Politisch daneben; musikalisch überlegen

Ein Puppenspiel, dessen Zielgruppe keine Kinder, sondern Erwachsene sind; ein Theaterstück, welches versucht, uns die Mitläuferthematik näherzubringen. Ein hervorragendes Künstlerkontingent, bestehend aus dem Puppenspielvirtuosen Nikolas Habjan und dem Wortschmied Paulus Hochgatterer, macht dies möglich. Nach der viel umjubelten Premiere des Stücks wurde nun auch die zweite Aufführung von einem nahezu ausverkauften Schauspielhaus zelebriert.

Das Stück beginnt mit einer komplett verdunkelten Bühne, nur Silhouetten sind für die ZuschauerInnen erkennbar. Eine Person tritt auf die Bühne und zieht mechanische Uhren auf. Die Uhren beginnen allmählich wild durcheinander zu ticken, es wirkt düster, man wird nachdenklich. Ein wunderbarer Bühneneffekt, der seine Wirkung über das gesamte Stück entfalten sollte. Licht an, und schon ist man begeistert. Die lebensgroße Puppe wirkt enorm realitätsnah, nur die im Hinterkopf steckende Hand des Puppenspielers bestätigt, dass die Puppe das Replikat eines alten Herren ist. Dieser in die Jahre gekommene, im Rollstuhl sitzende Mann stellt Doktor Karl Böhm, den in Graz geborenen, viel umstrittenen Dirigenten, dar. Nikolaus Habjan lässt jene Puppe mit sarkastisch-mürrischer Stimme sprechen und verleiht ihr mit treffender Gestikulation einen geistig verwirrten Eindruck. Mastermind Habjan tritt auch selbst in die Handlung ein: Er spielt einen aus Rumänien stammenden Pfleger, dessen kleine Schwester dem verwirrten Greis die heutzutage propagierte political correctness auf süffisantem Wege näherbringt. Die Schimpftiraden gegenüber dem Pfleger und seiner kleinen Schwester von Seiten Böhms erinnern manchmal an unseren geliebten „Nestbeschmutzer“ Thomas Bernhard. In diesem Sinne: Ein Lob an den Autor Paulus Hochgatterer!

Zerschellendes Statement

Die Handlung des Stücks lässt sich an manchen Punkten nur mühsam nachvollziehen, vor allem wenn Traumsequenzen, Erinnerungsfetzen, bloße Halluzinationen, sowie Rückblenden aus dem Leben Böhms in verdrehter Reihenfolge aufeinandertreffen. Die Sequenzen, in denen der alte Verwirrte im Rollstuhl zu denken vermag, der junge Karl Böhm in seiner Glanzzeit zu sein, werden amüsant umgesetzt. Wenn die Puppe zum Beispiel vor dem Orchester – verkörpert durch das Publikum –  zu dirigieren beginnt, unterhaltet das musikalische Genie den Zuschauerraum mit köstlich-zynischen Bemerkungen. Erschreckend sind die Originalaufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus; so wird eine Passage aus der Rede Hitlers am Heldenplatz eingespielt und Originalaufnahmen des dirigierenden Böhms werden riesengroß präsentiert. Ein Auftritt Böhms am 9. November – an jenem dunklen Tag des Pogroms -, bei dem er Bruckners Fünfte angeblich zum Besten gegeben hätte, zeigt die wetterwendische Art des oft renommierten Dirigenten auf. Spätestens dann wird auch wirklich allen ZuschauerInnen bewusst, dass Böhm ein Profiteur des Dritten Reiches war. Das Bühnenspiel selbst versucht erst gar nicht, die Problematik um das opportunistische Wesen Böhms zu erklären, auch eine Schuldzuweisung lässt sich nirgendwo finden. Die Zuschauer sollen zum Nachdenken angeregt werden. Doch ein Statement wird dennoch abgegeben: Das Stück wird durch eine am Boden zerschellende Steinbüste Böhms beendet.

