach Rom zu gehen, um ihnen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Die verzweifelte Adalgisa ist schockiert ob des Betruges, entsagt Pollione und will ihn mit Norma wieder versöhnen. Der Versuch scheitert und Norma ruft in wildem Zorn die Gallier zu den Waffen. Pollione wird im Heiligtum auf der Suche nach Adalgisa aufgegriffen und Norma, die zuerst aus Rache verfügt, ihn der Gottheit zu opfern, bietet ihm nochmals die Freiheit an, falls er Adalgisa entsagt. Als er ablehnt, offenbart Norma dem Volk ihre Schuld, vertraut ihre Kinder ihrem Vater an und opfert sich selbst auf den Scheiterhaufen. Von dieser Größe überwältigt und von wiedererweckter Liebe erfüllt geht Pollione gemeinsam mit ihr in den Tod.

Die Grazer Inszenierung von Florentine Klepper holt die Geschichte in die Gegenwart, der heruntergekommene Saal der Bühnenbildnerin Martina Segna ähnelt einer verfallenen Parteizentrale, Fahnen und Gewehre werden geschwenkt und die Kostüme Adriane Westerbarkeys erinnern stark an Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts. Vereinzelte, temporäre, mit präzise angepasster Geschwindigkeitin den Saal gleitende kleinere Kuben schaffen es, Bühne für die intimen persönlichen Szenen zu sein, ohne von der trostlosen Gesamtstimmung vollends zu erlösen. In dieser kahlen Welt schafft es Klepper trotzdem, durch kleine berührende Gesten, die Einblicke in das verborgene Innenleben der Protagonisten geben, beim Zuseher ein großes Verständnis für die Seelenzustände der Protagonisten zu erlangen und sich mit ihnen zu identifizieren. Zärtlich berührt Norma immer wieder heimlich die Hand ihrer versteckten Kinder durch einen kleinen Schlitz. Auch sie, die große Priesterin, wird menschlich indem sie ihre Rede vor dem Ritus noch einmal durchgeht. Beeindruckend waren auch die Lichteffekte von Adam Silverman, und die gekonnt und in richtiger Dosis eingesetzten Videoeffekte, die einzelnen Szenen grandios unterstützten.

Das Orchester unter der Leitung von Robin Engelen meistert den wunderschönen Melodienreichtum und die sensiblen Gefühlsdifferenzierungen Bellinis bravourös und präzise und der Bogen reicht von zartesten Holzbläsersoli, die die intimsten Szenen einleiten bis zum martialischen Furioso, der den Ruf zum Krieg im zweiten Akt eindrucksvoll transportiert. Eine musikalische Besonderheit waren auch die im Publikum verteilten Fanfarenbläser, die durch den entstehenden Stereoeffekt gleichsam die Zuseher mitten in den bevorstehenden Krieg nahmen.

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(C) Werner Kmetitsch

 

Irina Churilova aus Novosibirsk, die ihr Debüt an der Grazer Oper gibt, stellt sich als großartige Besetzung der Norma heraus. Ihr dunkel gefärbter, weicher und doch so farbenreicher Sopran drückt besonders in den Pianostellen die Seelenabgründe Normas in bewegender Weise aus. Sie schafft es bravourös Schmerz, Liebe, Trauer, Wut und Verzweiflung über Bellinis wundervolle Melodien zu transportieren. Die Adalgisa wird souverän und berührend von Dshamilja Kaiser gesungen, die besonders im zweiten Akt in den intimen Duetten mit Churilovazur Hochform aufläuft. Der junge kasachische Tenor MedetChotabaev, ebenso ein Debütant in Graz, steht mit klarem, leicht metallisch gefärbtem Tenor um nichts nach, wobei seine schauspielerische Darbietung noch Entwicklungspotential hätte. TigranMartirossianals Orovesoerfüllt mit dunklem und kraftvollem Bass den Raum und begeistert in seiner Darstellung als väterlicher und doch kriegslüsterner Führer. Auch die Nebenrollen sind mit Sonja Sarić als Clotilde und Martin Fournier als Flavio schauspielerisch und gesanglich wunderbar besetzt und komplettieren mit dem eindrucksvollenund ausdruckswendigen Chor das großartige Ensemble. Tosender Applaus beendet den außergewöhnlichen Abend und erlöst den Zuseher nach fast drei Stunden großer Gefühle aus dem fesselnden Seelengemälde Bellinis.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-b0bUmkxykM

 

Theater am Ortweinplatz: „Zementgarten“

Das Theater am Ortweinplatz (TaO) inszenierte diese Spielzeit ,,Zementgarten“ aus der Feder von Ian McEwan – ein Stück, welches aufgrund seines düsteren Charakters dem Autor den Spitznamen „Ian Macabre“ einbrachte…

Die Handlung ist simple, der Inhalt jedoch nicht leicht zu verkraften: Der Vater ist schon lange tot, von ihm geblieben ist nur das unvollendete Projekt den Garten mit Zement zu versiegeln. Die Mutter ist gerade gestorben. Die vier verbliebenen Kinder Julie, Sue, Jack und Tom haben nun Angst davor nach dem Tod beider Eltern getrennt zu werden, also beschließen sie den Tod der Mutter zu verheimlichen und betonieren die Leiche im Keller ein. Nun versuchen alle, auf ihre Art und Weise, mit dieser Situation umzugehen. Die Illusion einer intakten Familie soll aufrecht erhalten werden, welche es so jedoch nie gegeben hat.

