„Genie – Regime – Misogyn“

Mit ihrer Inszenierung von „Die Physiker“ im Grazer Schauspielhaus beweist Claudia Bossard erneut ihr großes Talent.

Mordalarm in der Psychiatrie! Eine Schwester nach der anderen wird von ihrem Patienten umgebracht. Diese Patienten halten sich allesamt für große Physiker (alle in herrlich schrecklichen bunten Jogginganzügen) und natürlich haben sie alle Geheimnisse, die es zu verstecken gilt.

Kaum einem Theaterbesucher ist der Plot von „Die Physiker“ unbekannt, ist es doch eines der beliebtesten Stücke von DeutschlehrerInnen, um ihre SchülerInnen an das Genre Theater heranzuführen. Perfekt verkörpern die DarstellerInnen ihre Rollen und sorgen für einen großartig amüsanten Abend im Schauspielhaus. Hervorzuheben gilt es hier vor allem Matthias Ohner (Mathilde von Zahnd) und Tamara Semzov (Einstein), die einem das Gefühl vermitteln, sie wären für ihre Rollen geboren.

Auch wenn Bühnenbild und Kostüm (Frank Holldack und Elisabeth Weiß) im ersten Moment mit steril weiß-türkisen Krankenhauswänden auf eine klassische Inszenierung tippen lassen, so wird hier die völlig neue Schwerpunktsetzung sehr schnell deutlich. Das ursprüngliche Thema von Dürrenmatts Stück, nämlich die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft, bildet hier nur den inhaltlichen Rahmen für den Abend. Claudia Bossard, die schon letzte Spielzeit mit Erinnya bewiesen hat, dass ihre Inszenierungen auf große Bühnen gehören, fokussiert sich in dieser Inszenierung ganz auf Geschlechterrollen. Nicht die Frage nach der Weltformel steht im Mittelpunkt, sondern die Darstellung von Frauenfiguren in großen Werken wie jenem von Dürrenmatt. Um die stereotypischen Zuschreibungen sichtbar zu machen, werden hier die Rollen einfach getauscht: Frauenfiguren sind mit Männern besetzt und Männerfiguren mit Schauspielerinnen. Dennoch behalten die Rollen ihre angestammten Namen und verhalten sich so, wie es der Figur ursprünglich zugeschrieben wird. Durch das Ausspielen der weiblichen Stereotype durch männliche Schauspieler, wird die Lächerlichkeit der dem Geschlecht zugeteilten Persönlichkeitsmerkmale hervorgehoben und sorgt für viele Lacher, ohne dabei kritische Reflexion zu vermissen. Die völlig neue Schwerpunktsetzung lässt die ZuseherInnen nicht nur in Dürrenmatts durchaus wichtige Fragestellungen eintauchen, sondern beleuchtet auch den Autor selbst kritisch.

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(c) Johanna Lamprecht

Die Stärke des Stücks liegt zusätzlich in dem perfekten Zusammenspiel zwischen, Regie, Bühnenbild, Schauspiel und Musik. So sorgen auch Einsteins Rollschuhfahrten zu David Bowies „Heroes“ für große Unterhaltung.
Im Laufe des Stücks wird das prächtige Bühnenbild mehr und mehr zerpflückt und fällt somit zusammen, wie das Kartenhaus an Täuschungen, dass sich die drei Physiker mühevoll aufgebaut haben. Einzig einzelne Kampfszenen wirken ein wenig übertrieben und hätte das Stück nicht gebraucht, um die Spannung im Publikum aufrecht zu erhalten.

Große Empfehlung für einen lustigen, perfekt umgesetzten Abend, der kritisch auf berühmte Werke der Literatur blickt, ohne diesen ihre Wichtigkeit abzusprechen. Viel Applaus.

Termine und Infos: HIER

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Vom Lauschen, Erfassen und Weitertragen

Großer Besuch zugunsten der ganz Kleinen: Klaus Maria Brandauer las in der Oper Graz Texte von Dietrich Bonhoeffer.