Leib und Seel

Zusammenfassend kann von einem gelungenen Stück gesprochen werden, von dem bestimmt noch länger die Rede sein wird, nicht zuletzt wegen der heiklen Thematik. Nikolaus Habjan haucht seinen akribisch gestalteten Puppen mit Stimme und Gestik Leben ein. Doch der Autor, Paulus Hochgatterer, gibt dem Stück erst seinen Charme. Die zynische Sprache Böhms wird in jeder Sprechszene deutlich, einzelne sprachliche Nuancen liegen mir noch heute im Ohr. Ich traue mich sogar zu behaupten, dass erst Paulus Hochgatterers Text den als Schauspieler fungierenden Puppen eine Seele verleiht.

 Weitere Infos und Termine sind hier zu finden.

 

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Bernarda Albas Haus


Ferico Garcia Lorca ist hierzulande wenig bekannt, zählt in der spanischen Literatur jedoch zu den herausragenden Dramatikern der Moderne. Eines seiner bekanntesten Stücke ist das nur zwei Monate vor Lorcas Ermordung im Zuge des Spanischen Bürgerkriegs fertiggestellte Schauspiel Bernarda Albas Haus aus dem Jahr 1936.

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(c) Lupi Spuma

Das handlungsarme, dialogstarke Stück lässt sich knapp nacherzählen: Bernarda Albas zweiter Ehemann ist gestorben, was nach alter spanischer Tradition Bernarda und ihre fünf Töchter zu acht Jahren Trauer (ohne jedweden Kontakt zur Außenwelt) verpflichtet. Von diesen fünf Töchtern stehen besonders zwei im Mittelpunkt: Angustias und Adela. Beide verlieben sich in ein und denselben Mann: Pepe el Romano. Obwohl dieser sich zur jüngeren Adela hingezogen fühlt, geht er aus materiellen Gründen die Verlobung mit der älteren Angustias ein, die aus einer früheren Ehe von Bernarda stammt und von ihrem verstorbenen Vater ein Vermögen geerbt hat.

Natürlich entgehen Bernarda die Eifersüchteleien unter ihren Töchtern nicht: Ihr ist der junge Mann ein Dorn im Auge und sie versucht, die Ordnung in ihrem Haus wiederherzustellen: durch einen Warnschuss auf Pepe. Doch der laute Knall suggeriert der nach wie vor verliebten Adela, ihre Mutter hätte Pepe erschossen – und erhängt sich.

Lorcas Stück, eine scharfe Anklage gegen überkommene Konventionen, die Frauen einem rigorosen Wertesystem unterordnen, wird derzeit am Schauspielhaus Graz aufgeführt. Julia Gräfner führt dabei souverän als Haushälterin La Poncia durch den Theaterabend, den sie auch beginnt. In der Titelrolle ist Christiane Roßbach zu erleben, deren versteinerte Mimik die Kühle der Atmosphäre überzeugend zum Ausdruck bringt. Generell korrespondiert das schwarze Bühnenbild mit dem düsteren Seelenleben der handelnden Figuren. In brutaler Direktheit wird dem Publikum die Tragik dieser Frauentragödie (in der keine Männer auftauchen) vor Augen geführt, am erschreckendsten in dem schockierend realistischen Schlussbild: der erhängten Adela, verkörpert von Maximiliane Haß.

Da es nur noch eine Vorstellung zu Bernarda Albas Haus am Schauspielhaus Graz gibt, möchte ich den Besuch dieser letzten Vorstellung am 5. April ausdrücklich empfehlen. Vor allem die Kürze der Inszenierung (70-80 Minuten) verspricht einen dichten und sehr intensiven Theaterabend. Informationen zum Stück sind unter folgendem Link zu finden: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bernarda-albas-haus/

Baumschlager – Ein Mann zwischen den Fronten.

Thomas Stipsits spielt in seiner ersten Kino-Hauptrolle den UNO-Offizier Baumschlager, im gleichnamigen Film von Harald Sicheritz und Maayan Oz. Der Frieden zwischen dem Libanon und Israel ist gesichert. Werner Baumschlager rüstet von den Golanhöhen ab und reist zurück ins verschneite und kalte Österreich. Dort angekommen erwartet ihn in ländlicher Idylle bereits seine liebenden Frau Martha (Gerti Drassl). Doch das Wiedersehen der beiden, wird durch eine ganz besondere Mission, die ihn wieder in den Nahen Osten zurückkehren lässt, schneller beendet als gedacht.

