Pink, Pink!

Im Grazer Schauspielhaus sind die Vögel los: Die Uraufführung von „Bookpink“, ein dramatisches Kompendium von Caren Jeß, ging am 29. November mit Witz und allerlei Federvieh über die Bühne.

Bookpink-Ensemble (c) Stella

Eines sei vorweg gesagt: Der titelgebende Buchfink selbst hält sich nicht besonders lange im Stück – einmal vorgestellt lässt ihn eine Katze sogleich ins Gras beißen. Stattdessen werden in der Inszenierung von Anja M. Wohlfahrt in sieben „komisch-poetischen Miniaturen“ die tiefsten Sehnsüchte von über 30 ebenso komisch-poetischen Vögeln ans Licht gebracht.

Der Dreckspfau hat als abgewiesenes Ei keinen guten Start ins Leben – kein Wunder, dass sein erstes Wort „Fuck“ statt „Piep“ lautet. Die Pute mit viel Bauch und Bauchgefühl baut ihr eigenes Reich auf und scheint es (vorerst) etwas besser getroffen zu haben. Derweil sinnen die tanzenden Flamingos Jim und Jenny, die der Krähe bloß als Spielzeug dienen müssen, auf Rache. Sumpfmeise Veroniko sehnt sich nach etwas Freiheit und sei es nur durch das Nicht-Rasieren ihrer Beine. Derweil erwarten sich verschiedene Singvögel Antworten vom „Kokon der Vernunft“ in der Verkörperung des Bussards, der jedoch nicht gerade gesprächig eine Mausefalle mehr demontiert als repariert. Die Taube auf dem Campingplatz flüchtet sowieso in ihre eigene Traumwelt voller barocker Koloraturen.

Ist der Anfang des Stückes noch bunt und laut, so wird die Energie des Stückes allmählich gedrosselt, bis die Charaktere vor einem atmosphärischen Lagerfeuer über das Leben sinnieren. Szenische Übergänge werden von einem Vogelstimmen imitierenden Schlagzeug nach einer Idee von Thomas Petritsch begleitet. Der nahezu durchgehend rasante und lockere Wortwitz lässt über einige Längen des Stückes hinwegsehen, etwa die Szene mit den drei gesprächigen Meisen, die ohne Situationskomik auskommen muss.

Ein paar bunte Accessoires wie Mützen oder Ketten zur Unterstützung des Charakters (Kostüm: Kathrin Eingang), sowie einige geräuschvolle Kisten auf der Bühne (Szenenbild: Philipp Glanzner) – mehr braucht es nicht, denn die DarstellerInnen tragen dieses Stück alleine. Das fünfköpfige Ensemble brilliert mit Worten und glänzt überdies mit perfektem Timing. Maximiliane Haß als obszöner Dreckspfau weiß das Publikum vom ersten Moment an einzunehmen und Mathias Lodd wird als herrliche Pute Ute ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben. Auch Frieder Langenberger etwa als Bussard mit Aggressionsproblem oder als hinreißender Spatz sowie Clemens Maria Riegler als perfide Krähe und geheimnisvoller Beobachter unterhalten bestens. Anna Szandtner führt nicht nur als Erzählerin zielsicher durch das Stück, sondern verzaubert als Taube auch mit brillanten Fragmenten barocker Arien.

In 90 Minuten bringen sie menschlich Tierisches und tierisch Menschliches auf die Bühne und debattieren nebenbei noch über aktuelle Themen wie Emanzipation, Gender, Vorurteile, und Vergänglichkeit, sowie über die einen oder anderen Abgründe der Gesellschaft.

Für die Fabel-hafte Premiere gibt es verdient langen Applaus.
Weitere Informationen und Termine unter:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bookpink-1

Ein glitzerndes Tänzchen mit dem Tod

Schrill, bunt, laut, exzentrisch: so präsentiert sich jedermann (stirbt) von Ferdinand Schmalz im Grazer Schauspielhaus. Regie führt Daniel Foerster. So glitzernd die Kostüme auch sein mögen, das Thema der „alten Mär“ bleibt dasselbe – unsere Vergänglichkeit auf Erden und was wirklich bleibt.

Ein Video macht den Anfang: Die Schauspieler filmen sich auf dem Weg von der Garderobe zur Bühne von HAUS ZWEI und geben den Zusehern dabei eine Einleitung zu Jedermann. Sie sprechen direkt in die Kamera. Diese Videoaufnahmen werden uns den restlichen Abend begleiten, immer wieder filmt sich eine Figur selbst, gibt Einblicke in ihre Gedanken und in ihre Welt – parallel dazu wird die Aufnahme über die Wände der Bühne abgespielt.

