Kunterbunte Narrenfahrt

Die selten zu hörende Rossini Oper „Il viaggio a Reims“ ist in Graz als bunte Augenfreude mit starkem Ensemble zu erleben.

(c) Werner Kmetitsch

Die Geschichte dieser Reise ist schnell erzählt: ein Haufen internationaler Gäste muss in der Kuranstalt „Zur Goldenen Lilie“ seine Abreise zur Krönung von Karl X. abwarten und beschließt dann doch endlich abzufahren, allerdings nicht nach Reims, sondern nach Paris. Wie aus dieser sparsamen Handlung eine dermaßen üppige Oper werden kann, lässt sich wohl nur durch das Liveerlebnis nachvollziehen. Besonders lange in Erinnerung werden bei dieser Aufführung wohl die von Bernd Mottl (Inszenierung), Alfred Mayerhofer (Kostüme) und Friedrich Eggert (Bühne und Licht) kreierten Bilder bleiben. Ein durchgezogenes Lilienmuster und eine drehende Bühne erlauben fließende Übergänge, veränderte Beleuchtungssituationen gaben einen willkommenen Stimmungsbruch. Die Kostüme der 18 (!) Solisten sowie des Chors und der Statisterie erzielten einen erstklassigen Effekt. Vom pinken Anzug des von Allüren behafteten Lord Sidney (Peter Kellner) bis zum frechen Punk-Tussie-Dienstmädchen (Aleksandra Todorović) waren die Outfits auf die schrägen Charaktere maßgeschneidert. Der visuelle Höhepunkt wurde geliefert, als die Damen des Chors der Oper Graz in grüne Glitzerkostüme und neongrüne Latexstiefeln schlüpften und mit flatterndem Blumenkopfschmuck die Aufmerksamkeit der schönen Corinna (Tetiana Miyus) auf sich zu ziehen versuchen.

(c) Werner Kmetitsch

Die musikalische Leitung übernahm die Chefdirigentin der Grazer Oper Oksana Lyniv. Mit spannungsvollen Gesten führte sie die Grazer Philharmoniker durch Rossinis verzierungsreiche Partitur, die doch den Vokalpart in den Vordergrund stellt. Auf der Bühne waren die Instrumente mit Solistinnen an Harfe und Flöte würdevoll und lebhaft vertreten. Die Herausforderung des großen Ensembles wurde ebenfalls gemeistert. Die Sänger des Hauses überzeugten durchgehend, allen voran Tetiana Miyus als schöne Griechin Corinna die mit ihren gesanglichen Ausführungen die gesamte Belegschaft der Kuranstalt bezirzt. Sie anschmachtend zeigten sowohl Pavel Petrov als Cavaliere Belfiore und Peter Kellner als Lord Sidney eine eigene charakteristische Färbung. Die Koloraturen von Elena Galitskaya wussten am meisten zu begeistern, wie sie sich grazil in die Höhen schraubte und gleichzeitig einen weiten Stimmumfang bewies. Auch der altbewährte Bass von Wilfried Zelinka sei erwähnt, ebenso wie die junge einprägsame Stimme von Neven Crnić. Die kleinen Rollen waren mit Aleksandra Todorović und Albert Memti ebenfalls mit vielversprechenden Jungtalenten besetzt.

Die opulente Erzählweise wusste zwar stets zu unterhalten, in der Schlussszene griff der Regisseur aber doch etwas zu tief in die Trickkiste. Als zwei halbnackte Bodybilder, die als goldene Stiere zu Corinnas Hymne an Europa ihre Muskeln spielen ließen, ein eingeleitetes Attentat auf die verbundenen Nationen, das im letzten Moment doch vereitelt wird, lassen das Fass der Übertreibungen dann doch etwas überschäumen. Nichtsdestotrotz, es bleiben schöne Bilder und ein Schmunzeln auf den Lippen.

Ein Trailer zur Aufführung ist hier zu finden:

Weitere Informationen zum Stück unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/il-viaggio-a-reimsdie-reise-nach-reims

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Le nozze di Figaro

Le nozze di Figaro von Mozart ist die erste der in Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte entstandenen Opern des sogenannten Da-Ponte-Zyklus. Es folgten Don Giovanni und Cosi fan tutte. Wenngleich die späteren Da-Ponte-Opern sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen, verhält sich die Sache mit dem Figaro doch noch einmal ganz anders, denn diese Oper gilt als die Mozart-Oper schlechthin, die selbst von jenen geliebt wird, die mit Oper ansonsten nicht so viel am Hut haben. Ein nahezu ausverkauftes Opernhaus am vergangenen Mittwoch (obwohl die Premiere bereits vier Monate zurückliegt) gibt dieser Einschätzung recht.

