Ein Leben zwischen den Welten

Bin ich mehr als meine Herkunft? Dieser Frage nähert sich Sandy Lipoicics Inszenierung von „Vögel“ im Schauspielhaus Graz an.

In einer New Yorker Bibliothek klopfen die Herzen und sprühen die Funken. Die Folge: Eitan liebt Wahida und Wahida liebt Eitan. Er ist Jude, sie ist Araberin. Beim gemeinsamen Israelaufenthalt fällt er ins Koma. Grund dafür ist ein Bombenattentat. Ob dafür die Palästinenser oder die Israelis verantwortlich sind bleibt unklar. Das führt nicht nur dazu das die beiden jungen Menschen sich schließlich mit ihren Wurzeln und generationenübergreifenden alten Wunden auseinandersetzen müssen. Auch Eitans ganze Familie findet sich in Israel ein. Das führt zur Auseinandersetzung mit Religion, Konflikten und Schuldfragen.

Wajdi Mouawads Stück „Vögel“, das die Grundlage für die gelungen Inszenierung von Sandy Lopičić liefert, präsentiert sich mit blumiger Sprache und Figuren, die allesamt eine Rolle in dem viel diskutierten und schwer zu verstehenden großen politisch-religiösen Konflikt der letzten Jahrzehnte einnehmen. Symbolisch stehen sie für Fragen nach Religion, Herkunft, Hass und vor allem der Suche nach Identität. Zentral bleibt die Frage, inwieweit unsere Gene und unser Stammbaum festlegen, wer wir sind und wozu wir gehören.

Diese Frage nach der genetischen Wirkungskraft wird auf der Bühne durch eine riesige gläserne Rampe (Bühne: Vibeke Andersen), die durch die Form eines Y-Chromosoms ins Auge sticht, hervorgehoben. In diesem Glaskasten befindet sich, wer auch immer gerade zwischen Leben und Tod schwebt. Somit entsteht gleichzeitig ein Gefühl der Nähe und Distanz zwischen den Figuren.

(c) Karelly/ Lamprecht

Getragen wird der tiefgehende Abend von einer optimalen Besetzung der Figuren. Frieder Langenberger (Eitan) und Katrija Lehmann (Wahida) liefern höchst emotionale Protagonisten, die trotz ihrer Symbolkraft nahbar sind. Auch Anna Szandtner als eiskalte Soldatin mit weichem Kern und Nico Link, unter anderem als endlos plappernder Rabbiner, geben dem Abend Stärke und Eindringlichkeit. Nur Beatrice Frey als Großmutter Leah wirkt ein wenig überspitzt. Auch wenn sie als zynische Hexe die Lacher auf ihrer Seite hat.

Großartig ist an diesem Abend das Zusammenspiel zwischen Text und Musik. Von beinharten Drum-Soli bis hin zu israelischen Klängen unterstreichen die herrlich gespielten Klänge über den Abend hinweg klar den Inhalt der Szenen.

Insgesamt bietet sich ein unglaublich dichter Abend rund um die Suche nach der eigenen Identität und deren Möglichkeit zwischen all den Konflikten vergangener Generationen. Am Ende muss sich jeder selbst Fragen, ob es eine rechte Zeit für die Lüge und eine unrechte für die Wahrheit gibt.

Die Ruhe im tobenden Sturm

Ein Abend ohne laute Schreie, aber mit bestechenden Monologen: Franz-Xaver Mayr bringt „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard auf die Bühne des Grazer Schauspielhaus.

„Wenn ein Mensch keinen Ausweg mehr sieht, muss er sich umbringen, hat der Professor gesagt.“ 1988: Österreich bebt. Schon vor der Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ gehen die Wogen in der Gesellschaft und Presse hoch. Die Geschichte erzählt von den Hinterbliebenen des Professors Josef Schuster, der sich aus dem Fenster seiner Wohnung auf den Heldenplatz gestürzt hat. Als Jude ist er zwar nach dem Krieg nach Österreich zurückgekehrt, stellt aber fest, dass die Situation „schlimmer ist als vor 50 Jahren“. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft sorgte Ende der Achtziger Jahre für laute Gegenrufe aus der Gesellschaft. Nun bringt das Grazer Schauspielhaus Bernhards Stück wieder auf die Bühne, ohne damit zurückzuschreien.

Ruhig und dennoch mitreißend inszeniert Franz-Xaver Mayr „Heldenplatz“. Ein Abend der beinahe ohne Requisiten, mit spärlichem Bühnenbild und nur wenigen technischen Krimskrams auskommst. Den Fokus legt der Regisseur, der letzte Saison bereits mit „Menschen mit Problemen – Teil I-III“ aufzeigen konnte, ganz und gar auf Bernhards Text und das unumstrittene Können des Schauspielhaus-Ensembles. Mit einer bestechend intensiven ersten Szene beginnt ein Abend voller sprachgewandter Monologe, die sich die Mitglieder der Familie gegenseitig an den Kopf pfeffern, ohne den anderen jemals wirklich zuzuhören. Es wird geredet, aber nicht verstanden. Das Ensemble bringt eine Familie auf die Bühne, die ein Sinnbild der österreichischen Gesellschaft darstellt, die sie so verabscheut. Auch sie schauen auf die herab die anders sind, bevorzugen die Boulevardpresse gegenüber seriösen Medien und granteln lieber zu Hause, anstatt aufzustehen und die Stimme zu erheben.

