YAMATO – Oder: Als Dionysos in die Oper kam…

Der Satz, „Kunst kommt von Können“, ist vielen bekannt. Weniger bekannt sind die Sätze, die Johann Gottfried Herder auf diesen folgen ließ. In seiner Gesamtheit lautet das Zitat folgendermaßen:

„Kunst kommt von Können oder Kennen her (nosse aut posse), vielleicht von beiden, wenigstens muß sie beides in gehörigem Grad verbinden. Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Sachen des Könnens kaum trauet; wer kann ohne zu kennen, ist ein bloßer Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet beides.“

Dass „Yamato“, die Trommler und Trommlerinnen aus Japan, konnten, war unübersehbar. Doch sie kannten auch. Sie kannten menschliche Emotion und vermochten diese – das, worüber sich im Grunde nicht sprechen lässt – mit Hilfe ihres trommlerischen Könnens für das Publikum fassbar zu machen – eine Leistung, die jeder Künstler und jede Künstlerin auf eigene Art vollbringt. Können und Kennen im Zusammenspiel lassen uns nämlich etwas erkennen, das wir häufig zwar nicht benennen können, aber das uns glücklich – oder auch traurig stimmt.

Kunst bewegt also. – „Bakuon – Legend of the Heartbeat“ bewegt. Das Taiko-Ensemble bietet ein Schauspiel, dass man keinesfalls missen sollte – wenn man das Dionysische, das Rauschhafte schätzt. – Auch wenn der Genuss für einige sicherlich dadurch eingeschränkt wurde, dass es nicht der Konvention entspricht, an manchen Stellen einfach aufzuspringen und dem Klang der Trommeln mit ganzem Körper hinzugeben. Jedes Applaudieren, wirkte in diesem Zusammenhang durstig und immer wieder konnten einige (die missbilligenden Blicke von steifen Publikumsgenossen und –genossinnen ignorierend) dem Drang nicht widerstehen, wenigsten durch Mitklatschen ihrer Erregtheit Ausdruck zu verleihen und dadurch mit dieser archaischen Musik und allen (klatschenden und trommelnden) Anwesenden eins zu werden. Belohnt wurde die phänomenale Leistung der Trommler und Trommlerinnen mit Standing Ovations und tosendem Applaus, wodurch dem Abends ein würdiger Abschluss gegeben wurde und unterstreicht, dass man sich diese Show nicht entgehen lassen sollte!

 

http://www.oper-graz.com/

http://www.yamato-show.de/

Link zum Trailer: Bakuon – Legend of the Heartbeat

 

 

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Kultur ist …

„Kultur […] entstammt […] dem Bedürfnis, einen Damm gegen die eigene Sterblichkeit zu errichten, etwas einzuschalten zwischen Vergänglichkeit des Menschen und die Unvergänglichkeit der Natur, an der die Sterbenden ihre Sterblichkeit messen. Eingeschaltet wird die Welt von Menschenhand, die zwar nicht unsterblich, aber doch erheblich dauerhafter und beständiger ist als das Leben der Menschen.“

Hannah Arendt

Der große Fake – Eine märchenhafte Kritik des gegenwärtigen Kunstbetriebs

Die Welt der Kunst scheint eine oberflächliche geworden zu sein, deren Elemente leicht bekömmlich sind. Das Unangepasste wurde passend gemacht, das Brechen der Regeln zur Norm.

Es war einmal ein System, dass eines schönen Tages erkannte, dass es effektiver ist, störende Elemente einzugliedern, anstatt sich gegen diese aufzulehnen. Die Systemlogik, die vor allem auf Systemerhaltung abzielte, befahl ihm darum, diesen „Störenfrieden“ einen Bereich zuzusprechen, in dem sie entsprechend ihrer Natur leben dürfen, denn Inklusion ist das Mittel, Inklusion ist der Weg. In väterlicher Manier erlaubte ihnen das System ein System im System zu etablieren, dass zwar nicht den konventionellen, aber dennoch einer Art von Gesetzmäßigkeiten folgte, die mit denen von „Big Daddy“ kompatibel waren. Das große System war sehr großzügig und gewährte dem kleinen viele Freiheiten und das nur unter Einhaltung einer einzigen Bedingung, – nämlich, innerhalb seiner Grenzen zu bleiben, aber diese gleichzeitig für Angehörige des großen Systems offen zu halten und bei einem kurzen Tête-à-têtê deren Erwartungshaltungen zu befriedigen. Wenn es eines Tages trotz dieser nichtigen Einschränkung zu Überschreitungen käme, müsse zumindest zuvor eine Genehmigung dafür eingeholt werden, denn sonst, so sprach „Big Daddy“ mahnend, müssten die außer Rand und Band geratenen Elemente letztendlich doch mit einer Strafe rechnen, die sie nicht so leicht vergessen würden. Die kleinen „Störenfriede“ waren so glücklich über diese Entwicklungen, dass sie diese Bedingungen natürlich akzeptierten. Waren sie nicht schon viel zu lange draußen gewesen? Dort, wo es kalt und nass ist? Dort, wo es nichts zu essen gibt? Nun durften sie endlich erfahren, was es bedeutet satt zu sein. So satt. Sie aßen und aßen bis sie vergessen hatten, wer sie eigentlich waren. Noch immer produzierten sie das, was das große System „Kunst“ nannte. Noch immer waren sie anders als die anderen und doch – glichen sie sich untereinander immer mehr. Manche bemerkten, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmen konnte, aber ihr Unbehagen in Worte fassen konnten sie nicht. Wenn es doch einem hier und da gelang, hörten sie ihn nicht. Sie wollten ihn nicht hören, da er störte. Die Störelemente wollten ihren Frieden. Waren sie nicht endlich glücklich, da sie frei waren. – Vom Kampf?

Wie es das große System angekündigt hatte, kam immer wieder Besuch von „da draußen“, den „normalen“ Elementen. Sie kamen stets mit einer ganz bestimmtem Absicht: Sie wollten sich einerseits gegenseitig ihre Bereitschaft zur Grenzüberschreitung demonstrieren, ihre Offenheit und Toleranz, und sich andererseits immer auch ein bisschen schockieren lassen. „Immer nur in kleinen Dosen, bitte!“, hatte „Big Daddy“ damals gesagt. „Sie sollen ja nach ihrem Besuch noch dieselben sein.“ An diese Vorgabe hielten sich die Störelemente gerne. Es tat ja nicht weh. Kein Kämpfen mehr. Die Begegnungen verliefen sogar recht angenehm. Und was solls‘ – hauptsache anders als sie.