Ein vorletztes Mal missverstehen.

Ich bin eine große Freundin von großen Anfängen wie beispielsweise diesem hier. Seien sie auch noch so klein gehalten. So auch der Fall bei Das Missverständnis. Im beinahe völlig finsteren Schauspielhaus steht ein Puppenhaus auf der abgeschrägten Bühne. Darüber zieht Nebel auf und innen gehen Lichter an. Stimmen aus dem Off von Mutter und Tochter geben schon Vorgeschmack auf die Themenkomplexe. Fremd sein und fremd fühlen, Glück und Träume, Wiederkehren, Verbrechen, das Meer sehen. Ein Einstieg, der die Geschwindigkeit und die Tiefe des Stückes vorgibt und die bis zum Ende beibehalten werden.

Nur drei Personen schauspielern und schlüpfen beinahe unbemerkt zwischen den – zugegeben – auch nicht unüberschaubaren 5 Rollen hin und her und spielen mal ohne unterkörperlose Puppen, meistens aber mit. Ein Fakt, dem vielleicht die eine oder andere schon im Vorfeld des Stückes skeptisch gegenübersteht, beispielsweise ich. Zu Unrecht wie sich deutlich zeigt. Mit einem Flair von Schaurigkeit und unglaublich vielen Emotionen, die sich alle aus einem starren Gesichtsausdruck, gefertigt aus wahrscheinlich nicht mehr als einem Pappmaché ähnlichen Stoff, erstaunlicherweise ablesen lassen, bleibt nur mehr die Skepsis gegenüber der Skepsis am Puppenspiel.

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(c) Lupi Spuma

Die Puppen stehen für die Rollen, die die Figuren im Stück einnehmen. Spielen sie ohne – zeigen sie also ihr tatsächliches Gesicht – zeigen sie auch im metaphorischen Sinne ihr wahres Gesicht. Ansonsten sind sie „fremd“, verheimlichen, verstecken. Und trotz der Subtilität, die dieser Metapher zu Grunde liegt und trotz der Absehbarkeit über den Verlauf der Geschichte und wie diese Rollen zueinander finden, verfällt man der Tiefe und der Intensität, die das Stück ohnehin zu vermitteln weiß. Ein letztes Mal missverstehen kann man noch am 12. Juni.

Der Trailer zum Stück:

Hakoah Wien im Dickicht

Hakoah Wien ist der historisch berühmte Fußballverein, um den sich dieses Stück mehr oder weniger dreht.

„Mehr oder weniger.“ Denn diese von Yael Ronen produzierten 120 Minuten ziehen an vielen Strängen: Emigration, Familie, Fußball, Männlichkeit und Nationalgefühl. Es geht um zwei Generationen: Die eine träumte davon, in Israel zu leben und Österreich für immer verlassen zu können, die nächste dreht den Spieß beim Träumen um. Die Geschichte und all diese Stränge und Fäden werden rund um Hakoah Wien mit Satire und Parodie verwoben.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Die Größe der Themengebiete und deren offensichtlicher Facettenreichtum in Sachen dazugehörigen Einstellungen, macht es etwas schwierig diese Themen einfach nur zu verweben. Vielmehr wird alles verstrickt, verknotet, mit Satire und Parodie aufgeraut. Und was am Ende dabei rauskommt ist vielleicht ein unterhaltsamer Abend mit noch nicht zu abgekauten Spannungen und Problemen aus dem Leben der Fußballfangemeinde, verkompliziert von der Situierung in die Anfänge des Zweiten Weltkrieges und einer Prise Israel-Palästina Konflikt. Einerseits. Andererseits läuft dieses satirisches Verstricken von einer Vielzahl vielfältiger Themen Gefahr, keine differenzierte Aussage zu treffen. Und ein lustiger Abend ist dann zwar lustiger Abend, bei einigen Witzen (gerade auch bei denen, bei denen mensch selbst nicht lacht) bleibt aber der laue Beigeschmack von einer Schwammigkeit, die nicht zu deuten ist, aber essentiell wäre, deuten zu können. Beinahe alles, das nur die kleinsten Elemente von Satire verwendet, läuft dieser Gefahr. Hier aber scheint das lustig laute Auf und Ab und Hin und Her auf der Bühne, das auch gleichzeitig den Charme des Stückes ausmacht, gerade dazu einzuladen, an den Grenzen der politischen Graubereiche entlang zu rudern. Das spricht Yael Ronen, die hier selbst Teile ihrer Biographie (und die ihres mitspielenden Bruders) aufnimmt, nicht ab, eindeutige Standpunkte vermitteln zu wollen. Es tun sich nur Zweifel auf, ob die Intentionen dann auch dort hinführen, wo sie ankommen sollen.