figaro

Tetiana Miyus (Susanna) & Peter Keller (Figaro) – (c) Werner Kmetitsch

Der Figaro an der Grazer Oper überzeugt durch ein gesanglich starkes Ensemble und durch eine schwunghafte Orchesterführung des venezianischen Dirigenten Marco Comin. Auch die Inszenierung von Maximilian von Mayenburg überzeugt in weiten Teilen: Die drehbare Schlosskulisse bietet sowohl auf visueller wie auf intellektueller Ebene reizvolle Eindrücke. Kettensägen oder Klogeräusche (die als Humorbeilagen der an Humor ohnehin nicht armen Figaro-Oper angelegt waren) haben leider aber die ansonsten sehr kohärente Regie gestört.

Alles in allem jedoch bietet Figaros Hochzeit an der Grazer Oper spannende Höhepunkte, die noch einmal (und zwar zum letzten Mal) am 18. März erlebt werden können.

https://www.oper-graz.com/production-details/le-nozze-di-figarodie-hochzeit-des-figaro

„Candide“ – wie weit kommt ein naiver Held?

Leonard Bernsteins Comica Operetta feierte seine Premiere am Grazer Opernhaus. In einer konzertanten Aufführung durfte das Publikum in den Absurditäten der Geschichte seiner Phantasie freien Lauf lassen.

Maria Happel (c) Oper Graz

Der Inhalt des Werkes nach Voltaire ist kaum nacherzählbar. Aber zum Glück der Hörerschaft war die großartig gewandte Maria Happel zur Stelle, die mit Texten von Loriot amüsant und heiter durch die Wirrungen der Handlung führte. Denn nicht nur das Publikum schien einen Wegweiser zu benötigen, auch der naive Titelheld Candide hätte immer wieder einen Wink in die richtige Richtung gebrauchen können. Seine Liebe zur adeligen Cunegonde führt ihn in so manches ferne Land, und immer wieder weiß er sich mit musikalischen Liebesbekundungen (Ja, man kann den Namen „Cunegonde“ tatsächlich verliebt säuselnd singen) selbst zu ermutigen. Abgesehen von diesen „Love songs“ Candides scheinen Musik wie Texte in ihrer Mischung oft wie verzerrt. Bernstein mischt schon in der Ouvertüre verschiedenste Stile miteinander, wobei dieser erste Eindruck schon einen erstaunlichen Effekt erzielte. Im Laufe des Werkes wurden die Überschneidungen immer abenteuerlicher, kirchliche Kantaten, wechselten sich mit Pop Songs und Koloraturarien ab. Bernstein schien eine neue Form des amerikanischen Musiktheaters anzustreben, die sich mit ihrer „Komplexität einem Schubladendenken verweigert“, erklärte der musikalische Leiter des Abends Marcus Merkel.
Das Grazer Philharmonische Orchester schaffte die Stilsprünge und dehnte die zugänglichen Passagen aus, sodass trotz der wilden Mischung einige Melodien im Ohr hängen blieben. Der Chor und Extrachor der Grazer Oper präsentierte sich wie so oft bestens disponiert. Auch die Sänger konnten durchwegs in den unüblichen Rollen überzeugen. Der angereiste Alexander Kaimbacher als Candide wusste die Art des liebenswerten Helden mühelos zu mimen und passte seine Stimme wunderbar süßlich in seine zahlreichen Solostücke ein. Von Zeit zu Zeit hätte eine Kante der Interpretation vielleicht noch mehr Würze verliehen. Seiner Angebeteten Cunegonde gab Sophia Brommer ihre Stimme, die mit ihren Koloratureinlagen Jubelstürme hervorrief. In den Nebenrollen glänzten Iris Vermillion als charismatische Gesellschafterin mit gutturaler Tiefe und Sieglinde Feldhofer mit ihrem Vogelsopran als Paquette. Repräsentativ für die Ambivalenz des Werkes zeichnete sich die Rolle des Doktor Pangloss (mit Vehemenz gesungen von David McShane): er lehrt von der „besten aller Welten“ und lässt seine Zöglinge Mantras wie „Everything that is, is good!“ wiederholen. Auch wenn dies viele Lacher hervorruft, wohnt der Unterhaltung eine herbe Bitterkeit bei. Irgendwann ist es dann aber auch genug mit den Absurditäten und so blieb David McShane das letzte, ironische Wort: „Any questions?“

Weitere Informationen zur Aufführung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/candide