Höllentrip nach Buenos Aires

Die Oper Graz ist mit der großen Kasematten-Sommerproduktion an der Reihe. In ihrer Inszenierung von „María de Buenos Aires“ lodern die Flammen des Tangos nur selten auf, meistens flackern sie lustlos vor sich hin.

Die Prostituierten stöckeln über die nächtlichen Straßen Buenos Aires‘, bezirzen ihre Freier in Korsagen und knallbunten Latex-Stiefeln. Neben ihnen steht das riesige Herz, dessen Venen und Arterien sich durch die Balkone räkeln und sogar eine Stiege bilden. Es ist kein süßes Herzerl, sondern eines wie aus Fleisch und Blut: Ungeschützt und angreifbar liegt es da – wie María selbst. Eine der unzähligen Allegorien der Inszenierung.

„María de Buenos Aires“ ist eine „Tango Operita“ in 16 Bildern von Astor Piazzolla, dem Erfinder des Tango Nuevo. An einer schlüssigen Handlung fehlt es in der Operita rund um das Schicksal der Frau aus der Vorstadt, ein Bild reiht sich an das andere. All der Trubel um María reflektiert sie selbst – entweder Hure oder Heilige, dazwischen kann eine Frau nicht sein. Mezzosopranistin Anna Brull tritt auf wie der Tango selbst: Im schillernden roten Kleid schmettert sie ihr Thema „Yo soy María“ mit erstaunlicher Kraft in die Kasematten. Und doch scheint die Musik, ihre einzige Sprache, ihr das Leben auszusaugen. Erschöpft hängt sie auf der Stiege, entblößt ihren Kopf von der Perücke, steckt sich verzweifelt eine Zigarette an und klagt vor sich hin.

Momente wie diese sind es, von denen die Inszenierung von Rainer Vierlinger lebt. Doch sie sind an diesem Abend rar gesät. Ein Spektakel, das Südamerika direkt nach Graz holt, ist „María de Buenos Aires“ alleine schon wegen der räumlichen und technischen Mängel nicht. Die Schoßbergbühne wir längs bespielt, was einen weiten, aber flachen Raum entstehen lässt – in den man von den seitlichen Plätzen schwer einblicken kann. Die mittelmäßige Soundtechnik mit Lautsprechern schmälert die großartige Leistung des Orchesters unter der Leitung von Marcus Merkel mit Hanspeter Capun an der E-Gitarre und Martin Veszelovicz am Bandoneon. Dass die Unwetter der letzten Wochen Opfer in der Probezeit gefordert haben, merkt man vor allem an den Übergängen zwischen den Szenen: Sie sind unkoordiniert, viel zu lang und die Technik surrt im Hintergrund.

Ivan Oreščanin findet als Sänger die richtige Portion an Tragik in seinem dunklen Bariton, bevor er in seine zweite Rolle als Psychoanalytiker schlüpft: Er durchbohrt und malträtiert im Willy-Wonka-Kostüm das übergroße Hirn von María, die zu dem Zeitpunkt nur mehr ein Schatten ist. Und singt währenddessen mit ihr ein herzzerreißendes Duett. Hier spricht der Tango alle Sprachen. Dass er das aber nicht immer tut, zeigt unter anderem Ciro Gael Miró als der Erzähler El Duende. Sein Sprechgesang übersetzt sich nicht automatisch aus dem Spanischen – womit die sowieso schon abstrakte Oper für Leute, die der Sprache nicht mächtig sind, komplett an Grenzen verliert. Vielleicht wären Übertitel das nächste Mal doch eine Investition wert.

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Tango, Tanz und Trunkenheit

Am 14.06. debütierte das Grazer Opernhaus mit Astor Piazzollas Tango-Oper María de Buenos Aires auf der Kasemattenbühne am Schlossberg. In den 16 Bildern der Oper bot die bunte Inszenierung Rainer Vierlingers nicht nur einen Streifzug durch den Untergrund von Buenos Aires, sondern auch durch die verschiedenen Spielarten des Tango.

