Die lange Nacht der Genderlesung

Veranstaltet vom Cluster Gender des Forschungsnetzwerks Heterogenität und Kohäsion der Karl-Franzens-Universität Graz in Kooperation mit dem Schauspielhaus Graz

Am 9. Dezember fand im Foyer des Schauspielhauses Graz die lange Nacht der Genderlesung statt. Der Eintritt war frei und die BesucherInnen wurden neben den vorgetragenen Texten und Musik auch mit Brötchen und Getränken versorgt. Veranstaltet wurde die Lesung vom Cluster Gender des Forschungsnetzwerks Heterogenität und Kohäsion der Karl-Franzens-Universität Graz in Kooperation mit dem Schauspielhaus Graz. Neben einigen Universitätsprofessorinnen fanden trugen auch einige politische Persönlichkeiten der Stadt Graz Texte vor.

Wer darf über meinen Körper entscheiden? Was sind meine Rechte am Arbeitsplatz? Wie kann ich mit sexueller Belästigung umgehen? Und bedeutet feministisch sein, dass ich aus Jux und Tollerei abtreibe? Diese und noch mehr Fragen wurden am Montagabend aufgeworfen und teilweise auch beantwortet.


Die Textauswahl der Vortragenden lieferte emotionalen, aber auch sehr trockenen Input. Die Schauspielerin Maximiliane Haß trug einen Text über die Modeerscheinung Abtreibung vor, worauf im Anschluss Univ. Prof. Katharina Schercke Ausschnitte aus dem Bundesgesetz über die Gleichbehandlung (GIBG) vorlas. Auch geschichtliche und religiöse Themen wurden behandelt.  Wie sieht das Bild der Frau im religiösen Kontext aus?
Das Programm war sehr dicht, doch alle behandelten Problematiken und Anliegen sind ein wichtiger Teil der heutigen Gesellschaft und müssen definitiv im öffentlichen Raum thematisiert werden.

 
Der Abend verlief reibungslos und eine angenehme Atmosphäre wurde für die Zuseherinnen und Zuseher geschaffen. Solche Events sollten öfter stattfinden und besser beworben werden, damit ein breiteres Publikum Zugang zu diesem Thema erhält. Die feministischen und liberalen Ansätze, die dort besprochen werden können zu fruchtbaren und produktiven Ergebnissen in unserem Alltag führen. Wir müssen uns nicht alle mögen, aber wir müssen uns so akzeptieren lernen, wie wir sind, so Eva Taxacher, Fachbereichsleiterin für Bildung beim Frauenservice Graz, aus dem Text „Anfangen“ von Carolin Emcke.

Landtagspräsidentin, Manuela Khom, trug die Europäische Menschenrechtserklärung vor und auch Stadträtin Elke Kahr nahm sich die Zeit um ein paar interessante Worte beizutragen.

Für alle, deren  Interesse nun geweckt wurde hier nochmal alle Vortragenden und Informationen über die Texte online.  

Vom Lauschen, Erfassen und Weitertragen

Großer Besuch zugunsten der ganz Kleinen: Klaus Maria Brandauer las in der Oper Graz Texte von Dietrich Bonhoeffer.

