Savall, Shakespeare, Silberschneider

Foto ©  Claudia Tschida

A Midsummer Night’s Dream heißt das gelungene Grande Finale der styriarte 2019. Jordi Savall, sein Ensemble Le Concert des Nations und das Orchester bringen Schwung in Musik, die zu Shakespeare-Stücken komponiert wurde, Johannes Silberschneider erweckt seine Worte zum Leben.

Jordi Savall ist Stammgast auf der styriarte – kein Wunder, dass er auch heuer wieder den Abschlussabend gestalten darf, denn der renommierte Musikwissenschaftler und Gambist hat ein Händchen für Programmauswahl. Für diesen Abend schöpft er aus dem reichhaltigen Rezeptionspotpourri, das Shakespeare inspiriert hat. Beziehungsweise auch in seinem Werk vereint, schließlich muss die altenglische Dichtergröße heute einiges an Plagiatsvorwürfen über sich ergehen lassen. Grundlage für das styriarte-Programm war die Textanthologie Dichtergarten für Musik von Clara und Robert Schumann, in der sie wichtige Äußerungen über Musik von verschiedensten Quellen sammelten – und Shakespeare als der am häufigsten zitierte Dichter auftritt. Rund um diese sprudelnden Textpassagen knüpfte Savall ein Gewebe diverser Bühnenmusiken, die im 17. Jahrhundert zu Shakespeare-Stücken aufgeführt wurden. A Scottish Dance lässt Macbeths Unverwundbarkeitsleichtsinn leichtfüßig werden, Tänze von Matthew Locke synästhesieren den Sturm. Die Verflechtung von Wort und Musik ist absolut gelungen, zum Beispiel wenn Silberschneider und die Theorbe (alias Luftgeist Ariel) miteinander in Dialog treten: „Wo ist wohl die Musik? In der Luft? In der Erde?“. Man kann sich kaum entscheiden, welcher Kunst man den Vorzug geben würde – genauso wenig wie die Künstler selbst, schließlich scheut Silberschneider die Verbeugung vom mehrfach angebotenen Dirigentenpult aus. Obgleich Savall im Gegenzug ebenso viel Wertschätzung für das Wort hat, denn er betrachtet Musik nicht als Selbstzweck, sondern als Medium, um Geschichten zu erzählen, wie er 2016 in einem lesenswerten Interview mit der Kleinen Zeitung erklärte. Ein ungemein inspirierender Abend, der Hoffnung auf ein Wiedersehen macht!

Hörbeispiele und Informationen zum Konzert finden Sie hier. Für alle, die es verpasst haben oder ein zweites Mal hören wollen, gibt es eine Radioübertragung am 7. August um 19.30 Uhr auf Ö1.

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Bacchanalie für Bach

© Thomas Haindl Photography

Der Concentus musicus brilliert bei der styriarte mit einem kühnen Interpretationsansatz von Bachs Brandenburgischen Konzerten. Dirigent Stefan Gottfried führt das Vorzeigeensemble für Alte Musik auf antike Spuren.

Was Bach und die Antike verbindet? Zumindest der auf Horaz zurückgehende Wahlspruch prodesse et delectare ist für diesen Abend absolut treffend: Jedes der Sechs Konzerte mit mehreren Instrumenten (Originaltitel Bachs) wird mit einem kurzen Video eingeführt. Dabei gibt Stefan Gottfried in der wunderschönen Kulisse Schloss Eggenberg Einblicke in Historisches, Musikalisches und Interpretatorisches. Styriarte-Dramaturg Karl Böhmer fand einen Ariadnefaden durch die Einzelwerke: die Allegorie des barocken Herrscherideals, sozusagen ein Fürstenspiegel. Somit wird in jedem Konzert eine wichtige höfische Fertigkeit präsentiert; etwa die Jagd (Nr. 1), Gelehrtheit (Nr. 6) oder Liebe (Nr. 5). Verkörpert werden sie von den antiken Göttern – dass selbige für die Kunst äußerst inspirierend waren, zeigt sich mitunter in zahlreichen Gemälden aus  Bachs Umgebung. Sicher kratzt man hier an der Überinterpretation, wo doch die Brandenburgischen Konzerte unabhängig voneinander entstanden und vor allem durch die gemeinsame Widmung verbunden sind, dank der Hinweise und Erklärungen in den Videoeinspielungen gewinnt die Musik aber einen starken Bilderreichtum. So erlebt man beispielsweise das Konzertieren zwischen den Blockflöten (Rahel Stoellger, Lydia Graber) und der Solovioline (Erich Höbarth) in Nr. 4 als Wettstreit zwischen Pan und Apoll, beschwichtigt von den Streichern als Richter. Mit solchen Szenen vor Augen werden die heißblütigen Virtuositätsbekundungen der exzellenten Solisten noch intensiver.

