Vom Irdischen zum Himmlischen

Als Beethoven seine letzten Streichquartette, entstanden in den Jahren 1824-26, erstmals der Öffentlichkeit vorstellte, reagierte diese mit Unverständnis auf das Spätwerk des Komponisten – es hagelte heftige Kritik. Knapp 200 Jahre später, am 29. Juni 2019, wurden diese Quartette im Rahmen der Styriarte in drei Konzerten an einem Tag mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht. Vor der wunderbaren Kulisse im Planetensaal des Schlosses Eggenberg spielten das Pacific Quartet Vienna und das Eliot Quartett.

Pacific Quartet Vienna © Julia Wesely

Den Auftakt machte das Pacific Quartet Vienna, bestehend aus dem Primgeiger Yuta Takase, sowie Eszter Major, Chin-Ting Huang und Sarah Weilenmann mit dem 12. Streichquartett op. 127. Die Vielseitigkeit dieses Werkes wurde professionell auf die Interpretation angewandt. Beethoven erklang dabei mal feurig, melancholisch, dann wieder von tänzerischem Charakter. Präzise Einsätze und lebhaft mitreißende, zuweilen orchestrale, Klänge zeichneten das Pacific Quartet Vienna aus.

Im Kontrast dazu stand das vom Eliot Quartett dargebotene 15. Streichquartett op. 132. Mit ihrer Primgeigerin Maryana Osipova, sowie Alexander Sachs, Dmitry Hahalin und Michael Preuss legte diese Formation ihre Interpretation der Streichquartette feinfühlig, jedoch bestimmter und dynamisch differenzierter an. Schon im von Spannungsklängen geprägten Anfangssatz ist der typische Beethovensche Stil unverkennbar. Zu Beginn der ersten zwei Sätze kam die Musik jedes Mal, wie noch in einer Knospe verborgen, aus dieser heraus und wuchs im Laufe des Stückes zu einer Blume heran. Im 3. Satz „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“ entführten sie in himmlische Sphären und schlossen mit einem lebhaften 4. und 5. Satz ab.

Zu Beginn des zweiten Konzertes spielte das Eliot Quartett Beethovens 14. Streichquartett op. 131 meisterhaft mit einer Spieldauer von etwa 40 Minuten zur Gänze ohne Pause(!) durch. Die kurzen Themen von stark entwickelndem Charakter wanderten durch alle Stimmen und wurden immer wieder überraschenden Wechseln unterzogen.

Eliot Quartett © Andreas Kessler

Den zweiten Teil dieses Konzerts gestaltete das Pacific Quartet Vienna mit dem 16. und letzten Streichquartett, op. 135. Statt des zu erwartenden melancholischen Typus Beethovens, setzten die MusikerInnen auf eine schwungvoll tänzerische Note. Einzig der getragene ausdrucksstarke 3. Satz kontrastierte mit den übrigen Sätzen.

Das dritte und letzte Konzert eröffnete abermals das Pacific Quartet Vienna mit ihrer Interpretation des 13. Streichquartetts op. 130. Den 1. Satz prägte der Primgeiger Takase mit seiner hohen Virtuosität. In den kraftvollen Sätzen Nr. 2, 4 und 6 wurde der experimentell entwickelnde Charakter gut hörbar, während der 5. Satz, von tiefer Melancholie durchdrungen, mit dem höchsten Maß an Gefühl und Ausdruck wiedergegeben wurde.

Direkt im Anschluss wurde das von Beethoven ursprünglich vorgesehene Finale des zuvor gespielten Streichquartetts, die „Große Fuge“ op. 133, dargebracht. Ein Meilenstein der Musikgeschichte der zeigt, dass Beethoven seiner Zeit weit voraus war. Ausgeklügelt und kontrastreich bewegte sich das Eliot Quartett auf sicherem Terrain und entführte das Publikum abermals in höhere Sphären.

DAS war Beethoven pur und ein würdiger Abschluss eines großartigen Tripel(streich)konzertes.

Die Veranstaltung „Beethoven!!!“ in Zahlen:
1 Abend – 1 Komponist – 2 Formationen – 3 Konzerte – 5 Quartette – 7 Stunden – 8 MusikerInnen – unzählige begeisterte ZuhörerInnen.

Weitere Informationen…
… über das Konzert.
… über das Pacific Quartet Vienna.
… über das Eliot Quartett.

Werbeanzeigen
(c) Nikola Milatovic

Ein Hypnotiseur auf der Orgel

Fotos: Nikola Milatovic
Der Amerikaner Cameron Carpenter ist der wohl berühmteste Organist der Welt. Mit der „Orgel seiner Träume“, der digitalen Touring Orgel, gastierte er für die styriarte in der Grazer Helmut-List-Halle. Im Gepäck: Eine monumentale Hommage an Johann Sebastian Bach.

„All you need is Bach” heißt Carpenters Programm, gleich wie sein jüngstes Album. Ein Titel der Wahrheit: Wenn man den Heimweg antritt, nachdem man die schwierigsten Präludien, Fugen und Triosonaten aus der Feder von Bach und noch dazu drei fetzige Zugaben gehört hat, dann besteht kein Zweifel: Alles, was Carpenter braucht und was man selbst in dem Moment braucht, ist: Bach.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Aber von vorne: Carpenter macht Orgelmusik zum Event – und zwar im besten Sinne. Alleine seine „Touring Organ“, einzigartig auf dieser Welt, gebaut und entwickelt von ihm selbst und Marshall & Ogletree in Massachusetts, USA, ist ein Anblick: Lautsprecher, Trichter, blinkende Lichter an den riesigen Rechnern – ein Wunder des digitalen Instrumentenbaus. Mit seiner Traum-Orgel reist er um die ganze Erde.

