Ein Mann mit zwei Gesichtern

Am vergangenen Mittwoch fanden sich zum zweiten Mal zahlreiche Menschen im Haus eins des Schauspielhauses Graz ein, um sich anzusehen, wie ein Mann mit Puppen spielt. Über eineinhalb Stunden lang erweckte Nikolaus Habjan den legendären Dirigenten Karl Böhm zum Leben, dessen politische Ausrichtung nicht immer die korrekteste war.  

Eine mutige Herausforderung von Nikolaus Habjan, der in Zusammenarbeit mit Autor Paulus Hochgatterer, einen der bedeutendsten Dirigenten des letzten vergangenen Jahrhunderts in Form einer Puppe aufleben ließ. Schon nach ein paar Minuten wurde klar, dass Nikolaus Habjan nicht mehr als 12 Puppen und einen kleinen Teil der Bühne im Schauspielhaus Graz braucht, um die interessante Lebensgeschichte eines Künstlers darzustellen, der von Hitler als „Gottbegnadeter“ tituliert wurde. Die Rede ist von Karl Böhm, der tatsächlich ein begnadeter Musiker und Dirigent war, allerdings politisch eine komplett verwerfliche Richtung einschlug. Diese Erkenntnis ist einzig und alleine Habjan zu verdanken, der einem, auch wenn man sich davor nicht mit Böhm befasst hat, ein klares Bild von diesem Mann vermittelt, der in der Zeit des Nationalsozialismus den Dirigentenstab schwang. So selbstsicher wie Böhm war, ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser auch nicht davor zurückschreckte sich dem Nazi-Regime anzuschließen, um seine Karriere voranzutreiben. Ein Geschäftsmann in der Musikerbranche, der in moralischer Hinsicht den falschen Takt angab. Das zweite Gesicht dieses Mannes nämlich, kann nicht behaupten, dass „die Musik sich nicht für die Politik interessiert.“

12 Gesichter

Immer wieder wurde es dunkel und wieder hell auf der Bühne, damit Habjan in eine seiner 12 Rollen schlüpfen konnte. Seine Hand verschwand dabei im Rücken der Puppen und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sich nicht sicher sein, dass nur eine Person für diese zahlreichen Stimmen verantwortlich ist. Für die beeindruckendste Imitation kann die der Hauptperson selbst genannt werden. Ein alter, faltiger Mann im Rollstuhl, der nostalgisch und mit Leidenschaft vor dem Plattenspieler sitzt und klar zeigen lässt, dass ihm die Rolle als Leiter eines Orchesters gefallen hat. Das irrwitzige Puppenspiel von Habjan und Hochgatterer regte mit einigen Witzen und Wortspielen zum Lachen an und konnte das Publikum begeistern und den eigentlichen Zweck der Vorführung erfüllen: Daran zu erinnern, dass Karl Böhm ein Mann mit zwei Gesichtern war. In musikalischer Hinsicht steht außer Frage, dass Böhm in der Musik als Vorbild gesehen werden kann. Politisch gesehen soll und muss man sich fragen, ob er aus purem Egoismus wegen seiner beruflichen Karriere oder aus absoluter Überzeugung Teil des Nationalsozialismus wurde und ob Letzteres es besser macht, wenn man sich wieder für einen kurzen Moment die Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Zeit rund um den zweiten Weltkrieg ins Bewusstsein ruft. Als Vorbild in mehreren Hinsichten ist auch Habjan zu nennen, denn die authentische Inszenierung sorgte nicht nur dafür, dass das Publikum gar nicht mehr aufhören konnte zu klatschen, sondern auch dafür, dass das Leben des Karl Böhms zu einem sehenswerten Puppenspiel wurde.

(c) Lupi Spuma

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