Gefangen in der Freakshow – Mario und der Zauberer

BILD: Markus Butter (Cipolla) © Werner Kmetitsch

Optisch abstoßend, musikalisch faszinierend und inhaltlich irritierend. „Mario und der Zauberer“ zeigt, wie Menschen durch Suggestion und Manipulation zu Mitläufern werden. Ein Opernerlebnis, das einem noch lange im Gedächtnis bleibt und dem ein oder anderen sogar Albträume beschert. 

Die Studiobühne wurde (von Christoph Gehre) in ein heruntergekommenes Zirkuszelt verwandelt. Müllhaldenflair liegt in der Luft, denn nicht nur Abfall  jeder Art (Bierdosen, Schuhe, tote Tiere) liegt im Raum verstreut sondern auch ein braun-besprenkeltes Dixi-Klo, alte Fernseher und Baustellenabsperrungszäune untermalen die düstere, dreckige Atmosphäre. In der Mitte der Bühne ist ein Haufen Müll und um ihn herum sind Sessel angereiht – freie Platzwahl. Hinter dem Drahtzaun klimpert das Orchester unter der Leitung von Marcus Merkel im Halbdunkeln.

Es ist 20:00 Uhr und das Stück sollte beginnen, jedoch scheint die Bühne noch in Arbeit zu sein: es wird gefegt (hoffnungslos bei diesem Dreck) und Lampen werden kontrolliert. Was ist hier los? Doch dann beginnt einer der vermeintlichen Bühnenarbeiter zu singen. Auch vereinzelte Besucher im Publikum scheinen Teil des Stückes zu sein, doch ist es unklar, wer es wirklich ist. Vollkommen verunsichert sitzt man im Publikum (oder doch inmitten von Statisten?)

PhotoWerK_OG_2019_Mario_GP_HiRes_039

Die Novelle „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann wurde 1988 von Stephan Oliver in eine achtzigminütige Kammeroper verwandelt und in Graz nun von Christian Thausing inszeniert. (BILD: © Werner Kmetitsch)

 

Eine Frau mit Kopftuch (Andrea Purtić) und ihr Kleinkind betreten den Raum und suchen nach einem Platz. Ein Mann (Valentino Blasina) mittleren Alters hält sie auf. Er beklagt sich darüber, dass sie ihr Kind nackt herumlaufen ließ. Sie rechtfertigt sich und macht ihm klar, dass ihre Tochter nur ihren Badeanzug gewechselt hat. Dies ist für den Mann jedoch keine Entschuldigung und er fordert den Bürgermeister (der mit Frau und Gefolge das Zelt betritt) auf, die Frau zu bestrafen. Eine Geldstrafe ist für ihn angemessen und er setzt sich, während ein Parteimitglied Werbekärtchen mit der Aufschrift „Heimat verteidigen – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ im Publikum verteilt. Als Zuschauer wird man verunsichert und schüttelt dem Herrn verblüfft die Hand. Danach beginnt die Zaubershow: Der Zauberer betritt oder bekriecht die Bühne. Sein Anblick ist fast genauso ekelerregend wie sein Umfeld. Eine verblüffende, jedoch gleichzeitig abstoßende Show beginnt, in der Zaubertricks mit und am Publikum durchgeführt werden. Auch Mario (Romain Clavareau) ist nicht vor dem Zauberer sicher. Der Junge wird hypnotisiert und denkt, der alte Magier sei seine Angebetete. Plötzlich stürmt aus dem Publikum eine Gruppe Jugendlicher auf Mario zu und das Licht geht aus. Als es wieder angeht, liegt Mario blutüberströmt am Boden. Die Frau und ihre Tochter helfen ihm auf und begleiten ihn aus dem Zelt.

Das Stück endet ohne Ende. Man sitzt verunsichert da. Was ist Show, was ist real? Wie real ist das Gespielte? Verwirrt und unbefriedigend verlässt Mensch für Mensch den Raum/das Zelt. Kommt da noch etwas? Open-End … wie im richtigen Leben.

