Georg Soulek/Burgtheater

Auf der Suche nach dem „Wir“

Foto: (c) Georg Soulek/Burgtheater
Das Dramatiker*innenfestival 2019 ist eröffnet! Während der nächsten Tage regiert in Graz die Gegenwartsdramatik. Im Fokus steht das „Wir“ – oder viel eher: Die Frage danach. Den Auftakt machte das Wiener Burgtheater mit „Alles kann passieren. Ein Polittheater“  von Florian Klenk und Doron Rabinovici.

Die europäischen Rechtspopulisten beschäftigen die Theaterwelt schon länger. Doch so konzentriert, so ungeschönt und gleichzeitig unspektakulär, haben ihre Worte wohl noch nie den Weg auf die Bühne gefunden. „Falter“-Journalist Klenk und Autor Rabinovici haben eine Collage gebastelt aus Reden von Kickl,  Salvini, Orbán und wie sie alle heißen. Stefanie Dvorak, Sabine Haupt, Petra Morzé und Barbara Petritsch vom Wiener Burgtheater lesen sie trocken vor. Sie befreien die Sprache der Populisten von allem Drumherum und untersuchen sie wie im Reagenzglas.

Erstmals kommen sie alle zusammen – gleichzeitig, im selben Raum, auf derselben Sprache. Denn es ist ein europäisches Phänomen, und wenn man es künstlich konzentriert wie hier, dann stehen die Herren plötzlich in einem Dialog. Wenn Viktor Orbán seine „illiberale Demokratie“ heraufbeschwört und abschließt mit „Alles kann passieren“, dann ist es nicht mehr weit zu Norbert Hofer und „Sie werden sich noch wundern…“. Dieser sprach übrigens am Akademikerball: „…damit diese Farben sich wieder erheben können.“ Und klopfte sich auf seine schwarz-rot-goldene Scherpe. Langsam bauen die Worte eine neue Realität.

Post-Ibiza hat das alles eine gewisse Komik, doch das Lachen bleibt schnell, fast zu schnell, im Hals stecken, wenn Orbán NGOs als mafiös hinstellt und Matteo Salvini davon redet, die Straßen von Roma säubern zu wollen. Oder wie Florian Klenk im Anfangsgespräch sagt: „Im Herbst“ – wenn nämlich in Österreich der nächste Wahlkampf ansteht – „ist es wieder eine Tragödie“.

 

 

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Wo das Meer ist so schön…

…wo das Meer ist so blau, da ereignet sich die Geschichte von Branko und der Bande der Uskoken um ihre berühmt-berüchtigte rothaarige Anführerin. Regisseur Georg Schütky bringt „Die rote Zora“ in einer eindrucksvollen Inszenierung nach einem gesellschaftskritischen Roman von Kurt Held auf die Bühne des Next Liberty Graz.

(c) Lupi Spuma

Ich habe keine Angst – dies ist das Motto des Jungen Branko. Die Mutter ist tot. Der Vater, ein Geiger, ist verschwunden. Auf sich alleine gestellt, stiehlt er einen Fisch vom Markt und wird dabei prompt vom reichen Karaman erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Ist es wirklich ein Verbrechen, aus Hunger und Not zu stehlen? Die Rote Zora befreit ihn aus dem Gefängnis und nimmt ihn in ihre Bande auf. Von den Stadtbewohnern werden die Uskoken nicht akzeptiert, einzig Fischer Gorian nimmt sich der Kinder an.

Amelie Bauer schlüpft in die Titelrolle als selbstbewusste, neugierige und schlaue Anführerin der Uskoken. An ihrer Seite steht Branko, toll gespielt von Gregor Kohlhofer, der stets nach Mut und Gerechtigkeit strebt.
Die pfiffigen Bandenmitglieder der Uskoken, Duro (Christoph Steiner), Pavle (David Valentek) und Nicola (Thilo Langer) sind eine eingeschworene Gruppe. Alexander Mitterer begeistert als sympathischer und selbstloser Fischer Gorian mit seinem natürlichen Spiel Kinder gleichermaßen wie Erwachsene.
Der reiche Karaman (herrlich böse: Helmut Pucher) sieht in den Uskoken bloß eine kriminelle Bande. Martin Niederbrunner als Fischer Radic spielt Gorians Konkurrenten.
In einer Doppelrolle mimt Yvonne Klamant die wunderbar schrullige Großmutter Brankos, sowie die bezaubernde junge Geigerin Zlata, in die sich Branko schließlich verliebt. Zlata spielt in der literarischen Vorlage eine nicht unwesentliche Rolle und man hätte ihr gerne etwas mehr Spielzeit gegönnt. Stefan Heckel, ebenfalls in einer Doppelrolle als leicht bestechlicher Musiker und Bürgermeister, taucht stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf und untermalt die jeweiligen Szenen mit eigenen Kompositionen und Improvisationen auf der Harmonika.