Klaus Maria Brandauer (c) Nik Hunger

„Klaus Maria Brandauer schenkt uns diese Lesung gleich in zweifacher Weise“, wusste der Caritas Direktor Herbert Beiglböck klug den Abend der besonderen Art einzuleiten. Ein Geschenk einerseits für das musikalische Sozialprojekt SUPERAR, das Kindern im Volkschulalter Musikunterricht mit Qualität und ohne Kosten ermöglicht. Das Projekt nimmt sich dabei nicht nur der Musikvermittlung an, sondern sieht sich auch als Integrations- und Bildungsinitiative.Ein Geschenk war es wohl aber auch für alle Anwesenden, die sich den Höhenflügen und Abgründen in den Worten Dietrich Bonhoeffers öffnen konnten. Ohne Show oder Theatralik, beinahe ganz wie nebenbei lieh Brandauer dem deutschen Theologen und Widerstandskämpfer seine reife, schlichte Stimme. Viele Texte stammen aus persönlichen Briefen Bonhoeffers, waren für einzelne und nicht für viele gedacht, und trotzdem fanden sie in der ungekünstelten Art des namhaften österreichischen Schauspielers Anklang selbst im großen Saal der Grazer Oper.
Ohne Pause zum Verweilen oder Weiterspinnen der Gedanken erklangen die Texte aneinandergereiht jeweils im Wechselspiel mit dem Cellospiel Maria Magdalena Wiesmaiers. Mit teilweise zu hektischen Übergängen ergänzte die deutsche Cellistin die gelesenen Worte in passend schonungsloser Manier mit Stücken des 20. Jahrhunderts und einem Abstecher zu J. S. Bach. Denn wer sich von dieser Lesung nur Verse wie das bekannte „Von guten Mächten treu und still umgeben“ erwartet hatte, durfte von der Auswahl überrascht werden. Nicht den Helden und Märtyrer wollte Brandauer scheinbar primär charakterisieren. Viel mehr schien es ihm um die menschlichen Seiten des Hoffnungsträgers zu gehen, um seine mutige Ehrlichkeit ebenso wie sein Hadern und Verzweifeln, die er am Grat zwischen Lesung und Schauspiel einprägsam darstellte.

„Glück und Unglück sind sich manchmal so nahe wie zwei Meteore, die ihre Bahnen über unseren Köpfen ziehen“

(frei zitiert)

Manch Schönes, manch Trauriges wurde in der Stunde dieser Lesung vernommen. Die geballte Vortragsweise ließ manchem Gedanken nicht genug Raum sich zu entwickeln, die Quintessenz aber konnte sich im Kopf dieser Zuhörerin fortpflanzen. „Schlichte, einfach, gerade Menschen werden wir brauchen“ sagt Bonhoeffer. Es möge sich jeder angesprochen fühlen, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/klaus-maria-brandauer-liest-dietrich-bonhoeffer

Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!

Eine Lesung hat immer einen nostalgischen Beigeschmack, besonders wenn ein ergrauter Herr mit 50 plus, in diesem speziellen Fall Wolf Haas, involviert ist. Das erinnert an die vorgelesenen Geschichten der Kindheit – wie passend, dass Haas‘ Roman einen jungen Mann beim Erwachsenwerden begleitet. Derzeit stellt Haas sein neues Werk „Junger Mann“ in Österreich und Deutschland vor, am 17.11. war er auch im Schauspielhaus Graz zu Gast.

Vierjährig wird der Nicht-Brenner das erste Mal vorgestellt, als Bruchpilot beim Skifahren und infolgedessen mit gebrochenen Knochen. Weil die Tanten es zu gut mit ihm meinen und Milky Way, Nuts und gewöhnliche Milka in das geschädigte Kind füllen, neigt es fortan zur Fettleibigkeit. An der Tankstelle arbeitend muss der junge Mann also feststellen: „Der Spritpreis steigt, das Gewicht auch.“ Im etwas fortgeschrittenerem Alter, die Pubertät klopft bereits an die Tür, entschließt sich unser Held zu einer Abmagerungskur. Besonders die Zuneigung zu Elsa, einem begehrenswerten Mädchen der Nachbarschaft und Frau des lässigen Tschos, bedingt den Wunsch nach einer schlankeren Figur. Auch wenn seine Rückseite etwas dünner aussieht als die vordere.  Fortan werden also Kalorien gezählt, der Bauch auf der Waage eingezogen und die Schuld am Dicksein in Prozent verteilt (nur 0.5% fallen auf die Gene). Dabei entspinnt unser Held unumstößliche Lebensweisheiten wie: „Eichen sollst du weichen, Kuchen nicht versuchen!“

(c) Hoffmann und Campe

Mit trockenem Humor führt Haas durch die Geschichte, pointiert mit Witz und macht jeden im Publikum ein wenig zum jungen Mann mit Gewichtsproblemen. Mit Floskeln und Anekdoten abseits des Romans hält er sich zurück und rückt damit sein Werk in den Fokus des Abends. Dessen Rest man sich bestimmt auch noch einverleiben wird (Roman: 0 Kalorien).