Ein tolles Stück, in dem man Oper auf eine ganz herrlich andere Art erfährt.

Karten: hier.

 

 

Werbeanzeigen

Der zweifelnde König

Die polnische Opernrarität „König Roger“ von Karol Szymanowski begeisterte mit dichter Musik und spannendem Erzählstil.

(c) Werner Kmetitsch

Schwarz und Gold zeichnet sich die Bühne ab, zugegeben nichts Neues, aber doch in diesem Fall eine sehr stimmungsstarke Kombination. Die Bühne von Katrin Lea Tag bedient sich weniger, aber groß angelegter Kniffe, die mit dem flutenden Lichtdesign von Sebastian Alphones einen beeindruckenden Gesamteindruck bewirken. Generell lässt auch die Inszenierung von Holger Müller-Brandes die Oper für sich selbst stehen und wirken – ein Konzept, das bei dem Musikexport aus Polen voll aufgeht. Mit großer Spannung geht die Geschichte des zweifelnden Rogers über die Bühne. Seine innere Zerrissenheit spiegelt sich in Gestik, Licht, Ausdruck und Musik wider. Der lettische Bariton Valdis Jansons gibt König Roger II. von Sizilien eine sonore, tief ernste Stimme, schwankt in seinem Charakter zwischen mürrisch und verzweifelt. Erst ganz zum Ende, als er aufgibt und sich zum Opfer erklärt, scheint Jansons sein volles Volumen auszuschöpfen und unterstreicht damit die Bedeutung dieses letzten Aktes des Titelhelden.
Als seine Gattin Roxane, die verführerisch auftritt doch schließlich selbst verführt wird, nutzt Aurelia Florian vor allem starke Vibrati als ihr Ausdrucksmittel. Melodisch süßlich Zartes bleibt trotz Erwartens meist aus. Musikalisch kommt diese Rolle dem Hirten zu, der in hohen Bögen zahlreiche Verheißungen verspricht. Andrzej Lampert fügt seinen hellen Tenor nahtlos in diese Rolle ein, so nahtlos, dass man sich manchmal ein paar Kanten gewünscht hätte. Manuel von Senden hingegen, gab den Berater Edrisi mit charakteristisch schneidender Färbung. Eine besondere Rolle in dieser Oper kommt auch dem Volk zu, das sich als Chor mehrfach eindrucksvoll artikuliert. Chor und Singschul‘ der Oper Graz verstärken mit ihrer wandelbaren Präsenz in der Handlung die tragische wie mystische Grundstimmung des Werkes. Ebenso schlüssig wirkt der Einsatz des Balletts, das erst als neugieriger Anonymus und dann als entfesselter Verehrer dem Hirten folgt.

(c) Werner Kmetitsch

Roland Kluttig, der die Grazer Philharmoniker erfreulicherweise auch in Zukunft noch öfter leiten wird, beweist eine kluge Führung durch die facetten- und effektreiche Partitur Szymanowskis. Den hier lautmalerisch, da abstrakten Einsatz verschiedener Instrumentengruppen gestaltet er offenkundig, aber ohne ihn zur Schau zu stellen. „Diese Musik hat eine Sogwirkung“ weiß Kluttig auch im Nachklangsgespräch im Anschluss an die Oper zu erzählen, und ihm sei an dieser Stelle voll und ganz zugestimmt! Diese selten aufgeführte Oper in einer so schlüssigen, wie fesselnden Inszenierung zu hören und sehen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Weitere Aufführungen gibt es noch am 5.4., 28.4. und 4.5.