(c) Karelly/ Lamprecht

Florian Köhler und Rafael Muff bestechen als Hauspersonal. Ein großartiger Köhler bringt als Frau Zittel nicht nur die Wirtschafterin der Familie auf die Bühne, die zerrissen scheint zwischen Verehrung und Furcht vor ihrem geliebten Professor, sondern lässt auch diesen Professor brillant in Zittels Erzählungen wiederauferstehen. Köhlers Monolog, der die erste Szene bestimmt, ist an Klarheit und Intensität kaum zu übertreffen. Er wird gestützt durch die köstliche Darstellung des jungen Hausmädchens durch Raffael Muff. Dass Julia Franz Richter als Bruder des Professors und Oliver Chomik als Tochter Olga danach nicht ganz nachlegen können, macht die dritte Szene mit einer herrlich leidenden Julia Gräfner wieder gut, die dem Abend einen runden Abschluss gibt.

Die Unaufgeregtheit der Inszenierung ist ihre Stärke, vermittelt sie doch das Gefühl einen realen, trauernden und schimpfenden Familienkreis vor sich zu haben. Dennoch würden ein paar aufschreiende Momente der Inszenierung noch mehr Schwung verleihen. Gut funktionieren dafür die Chorpassagen, die allerdings noch ein wenig dichter gestreut sein könnten, um die zwischendurch entstehenden Längen zu durchbrechen.

Trotzdem: Der Mut einen ehemaligen Aufreger wie Heldenplatz so ruhig zu inszenieren wird belohnt. Am Ende zeigt sich ein Abend, gesellschaftspolitische Debatten der Vergangenheit und Gegenwart humorvoll und trotzdem höchst relevant darbietet.

Hüpfende Katzen und gackernde Hühner

Hier werden Kinderherzen zum Lachen gebracht: Das Theater Feuerblau zeigt ab sofort „Findus zieht um“.

Man kennt sie, die lustigen Geschichten rund um Pettersson und seinen kleinen Kater Findus. Die beiden verbindet eine familiäre Freundschaft. Doch auch in einer solcher, kann es ab und an zu Konflikten kommen. Der Kater Findus liebt es, morgens um vier Uhr auf seinem Bett herumzuhüpfen, denn „Kater brauchen ihre Morgengymnastik“. Pettersson hingegen liebt es auszuschlafen und hält das Gequietsche des Bettes nur sehr schwer aus.

Eine Lösung ist schnell gefunden: Das alte Klo im Garten bietet sich perfekt an, um daraus ein eigenes Haus für die Katze zu bauen. Problem gelöst, oder? Nicht ganz. Denn Pettersson merkt schnell, dass sein Haus ohne den quirligen Kater ganz schön leer ist. Auch die Katze muss bald erkennen, dass ihm sein eigenes zu Hause zwar viel Freiraum bietet, es jedoch allein in der Nacht ganz schön gruselig sein kann…

(c) Clemens Nestroy

Liebevoll inszeniert das Theater Feuerblau die Geschichte für alle Kinder ab vier Jahren. Dass die Themen rund um eigenen Freiraum und Zusammenhalt die jungen Gäste bewegen, ist an den Publikumsreaktionen nicht zu verkennen. Mitgerissen rufen die Kinder den beiden Darstellern zu und wollen den Protagonisten die Lösungen für ihre Probleme vorsagen. Der liebevolle Umgang mit dem aufgeregten Publikum durch Klaus Seewald und Monika Zöhrer ist nur einer von vielen Gründen, der dieses Stück zu einer empfehlenswerten Erfahrung für die ganze Familie macht. Hier ist wirklich Platz für Kinder – vor und zwischendurch gegebenenfalls auch auf der Bühne.

Auch schauspielerisch ist der Nachmittag im FRida und freD Knopftheater ein richtiger Hingucker: Klaus Seewald sorgt für herzhaftes Kinderlachen, wenn er mit den Stoffhühnern über die Bühne flitzt und Monika Zöhrer ist als frecher Findus offenbar geschaffen für die Rolle des aufgeweckten Katers.

Zusätzlich sorgen märchenhaftes Schattenspiel und Slapstick-Momente für ein buntes Theatererlebnis. Familientheater, das für viele Lacher sorgt, aber auch Themen anspricht die Kinder und Eltern bewegen. Große Empfehlung.

Alle Infos und Termine: http://www.theaterfeuerblau.at/findus-zieht-um/