Die Charaktere der vier Kinder unterscheiden sich durch ihre besonderen Persönlichkeiten. Eines hält die Kinder jedoch zusammen, das Band der Familie. Nicht zur Familie gehört der Freund von Julie – Derek. Er zeigt uns, dass eigentlich auch eine „normale“ Welt, außerhalb, existiert. Jedoch dominieren die Regeln und Vorstellungen der kleinen Welt im Haus der Geschwister, denn als Derek das inzestuöse Verhältnis der beiden Geschwister Julie und Jack aufzeigt, wird kein Skandal daraus gemacht, sondern das Verhalten als etwas ganz Normales aufgefasst.

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(c) Nestroy

Die Charaktere, gespielt von Valentin Marsoner, Sebastian Schmid, Anna Weber, Gabriel Zinganel, Erna Zuhric – sind fesselnd und lassen den Zuseher die Düsternis der Situation und die Hilflosigkeit der Jugendlichen authentisch spüren. Im Zentrum der Bühne steht ein Sofa, verkleidet mit Plastik, welches den Eindruck einer Baustelle vermittelt. Das Rascheln der Folie begleitet die Handlung, sowie eine Leinwand auf der Seite, welche die Geschehnisse und Vergangenes aus der Perspektive der Videoaufnahmen von Sue zeigt. Durch die Rückblicke und Erzählungen, welche in die Handlung einfließen, sind die Geschehnisse und Beziehungen zueinander klar. Nur der skandalöse Inzest bleibt etwas außen vor und wird nicht tiefer dargestellt, so bleibt die Frage offen ob es sich nun um puren Sex zwischen zwei Geschwistern handelt, oder um einen Art besondere Fürsorge, welche sich in körperliche Nähe äußert.

Gewiss ist aber: Wenn man als Zuschauer die kleine Welt verlässt und zurück in die Realität geht, bleibt das Gefühl des Staunens über die unglaublich gute Performance dieser jungen Darsteller noch lange hängen.

Mehr Informationen: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6ba6a0414151ea0000120

Verirrungen von Hänsel und Gretel und unserer heutigen Gesellschaft

Die Oper  „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck  ist ein Märchenspiel in drei Akten, aufgeführt im MUMUTH unter der Regie von Ernst M. Binder. Da es sich hierbei um eine Produktion der Kunstuniversität Graz handelt, erwartete ich bereits etwas Ausgefallenes und Experimentelles. Ich wurde nicht enttäuscht und genoss nicht nur ein Märchen zur reinen Unterhaltung, sondern auch eine gesellschaftskritische Inszenierung.

Das Stück beginnt damit, dass Hänsel und Gretel in Griechenland gestrandete Flüchtlingskinder verkörpern. Der Wald wird in eine Gartenabteilung im Supermarkt verwandelt und die Kinder werden von glitzernden Mercedessternen und Geld angelockt – Dies alles und weitere Elemente wie Aufstand gegen ein tyrannisches Regime, Krieg oder Feminismus sind in die märchenhafte Oper eingeflochten und stellen unser gesellschaftliches Leben kritisch dar. Ein hervorstechendes Beispiel ist die wahrlich schaurige Darstellung der Hexe. Diese verkörpert für mich den Kapitalismus, welcher  Hänsel oder uns Konsumenten mit Geld und Konsumgütern lockt und füttert damit die Hexe, oder eben der Kapitalismus, ihn/ uns  verschlingen kann damit sie/er überleben. Ich bin beeindruckt von der Vielfalt an Idee und der Anzahl der Elemente, welche man aus diesem Märchen umdeuten und neu interpretieren kann. Daher empfiehlt es sich das Programm vorab zu lesen, um das Verständnis dieser Interpretationen zu fördern.

Foto: Johannes Gellner

Foto: Johannes Gellner

Die authentische und überzeugende Darstellung der Schauspieler war großartig. Es hat sich darin gezeigt, dass sich Ernst M. Binder sowie die Schauspieler Zeit genommen haben, sich mit ihren Rollen, aber auch mit sich selbst  intensiv auseinanderzusetzen. Auch das Orchester war ausgezeichnet – Als einziges Manko empfand ich aber die zum Teil unausgewogene Balance zwischen den Sängern und dem Orchester, was auch dazu beigetragen hat, dass es teilweise schwer war, trotz der schönen Stimmen, den Text des Gesangs deutlich zu verstehen.

Ich selbst war begeistert von der Oper und ich denke auch das restliche Publikum, welches kräftigt applaudierte. Darüber hinaus hat mich das Schauspiel angeregt darüber nachzudenken, was wohl die ursprüngliche Bedeutung und Botschaft des Märchens „Hänsel und Gretel“ war. Für die Zukunft bleibt nur zu sagen, dass ich nun auch andere Märchen kritischer und mit Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen betrachten werde.

Nachruf: In der Nacht vor der Premiere seiner 99. Inszenierung ist Regisseur Ernst M. Binder überraschend verstorben.  Er hinterlässt eine Lücke in der Grazer Kunst und Kulturwelt, die niemand zu füllen vermag.