Styriarte 2017: Ein ganzes Orchester tanzt

Andrés Orozco-Estrada und die Filarmónica Joven de Colombia (Colombian Youth Philharmonic) entfesselten in „Le Sacre du Printemps“ die volle musikalische Wucht Südamerikas. Wie die goldenen Schnürsenkel ihrer Converse-Schuhe sollte auch ihre Musik in den nächsten Stunden glitzern und vor Gefühlen gar überkochen.

Der Applaus für den Dirigenten war noch gar nicht recht beendet, da zogen bereits aufbrausende Sturmwinde aus hartem Getrommel und dissonantem Spiel der Streicher auf und leiteten den ersten Teil des Abends ein, der moderner südamerikanischer Musik gewidmet war. „Sogar wenn wir streiten, tanzen wir dabei“, erläuterte Orozco-Estrada den wilden Auftakt mit „Escaramuza“ von Gabriela Lena Frank. Im Orchesterkonzert „America Salvaje“ des Peruaners Jimmy López bekriegten sich drei parallele Melodien und vereinten sich schlussendlich zum gewaltigen Höhepunkt – ein Sinnbild für die Entwicklung Südamerikas durch die Einflüsse aus Europa und Afrika. Getreu dem Styriarte-Motto „Tanz des Lebens“ feierte das Orchester mit einer Suite aus dem Ballett „La Estancia“, op. 8a von Alberto Ginastera die Buntheit ihres Heimatkontinents. Wie soll auf einen so aufregenden, hellen Tanz das tragische „Sacre du Printemps“ folgen?

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Perfekte Zusammenarbeit: Andrés Orozco-Estrada & Colombian Youth Philharmonic (Foto: Werner Kmetitsch)

 

Tanz in den Tod?

Eigentlich konnte man schon ahnen: Nach dem atemberaubenden ersten Teil wird Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“ wohl nicht einfach nur gespielt werden. Langsam trugen die Musiker/innen wie bei einem Begräbnis-Umzug ihre Instrumente zu Grabe. Nach und nach erleuchteten die Notenpulte zu einem Sternenhimmel.

Was kein Ballett-Ensemble für Strawinsky jemals erfüllen konnte, nämlich den „Sacre“ zu tanzen, gelang den jungen Kolumbianern/innen mit einer einzigartigen Orchesterchoreographie. Wild in alle Richtungen warfen sich die Schlagzeuger/innen, Streicher/innen und Bläser/innen zeichnen mit ihren Instrumenten in der Luft, hüpften auf ihren Sesseln, bekämpften einander. Die Klangwolke kam nicht aus den Instrumenten, sondern aus ihrem ganzen Körper. Unaufhaltsam führte Andrés Orozco-Estrada das Opfer des russischen Ritus in den Tod – und gab sich dabei selbst, wie sein Orchester, vollkommen hin.

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Feurige musikalische Opferung (Foto: Werner Kmetitsch)

 

Aus, aber noch lange nicht vorbei

Sofort brach das Publikum in tosenden Applaus aus – stehende Ovationen inklusive. Die Zugabe, die neunte Variation (Nimrod) aus den Enigma-Variationen von Edward Elgar, ließ mit gehissten kolumbianischen Fahnen abermals die Gefühle hochkochen. Demütig vor dem Applaus faltete der Dirigent die Hände vor dem Gesicht; die jungen Talente lagen sich weinend in den Armen.

Anstatt aber gleich in die dunkle Grazer Nacht entlassen zu werden, erwartete die Zuschauer/innen im Foyer der List-Halle noch feurige kolumbianische Volksmusik. Spiel, Tanz, aber auch Liebe zur Musik und zum Leben selbst machten sie vor und die Österreicher/innen nach – was die ganze Nacht hätte dauern können. Auf einer Wolke voller Leben, die Melodien surrten noch im Ohr, schwebten wir nach Hause – und beschlossen, einen Flug nach Kolumbien zu buchen.

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Foto: styriarte & Co./Facebook

 

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Styriarte: Alles Walzer

Der Pianist Bernd Glemser bestritt einen Soloabend ganz im Zeichen des 3/4-Taktes.

