Faust und die Fäkalien

Mit Werner Schwabs ‚Faust :: mein Brustkorb : mein Helm‘ eröffnet unter der Regie von Claudia Bauer ein sehenswertes Spektakel die neue Spielzeit im Schauspielhaus. Zartbesaitet darf das Publikum dabei nicht sein –  während Exkremente mit allen Sinnen erforscht werden, landen Riesenwurstbrote auch schon mal in einem überdimensionierten Arsch.

Faust (Florian Köhler) schwelgt im Delirium seiner Sinnkrise und windet sich dabei durch das Zettelchaos des Studierzimmers, das – verborgen in einem Wagon – in der Optik einer Nasszelle die Bühne einnimmt. Über Projektionen wird das Innere des Raums einem Publikum auf der Bühne gezeigt, das mit Popcorn in der Hand voyeuristisch dem Leiden Fausts folgt. Dieses Spiel mit dem Raum gewährt zugleich Innen- und Außenansicht und erlaubt Distanz zu den Vorgängen des Studierzimmers – was man zu schätzen weiß, wenn Faust kurzzeitige Erlösung im olfaktorischen Rausch findet, ausgelöst durch intensives Schnüffeln am eigenen Kot.

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FAUST Ensemble (c) Lupi Spuma

 

Neben den eindrucksvollen und nicht selten auch abstoßenden Bildern lebt das Stück aber von präziser Sprachkunst, vorgetragen im Takt eines Metronoms, von Wortschöpfungen und vertrackten Satzkonstruktionen, mit denen das Ensemble inbrünstig das Schwab‘sche Werk feiert. Das Schicksal steht dabei in Form von der charmant-biederen Souffleuse Rosemarie Brenner auf der Bühne, deren vorgelesenen Regieanweisungen sich die Figuren mehr oder weniger willig beugen.

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FAUST Ensemble (c) Lupi Spuma

 

Neben Köhlers leidenschaftlicher Performance glänzt besonders Benedikt Greiner als wunderbar durchtriebener und anziehender Mephisto, der sich durch Travestie-Einlagen einer binären Einordnung als männlich oder weiblich entzieht. Henriette Blumenau lässt die Margarethe zu einer starken, unnahbaren Akteurin werden, die sich emanzipiert hat. Raphael Muff als Valentin tritt nicht mehr als Bruder, sondern als charismatischer Verehrer auf und Julia Gräfner beweist ihr Können aufs Neue als schrille, seilschwingende Marthe, die Wagner (Fredrik Jan Hofmann) kasteit.

Mitreißend, leicht verstörend, aber in jedem Fall mit glänzender schauspielerischer Leistung beginnt das Schauspielhaus also mit ‚Faust :: mein Brustkorb : mein Helm‘ diese Spielzeit und weckt damit die Vorfreude auf die kommenden Stücke.

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Einfach kompliziert

Thomas Bernhard zählt neben Samuel Beckett zu den radikalsten Dramatikern der europäischen Literatur nach 1945. Man nannte ihn „Übertreibungskünstler“ und meinte damit zum einen, seine konsequenten Wiederholungen wie kompromisslosen Polemiken. In Bernhards 1986 – also drei Jahre vor dessen Tod – entstandenem Schauspiel Einfach kompliziert findet sich vom Skandal-Dichter des Romans Holzfällen oder des Dramas Heldenplatz wenig. Stattdessen erwartet den Zuseher in dem drei Akte umfassenden Stück, das derzeit auf der Ebene 3 des Grazer Schauspielhauses (wie auch in der vergangenen Saison) aufgeführt wird, ein Monolog über die Kunst und das Leben. Radikal ist dabei aber die Zurückgezogenheit des Protagonisten, eines gealterteten Schauspielers, der sich vor der Gesellschaft verschließt. In einer zentralen Szene setzt der Schauspieler eine Krone auf, die er einst in der Rolle von Shakespeares Richard III. getragen hat und sich dabei sagt, sie müsse so fest sitzen, dass der Kopf blute. Leiden für die Kunst – Thomas Bernhard in nuce.