Klaus Maria Brandauer (c) Nik Hunger

„Klaus Maria Brandauer schenkt uns diese Lesung gleich in zweifacher Weise“, wusste der Caritas Direktor Herbert Beiglböck klug den Abend der besonderen Art einzuleiten. Ein Geschenk einerseits für das musikalische Sozialprojekt SUPERAR, das Kindern im Volkschulalter Musikunterricht mit Qualität und ohne Kosten ermöglicht. Das Projekt nimmt sich dabei nicht nur der Musikvermittlung an, sondern sieht sich auch als Integrations- und Bildungsinitiative.Ein Geschenk war es wohl aber auch für alle Anwesenden, die sich den Höhenflügen und Abgründen in den Worten Dietrich Bonhoeffers öffnen konnten. Ohne Show oder Theatralik, beinahe ganz wie nebenbei lieh Brandauer dem deutschen Theologen und Widerstandskämpfer seine reife, schlichte Stimme. Viele Texte stammen aus persönlichen Briefen Bonhoeffers, waren für einzelne und nicht für viele gedacht, und trotzdem fanden sie in der ungekünstelten Art des namhaften österreichischen Schauspielers Anklang selbst im großen Saal der Grazer Oper.
Ohne Pause zum Verweilen oder Weiterspinnen der Gedanken erklangen die Texte aneinandergereiht jeweils im Wechselspiel mit dem Cellospiel Maria Magdalena Wiesmaiers. Mit teilweise zu hektischen Übergängen ergänzte die deutsche Cellistin die gelesenen Worte in passend schonungsloser Manier mit Stücken des 20. Jahrhunderts und einem Abstecher zu J. S. Bach. Denn wer sich von dieser Lesung nur Verse wie das bekannte „Von guten Mächten treu und still umgeben“ erwartet hatte, durfte von der Auswahl überrascht werden. Nicht den Helden und Märtyrer wollte Brandauer scheinbar primär charakterisieren. Viel mehr schien es ihm um die menschlichen Seiten des Hoffnungsträgers zu gehen, um seine mutige Ehrlichkeit ebenso wie sein Hadern und Verzweifeln, die er am Grat zwischen Lesung und Schauspiel einprägsam darstellte.

„Glück und Unglück sind sich manchmal so nahe wie zwei Meteore, die ihre Bahnen über unseren Köpfen ziehen“

(frei zitiert)

Manch Schönes, manch Trauriges wurde in der Stunde dieser Lesung vernommen. Die geballte Vortragsweise ließ manchem Gedanken nicht genug Raum sich zu entwickeln, die Quintessenz aber konnte sich im Kopf dieser Zuhörerin fortpflanzen. „Schlichte, einfach, gerade Menschen werden wir brauchen“ sagt Bonhoeffer. Es möge sich jeder angesprochen fühlen, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/klaus-maria-brandauer-liest-dietrich-bonhoeffer

Schönheit und Hässlichkeit als Schwestern

Dorian Gray mit roten Highheels? Gespielt von einer Frau? Im digitalen Zeitalter? Ja, das geht. Das TaO! beweist es auf schrille und eindringliche Weise.

Schaufensterpuppen ohne Kopf, Armen, Beinen. Mehrere perfekte Torsi schmücken die hauptsächlich weiße Bühne. Dahinter stehen zwei idente weiße Schminktische. Links, rechts und auf der Rückwand schöne Fotos. Sie verlieren ihre Schönheit im Laufe des Stückes. Das Alter setzt ihnen zu. Und auch die Reinheit des Weiß verliert an Makellosigkeit. – Muss doch ein roter Teppich ausgerollt werden. Nur die Torsi bleiben beinahe unverändert. Auf ihnen sitzen die beiden Schauspielerinnen Bianca und Dilara Foscht. Sie küssen sie. Auf ihnen versuchen sie wackelig zu stehen. Fallen herunter, als eine die andere schupst. Einen festen Stand kann man auf den Schultern der puren Schönheit nicht entwickeln. Doch trotzdem streben sie danach. Sie? Wir! Die Jugend unserer Zeit. So hebt es diese TaO!-Produktion zumindest plakativ hervor. Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist nur Bezugsfläche, dient als Sprungbrett, um das Gespräch der eineiigen Schwestern in unerwartet Hohes, Tiefes, Persönliches zu katapultieren. Sie sprechen über ihre eigene Angst, die Schwester könnte besser oder schöner sein. Sie schlüpfen in die Rollen von Dorian Gray und Sibyl Vane. Personifizieren Schönheit und Hässlichkeit. Bekämpfen sich auf Leben und Tod. Eine durchgängige Erzählung tritt dabei nicht zu tage. Eine Botschaft aber sehr wohl: Dass eine Flucht vor der Hässlichkeit nicht gelingen kann. Entweder äußerlich oder innerlich bahnt sie sich ihren Weg an die Oberfläche. Und das Dank Steffi Jöris (Choreografie), Edi Haberl (Visuals) und Georg Klüver-Pfandtner (Maskencoach) auf eindrucksvolle Art. Denn in dieser Produktion von Verena Kiegerl wählte das Team zu Recht den Untertitel „Pictures of Beauty“ und ermöglicht einen Schnelldurchlauf durch heutige Präsentationsformen von Schönheit: Catwalk, Tanz mit dem Schminktisch, maskuline Bewegungsmuster, ein YouTube-Schmink-Tutorial, grotesk übertriebenes Make-up, alternde Fotos. All diese Bilder besitzen tiefe Eindringlichkeit und verankern sich machtvoll in der Erinnerung der Besucher. Die geringe Länge des Stückes und die wirkungsvollen Licht- und Ton-Effekte tragen wesentlich zu einem kurzweiligen, doch zum Reflektieren anregenden Abend bei. Zu sehen ist „Dorian Gray – Pictures of Beauty nach Oscar Wilde“ erneut im Jänner. Nähere Informationen finden Sie hier.