Kombüsen Slam goes Climate Slam

Anlässlich der UN-Klimakonferenz in Paris finden weltweit Aktionen statt, welche zu einem „System Change NOT Climate Change“ aufrufen. Diese wichtige Botschaft ist in manchen Kreisen bereits angelangt und so hat sich der „Kombüsen Slam“ zum „Climate Slam“ gewandelt, welcher am 2.12.2015 im Heizhaus der KF Uni Graz statt fand.

Zu Beginn herrscht noch Stimmengewirr bis langsam nach und nach die Stimmen des Publikums verstummen, um nur noch einer einzigen Stimme zu lauschen, der Stimme des Poeten/ der Poetin. Diese nutzten ihre humorvollen, sinnlichen und kreativen Texte um ihre Botschaften und Gedanken rund um das Klima weiterzugeben. So wird an diesem Abend humoristisch der Unterricht zum Thema Klimawandel dargestellt, aufgezeigt, dass die Summe aller Gewohnheit unseren Lebensstil ausmachen, über den Bundekanzler Viktor Klima gescherzt oder zum Besetzen des öffentlichen Raumes und zum Protest aufgerufen. Alles natürlich im Zeichen des Klimas.

Der Sieger des Abends hieß David (Concerto Crystall) aus Wien, welcher das Publikum mit seinen witzigen und gesellschaftskritischen Texten überzeugte. Meine persönliche Favoritin war Mona Camilla. Nicht nur weil ich sie attraktiv finde, sondern auch wegen ihren vielseitigen und kreativen Texten welche unter die Haut gingen und in denen ich mich selbst wiedererkannt habe. Auch zu erwähnen sei die Primäre der „Slamjungfrau“ namens Bob. Bob zeigte sein Talent mit abwechslungsreichen und improvisierten Texten und verzauberte mit seinem Charme sogar die Jury, welche nicht wiederstehen konnte und ihm mit “Sex“ bewertete.

Auch im Publikum waren viele Slamjungfrauen anwesend, welche das erste Mal einem Poetry Slam besuchten. Und aufgrund des tollen Abends bin ich mir sicher, dass es nicht ihr letztes Mal war 😉

Visuelles Slam-Erlebnis: Deaf-Slam-Premiere in Graz

Am 03. Oktober fand im wunderschönen Ambiente des großen Minoritensaales erstmals ein Deaf-Slam in der Steiermark statt. Das Besondere an dieser Art des Slams liegt in der bilingualen Darstellung der Beiträge – anstelle in – wie sonst üblich – einer Sprache werden alle Texte sowohl in Gebärden- als auch in Lautsprache auf der Bühne performt.

Bei einem Deaf-Slam treten sowohl Lautsprache-Slammer*innen als auch Gebärden-Poet*innen an – damit das nicht-immer-zweisprachige Publikum trotzdem alle Beiträge versteht, wird zugleich simultan auf der Bühne gedolmetscht, was eine große Herausforderung für den jeweiligen Übersetzenden darstellt. In Graz meisterte dies Delil Yilmaz mit Bravour, der aufgrund des Ausfalles des zweiten Übersetzenden für alle Texte zuständig war – und sicher als inoffizieller Held des Abends bezeichnet werden kann.

Das vorgegebene Thema des Slams war ein in unserer heutigen Zeit immerwährend aktuelles: End Ecocide! Die Texte der Slammer*innen würden sich also um Umweltverbrechen drehen – zumindest war das so vorgesehen. Aufgrund des Ausfalles musste aber improvisiert werden, und so wurden in der ersten Runde schon teilweise die Texte für die Finalrunde vorgezogen. Das Thema ging deswegen etwas unter – was zwar schade war, durch die Performance der Slammer*innen aber wettgemacht wurde.

Die neun Slammer*innen, die sich in Graz der Bewertung der Jury und des Publikums im gut gefüllten Minoritensaal stellten, waren vier Lautsprache-Slammer*innen aus der lokalen Grazer Slam-Szene (Mario Tomic, Anna Lena Obermoser, Christine Teichmann & Yannick Steinkeller) und fünf Gebärden-Slammer*innen (Gian Reto Yanki, Guiseppe Giuranna, Dawei Ni und das Team aus Wien: Christoph und Anja), die national sowie international nach Graz angereist waren. Die Performance der Gebärden-Poet*innen, allen voran die von Dawei Ni und Giuseppe Giuranna, war so eindrucksvoll, dass ich zeitweise völlig in ihre Bewegungen versank, ohne auf die Lautsprache-Übersetzung zu achten.

Der beste Satz im Slam – eine von mir selbst in Anlehnung an Klaus Kastberger ins Leben gerufene undotierte Preiskategorie für den Satz, der mir am meisten im Gedächtnis blieb – kam diesmal von Mario Tomic in seinem Beitrag Ösi mit Migrationshintergrund: „Wenn dich deine Mitmenschen nicht mögen, dann ist das vielleicht nicht das Ende der Welt, sondern Österreich.“

Verdient ins Finale schafften es Dawei Ni, Anna Lena Obermoser und Giuseppe Giuranna. Letztgenannter trug – gemessen am Applaus des Publikums – den Sieg davon. Anstelle eines resümierenden Schlussatzes lasse ich zwei Finalisten des Abends – Dawei Ni und Giuseppe Giuranna – zu Wort kommen:

Dawei Ni:
Giuseppe Giuranna:
Im Kulturzentrum der Minoriten wird auch weiterhin geslamt – zwei Termine für den legendären Kultum-Slam gibt es noch im Jahr 2015 – also den 16. Oktober sowie den 4. Dezember im Kalender vormerken.

