A cappella vom Feinsten: 50 Jahre King’s Singers

The King’s Singers feiern ihr 50-jähriges Bestehen und beehrten im Rahmen ihrer Jubiläumstournee den Musikverein Graz mit einer vielfältigen Auslese ihres einzigartigen Repertoires.

Von komplexen Dissonanzen bis hin zu einem unisono, wie es im Buche steht – The King’s Singers gehören seit Jahrzehnten zu den Besten der Besten ihres Faches: Das – auch optisch! – extrem harmonische Sextett fesselt durch sein „perfect blend“, das perfekte Gemisch der Klangfarben der einzelnen Stimmen. Das Ensemble punktet durch einen unaufdringlichen, smarten Charme, gepaart mit britischem Understatement. Es besticht durch ein unglaublich vielfältiges Repertoire, das von Madrigalen über spanische Klagelieder und Spirituals bis hin zu Jazzstandards und modernen Kompositionen einen sehr weiten Bogen spannt.

The King’s Singers – das sind derzeit die beiden Countertenöre Patrick Dunachie und Timothy Wayne-Wright, der Tenor Julian Gregory, die beiden Baritone Christopher Bruerton und Christopher Gabbitas sowie der Bass Jonathan Howard – wurden 1968 durch Absolventen des elitären King’s College in Cambridge (England) in der heute noch bestehenden 6er-Formation gegründet. Die begnadeten Sängergenerationen haben sich seither in unregelmäßigen Abständen durchgewechselt, sodass die jetzige Besetzung auf 20 Vorgänger zurückblickt. Das Auswahlverfahren ist erwartungsgemäß höchst selektiv.

The King's Singers 2017Photo: Marco Borggreve

The King’s Singers (c) Marco Borggreve

Im Musikverein führte ein kluger Fahrplan durch den kurzweiligen, knapp zweistündigen Abend: Aus einzelnen Epochen wurden ein bis zwei Stücke zu einem bestimmten Thema ausgewählt. Kurze, unterhaltsame Kommentare in perfektem Hochdeutsch (!) lockerten die anspruchsvollen, teilweise schwermütigen Stücke auf und umrandeten die einzelnen Blöcke. So zog etwa als Einstieg zum Thema „Die Familie“ ein bedachtes, anmutiges Lied über den Gründervater des King’s College, König Heinrich VI., das Publikum in den Bann. Darauf folgten ein emotionales, spanisches Lamento („Gentil señora mia“) und ein beschwingtes, französisches Lied („Revecy venir du printans“) aus der Renaissance. Besonders hervorzuheben sind die Auftragskompositionen, die extra für das 50-jährige Jubiliäum verfasst und dem Sextett auf den Leib bzw. auf die Stimme „geschneidert“ wurden, unter anderem das hitverdächtige „Quintessentially“, ein Mash-Up aus 50 Jahre Geschichte der King’s Singers, oder das intellektuelle Werk „Master of Music“, dessen Komponist – wie die Sänger selbst – ein Cambridger Absolvent ist. Den heiteren Abschluss bildete ein Auszug aus dem leichteren, jazzig-poppigen Repertoire des Ensembles mit dem klingenden Namen „Die Zuckertüte“. Applaus, Applaus!

 

Zu den nächsten Terminen im Musikverein hier.

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Ein schwelgendes Cello

„Tschechische Märchen“ von Dvořák standen am Programm im Orchesterkonzert von recreation. Das Jungspundduo Ruth Reinhardt und Andrei Ioniță ließen vor allem das traumhafte Cellokonzert im Stefaniensaal erstrahlen.

Andrei Ionita (c) tvw

Wenn Ruth Reinhardt mit sprunghaftem Schritt die Bühne betritt, möchte man nicht glauben, was die junge Dirigentin mit ihrem Taktstock schon bewegen kann. Erfahrung aus Deutschland, der Schweiz und den USA bringt Reinhardt mit nach Graz und vollführte diese in einem Abend, der sich ganz dem tschechischen Komponisten Antonín Dvořák widmete. Mit „Die Mittagshexe“ und „Das Goldene Spinnrad“ wählte die Dramaturgie zwei bunte Appetizer für den ersten Teil. Reinhardt zerlegte die Stücke stark, was die einzelnen Elemente klar hervortreten ließ. Das fast lautlose Zittern der Streicher vor dem Auftritt der Hexe mit der schummrig dunklen Färbung der Bassklarinette gestalteten die Musiker besonders spannungsvoll. Auch andere Motive hob die Dirigentin plastisch hervor, der Gesamteindruck wirkte in Summe aber etwas zerstückelt, da in den Übergängen der Fluss nicht immer gleich einsetzen wollte.