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Gerhard Balluch – (c) Lupi Spuma

Im Theaterstück treten nur zwei Figuren auf. Eine davon ist die kleine Katharina, die dem alten Schauspieler regelmäßig Milch vorbeibringt, obwohl dieser gar keine Milch mag, doch da sie denselben Namen wie seine verstorbene Frau trägt, lässt er sie zu sich. Katharina ist dabei der einzige Schlüssel zur Außenwelt. In der Inszenierung im Schauspielhaus wird das Mädchen weggelassen und der Abend wird als Ein-Mann-Stück angelegt. Die Wirkung ist aber dennoch sehr groß, da Gerhard Balluch zum Besten gehört, was das Schauspielhaus Graz an Akteuren zu bieten hat. Der tobende Applaus bestätigte das.

Weitere Termine unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/einfach-kompliziert

Nostalgie des Alltags

Bei der Uraufführung von „The Wonderful and the Ordinary“ wurde das Gedächtnis auf der Bühne des Orpheums im Rahmen des „steirischen herbsts“ herausgefordert. Nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen ist eine beliebte Tätigkeit bei jedermann. Doch in Erinnerungen des Alltags zu schwelgen stellt eine Herausforderung dar.

Entwickelt wurde das Konzept, in dem das Alltägliche im Scheinwerferlicht steht, von der schwedischen Choreographin und Filmemacherin Gunilla Heilborn. In einer Kooperation zwischen Heilborn und dem Theater im Bahnhof bringen drei Mitglieder des TiB und zwei schwedische Kollegen Erinnerungen an das Alltägliche auf die Bühne. In völlig verschiedenen kurzen Sketches wird die Bühne zur Trainingsstation fürs Gedächtnis. Die Schauspieler demonstrieren, wie sie sich an ganz gewöhnliche Dinge erinnern: welches Gewand sie an einem gewöhnlichen Tag getragen, wen sie getroffen und über was sie sich unterhalten hatten – an Dinge, die normalerweise nie den Sprung in das Langzeitgedächtnis schaffen: an die alltäglichen. Sich an alltägliche Dinge zu erinnern, ist nicht so unwesentlich wie es scheint, wird während der Aufführung klar. Zum Beispiel bei der Hinterfragung der nostalgischen „Früher war alles besser!“-Aussage. Die guten alten Zeiten eben. Doch dass die guten alten Zeiten gar nicht immer so gut waren, wird in einem kleinen Monolog dargelegt, der wahrlich zum Nachdenken anregt.

Hin und wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus, was sie von der Bühne herab auf die Ebene der Zuseher führt. Durch fantastisch gespieltes Improvisieren fühlt man sich teilweise weniger als Zuseher einer Theateraufführung und mehr als Zuhörer von realen Gesprächen zwischen Bekannten – etwa wenn die Gruppe zusammen ein gemeinsames Erlebnis Revue passieren lässt. Stück für Stück wird der erlebte Tag aus den Erinnerungen rekonstruiert und es wir beobachtet, wie die kollektive Erinnerung immer mehr Farbe annimmt.

Auch der Gesang kommt nicht zu kurz – in zwei netten, einfach gehaltenen Gesangseinlagen ist ebenfalls die Erinnerung an das Alltägliche das Thema. Dieser Teil der Aufführung wird wahrscheinlich aufgrund dessen „ordinary“ Charakters schnell wieder vergessen werden. Dafür wird man sich an eine andere Stelle vermutlich noch lange erinnern können. Wer glaubt, die Aufführung bestehe aus der alleinigen Darstellung alltäglicher Dinge, der irrt. Das Alltägliche wird nämlich in einer Szene gebrochen, in der das Publikum bedroht wird. Die Pistole auf die Theaterbesucher zu richten und sie in einen Bankraub zu versetzen ist ein genialer Einfall, der bestimmt noch lange im Gedächtnis verweilen wird – auch wenn andere Dinge längst verblasst sein werden.

„The Wonderful and the Ordinary“ sorgt als Appell ans Gedächtnis für einen netten, kurzen Theaterabend, welcher dazu anregt, sich ab und zu an das Alltägliche und nicht nur an das Wundervolle zu erinnern. Ansonsten werden kleine Wunder, wie sie auch im Alltag geschehen, möglicherweise nie wirklich wahrgenommen und was wäre schon ein Wunder, wenn es nicht als solches erkannt wird?

Infos über das Theater im Bahnhof gibt es hier.

Und Näheres zu Gunilla Heilborn findet man hier.