Auf der Tanzfläche konnte man den deutschen Tastenkünstler nicht antreffen, hatte er doch schon bei der Einführung zum letzten Styriarte Konzert auf die Frage nach seinen Tanzkünsten geantwortet: „Ich lasse lieber tanzen!“ Und das ließ er wirklich, nicht zuletzt seine eigenen Finger. Wie so oft bei Meister Glemser perlten die größten akrobatischen Übungen mit einer ernsthaften, aber fließenden Leichtigkeit. Den Koloss des Abends hatte er sich für das Ende aufgespart: eine „Fantasie um Johann Strauß“ des Chopin Enkelschülers Moritz Rosenthal. Der Komponist war selbst für seine phänomenale Technik am Klavier berüchtigt und verlangt dadurch den Interpreten seiner Werke dabei so manches Kunststück ab. Glemser brachte die virtuosen Läufe des Stückes mit höchster Konzentration hervor und setzte wie nebenbei noch einen etwas stockenden Donauwalzer in die fast übersprudelnden Noten. Als Zugabe folgte ein aus dem Ärmel geschüttelter Minutenwalzer, bei dem man mit dem Hören fast nicht nachkam.

Den Anfang machten die „Valses nobles“ und „Valses sentimentales“ von Franz Schubert, bei denen jeder für sich eine eigene kleine Gemütsverfassung zu schildern wusste. Auch wenn man mit Bernd Glemser vor allem Rafinesse und Virtuosität verbindet, so wirkten auch diese „kleinen Walzer“ in seiner Interpretation nicht aufgesetzt. In den folgenden Stücken von Frédéric Chopin war die Stimmung schon innerhalb eines Stückes vielfältiger. Den Walzer Nr. 7 in cis-Moll teilte der Pianist scheinbar auf mehrere Ebenen auf, die übereinander und doch miteinander schweben zu schienen. Mit Liszt und Rachmaninow verließen die Tänze immer mehr das wiegende Konstrukt und doch konnte man mit etwas Geduld immer wieder die schwere, beständige „Eins“ des Walzers vernehmen, die ihn so schlicht und schön macht.
Im Anschluss an das Konzert wurde in unter drei Minuten (!) die Bühne adaptiert und geöffnet, um den dahinter liegenden „Styriarte-Ballroom“ freizugeben. Ganz dem Titel des Abends entsprechend wurde das Publikum nun zu Walzer, Polker und Galopp eingeladen, und durfte sich zu den Klängen des Salonensembles Alt Wien auch an einer Quadrille versuchen. Der große Andrang sprach für sich – ein gelungener Abend voll Tanz.

Eine Aufnahme des Konzerts wird am 14. Juli um 19.30 Uhr auf Ö1 gesendet.

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte unter:
http://styriarte.com/events/alles-walzer/

Bernd Glemser ; (c) Styriarte

Die Nase weist nicht immer den richtigen Weg

Auf der Kasemattenbühne am Grazer Schlossberg kreuzen sich im großartigen Cyrano der Bergerac die Degen und erklingen die sinnlichsten Liebesworte.

Die weiblichen Ansprüche haben sich seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht geändert. Kurz gefasst: Schön soll der Mann sein, und gescheit noch dazu. So einen hätte Roxane gerne, und an Bewerbern fehlt es keineswegs. Eigentlich reichen diese Voraussetzungen schon, damit es kompliziert wird. Nicht umsonst ist Edmond Rostands Cyrano de Bergerac von 1897 ein Liebesdrama. Es ist aber auch das erste Ghostwriterdrama, denn Cyrano zückt in Vertretung von Christian die Feder und verfasst poetische Liebesbriefe an Roxane. Auch dieses Phänomen ist also nicht ganz neu.
Regisseur Markus Bothe belässt das Stück über weite Strecken in seiner Zeit, und das ist gut so, denn eine umfangreiche Modernisierung würde dem wunderschönen Text nicht gut tun. Cyrano schreibt seine Liebesverse noch mit Federn auf vergilbtes Papier, anstatt sie per WhatsApp zu übermitteln. Die kleinen Winke des 21. Jahrhunderts sind dafür raffiniert gesetzt: Die Kameraden feiern mit Dosenbier und Le Bret zieht es vor, erst einmal mit Bier und Bosna im Publikum Platz zu nehmen, bevor er sich in Schale wirft und am Geschehen teilnimmt.
Die Bühne von Kathrin Frosch ist so spartanisch wie wirkungsvoll, eine Art weißer Laufsteg aus Brettern, zwischen zwei sich gegenüberliegenden Publikumsblöcken. Damit einher geht die interessante Erfahrung, nicht nur die Schauspieler, sondern auch andere Zuschauer und deren Reaktionen zu sehen. Die Nähe zur Bühne und der bewährte Kunstgriff, einige Schauspieler überraschend aus dem Publikum agieren zu lassen, bewirken ein Gefühl des Einbezogenseins in die Geschichte, führen aber gleichzeitig stets vor Augen, dass es sich um Theater handelt. All das macht die Inszenierung sehr transparent.

