Abgeschminktes Märchen

Der Oper Graz gelang mit der Premiere von Humperdincks Oper „Königskinder“ ein rares Glanzstück.

(c) Werner Kmetitsch

Schon die Orchestereinleitung voll schwingender Kraft stell klar, dass man es hier nicht mit rein lieblicher Musik zu tun hat. Das zart verspielte Summen der Gänsemagd, die sich hemmungslos im Laub suhlt, beschert einen kleinen Spalt in die Utopie einer heilen Welt , doch auch das Dunkle ist stets zugegen, zu Beginn in Gestalt der fahrigen Hexe. Denn im Personenverzeichnis des Kunstmärchens von Elsa Bernstein-Porger kommen sie alle vor, die märchenhaften Figuren und ihre verdrehten Geschichten: Königssohn, Gänsemagd, Spielmann, Hexe, Holzhacker und viele mehr tummeln sich in drei kurzweiligen Stunden auf der Bühne.
Getragen wird die reine, mutige und doch so tragische Liebesgeschichte der Königskinder von der groß und großartig angelegten Musik von Engelbert Humperdinck. Es ist ein wunderbar durchkomponierter Fluss, der große Wogen und zartes Spiel im Orchester unter dem Dirigat von Marius Burkert darbietet. Ohne je plakativ zu sein, verdeutlicht die Musik das Geschehende auf mitreißend plastische Weise. So etwa im Vorspiel zum dritten Akt, wo man von den Streichern das Leid der Königskinder herzzerreißend schön zu hören bekommt.
Und dieser Vorgeschmack verheißt nicht zu viel, denn das Paar der Königskinder mit Polina Pastirchak als Gänsemagd und Maximilian Schmitt als Königssohn zeigt sich so facettenreich wie die Partitur es vorgibt. Strahlen die zwei jungen Menschen im ersten Akt noch vor unbeflecktem Lebensfrohsinn, er mit lyrischem Tenor mit heldischer Färbung, sie mit konturenreichem, wendigem Sopran, wandeln sich ihre Stimmen bis zum letzten Akt in eindrucksvoller Weise. Immer noch rein ist ihr Gesang in ihrem letzten Duett, aber er ist geschwächt, an manchen Stellen durchscheinend und sphärisch.

(c) Werner Kmetitsch

Diese Entwicklung zeichnet die beiden Figuren aus, nur der Kinderchor auf der Bühne durchwächst einen ähnlich starken Wandel. Die Singschul‘ unter der Einstudierung von Andrea Fournier bewies große Professionalität im Gesang wie im Auftritt. Ihre hellen Stimmen und die kluge Personenführung dieser kleinen Einheit schufen eine starke Verbindung zwischen Bühnengeschehen und Publikum. Hervorzuheben gilt es auch die talentierte Solistin Victoria Legat, die der tragenden Rolle als Besenbinders Töchterchen mit natürlicher Präsenz gewachsen war.

(c) Werner Kmetitsch

Erst als dreister Eindringling im Haus der Hexe, später jedoch als kluger Anführer der Kinderschar ist die Rolle des umsichtigen aber ungehörten Spielmanns. Markus Butter verlieh der Rolle vor allem zum Ende hin viel Tiefgang durch seinen forschen aber auch einfühlsamen Bariton. Mit durchdringendem Klang und starker Artikulation sang Christina Baader die Hexe, auch die weiteren Rollen waren mit Wilfried Zelinka als Holzhacker,
Martin Fournier als Besenbinder, Anna Brull und Mareike Janowski in der Rolle der Wirtstochter und Stallmagd sehr passend besetzt. Die Inszenierung von Frank Hilbrich ließ viel freien, weißen Raum auf der Bühne (Volker Thiele), was Gewöhnung verlangte, sich bis zum Ende aber schlüssig fügte. Die kluge Regie der handelnden Figuren fesselte alle Aufmerksamkeit und wurde unterstrichen durch das vielfältige Lichtdesign von Bernd Purkrabek. Die Kostüme (Gabriele Rupprecht) waren mancherorts unterhaltsam plakativ, wirkten in Summe dabei aber nicht wie auf einer konsistenten Linie. Dem Gesamteindruck tat das jedoch keine Abbruch: die Königskinder sind eine große Empfehlung!

Weitere Informationen zum Stück unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/konigskinder/

Trailer:

Schokolade zum Frühstück

Ein OpernKurzgenuss der besonderen Art lockt Besucherinnen und Besucher in die ehemalige Eingangshalle des Joanneums. Das einstündige Intermezzo „La serva padrona“ von Giovanni Battista Pergolesi feierte Premiere in der Neuen Galerie und bestach das Publikum mit weit mehr als Schokolade.

Commedia dell’arte in der Gegenwart: Der reiche, alte Junggeselle Uberto wartet vergeblich auf seine morgendliche Schokolade, da seine Magd Serpina beschließt, nun selbst Herrin zu sein. Sie kommandiert ihren Arbeitgeber herum bis dieser seinen stummen Diener Vespone beauftragt, eine Braut für ihn zu finden. Diese Rechnung macht Uberto ohne Serpina, denn die durchtriebene Magd bringt ihn gemeinsam mit Vespone auf Umwegen dazu, sie zu heiraten.

