Faxen, Freude und Folklore

Bunt und agil feiert der Cirkus Younak seine Österreich-Premiere im Grazer Orpheum und erheitert mit einer ungewöhnlichen Mischung aus zeitgenössischem Zirkus und slowakischer Folklore.

Ein Schritt in den Veranstaltungssaal und die Welt sieht ganz anders aus: Ein eitler Kaiser posiert selbstsicher auf der Bühne, ein charmanter Tölpel verteilt marhuľovica (slowakischer Marillenschnaps) im Publikum, hübsche Damen singen schiefe Ständchen und vergeben saftige Äpfel und herzerwärmende Küsschen am Glücksrad und locken damit dem ein oder anderen Besucher einen Schein aus der Tasche. Stimmung macht die Truppe allemal – bis plötzlich ein menschengroßer Plüschbär den Saal betritt, der die Darstellenden kreischend hinter die Bühne flüchten lässt. Die Show beginnt.

Fünfundsiebzig Minuten voll fideler Livemusik, artistischer Leichtigkeit und traditioneller Volkskunst folgen – eine Hommage an das Leben und Wirken Juraj Jánošíks, der vor über 300 Jahren Reiche bestohlen und Arme beschenkt hat. Unter der Regie von Adrian Schvarzstein erzählt Cirkus Younak die Geschichte des slowakischen Nationalhelden mit viel Humor, klassischer Akrobatik, Diabolo Jonglage, Theater und Volkstanz. Eine tragende Rolle spielt die Musik – teils improvisiert, teils eigens für die Produktion komponiert, aber in jedem Fall authentisch slowakisch, bewegt die Folklore zum Händeklatschen im Takt und transportiert die Energie von der Bühne bis in die letzten Reihen.

Dabei ist Perfektionismus für die internationale Gruppe wohl weniger erstrebenswert als Freude am Tun. Fehlerfrei gelingt die Darbietung nicht, aber das ist gut so. Die Produktion lebt von Witz, Spontanität und Improvisation und sorgt für schmunzelnde Lippen und strahlende Augen. Das Publikum dankt mit freudigem Beifall und Standing Ovations. Und der Cirkus Younak darf sich damit gern weiterhin in Österreich willkommen fühlen.

CN19_Younak_4409_c_Matus_Lago© Matus Lago

Weitere Informationen zum Cirque Noël finden Sie hier.

So ein Zirkus…

…und was für einer! Das Festival Cirque Noel erzählt derzeit wieder Zirkusgeschichten in Graz. Mit dabei ist unter anderem die bereits bekannte kanadische Truppe The 7 Fingersderen Produktion Passagers in der Grazer Stadthalle in das Innenleben von Zugabteilen entführt. Mit wenig Worten und ganz viel Akrobatik laden sie zum Träumen, Verweilen und Staunen ein. 

Die Welt zieht in Form einer Leinwand auf der Bühne am Zugfenster vorbei – das Bild wechselt dabei zwischen den unterschiedlichsten Landschaften: von der Großstadt bis in die Einöde. Auf der Bühne davor turnt das achtköpfige Ensemble der 7 Fingers auf Sesseln und Gepäckwägen. Das komplette Bühnenbild ist im Retro- Chic gehalten und passt somit zur Idee hinter Passagers: eine Hommage an das Zugfahren, ans Reisen in neue, fremde Länder und an den Zug als klassisches Transportmittel mit einer Prise Eleganz. Gute alte Zeiten.

bühne 7 fingers

 Alexandre Galliez 

Was die Produktion noch erzählt? Die Geschichte von acht Reisenden, die sich fremd sind, jedoch im selben Zug sitzen und die Zeit zwischen Abfahrt und Ankunft unterschiedlich erleben. Das Ensemble (bestehend aus Freyja Wild, Conor Wild, Brin Schoellkopf, Louis Joyal, Maude Parent, Sereno Aguilar Izzo, Sabine van Rensburg und Sam Renaud) besticht mit einer Mischung aus Akrobatik, Tanz und Theater. Wenn geredet wird, dann in einem Sprachmix aus Deutsch, Französisch und Englisch. Im Vordergrund steht jedoch die Artistik der Zirkustruppe – elegante Soloakrobatik in weißen Tüchern, Zusammenarbeit am Trapez, Verrenkungen im Ring in luftiger Höhe und gespanntes Warten während die Künstler und Künstlerinnen scheinbar mühelos die Gesetze der Natur bezwingen. Hin und wieder taucht dann die Frage auf, ob Wirbelsäulen überhaupt existieren. Eine passende musikalische Umrahmung rundet die Geschichten ab, mal mit Swing, mal mit Botschaft, mal eher leiser und ruhig.