Dem tollpatschigen Baumschlager erwartet zurück im Kriegsgebiet eine böse Überraschung. Er wird erpresst und seine Affäre mit einer israelischen Grenzsoldatin (Meyrav Feldman), die nicht nur eine Vorliebe für wilden Sex, sondern auch für Waffen hat, droht publik zu werden.

Aber auch der Tochter des libanesischen Generals, gespielt von Moran Rosenblatt, kommt er während dem Deutschunterricht sehr nahe. Obwohl diese einem anderen versprochen ist und sehr viel Wert auf Tradition legt, kann auch sie dem liebenswerten Baumschlager nicht wiederstehen und verfällt ihm. Insbesondre da sich ihr Verlobter als ein Wahnsinniger herausstellt, der gerne Krieg im Garten spielt und mit einem Maschinengewehr mit Plastikpatronen auf Besucher schießt. Daher scheint es regelrecht unumgänglich und selbstverständlich, dass der liebe und verständnisvolle Baumschlager und sie, sich näherkommen.
Diese verzwickte Situation machen sich die beiden Länder zu Nutzen und so wird Baumschlager der Grund, um das Kriegsbeil wieder auszugraben. Immerhin müssten sich sonst die hochrangigen Militärs beider Länder mit lapidaren Problem wie einer Paartherapie oder einem Besuch im Fitnessstudio auseinandersetzen. Eines ist klar, der Krieg muss wieder her und Baumschlager scheint das ideale Bauernopfer zu sein.
Daher werden die pikanten Fotos, die Baumschlager bei einem kleinen Stelldichein zeigen, von einem Syndikat genutzt um aus dem naiven Soldaten, der es im Grunde allen nur recht machen will, einen Drogenkurier zu machen.
Als ob der Drogendeal nicht schon stressig genug für den sensiblen und leicht gestressten Baumschlager ist, erfahren darüber hinaus auch die beiden Frauen voneinander und entschließen sich dazu, Baumschlager einen Denkzettel zu verpassen und seiner Frau alles zu erzählen.

Diese ist jedoch schon längst selbst in Israel angekommen, in den falschen Bus gestiegen, von einem Beduinen mitgenommen worden und hilft jetzt jenem, unfreiwillig dabei eine Leiche durchs Land zu tragen.

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Fotokredit: Filmfonds Wien

Aber auch aus Österreich ist eine Spezialeinheit bestehend aus einer Bürokraft (Solveig Arnarsdottir) und einem Geheimagenten (Anatole Taubmann), der ein Problem mit arabischer Musik hat und jedes Mal beim Ertönen dieser in einen tranceartigen Zustand verfällt und sich auszieht, eingetroffen um Baumschlager zu verhaften.
SHOWDOWN: Der Frieden zwischen dem Libanon und Israel scheint vorbei, Baumschlager steht nicht nur zwischen den Fronten, sondern auch zwischen den Frauen und dabei wollte er doch nur helfen.

Harald Sicheritz erzählt, wie schon in seinen anderen Filmen (Muttertag, Hinterholz 8) mit viel Witz eine aktuelle Geschichte. Jedoch muss auch gesagt werden, dass Baumschlager an die großen Erfolge von Sicheritz nicht herankommt. Eine amüsante Komödie über ein ernstes Thema mit Thomas Stipsitzs in der Hauptrolle.

Er macht es den Zusehern durch seine sensationelle Verköperung des naiven und tollpatschigen Baumschlager leicht, mitzufühlen.
Besonders erwähnenswert ist aber auch Gerti Drassl, die als die brave Ehefrau Martha für einen Lacher nach dem anderen sorgt.
Eine solide Komödie die sich einem ernsten Thema, dem Nahost-Konflikt widmet. Wobei der Witz auf den Peinlichkeiten, der Protagonisten beruht und die vielen scheinbar zufälligen Handlungsstränge zum Schluss plötzlich Sinn ergeben und zeigen, wie verflochten das Leben selbst zwischen den Fronten sein kann. Und ein  „nein“ zu einer Frau, oder mehreren im Sinne des vereinen der Nationen nicht gesagt werden kann.

 

Gesehen auf der DIAGONALE18. Weitere Informationen zur Diagonale und zum Film: hier klicken.