Geld, Intrigen und Machtspielchen beherrschen das Stück ebenso wie Situationskomik und Typenüberzeichnung. Aber selbst Kritikerinnen und Kritikern der Opera Buffa zaubern die drei Charaktere gespielt von Paulina Tuzińska (Serpina), Dariusz Perczak (Uberto) und Levin Karl Hofmann (Vespone) ein Lächeln ins Gesicht. Wie soll das auch anders sein, wenn die schrägen Grimassen und hochmütigen Mienen aus nächster Nähe betrachtet werden können?

PhotoWerK_OG_LaServaPadrona_LoRes_022© Werner Kmetitsch

Sitzkissen auf Stufen, Plastikstühle am Gang, provisorisch befestigte Lichttechnik, ein minimalistisches Bühnenbild von Faniz Sadeghi und Notenständer rundum lassen eine ganz besondere Produktion erahnen. Das Museum als Schauplatz war die Herausforderung – die Oper Graz hat sie in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz angenommen und eine einzigartige Umgebung geschaffen. Rund um die lebendige Inszenierung von Annette Wolf meistert Susanne Scholz mit dem Barockorchester gamma.ut die problematische Akustik und lässt Serpinas und Ubertos von zarter Sehnsucht erfüllte Arien glänzen. Wonach sie sich wohl sehnen? Jedenfalls mit Sicherheit nach Schokolade und davon bringe man ihnen und allen Mitwirkenden reichlich – sie haben es verdient!

Weitere Informationen zum OpernKurzgenuss finden Sie hier.

Zeig mir deinen Schuh und ich sag dir, wer du bist!

Vorhang auf für Cinderella. Welches Kind kennt es nicht? Die Geschichte von Cinderella, dem Mädchen, welches sich seiner angeheirateten Familie beugen muss, am Ende jedoch das Glück samt der Liebe ihres Lebens findet. Am Donnertsag feierte das Ballett, choreographiert von Beate Vollack, seine Premiere in der Grazer Oper. Cinderella, Prinz Charming, die böse Stiefmutter und Co. tanzen dabei zu den Klängen von Sergej Prokofjew. 

Statt Linsen zu zählen, leidet Cinderella unter einem Tanzverbot. Auferlegt wurde ihr dies von ihrer Stiefmutter (sehr gut dargestellt von Beate Vollack), die zusammen mit Cinderellas’s Vater (stark besetzt mit Paulio Sóvári) eine Ballettschule betreibt. Dafür geben zwei andere den Ton in der Schule an – die weniger begabten, jedoch äußerst amüsanten Stiefschwestern (Stephanie Carpio und Martina Consoli). Das Stück wechselt also die Location: Statt im Haushalt, spielt das Ballett in einem Spiegelsaal (Bühne von Dieter Eisenmann), der einerseits als Ballsaal, andererseits als Übungsraum der Ballettschule fungiert. Und durch Lichtspiele, der großartigen Musik von den Grazer Philharmonikern (dirigiert von Oksana Lyniv) sowie den großen Spiegeln, die ebenso Türen sind, auch beeindruckende Momente schafft. Die Kostüme (ebenso Dieter Eisenmann) sind recht klassisch und in hellen (Kleider für die Frauen) und gedeckten (Anzüge für die Männer) Farben – sehr passend. Nur die Stiefmutter sticht hervor – sie hat im wahrsten Sinne des Wortes, die Hosen an, und ist die einzige weibliche Darstellerin, die Hosen trägt.

Mit Kürbiskutschen und Mäusen, die sich in Schimmel verwandeln, darf man nicht rechnen. Dafür besuchen Cinderella gleich vier gute „Feen“ und statten sie mit Kleid, Haarspange und dem wichtigsten überhaupt, den Ballettschuhen für den großen Ball aus. Auch in Graz trifft Cinderrella somit auf ihren Traumprinzen, der sich auch als richtiger entpuppt. Und auch in Graz verliert sie, pünktlich zu Mitternacht, einen (Ballett-)Schuh.

Und ebenso in Graz bleibt die Figur der Cinderella statisch bestehen –  so wie sie schon seit Jahrhunderten erzählt wird. Lucie Horná legt als Cinderella eine gute und saubere Tanzperfomance hin, doch an Eigenständigkeit mangelt es sehr. Etwas Emanzipation hätte der Figur eine spannende Seite gegeben, aber auch diese Cinderella bejaht den Mann durch und durch. Der Prinz (durchaus stark besetzt mit Christoph Schaller) als Retter in der Not – ein abgestandenes Klischee.

Da wir aber im Märchen sind, ist das eben auch erlaubt. Nach einer Odyssee und vielen Mädchenfüßen, unter anderem in Holly- sowie Bollywood, erreicht der Prinz dann endlich die Ballettschule und siehe da, der Schuh passt. Am Ende tanzen Cinderella und der Prinz den Pas de deux. Parallel tanzt diesen auch ihr Vater mit ihrer verstorbenen Mutter, wovon er ständig geträumt hat. Somit schließt sich der Kreis.

Die Inszenierung an der Grazer Oper ist gut und erfüllt jedermanns Wünsche, wenn man Cinderella in altbewährter Form sehen möchte. Beate Vollack und ihr Team überzeugen auf jeden Fall durch „Spitzenschuhgefühl“, die Tänze sind wahrlich märchenhaft. Mit großen Überraschungen oder Abweichungen kann das Stück jedoch nicht triumphieren. Klassisch, schön, wie im Märchen eben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute.

Mehr Infos zum Ballett sowie weitere Termine hier.