Passagers entführt die Zuschauer für eineinhalb Stunden in die Zeitlosigkeit einer Zugfahrt und lädt dabei zum Träumen und Verweilen ein. Die Kanadier harmonieren und begeistern mit ihrer Vertrautheit untereinander sowie ihrer Kunst. Im Gegensatz zu so mancher Zugfahrt vergeht das Stück weitaus schneller, was vor allem Witz, Charme sowie den grandiosen Kunststücken zu verdanken ist. Lauter Applaus und Standing Ovations – verdient!

Mehr Informationen und weitere Termine gibt es hier.

 

 

 

 

 

Ich packe meinen Koffer

Seit mehr als zehn Jahren begeistert das Festival Cirque Noël das Grazer Publikum mit zeitgenössischem Zirkus. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2019 bringt Intendant Werner Schrempf die kanadische Compagnie The 7 Fingers in das Theater in der Stadthalle. Mit der Bühnenproduktion Passagers feierte die international begehrte KünstlerInnengruppe am 21. Dezember 2019 Premiere am neuen Spielort.

Im modernen Zirkus verschmilzt Akrobatik mit zeitgenössischem Tanz, Theater mit bildender Kunst und bei Passagers auch die Darstellenden mit ihrem Publikum. Passagiere sind dabei alle, Insassen im selben Raum, Reisende auf demselben Planeten. Metapher ist der Zug – weniger als Transportmittel, vielmehr als Vehikel für Traum und Sehnsucht, Wanderlust und Nostalgie. Sich fremde Menschen teilen in versonnenen Monologen ihre Gedankenwelt, singen von Abfahren und Ankommen und begeistern mit herausragenden akrobatischen Fähigkeiten.

Mit Poesie und Nostalgie sind es
die Menschen in all ihrer Vielfalt,
ihren Widersprüchen und Exzessen,
die im Mittelpunkt dieser Show stehen.
[Le Devoir, Canada]

Ist es im Plot die Diversität des Individuums, stehen auf der Bühne die acht Künstlerinnen und Künstler Sereno Aguilar, Louis Joyal, Maude Parent, Samuel Renaud, Brin Schoellkopf, Sabine Van Rensburg, Conor Wild und Chloé Wall im Zentrum. Mit zeitgenössischem Tanz und Schauspiel, modern inszenierter Jonglage und Äquilibristik, perfektionierten Körperschwüngen in Hula-Hoops und akrobatischen Glanzleistungen in schwindelerregender Höhe lässt die Gruppe Atem stocken und Herzen höherschlagen. Mitreißende Musik, lebhafte Projektionen, abwechslungsreiche Beleuchtung und minimalistische Szenografie lenken die Augen auf das Wesentliche und lassen mitunter einen Traum im Publikum erwachen: The 7 Fingers folgen, wohin auch immer ihr Weg führen mag, und noch ganz viele wunderbare Produktionen wie Passagers erleben.

Ich packe jedenfalls direkt meinen Koffer und nehme mit: acht bemerkenswert talentierte Artistinnen und Artisten, eine wunderbar gelungene Inszenierung, melancholisch stimmende Poesie, nostalgisch anmutende Kostüme und ein stehend applaudierendes Premierenpublikum. Wer diesen zeitgenössischen Zirkusgenuss auch erleben und den Koffer mit bezaubernden Impressionen weiterpacken will, mache das bis 2. Jänner im Theater in der Stadthalle, bevor The 7 Fingers ihre wirkliche Reise antreten und Graz – auf hoffentlich absehbare Zeit – adieu sagen.

blog4tickets_03_Cirque-Noel_7-Fingers_Passagers-1_c_Alexandre Galliez© Alexandre Galliez

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