Die Stärke (hebr.: Hakoah) des Stückes liegt jedenfalls nicht in der Vermittlung politischer Ansichten. Sie liegt in der frischen Aufmachung und den kecken Schauspieler_Innen und dann doch wieder in der Verstrickung der unterschiedlichen Stränge und Fäden, eben bis zu dem Punkt, wo die Verstrickung etwas schwer durchschaubares Dickicht wird.

Selbst ein Bild machen, kann mensch sich noch einmal am 2. Mai und hier durch diesen Trailer: 

Diagonale: Minor Border & Monumenti

Frühmärzlich tritt in Graz immer wieder eine gewisse Stimmung auf. Dabei nicht unbedeutend ist wohl für allerlei Menschen, die Terminkalender zu zücken, das Diagonale-Programmheftchen frenetisch zu durchblättern, wieder zu durchblättern und noch einmal zu durchblättern. Bei einem dieser Vorgänge findet man einige Favoriten, dann beim nächsten Mal fällt einem der Terminkalender wieder ein und dann ein letztes Mal, schon leicht bis schwer genervt, entscheidet man sich für das eine oder andere Schmankerl. Mein diesmaliges Schmankerl: Das Sammelprogramm bestehend aus Minor Border und Monumenti.

Beide schlagen in eine ähnliche Kerbe und sind wohl tatsächlich nicht zufällig in einem Sammelprogramm. Der 25-minütige Kurzdokumentarfilm Minor Border (Regie: Lisbeth Kovacic) beschäftigt sich mit Grenzübergängen, die seit Schengen nicht mehr von Nöten sind, da Grenzen augenscheinlich nicht mehr existieren. Man sieht die bauliche Entfernung dieser Grenzen während die Stimmen aus dem Off und auch die Macherin Lisbeth Kovacic im anschließenden Gespräch die Frage stellen: Sind Grenzen dadurch überwunden? Stimmungsgewaltig, auf unterschiedlichen Sprachen und nicht zuletzt durch beeindruckende musikalische Elemente zeigt der Film auf, dass diese architektonische Entfernung der Grenzen nicht gleichbedeutend mit einer Entfernung von Grenzen, die Menschen von Europa, von unterschiedlichen Nationalstaaten mit Papier und Stift zugeschrieben werden. Eine oberflächliche Auflösung von Grenzen ist noch schlimmer als keine. Denn für wen bedeutet es etwas, eine Grenze überqueren zu können? Den Zahnarzttourist_innen aus Wien, die sich in Ungarn billigere Goldkronen holen? Stimmt, sie ersparen es sich auf 50 km/h heruntergeholt zu werden, um die verschmälerten Grenzposten zu durchfahren. Stimmt, der Pass kann nun ruhig mal vergessen werden. Nur diese Thematik wäre den kürzesten Film nicht wert. Minor Border schafft es in Kürze tiefgreifendere Problematiken aufzugreifen, die strukturell Menschen benachteiligen, nur aufgrund von Strukturen des Landes, in dem sie geboren worden sind. Ein feiner, gar nicht so minor Einstieg in die Grenzthematik, über den man hier noch weitere Informationen einsehen kann: http://lisbeth.klingt.org/?page_id=945

Monumenti (c) Eva Hausberger

Monumenti (c) Eva Hausberger

Mit Monumenti hat Eva Hausberger viele kleine und größere Teile Albaniens eingefangen und mit nach Graz gebracht. So erzählt diese Dokumentation über die Entstehung eines Monuments von Ismail Qemali zur 100-jährigen Unabhängigkeit Albaniens, beschreibt den Vorgang des Bronzegießens, die Monumentekultur in Albanien, Kommunismus in Albanien, Familienleben in Albanien und zwischendurch wird noch etwas albanische Landschaftsatmopshäre eingepackt. All things Albanien eben. Während man sich nicht entscheiden kann, welcher Teil wohl die meiste Brisanz besitzt, gewährt der Film Einblick in ein Land, das bis Anfang der 90er isoliert von der restlichen Welt existierte und 1997 seine letzten anarchischen Zustände durchlebte. Es bleibt nur bei einem Einblick. Schön und unterhaltsam sind die Geschichten rund um Ladi Mentani, den Bronzegießer von Lenin-, Stalin- und Hoxharstatuen sowie seinen eigenen niemals lachenden, immer aus einer Art Selbstbefreiung heraus gestalteten Bronzefiguren, die er zu Hunderten in seinem Wohnzimmer stehen hat. Aber genug kann einem das nicht sein, geht es um so komplexe Umstände wie in Albanien. Trotzdem verstrickt der Film diese historischen, privaten und künstlerischen Umstände zu einem sehenswerten Puzzle aus faszinierenden Menschen in einem faszinierenden Land.