Schokolade zum Frühstück

Ein OpernKurzgenuss der besonderen Art lockt Besucherinnen und Besucher in die ehemalige Eingangshalle des Joanneums. Das einstündige Intermezzo „La serva padrona“ von Giovanni Battista Pergolesi feierte Premiere in der Neuen Galerie und bestach das Publikum mit weit mehr als Schokolade.

Commedia dell’arte in der Gegenwart: Der reiche, alte Junggeselle Uberto wartet vergeblich auf seine morgendliche Schokolade, da seine Magd Serpina beschließt, nun selbst Herrin zu sein. Sie kommandiert ihren Arbeitgeber herum bis dieser seinen stummen Diener Vespone beauftragt, eine Braut für ihn zu finden. Diese Rechnung macht Uberto ohne Serpina, denn die durchtriebene Magd bringt ihn gemeinsam mit Vespone auf Umwegen dazu, sie zu heiraten.

Geld, Intrigen und Machtspielchen beherrschen das Stück ebenso wie Situationskomik und Typenüberzeichnung. Aber selbst Kritikerinnen und Kritikern der Opera Buffa zaubern die drei Charaktere gespielt von Paulina Tuzińska (Serpina), Dariusz Perczak (Uberto) und Levin Karl Hofmann (Vespone) ein Lächeln ins Gesicht. Wie soll das auch anders sein, wenn die schrägen Grimassen und hochmütigen Mienen aus nächster Nähe betrachtet werden können?

PhotoWerK_OG_LaServaPadrona_LoRes_022© Werner Kmetitsch

Sitzkissen auf Stufen, Plastikstühle am Gang, provisorisch befestigte Lichttechnik, ein minimalistisches Bühnenbild von Faniz Sadeghi und Notenständer rundum lassen eine ganz besondere Produktion erahnen. Das Museum als Schauplatz war die Herausforderung – die Oper Graz hat sie in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz angenommen und eine einzigartige Umgebung geschaffen. Rund um die lebendige Inszenierung von Annette Wolf meistert Susanne Scholz mit dem Barockorchester gamma.ut die problematische Akustik und lässt Serpinas und Ubertos von zarter Sehnsucht erfüllte Arien glänzen. Wonach sie sich wohl sehnen? Jedenfalls mit Sicherheit nach Schokolade und davon bringe man ihnen und allen Mitwirkenden reichlich – sie haben es verdient!

Weitere Informationen zum OpernKurzgenuss finden Sie hier.

Ein klassischer Märchentraum

Zur Musik von Sergej Prokofjew tanzte das Ballett der Oper Graz die Geschichte von „Cinderella“.

(c) Ian Whalen

Wer meint, es würde in Märchen „Cinderella“ um das namensgebende, junge Aschenputtel gehen, konnte sich in der Einführung von Ballettdirektorin Beate Vollack alias die böse Stiefmutter vom Gegenteil überzeugen lassen. Natürlich stehe sie selbst und ihre beiden leiblichen Töchter Ottilie und Eulalie im Zentrum des Geschehens, und nicht das kleine Aschenputtel. In köstlich amüsanter Weise gab „die Stiefmutter“ eine erfrischende und erstaunlich umfassende Einführung zum Ballett Sergej Prokofjews.
Nicht nur die Gestaltung der Einführung und die Rolle der Stiefmutter lag an diesem Abend bei Beate Vollack, auch die ganze Choreographie wurde von ihr gestaltet. Ganz allgemein konzentrierte sich ihr Konzept auf eine klassische Erzählweise der bekannten Geschichte, jedoch mit einem zwinkernden Auge und genug Raum für tänzerische Anekdoten. Neben der Ironie ihrer eigenen Rolle bewiesen vor allem ihre Töchter verkörpert durch Lucie Horná und Jacqueline Lopez eine amüsant überzeichnete Darstellung ihrer Rollen. Im steten Zwist miteinander und allen anderen Konkurrentinnen tanzten sich sich selbstbewusst in den Vordergrund, um dann wieder tollpatschig eine Niederlage einzustecken. Im Kontrast dazu war die Bewegungsführung ihrer Stiefschwester Cinderella von schlichter Grazie geprägt. Ann-Kathrin Adam zeigte mit Bravour die Entwicklung ihrer Rolle, vom stets tanzbegeisterten aber zu Beginn noch ganz schüchternen Mädchen, bis hin zur strahlend sicheren Geliebten des Prinzen. Wie im Märchen ist die Verwandlungsszene, in der Cinderella von freundlichen Helferlein für den Ball eingekleidet wird. Als schöne Idee erwies sich die Darstellung von Aschenputtels Mutter von Miki Oliveira, die wie ein gutmütiger Geist immer wieder über die Bühne schwebte.
Die männlichen Rollen wussten ebenso als wohl durchdachte Gegenparts zu den Frauen zu überzeugen. Als Freunde und Beschützer des Prinzen gegen unliebsame Damenangriffe vollführten Giulio Panzi und Lorenzo Galdeman und wendiges wie witziges Duo. Der Prinz selbst gewann durch die Bewegungen von Christoph Schaller eine unschuldige und doch ehrwührdige Reinheit. Er fesselte sowohl in den meterhohen Sprüngen seines Balztanzes als auch in den wunderbar reduzierten Bewegungen in der ersten vertraulichen Annäherung an Cinderella. Von schlichter Schönheit war diese Szene des Liebespaares geprägt, das nur in seinen Unterkleidern einander zärtlich umstrich. Gerne hätte man sich auch im zweiten Teil des Abends eine Szene solcher Intimität gewünscht, um die glückliche Vereinigung noch deutlicher zu charakterisieren.