Ruth Reinhardt (c) Harrison Linsey

Im zweiten Teil des Konzertes stand schließlich ein Meisterwerk Dvořáks am Programm: sein Cellokonzert in h. Als Solist war ebenfalls ein Frischling geladen: Andrei Ioniță, Jahrgang 1994! In die von Reinhardt schon sehr verheißungsvoll gestaltete Einleitung setzte der rumänische Cellist mit starkem Selbstvertrauen ein. Mit einem schon ehrwürdigen Instrument aus dem Jahr 1671 war das Volumen dem ganzen Orchester nicht immer voll gewachsen, in den Kantilenen entfaltete es aber seinen ganzen Charme. Das aufmerksame Miteinander des Solisten mit dem 1. Geiger Harald Winkler und der Dirigentin zauberte viele der Schwelgereien Dvořáks noch wärmer, nur in den freien Soli mit Orchesterdeckung schien die Dirigentin manchmal koordinativ leicht überfordert. Die dunkle Kraft des Adagios setzte ohne Vorwarnung ein, sanft übernahm das Cello den Schwung der Orchestermusiker und setzte diese in klingende Melancholie um. Alle Einfälle des Komponisten nutzte Ioniță scheinbar genussvoll aus: Triller, Kadenzen und fallende Melodielinien. Auch den Blechbläsern sei Tribut gezollt, entfesselten deren Einsätze doch so manche freudvolle Emotion. Auch im finalen Satz wussten vor allem die breiten Szenen zu entzücken. In den geschwinden Pässen zwischen Cello und Orchester entschleunigte und dämpfte der Solist den Fluss stark. Der genussvolle Ausklang vor den letzten Orchestertürmen war dann aber doch wieder ganz in der Substanz verwurzelt. Summa summarum: trotz ein paar Stolpersteinchen brachten die Musiker das wunderbare Cellokonzert zum Aufblühen. Die Begeisterungsstürme und zwei Zugaben, Sulkhan Tsintsadze und (wie könnte es anders sein) Bach, sprachen für sich.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
https://styriarte.com/events/tschechisches-maerchen/?sti=38692

Einen Einblick in das Programmheft gibt es unter:

Daniil Trifonovs Graz-Debüt

Daniil Trifonov gastierte am vergangenen Freitag im Grazer Musikverein. Es war das Graz-Debüt des russischen Klavierstars.

Die Zeiten, in denen Musikwettbewerbe über die Karriere von Musikerinnen und Musikern bestimmt haben, ist zwar nicht endgültig vorbei, aber die Bedeutung, die man Wettbewerben in vergangenen Generationen zugesprochen hat, scheint heute angesichts der Pluralisierung der Musikbranche obsolet. Bei Daniil Trifonov sieht es anders aus. Den Startschuss seiner Karriere verdankt Trifonov den Preisauszeichnungen bei den prestigeträchtigsten Klavierwettbewerben der Welt: dem 3. Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau (2010) und schließlich dem ersten Preis beim nicht weniger bedeutenden Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb (2011). Dass es auch andere Pianisten gibt, die ähnliches erreicht haben, von denen man heute aber kaum noch hört, spricht allerdings dafür, dass Trifonov seine Karriere nicht ausschließlich seinen Preisauszeichnungen zu verdanken hat. Trifonov ist eine Ausnahmeerscheinung, die auch sogleich einflussreiche Befürworter gefunden hat. Martha Argerich meinte einmal, Trifonov hätte „alles und noch mehr“.

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Daniil Trifonov – (c) Dario Acosta, Deutsche Grammophon

In Graz stellte Trifonov diese Einschätzung fulminant unter Beweis: Während Trifonov in der ersten Konzerthälfte Beethovens Sturm-Klaviersonate (im übrigen ist diese nächsten Sonntag noch einmal im Musikverein zu erleben, wenn Daniel Barenboim ebenfalls sein Graz-Debüt geben wird) und Schumanns Bunte Blätter-Zyklus sowie zwei lose gebliebene Sätze der beiden Komponisten präsentierte, interpretierte Trifonov in der zweiten Konzerthälfte Prokofjews achte Klaviersonate. Bei aller technischen Brillanz mit der Trifonov Beethoven und Schumann spielte: Man muss ehrlicherweise vielleicht doch sagen, dass es auch einige andere Pianisten gibt, die diese technische Brillanz beherrschen. Doch während die Einzigartigkeit, die man Trifonov gerne anpreist, hier noch etwas gefehlt hat, schien bei Prokofjew plötzlich kein – polemisch ausgedrückt – austauschbares Talent mehr am Werk zu sein, sondern ein hoch-originelles, hoch-individuelles Tastengenie. Der tobende Applaus, der auf den besonders effektvollen Schluss der Sonate einsetzte, war daher absolut gerechtfertigt und wurde hoffentlich von Herrn Trifonov als Ermutigung aufgefasst, uns im Grazer Musikverein noch viele weitere Male zu beehren.

Der Seite der Veranstaltung ist unter folgendem Link abrufbar: http://www.musikverein-graz.at/konzert/1-solistenkonzert-4/