Von Thees Schagon

Wie so häufig bei Opern der Fall, fände auch die Geschichte der María de Buenos Aires auf einem Bierdeckel Platz: María (die Mezzosopranistin Anna Brull) kommt aus den ärmlichen Verhältnissen der Vorstadt nach Buenos Aires, wo sie sich in einen Sänger (hervorragend gespielt vom Bariton Ivan Oreščanin) verliebt, in der Unterwelt der Stadt jedoch ihren Tod findet. Hernach streift María als Schemen durch die Stadt, bis der Geist (Ciro Gael Miró), welcher ihre Geschichte erzählt, gemeinsam mit betrunkenen Marionetten eine Widerbelebung Marías versucht. Diese gebiert ein Kind, das, anfangs als Verheißung gepriesen, schnell Ablehnung erfährt, da es sich um eine Tochter handelt, anstatt eines Jesusknaben.

In der Aufführung begegnete man einer wilden Durchmischung der argentinischen Gesellschaft: Bankiers, Generälen, Obdachlosen, Stenotypistinnen, Tischlern und Prostituierten. Damit diese Platz finden konnten, war die Bühne entlang der hinteren Kasemattenwand ausgerichtet. Beim karg gehaltenen Bühnenbild (Wiebke Andersen) fiel vor allem das überdimensionierte Herz auf, das triefend rot durchädert in der Mitte der Bühne prangte und, je nach Szene, entweder aufglomm oder neongrün durchsprenkelt wurde.

Während sich das Ensemble des Grazer philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Marcus Merkel (in klassischer Tango-Besetzung inklusive Gitarre, Schlagzeug und obligatorischem Akkordeon) durch die verschiedenen Nummern spielte, wurden die Darsteller nicht nur von einem Chor unterstützt, sondern auch von Tänzern der Tanzschule „Conny & Dado“, die von Conny Leban-Ibrakovic und Adi Lozancic choreographiert wurden.

Besonders hervorzuheben ist die Präzision, mit der das musikalisch Ensemble die vielfältigen Formen des Tango beherrschte: Neben Jazz-inspirierten Stücken waren auch Tango Nuevo, Romanzen und sogar eine Tango-Fuge zu hören. Obzwar die Bühne stellenweise bevölkert war von umeinanderkreisenden Pärchen, die sich mit melancholischer Erotik im synkopierten Tango-Takt bewegten, fanden auch Episoden männlicher sexueller Gier Darstellung – quasi das Gegenteil von Erotik. Und als María infolge eines Vergewaltigungsversuchs zu Tode kam, trugen als einzige die Nutten Trauerflor.

Subtile Andeutungen wie diese wurden aber leider allzu oft übertüncht von einer Bildsprache, die in ihrer Plakativität doch eher billig wirkte, etwa durch recht uninspirierte religiöse Symbolik, indem Marías Gehirn nach ihrem Tod auf einer Platte aufgetischt und mit Nadeln perforiert wurde oder durch das vorhersehbare Spiel mit dem erwähnten Riesenherzen, das in romantischen Szenen rot aufglühte und nach Marías Tod von Schergen ausgepumpt wurde.

Dass einige Proben sowie die eigentliche Erstaufführung entfallen waren, wurde durch manche nicht ganz eingespielte Abläufe deutlich, nicht zuletzt die etwas ungelenke Applauszeremonie – ein weiteres Opfer der Sturmschäden und der immer wieder neu aufbrodelnden Gewittersuppe im Grazer Becken.

Angesichts des hiesigen Hagel- und Regenhämmerns mag es daher nicht schaden, für anderthalb Stunden auf dem Schlossberg in Buenos Aires zu gastieren – trotz einiger Mängel der Aufführung. Denn obgleich die Inszenierung der María der Buenos Aires etwas blutarm scheint und mit einigen Mängeln behaftet – mangelhaft ist sie mit Sicherheit nicht.