Die Idee des Regisseurs, die Hauptcharaktere Zora und Branko erst auf der Bühne in ihre Rollen schlüpfen zu lassen ist einfach, aber wirkungsvoll: Jeder kann schneller als gedacht in eine solch prekäre Lage kommen, in der Hunger und Not an der Tagesordnung stehen. Jeder kann aber auch den Mut der Figuren aufbringen, sich für seine Mitmenschen einzusetzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Einen ebenso großen Effekt erzielt die beeindruckende Klangkulisse, die vorwiegend von den SchauspielerInnen selbst produziert wird. Beispielsweise ahmen sie verblüffend echt Tierstimmen nach oder imitieren Wellen auf Hoher See und regen damit die Phantasie des Publikums an. Für Gänsehaut sorgt der Moment, indem Amelie Bauer zusammen mit Gregor Kohlhofer auf der Burg das Lied der Roten Zora anstimmt. Dieser Zauber verfliegt jedoch am Ende des Stückes, wenn dasselbe Lied, dieses Mal mit Mikrophonen und eingespielter Musik vom gesamten Ensemble gesungen wird. Die Darbietung wirkt eher wie ein Fremdkörper in der sonst so brillant atmosphärischen und leisen Struktur des Stückes.

Das Bühnenbild von Anja Lichtenegger beeindruckt mit multifunktionalen Holzkisten, die in die Höhe ragen. Mit wenigen Handgriffen wird die Kulisse zur Burg, zum Fischmarkt oder zum offenen Meer. Die einzelnen Blöcke werden im Laufe des Stückes immer wieder getrennt und isolieren so die Charaktere. Zudem sorgen Roland Renners wunderbar atmosphärische Videoprojektionen auf den Kisten für stimmungsvolle Bilder.

Die geniale Idee der Rauferei der Uskoken mit der verfeindeten Gruppe der Gymnasiasten erregte Lachstürme, da sich die DarstellerInnen mit Hemden und Pullovern prügelten. Die jungen ZuschauerInnen konnten sich kaum noch auf den Sitzplätzen halten, als Gorian Fische in die Menge warf. Waren anfangs nur Zora und Branko Teil des Abenteuers, so wollten im Laufe des Stückes immer mehr ZuschauerInnen Mitglied der Bande der Roten Zora werden – „Uskoken für immer vereint!“

Weitere Informationen, Termine und Trailer finden Sie hier: http://www.nextliberty.com/stuecke/die-rote-zora/

Es fischelt

Ein Klassiker als One-Man-Show: Die Koproduktion von Schauspielhaus und Vorstadttheater wagt den Versuch, Ödön von Horváths Jugend ohne Gott zu rekonstruieren. Ed.Hauswirth konzipiert den Roman dicht, bedrückend und multimedial, Matthias Ohner kämpft gegen alte Geister und neue Fische.

Unbenannt

Matthias Ohner © Lupi Spuma

 

Graz, 1938: Die Herrengasse ist voller Menschen. Das Gespenst des Nationalsozialismus geht um, Hakenkreuze wehen, Braune marschieren und die Grazer glänzen mit astrein zum Hitlergruß gehobenen Rechten. Mit diesen Bewegtbildern, die einen erstarren lassen, eröffnet Matthias Ohner das Stück und schlüpft sodann fließend in die Rolle des Lehrers, der im beigen Karopullunder am narzissenbewehrten Schreibtisch sitzt und Geographieaufsätze zum Thema Kolonien korrigiert. Zumindest die Beistriche – inhaltlich gilt: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft ausbessern“. Dass er trotzdem in der Stunde anmerkt, Neger seien doch auch Menschen, trägt ihm neben dem Misstrauensvotum seiner Klasse auch einen Verweis des Direktors ein. Für offene Gespräche bleibt nur das Dunkel einer Bar, in der überraschend der Ex-Kollege „Julius Cäsar“ erscheint und mit geistreicher, schnapsgetränkter Kassandrastimme (die verdächtig ins Wienerische geht) das Zeitalter der Fische ankündigt. Aber erst auf der Wehrsportwoche gerät die Situation aus dem Ruder: Hier zeigt sich, dass schamerfülltes Schweigen im falschen Moment üble Folgen haben kann…

Feigheit und Mitläufertum, schwindende Zivilcourage und steigende Akzeptanz für humanitäre No-Gos sind genauso aktuell wie 1938. Wie lang darf man Wahnsinnige gewähren lassen, bevor man in der selbstverschuldeten Zwangsjacke erwacht? Wie umgehen mit einer jungen Generation, die ihren Mitmenschen nur mit kalten Fischaugen begegnet? Antworten liefert der Abend freilich nicht, dafür jedoch eine runde Vorstellung, die mit gekonnt eingesetzten Requisiten aufwartet (der Katheder kann auch Tür, Gerichtsbank und Totenbahre) und die Zuschauenden dem ein oder anderen Kälteschauer aussetzt. Mann des Abends ist Matthias Ohner: Erzählungen mit sonorer Bassstimme gehen in intensive Darstellungen über, die er mit Grafiken auf den vier Whiteboards garniert, die Klassenfeeling verbreiten. Der autodidaktische Schauspieler versteht es auf eindrucksvolle Weise, zwischendurch auch mal die vierte Wand zu durchbrechen, mit Lichtwünschen aufzulockern oder den Stinkefinger an die Schüler (oder das Publikum?) auf die Gespieltheit zu schieben. Fun Fact: Die jugendlichen Schüler*innen, deren Verrohung doch das Leitmotiv des Stückes bildet, lässt das Spektakel kalt. Umso eindringlicher die Botschaft, umso größer die Leistung Ohners, der trotz der Unruhen im Publikum die Spannung bis zum Schluss hält. An dem nur die roten Augen des illuminierbaren Totenkopfes von Julius Cäsar überbleiben, die unheilvoll durch die Finsternis starren. Ansehen!

Informationen zum Stück gibt es hier.