Mit diesem Programm setzt der Concentus musicus zweifellos ein Statement für die eigene Zukunft. Die Brandenburgischen Konzerte (1964) zählen zu den ersten Platten-einspielungen des Ensembles mit Nikolaus Harnoncourt und bis heute zu den Meilensteinen der historischen Aufführungspraxis. Nach dem Tod des styriarte-Initiators Harnoncourt 2016 demonstriert der Concentus nun, dass er nicht nur das Erbe seines Gründers wahren will, sondern auch die eigene Weiterentwicklung im Visier hat – verwirklicht unter der leitenden Trias von Dirigent und Cembalist Stefan Gottfried, erstem Konzertmeister Erich Höbarth und zweiter Konzertmeisterin Andrea Bischof.

Der Abend zelebriert Musik in kunstvollster Form mit sechs Genussstücken spätbarocker Konzertliteratur, vorgetragen auf musikalischem Topniveau. Zum Nachschauen und -hören gibt es ihn als ORF-Aufzeichnung, Informationen zum Konzert finden Sie hier.

Göttliches Liebesfest

„Die Schule der Liebe“ lud im Schloss Eggenberg zum Erkunden und Staunen.

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(c) Nikola Milatovic

Ein stimmiges und vielseitiges Konzept haben sich Thomas Höft von der Regie- und Michael Hell von der Musikseite für die heurige Styriarte erdacht. Von Kammerorchester mit Chor und Solisten bis zu improvisierenden Duos mit Seiltänzerin wurde einiges bei diesem Fest geboten.
Zum Auftakt platzierte sich der HIB.art.chor unter der Leitung von Maria Fürntratt im Schlossinnenhof und bot leichte Liedeinstimmung mit Ward Swingle und den Beatles. Die motivierte Jugend des Chors war aber auch am Hauptakt des Abends beteiligt: John Blows kleine Oper „Venus and Adonis“. Getragen von der fein besetzten Neuen Hofkapelle Graz traten die Nachwuchssänger als kleine Amors und schöne Grazien auf und bewiesen dabei fülligen Klang und eine natürliche Bühnenpräsenz. Mit großer Professionalität und kindlichem Eifer traten Sophie Sinabell und Irma Charlotte Wielandt in der Rolle des kleinen Cupido auf. Wunderbar besetzt war das Solistenquartett. Benedikt Kristjánsson als Schäfer und Jäger brachte mit seinem Haute-Contre elfengleich große Weite und prägnante Helle, sein Kollege Mario Lesiak rundete mit seinem Tenor den Ensembleklang noch ab. Als Adonis präsentierte sich vollmundig und reif Norman Daniel Patzke, dem mit Sophie Daneman eine herrliche Venus zur Seite gestellt war. Neckisch und zärtlich beim Flirt mit Adonis zeigte sie bei dessen Tod eine ergreifende Verzweiflung mit Aufschrei und leiser, verletzter Fassungslosigkeit. Die Musiker der Neuen Hofkapelle Graz wussten diesen Moment spannendst zu durchleben, besonders auch die präsente Rolle der Theorbe (Sofie Vanden Eynde) unterstrich den einfühlsamen Charakter.

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(c) Nikola Milatovic

Mit diesem musikalischen Leckerbissen wäre man schon zufrieden gewesen, aber noch so manche Überraschung wartete das Fest in Eggenberg auf. Thomas Höft selbst erläuterte in den Räumen der Alten Galerie kundig und launig von den Bezügen der Familie Eggenberg zum antiken Stoff des Abends, und auch über die Geschichte des Schlosses selbst blieb man dank Dominik Augustinovi´c nicht uninformiert. Die Entspannung im Graben umrahmt von den eitlen Haustieren des Schlosses wurde begleitet von einer modernen Deutung der Geschichte von Ariadne und ihrem Faden. Ariadne, dargestellt von Linn Brodén, tanzte und wirbelte dabei auf einem Seil während gleich zwei Theseuse – Miloš Milojević mit der Klarinette und Gabriel Froihofer mit Percussion – um sie warben. Auch die gute Daphne blieb an diesem Abend nicht unerwähnt. Mit Jacob van Eycks „Doen Daphne d’over schoone Maeght“ erfüllte Andreas Böhlen die mit Kerzenschein erfüllte Kirche mit stimmungsvollen Linien, die er anschließend mit eigenem Geist improvisatorisch verwandelte. Ein großes Finale brachte alle Mitwirkenden im Innenhof zusammen. Zum klaren Sommernachtshimmel wurde schlicht und schön „Der Mond ist aufgegangen“ angestimmt, dessen Melodie schließlich das ganze Schloss und wohl auch so manches Herz erfüllte.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/schule-der-liebe/?sti=41999