Weitere Informationen zu dieser und anderer Produktionen der Oper Graz unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/konig-rogerkrol-roger

Lucia di Lammermoor entfachte bei Grazer südländisches Temperament

Ana Durlovski (Lucia), Pavel Petrov (Edgardo di Ravenswood) © Werner Kmetitsch

Die Premiere der italienischen Oper „Lucia die Lammermoor“ entfachte anscheinend bei dem Grazer Publikum südländisches Temperament. Der Saal tobte nach der Vorstellung – aber nicht nur vor Beifall! Den Sängern wurde begeistert applaudiert und „Bravos!“ sowie andere Jubelrufe untermalten die euphorische Stimmung. Dieser wurde jedoch schlagartig ein Ende gesetzt, als die Regisseurin (Verena Stoiber) die Bühne betrat: Jaulen, Klagen und Boo-Rufe erfüllten den Raum. Die hinteren Reihen verließen daraufhin abrupt den Saal. Was war denn da los?

Die Grazer Oper bringt unter der Regie von Verena Stoiber mit dem dramma lirico „Lucia die Lammermoor“ von Gaetano Donizetti die Geschichte einer wahnsinnig unglücklichen Liebe auf die Bühne. Das Stück spielt ursprünglich im 16. Jahrhundert, jedoch wurde für diese Inszenierung eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert in ein Operationstheater gemacht. Dies soll jedoch nicht nur die einzige Abweichung vom Original bleiben.

Lucia und Edgardo sind unsterblich ineinander verliebt, jedoch steht dieser Liebe etwas im Wege. Ihre Familien sind verfeindet und billigen diese Beziehung nicht. Als Lucias Bruder Enrico von der Liebesbeziehung erfährt, schwört er Rache. Durch einen gefälschten Brief gelingt es Enrico seine Schwester glauben zu lassen, dass ihr Edgardo untreu ist. Gebrochenen Herzens willigt sie ein, Arturo, den ihr Bruder für sie ausgesucht hat, zu heiraten. Vor der Hochzeit kommt es jedoch noch zu einer Abtreibung, bei der Enrico behilflich ist.

Am Hochzeitstag stürmt Edgardo die Feier und verflucht Lucia an Ort und Stelle für ihre Untreue. Diese folgt unglücklich ihrem neuen Gatten in die Hochzeitsnacht, in der auf  Arturo eine – nein, eigentlich zwei blutige Überraschungen warten. Lucias Rock ist blutdurchtränkt und ein totales Turnoff für den Herrn. Da betritt ein Priester die Bühne und ersticht im Blutrausch den frisch Verheirateten. Anschließend stellt der Pfarrer die hilflose Frau als Täterin dar. Diese scheint wegen der (misslungenen) Abtreibung dem Fieberwahn verfallen zu sein und singt im Wahnsinn bis in ihren Tod.

Edgardo ist zutiefst erschüttert. Sein einziger Ausweg scheint der Tod zu sein und er erschießt sich.

image

Ana Durlovski (Lucia)
© Werner Kmetitsch

Einige der Szenen waren irrelevant und irritierten, wie das Gruppenduschen nackter Frauen verschiedenen Alters zu Beginn oder der epileptische Anfall, bei dem sich eine jungen Frau stöhnend, robbend am Boden umherwälzte.

Diese Inszenierung wollte vielleicht dem Publikum den Kopf verdrehen, jedoch führte  sie nur zu einem durchdrehenden Publikum am Ende. Vielleicht war es die Bühne, die ihnen durch ihre ständigen Drehungen einen Drehwurm verpasste. Eine Seite der Bühne stellte (sehr minimalistisch) ein Operationstheater dar und die andere Seite sah aus, als wäre sie noch in Arbeit und einfach nicht sehenswert.

Das Orchester harmonierte fantastisch mit den hervorragenden Sängern und begeisterte das Publikum musikalisch. Ana Durlovski als Lucia verbreitete während der Wahnsinnsarie Gänsehaut und Pavel Petrov sang und spielte Edgardo mit voller Leidenschaft.

Musikalisch begeisterte das Stück die Masse, jedoch ist es inhaltlich und optisch eher gewöhnungsbedürftig.

Lucia di Lammermoor ist noch bis Juni in der Grazer Oper zu sehen.

Tickets: hier.