„The purpose of an organ is not to have pipes. The purpose of an organ is to allow me to make you feel something”, sagt Carpenter in einem Interview

Dieser Welt die Orgelmusik wieder näher zu bringen, sie zu entstauben und aus dem sakralen Kontext zu befreien – das ist Carpenters Mission. Der Beginn ist fulminant und stürmisch: Mit dem Präludium und Fuge in D (BWV 532) gibt er den ersten Vorgeschmack auf das, was kommt. Die Füße und Finger tanzen über die Tasten, so schnell, dass sein Spiel einem Ganzkörperworkout gleicht und so wild, dass man sich die überforderten Ohren erstmal daran gewöhnen müssen. Spätestens mit dem nächsten Präludium und Fuge in a-Moll (BWV 543), etwas rhythmischer und beruhigter, hat er es dann geschafft: Eine hypnotische Kraft geht von Carpenter und seiner Orgel aus, in der man sich vollends verliert.

Magisch zart und feinfühlig, kräftig und voller Power – Carpenter kann alles. In der Gigue der von ihm arrangierten Französischen Suite Nr 5. (BWV 816) schüttelt man nur noch mit einem ungläubigen Lächeln auf den Lippen den Kopf: Dieser Mann muss wahnsinnig sein. Ein Erlebnis, das man nicht verpasst haben sollte.

Mehr Infos zur styriarte

Im Rausch der Gefühle

Das Belcea Quartet gastierte mit der Fortsetzung des Streichquartett-Zyklus Beethoven pur II wieder im Musikverein Graz und sorgte im 8. Kammerkonzert der Saison mit eigenen Interpretationen dreier Beethovenscher Quartette für enorme Begeisterung beim Publikum.

Belcea Quartet © Marco Borggreve

Das Belcea Quartet, bestehend aus der Primgeigerin Corina Belcea, dem 2. Violinisten Axel Schacher, Krzysztof Chorzelski auf der Viola und Antoine  Lederlin auf dem Cello, beehrte bereits im März 2019 den Musikverein Graz mit Beethovens Streichquartetten Nr. 3, 11 und 15. Nun kehrten sie mit drei weiteren Quartetten des Komponisten in den Stefaniensaal zurück.

Den Beginn machte das 6. Streichquartett op. 18,6 in B-Dur, welches Ludwig van Beethoven im Jahre 1800 im Alter von 29 Jahren komponierte. Schon innerhalb des Stückes wurde die Metamorphose zum typischen Stil des Komponisten hörbar. Während die ersten beiden Sätze noch stark an Mozart bzw. an Haydn erinnerten, kam im zweiten Abschnitt bereits Beethovens unverkennbare Handschrift zum Vorschein. Vor allem im vierten Satz schlug sich dieser durch die in Musik verarbeitete Schwermut (La Malinconia) nieder. Das Belcea Quartet bewegte sich in diesem Werk gekonnt zwischen präziser Bestimmtheit und zarter Zurückhaltung.

Muss es sein?

Es muss sein. Es muss sein.

Frage des Violoncello und Antwort der Violine zu Beginn des 4. Satzes, op. 135


Im völligen Kontrast zum frühen Streichquartett op. 18,6 steht das 16. Streichquartett op.135 in F-Dur. Es markierte nicht nur den Abschluss einer Gattung, sondern war zugleich das letzte vollendete Werk des Komponisten, welches er Ende 1826, etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod, fertigstellte. Das Spätwerk Beethovens bereitete schon so manchen MusikerInnen große Schwierigkeiten, doch für das Belcea Quartet schien dieses Werk wie geschaffen. Sie meisterten insbesondere die abrupten Dynamikwechsel und Finali mit Bravour. Im dritten Satz mit dem Titel „Süßer Ruhegesang oder Friedensgesang“ entlockten sie aus ihren Streichinstrumenten himmlische Klänge. Im vierten Satz, auch bekannt unter dem Namen „Der schwer gefasste Entschluss“, kehrten sie mit ihrem emotionalen Spiel das innere Seelenleben des Komponisten hervor.

Dem kompositorisch ohnehin einwandfreien Stück setzte das Belcea Quartet mit seinen virtuosen Klängen die Krone auf. Das feurige und kraftvolle Spiel erreichte des Öfteren gar symphonische Dimensionen und entfachte einen wahren Rausch der Gefühle.

Das im Jahre 1806 entstandene 8. Streichquartett op. 59 Nr. 2, in der für Beethoven seltenen Tonart e-Moll, war das zweite von drei sogenannten russischen Rasumowsky-Quartetten und markierte zugleich den Abschluss des Konzertes. Das Publikum zeigte sich bewegt, insbesondere der träumerische choralähnliche zweite Satz hätte noch länger andauern können. Der dritte, russisch geprägte, Satz, sowie der vierte Satz bildeten vom Belcea Quartet dynamisch und lebhaft vorgetragene Tänze.

Es brauchte anfangs zwar viel Geduld, dass man von der Musik vollends ergriffen wurde, doch ward es einmal geschehen, ließen einen die leidenschaftlichen Klänge nicht mehr los.
Das Konzert gefiel. Nach einem verdient langanhaltenden Applaus schenkte das Belcea Quartet den Zuhörern noch eine wunderbare Zugabe. Es erklang der 2. Satz des sogenannten Quintenquartetts op. 76 No. 2 von Joseph Haydn. Ein würdiger Abschluss eines hochwertigen Abends.

Weitere Informationen über dieses Konzert finden Sie unter http://www.musikverein-graz.at/konzert/8-kammerkonzert-5/.
Alles über das Belcea Quartet gibt es hier: https://www.belceaquartet.com/