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Kunterbunte Narrenfahrt

Die selten zu hörende Rossini Oper „Il viaggio a Reims“ ist in Graz als bunte Augenfreude mit starkem Ensemble zu erleben.

(c) Werner Kmetitsch

Die Geschichte dieser Reise ist schnell erzählt: ein Haufen internationaler Gäste muss in der Kuranstalt „Zur Goldenen Lilie“ seine Abreise zur Krönung von Karl X. abwarten und beschließt dann doch endlich abzufahren, allerdings nicht nach Reims, sondern nach Paris. Wie aus dieser sparsamen Handlung eine dermaßen üppige Oper werden kann, lässt sich wohl nur durch das Liveerlebnis nachvollziehen. Besonders lange in Erinnerung werden bei dieser Aufführung wohl die von Bernd Mottl (Inszenierung), Alfred Mayerhofer (Kostüme) und Friedrich Eggert (Bühne und Licht) kreierten Bilder bleiben. Ein durchgezogenes Lilienmuster und eine drehende Bühne erlauben fließende Übergänge, veränderte Beleuchtungssituationen gaben einen willkommenen Stimmungsbruch. Die Kostüme der 18 (!) Solisten sowie des Chors und der Statisterie erzielten einen erstklassigen Effekt. Vom pinken Anzug des von Allüren behafteten Lord Sidney (Peter Kellner) bis zum frechen Punk-Tussie-Dienstmädchen (Aleksandra Todorović) waren die Outfits auf die schrägen Charaktere maßgeschneidert. Der visuelle Höhepunkt wurde geliefert, als die Damen des Chors der Oper Graz in grüne Glitzerkostüme und neongrüne Latexstiefeln schlüpften und mit flatterndem Blumenkopfschmuck die Aufmerksamkeit der schönen Corinna (Tetiana Miyus) auf sich zu ziehen versuchen.

(c) Werner Kmetitsch

Die musikalische Leitung übernahm die Chefdirigentin der Grazer Oper Oksana Lyniv. Mit spannungsvollen Gesten führte sie die Grazer Philharmoniker durch Rossinis verzierungsreiche Partitur, die doch den Vokalpart in den Vordergrund stellt. Auf der Bühne waren die Instrumente mit Solistinnen an Harfe und Flöte würdevoll und lebhaft vertreten. Die Herausforderung des großen Ensembles wurde ebenfalls gemeistert. Die Sänger des Hauses überzeugten durchgehend, allen voran Tetiana Miyus als schöne Griechin Corinna die mit ihren gesanglichen Ausführungen die gesamte Belegschaft der Kuranstalt bezirzt. Sie anschmachtend zeigten sowohl Pavel Petrov als Cavaliere Belfiore und Peter Kellner als Lord Sidney eine eigene charakteristische Färbung. Die Koloraturen von Elena Galitskaya wussten am meisten zu begeistern, wie sie sich grazil in die Höhen schraubte und gleichzeitig einen weiten Stimmumfang bewies. Auch der altbewährte Bass von Wilfried Zelinka sei erwähnt, ebenso wie die junge einprägsame Stimme von Neven Crnić. Die kleinen Rollen waren mit Aleksandra Todorović und Albert Memti ebenfalls mit vielversprechenden Jungtalenten besetzt.

Die opulente Erzählweise wusste zwar stets zu unterhalten, in der Schlussszene griff der Regisseur aber doch etwas zu tief in die Trickkiste. Als zwei halbnackte Bodybilder, die als goldene Stiere zu Corinnas Hymne an Europa ihre Muskeln spielen ließen, ein eingeleitetes Attentat auf die verbundenen Nationen, das im letzten Moment doch vereitelt wird, lassen das Fass der Übertreibungen dann doch etwas überschäumen. Nichtsdestotrotz, es bleiben schöne Bilder und ein Schmunzeln auf den Lippen.

Ein Trailer zur Aufführung ist hier zu finden:

Weitere Informationen zum Stück unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/il-viaggio-a-reimsdie-reise-nach-reims