Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!

Eine Lesung hat immer einen nostalgischen Beigeschmack, besonders wenn ein ergrauter Herr mit 50 plus, in diesem speziellen Fall Wolf Haas, involviert ist. Das erinnert an die vorgelesenen Geschichten der Kindheit – wie passend, dass Haas‘ Roman einen jungen Mann beim Erwachsenwerden begleitet. Derzeit stellt Haas sein neues Werk „Junger Mann“ in Österreich und Deutschland vor, am 17.11. war er auch im Schauspielhaus Graz zu Gast.

Vierjährig wird der Nicht-Brenner das erste Mal vorgestellt, als Bruchpilot beim Skifahren und infolgedessen mit gebrochenen Knochen. Weil die Tanten es zu gut mit ihm meinen und Milky Way, Nuts und gewöhnliche Milka in das geschädigte Kind füllen, neigt es fortan zur Fettleibigkeit. An der Tankstelle arbeitend muss der junge Mann also feststellen: „Der Spritpreis steigt, das Gewicht auch.“ Im etwas fortgeschrittenerem Alter, die Pubertät klopft bereits an die Tür, entschließt sich unser Held zu einer Abmagerungskur. Besonders die Zuneigung zu Elsa, einem begehrenswerten Mädchen der Nachbarschaft und Frau des lässigen Tschos, bedingt den Wunsch nach einer schlankeren Figur. Auch wenn seine Rückseite etwas dünner aussieht als die vordere.  Fortan werden also Kalorien gezählt, der Bauch auf der Waage eingezogen und die Schuld am Dicksein in Prozent verteilt (nur 0.5% fallen auf die Gene). Dabei entspinnt unser Held unumstößliche Lebensweisheiten wie: „Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!“

(c) Hoffmann und Campe

Mit trockenem Humor führt Haas durch die Geschichte, pointiert mit Witz und macht jeden im Publikum ein wenig zum jungen Mann mit Gewichtsproblemen. Mit Floskeln und Anekdoten abseits des Romans hält er sich zurück und rückt damit sein Werk in den Fokus des Abends. Dessen Rest man sich bestimmt auch noch einverleiben wird (Roman: 0 Kalorien).

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Michael Köhlmeier in Graz

Zum 10-jährigen Bühnenjubiläum im Grazer Schauspielhaus gastierte Michael Köhlmeier, wie mittlerweile Tradition, am 26. Oktober auf der Hauptbühne des Grazer Schauspielhauses (in manchen Jahren war es auch der 25. oder 27. Oktober, doch die Orientierung am Nationalfeiertag hat sich gehalten).

Michael Köhlmeier ist vielen bekannt als Schriftsteller, doch auch seine in den 1990er-Jahren entstandenen Aufnahmen für den Radiosender Ö1, in denen Köhlmeier mit seiner sanft-anmutigen Stimme dem interessierten Publikum über griechische Mythologie erzählte, sind bis heute legendär. Mit gerade jenen Mythen erzählte Michael Köhlmeier – als Referenz auf seinen allerersten Auftritt im Grazer Schauspielhaus vor zehn Jahren – auch am vergangenen Freitag über griechische Mythen – von Europa und dem Stier über Daedalus und Ikarus bis hin zu der Odysee, der laut Köhlmeier „schönsten Liebesgeschichte der griechischen Mythologie“.

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier – (c) Udo Leitner

An der rhetorischen Begabung von Michael Köhlmeier besteht kein Zweifel: Kaum jemand kann über zwei Stunden so spannend, so talentiert und vor allem so frei erzählen wie Michael Köhlmeier, der zudem mit einer ungemein weichen angenehmen Stimme gesegnet ist. Was Köhlmeier aber außerdem interessant macht, ist zum einen sein Humor und zum anderen seine Interpretationen von Mythen. Köhlmeier erzählt nicht nur, er deutet auch: So wird der Mythos um Ikarus und seinen Sohn, den immer höher hinaus wollenden und schließlich an der Sonne verbrennenden Daedalus zur Allegorie von der stürmischen Jugend und dem vorsichtigen, gemächlichen Alter. Gerade durch solche Deutungen wird Altbekanntes in den Erzählungen von Köhlmeier neu beleuchtet und es kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf.

Man darf sich also darüber freuen, dass Michael Köhlmeier uns auch in Zukunft hier in Graz beehren wird!

https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/michael-kohlmeier-erzahlt-sagen-der-griechischen-mythologie/

Startschuss für das Dramatiker*innenfestival: „Literarische Nahversorgung“ in Geidorfer Studentinnen-WG

Zum Auftakt des Dramatiker*innenfestivals in Graz sorgten 50 Lesungen in 50 steirischen Wohnzimmern für „Literarische Nahversorgung“. Der syrische Dramatiker Mudar Alhaggi las in einer Grazer Studentinnen-WG.

Neben 49 anderen Haushalten in der ganzen Steiermark hat auch eine Studentinnen-WG in Geidorf ihre Türen geöffnet und ihr Wohnzimmer mit Lichterketten zur Lesebühne umdekoriert. Mit den Worten „This is my first time reading without shoes“ eröffnete der aus Syrien stammende Dramatiker, Autor und Regisseur Mudar Alhaggi seinen literarischen Streifzug durch seine Zeit in Bern, kurz nachdem er aus dem Nahen Osten gekommen war. Die Blogbeiträge, gelesen und verfasst in dialektalem Arabisch, entstanden 2014 im Rahmen eines Berner Theaterfestivals. Die deutsche Übersetzung wurde von Christina Horn gelesen.

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Mudar Alhaggi erzählte über seine Zeit in Bern. (Fotos:  Noorullah Husseni Sahid)

In seinen Blogs berichtete Alhaggi über den Kulturschock vom Leben im Krieg in Syrien zum ruhigen Leben im schweizerischen Bern, wo seit über eineinhalb Jahrhunderten Frieden herrscht. Passend zum Thema des Festivals „Privatsache“ eröffnete er mit einer Geschichte über Trauer und Freude im Öffentlichen: Wenn die SchweizerInnen gemeinsam tanzend ihre Freude zelebrieren, wieso können sie nicht gemeinsam weinen? Er schildert Begegnungen und Erlebnisse, Gedanken und Emotionen – darüber, wieso Krieg nicht notwendig, sondern schrecklich ist, und darüber, wie Flüchtende ihre traurige Freiheit am grenzenlosen Grund des Meeres finden.

Alhaggis Texte geben einen emotionalen Einblick in seine Lebenswelt, zu Krieg und Frieden, zu Osten und Westen, zu Grenzen und Freiheiten. So nehmen seine Worte das Publikum mit auf eine Reise durch eine bekannte Welt aus der Sicht fremder Augen, unterstützt durch die Klänge des Arabischen. Ein wunderschöner Auftakt für das DramatikerInnenfestival in Graz.

Zur Homepage des DramatikerInnenfestivals

Zu „Literarischer Nahversorgung“