Kultum Slam, yeah!

In der gemütlichen Atmosphäre des kleinen Minoritensaales performten letzten Freitag zum letzten Mal vor der wirklich viel zu langen Pause – der nächste Kultum Slam findet erst am 16. Oktober statt: Save the Date! – Poetinnen [1] ihre Texte vor vollem Haus.

Dreizehn ist ja entweder eine Glücks- oder Unglückszahl, immer abhängig von der Perspektive, im Fall des Kultum Slam war es auf jeden Fall ein Glück, dass sich dreizehn Slammerinnen gefunden haben, durch deren Perfomance der Abend wie im Nu verflogen ist. Und mit dem Opferlamm-Beitrag von Mieze Medusa, die gemeinsam mit Markus Köhle wie auf Wolken durch den Abend führte, waren es ja eigentlich eh vierzehn.

Besonders machte den Abend vor allem die Unterschiedlichkeit der Beiträge – was sowohl die Form (Textform und Performance auf der Bühne) als auch den Inhalt anbelangt. Durch den Mix war sicher auch für jede Zuseherin etwas dabei, auch wenn natürlich nicht alles gleich gefiel.

Wir hörten von Friedhofspowerrangern (Patrizia), natürlich auch von Liebe (Raffael), von Intelligenz oder dem Nicht-Vorhandensein von ebenjener (George), Entwicklungspfaden (Mona), dem Unterschied zwischen einer Hollywood-Romanze und dem „wirklichen“ Leben (Agnes), von Sprechreiz und holden Hommies (Florian Cieslik – um herauszufinden, was genau es damit auf sich hat, einfach das YouTube-Video am Ende der Rezension ansehen!), von Stauden, Stauden und nochmals Stauden (Klaus): Wodurch ich dazugelernt habe, dass man erstens sehr lange über Stauden texten, und zweitens dass man über Stauden auch sehr gut lachen kann bis einem die Tränen kommen – sicher einer der witzigsten Beiträge des Abends!

Auch aktuelle politische Zustände wurden satirisch thematisiert: In Scheißfrühling (Mario): „Wenn Europa kein verdammter Zoo ist, warum ist es dann so heftig umzäunt?“, eine Formulierung, die es meiner Meinung nach auf den Punkt bringt, und auch bei Christina T., die sich die österreichischen Politikerinnen als Wettläuferinnen vorstellte und dazu die Kommentatorin machte à la: „Die Grünen stehen noch vor dem Hindernis und überlegen, ob es eine Hürde oder eine Hürdin ist.“ und „Das gibt’s ja net, der Strache schummelt sich schon wieder rechts außen vorbei.“

Auch darüber, warum man sein Kind besser nicht Giselherr taufen sollte (Geri), leicht behaarte Seelen (Fabian) und über die fleischlichen Gelüste – „Meein Steak!“ – (Christina P.) wurden die Zuseherinnen im Verlauf des Abends aufgeklärt. Und last but not least: Warum es keine gute Idee ist, auf der Zugfahrt von Budapest nach Hause The Age of Innocence von Edith Wharthon auf Englisch zu lesen (Theresa). Gezählte zweimal wurde der gute Goethe zitiert, der sicher, wenn er in unserer Zeit leben würde, selbst auf jedem Poetry Slam präsent wäre – was eine gute Storyline für ein neues Buch von Timur Vermes wäre: Er ist wieder da: Goethe Edition – aber die Texte hätten auch sehr gut ohne seine Präsenz leben können.

Zwar war ich nicht immer mit der Jury einer Meinung, was die Punktevergabe für die einzelne Poetin betraf, was die drei Finalistinnen anbelangt aber sehr wohl – neben dem Fixstarter Florian Cieslik aus Deutschland, dem man seine Slam-Erfahrung, was Ausdruck und vor allem Bühnenpräsenz anbelangt, anmerkte, wurden Mona und Agnes weitergewählt, die ihre Texte beide frei vorgetragen hatten, und deren Texte aus einer Mischung aus Emotionalität, Ernst und Wortwitz bestanden, sodass man zeitgleich zum Nachdenken (über das Leben im Allgemeinen, über Entwicklungsmöglichkeiten und Perfektionismus im Besonderen) und zum Lachen angeregt wurde. Verdient gewonnen haben schließlich ex aequo Florian und Agnes, die ihre Premiere auf dem Kultum Slam gleich mit einem Sieg feiern konnte, auch wenn der Abstand zur Zweitplatzierten letztendlich so gering war, dass man eigentlich von drei Siegerinnen sprechen kann.

Um mit Worten aus den letzten Worten, Teil 2, von Florian Cieslik zu schließen: „Es war so semantisch zwischen uns!“ – See you im Oktober, Kultum Slam!

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[1] Anmerkung: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wurde in dieser Rezension auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung (z.B.: Zuseher*innen) verzichtet, und stattdessen durchgängig die weibliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten aber im Sinne der Gleichbehandlung für alle Geschlechter.