Die Nase als Hindernis

Wie ist das nun also mit Roxane und ihren Männern? Eigentlich ist sie dem arroganten, snobistischen Graf Guiche (Pascal Goffin) versprochen, aber dessen Fähigkeiten bestehen hauptsächlich im süffisanten Lächeln und im militärisch strammen Springen von der Bühne. Beides macht er allerdings hervorragend. Der junge Cyrano ist unsterblich in sie verliebt. Er weiß seine Gefühl in die schönsten Worte zu kleiden, aber er hat ein Problem: seine lange Nase. Noch mehr als mit dem Schmachten für seine Cousine Roxane ist er damit beschäftigt, Spötter in Duellen den Garaus zu machen: „Mein verhöhntes Antlitz räche ich, damit es niemand mehr begaffe.“ Andri Schenardi brilliert in der Rolle des aufbrausenden, kampflustigen jungen Mannes, in dem Liebe und Hass gleich stark sind. Ganz in schwarz, mit Lederjacke, tänzelt er über die Bühne, ficht und dichtet zugleich, denn Verse schmieden kann er, besonders im Gefecht: „Beim letzten Verse steche ich.“ Schenardis Spiel ist sehr ausdrucksstark und vielseitig. Einmal aggressiv, einmal schwärmerisch. Cyrano will „erbaben“ sein und meint über seine Nase: „Sie ist enorm, aber zu erkennen ist an dieser Form der Mann von Geist.

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(c) Lupi Spuma

 

Auch Christian de Neuvillette hat sein Herz an Roxane verloren, und zwar mit Erfolgsaussichten, denn er punktet mit gutem Aussehen. Sein Problem ist das Gegenteil von Cyranos: Er ist ein „arger Dummkopf“, der mit Worten nichts am Hut hat. Zwar provoziert er Cyrano mit sämtlichen Wortspielen rundum die Nase,, aber er sagt selbst: „Ich konnte nie, so sehr ich mich auch quälte, schön über die Liebe sprechen.“ Aufopfernd wie er ist, geht Cyrano mit Christian einen Pakt ein: „Ich bin dein Geist, du meine Wohlgestalt.“ Indem er es heimlich übernimmt, Roxane mit Liebesworten einzulullen, gewinnt er sie für Christian. Eifrig werben die beiden gemeinsam um die Dame. Die Szene, in der Cyrano unter der Bühne versteckt für Christian spricht, der unter Roxanes Balkon steht, ist eine der besten. Der sprachlose Verehrer unternimmt die kuriosesten Verrenkungen, um der Angebeteten nicht sein Gesicht zu zeigen. Dass das alles nicht lange gut geht, versteht sich von selbst. Dass die Wahrheit viel zu spät ans Licht kommt, auch. Trotzdem ist es ergreifend, Cyrano trotz aller Hilfsbereitschaft unglücklich zu sehen.

Geist vs. Gestalt

Roxane in ihrem türkisen Blumenkleid, gespielt von Henriette Blumenau, hat eigentlich keinen der jungen Männer, die solches Aufhebens um sie machen, verdient, will sie doch nur schöne Worte hören, scheinbar ohne Interesse für die Persönlichkeit. Als sie feststellt, „Jetzt weiß ich, dass ich deine Seele liebe“, steht Christian das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, und das Drama nimmt seinen Lauf.
Die düstere Stimmung am Ende wird durch den Bühnenregen verstärkt. Die Schlussszene, als alle schon durchnässt sind, ist etwas langatmig geraten. Ansonsten ist die Inszenierung aber überaus dynamisch, ja beinahe stürmisch. Es herrscht ein stetes Kommen und Gehen von allen Seiten, es wird geliebt, gelitten, gefochten und debattiert. Das Ganze ist sehr stimmig, im richtigen Maße amüsant und dramatisch. Da wird nichts lächerlich gemacht und nichts überdramatisiert. Auch die anderen Ensemblemitglieder spielen großartig: Thorsten Danner als tollpatschiger Ragueneau und insbesondere Vera Bommer als bunt herausgeputzter Montfleury und als forsche Lise. Ein fulminanter Abschluss der Spielsaison!

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/cyrano-de-bergerac#inhalt