(c) Ian Whalen

Auch das übrige Ensemble der Tänzerinnen und Tänzer füllte in seinen verschiedenen Rollen die Szene und Stimmung des Abends auf. Als netter Einfall entpuppte sich auch der Einsatz der Ballettschule der Oper Graz, der eine engagierte Tanzklasse unter Schwiegermutters strenger Schule darstellte.
Der klassische Geist der Choreographie spiegelte sich auch und er Gestaltung der Bühne und Kostüme wider. Im Design von Dieter Eisenmann kamen neben fließenden Stoffen auch Tüll, Glitzer und Reifröcke zum Einsatz, die mit den verspiegelten Wänden und reduzierten Requisiten ein nicht überoriginelles aber stimmiges Bühnenbild bildeten. Die Musik Prokofjews lag unter der Aufsicht Julian Gaudianos, der die Grazer Philharmoniker mit Bedacht auf die Tänzerinnen und Tänzer durch die recht gleichförmige Partitur leitete.
Für alle auch aktiv Tanzbegeisterten gab es im Anschluss an die Aufführung die Einladung zur After-Show-Party auf der Studiobühne gemeinsam mit den Stars und Initiatoren des Balletts. Zwischen zeitlosen Popklassikern, Theaterkostümen und guter Stimmung wurden hier bis spät bis in die Nacht die bisweilen grenzenlosen Freuden des Tanzes zelebriert.

Weitere Informationen zur Vorstellung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/cinderella

Ein Trailer zur Veranstaltung findet sich unter:

Pink, Pink!

Im Grazer Schauspielhaus sind die Vögel los: Die Uraufführung von „Bookpink“, ein dramatisches Kompendium von Caren Jeß, ging am 29. November mit Witz und allerlei Federvieh über die Bühne.

Bookpink-Ensemble (c) Stella

Eines sei vorweg gesagt: Der titelgebende Buchfink selbst hält sich nicht besonders lange im Stück – einmal vorgestellt lässt ihn eine Katze sogleich ins Gras beißen. Stattdessen werden in der Inszenierung von Anja M. Wohlfahrt in sieben „komisch-poetischen Miniaturen“ die tiefsten Sehnsüchte von über 30 ebenso komisch-poetischen Vögeln ans Licht gebracht.

Der Dreckspfau hat als abgewiesenes Ei keinen guten Start ins Leben – kein Wunder, dass sein erstes Wort „Fuck“ statt „Piep“ lautet. Die Pute mit viel Bauch und Bauchgefühl baut ihr eigenes Reich auf und scheint es (vorerst) etwas besser getroffen zu haben. Derweil sinnen die tanzenden Flamingos Jim und Jenny, die der Krähe bloß als Spielzeug dienen müssen, auf Rache. Sumpfmeise Veroniko sehnt sich nach etwas Freiheit und sei es nur durch das Nicht-Rasieren ihrer Beine. Derweil erwarten sich verschiedene Singvögel Antworten vom „Kokon der Vernunft“ in der Verkörperung des Bussards, der jedoch nicht gerade gesprächig eine Mausefalle mehr demontiert als repariert. Die Taube auf dem Campingplatz flüchtet sowieso in ihre eigene Traumwelt voller barocker Koloraturen.

Ist der Anfang des Stückes noch bunt und laut, so wird die Energie des Stückes allmählich gedrosselt, bis die Charaktere vor einem atmosphärischen Lagerfeuer über das Leben sinnieren. Szenische Übergänge werden von einem Vogelstimmen imitierenden Schlagzeug nach einer Idee von Thomas Petritsch begleitet. Der nahezu durchgehend rasante und lockere Wortwitz lässt über einige Längen des Stückes hinwegsehen, etwa die Szene mit den drei gesprächigen Meisen, die ohne Situationskomik auskommen muss.

Ein paar bunte Accessoires wie Mützen oder Ketten zur Unterstützung des Charakters (Kostüm: Kathrin Eingang), sowie einige geräuschvolle Kisten auf der Bühne (Szenenbild: Philipp Glanzner) – mehr braucht es nicht, denn die DarstellerInnen tragen dieses Stück alleine. Das fünfköpfige Ensemble brilliert mit Worten und glänzt überdies mit perfektem Timing. Maximiliane Haß als obszöner Dreckspfau weiß das Publikum vom ersten Moment an einzunehmen und Mathias Lodd wird als herrliche Pute Ute ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben. Auch Frieder Langenberger etwa als Bussard mit Aggressionsproblem oder als hinreißender Spatz sowie Clemens Maria Riegler als perfide Krähe und geheimnisvoller Beobachter unterhalten bestens. Anna Szandtner führt nicht nur als Erzählerin zielsicher durch das Stück, sondern verzaubert als Taube auch mit brillanten Fragmenten barocker Arien.

In 90 Minuten bringen sie menschlich Tierisches und tierisch Menschliches auf die Bühne und debattieren nebenbei noch über aktuelle Themen wie Emanzipation, Gender, Vorurteile, und Vergänglichkeit, sowie über die einen oder anderen Abgründe der Gesellschaft.

Für die Fabel-hafte Premiere gibt es verdient langen Applaus.
Weitere Informationen und Termine unter:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bookpink-1