Finanzhai und Börsenspekulant Jedermann gibt in seinem Garten ein Fest, aber nicht jeder ist eingeladen. Arm kann vor der Türe bleiben, Reich ist willkommen. Während draußen Streit und Krieg tobt (und man sogar mit Toten rechnet), bleibt Jedermanns‘ Garten Eden gut gefüllt mit allem, was das Herz begehrt und den Cholesterinspiegel steigen lässt – Alkohol und Fleisch im Überfluss. Auf einer blank geputzten, glänzenden Bühne (Mariam Haas und Lydia Huller), die nur einige Metallsessel und -tische sowie einen silbernen Hotdog- Stand, über den in neonfarbenen Lettern „Swallow“ (dt. Schluck) steht, aufweist, geben sich die gute Gesellschaft, Buhlschaft, Tod etc. die Klinke in die Hand. Und sie schlucken alles, was Luxus zu bieten hat. Neben der Bühne glitzern auch die Kostüme  (ebenso Mariam Haas, Lydia Huller) der Darsteller um die Wette – Männer in funkelnden Frauenkleidern, grelle Farben, selbst der Bart Gottes (der übrigens weiblich ist) besteht aus strahlend weißen Perlen. Und die Haare trägt seit kurzem jeder weiß.

Von Anfang an gibt es genug Warnzeichen für Jedermann – er möge sich doch auf die wirklich wahren Werte besinnen und nicht nur nehmen, sondern auch geben. Auch an die anderen denken, nicht nur an sich selbst. Blind vor Geld sieht er nicht, dass bald sein letztes Stündchen schlägt. Der arme Nachbar Gott (großartig dargestellt von Henriette Blumenau), der das Fest durch Betteln unterbricht, scheint ein letzter Ausweg zu sein, um alles gut zu machen- doch statt ihm zu helfen, leert Jedermann eine Flasche Champagner gewaltsam in dessen Rachen und bespritzt ihn mit Senf und Ketchup. Die Uhr tickt immer lauter. Und als er sie endlich hört, ist es zu spät und er muss sich und seine Fehler, seine Gier und seine Tritte an die Armen vor dem Publikum und dem Richter Tod erklären.

jedermann 2

Foto: Lex Karelly

Mit Raphael Muff spielt ein grandioser Jedermann, der trotz aller Ekel auch sympathische Seiten zeigt und in stillen Momenten Empathie erweckt. Humorvoll, großkotzig, elegant, ängstlich, stark – ein Mann, der am Ende des Tages dasselbe fürchtet wie sein „Fußvolk“: alleine gehen zu müssen. Die Buhlschaft Tod wird von Lukas Walcher verkörpert. Im „kleinen, engen Schwarzen“ schleust sich die Figur auf das Fest ein, verführt Jedermann und läutet am Ende seine letzte Stunde ein – all das mit einer unglaublich guten Performance, die nur so von Hinterhalt trieft. Das restliche Ensemble (Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann, Nico Link und Evamaria Salcher) wechseln die Rollen ständig – Link unterhaltet als Mutter im Dirndl mit Flechtfrisur, Salcher spielt eine verführerische Ehefrau, die ihren „wirklichen“ Mann vermisst, Hofmann versucht als einer der beiden Vetter Geld zu schnorren und Lehmann brilliert unter anderem als „Geld“. Die gute Gesellschaft wird von allen Schauspielern dargestellt. Eine durch und durch starke Leistung, die während des gesamten Stücks konstant bleibt.

Was tust du für Geld?

Höhepunkte bietet das Stück viele – ein rockiges Loblied an das Fleisch (+ Stoffriesenwurst) scheint im ersten Moment witzig zu sein, ist auf den zweiten Blick jedoch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Auch die Rede der Society- Lady „Charity“, die vor lauter Tanzen und Lächeln auf Wohltätigkeitsbällen zu Tode erschöpft ist, ist wahnwitzig, hat aber einen bitteren Beigeschmack. Spenden sammeln und Wein trinken muss ja auch anstrengend sein. Und als Jedermann mit einem grünen Schein wedelt und ins Publikum fragt, wer denn bereit sei gegen Geld seinen Schuh zu lecken, und das tatsächlich jemand tut, weiß man nicht so ganz, ob man lachen oder weinen soll.

jedermann (stirbt) überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Einfälle und schrille Tanz- sowie Gesangseinlagen, die sich durch das ganze Stück ziehen. Zwischen all dem Funkeln, dem prickelnden Champagner und der Bratwurst schreit das Wesentliche ganz laut: auch an Morgen, an zukünftige Generationen, an unseren Planeten zu denken. So komisch und lustig es auch wirken mag, wenn die Figuren am Ende „We are the world“ von Michael Jackson auf Deutsch singen – die wahren Worte hinter dem Text kann niemand leugnen. Und dass sie besonders in jetzigen Zeiten umgesetzt werden müssen. Ein hervorragendes Stück, welches zum Nachdenken anregt. Chapeau für diese Leistung!

Mehr Informationen zum Stück sowie weitere Termine gibt es hier.

 

 

 

Als Träume fliegen lernten

Mit einer tierisch erfrischenden Inszenierung von “Krähe und Bär“ lässt Helge Stradner im Next Liberty zwei (scheinbar) grundverschiedene Figuren auf der Suche nach dem Glück aufeinandertreffen.

Bär (Helmut Pucher) und Krähe (Simone Leski) (c) Stella

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben: Ein Bär rettete im Zoo einer ertrinkenden Krähe das Leben, nur um sich dann sofort wieder seinem Futter, bestehend aus Äpfeln und Karotten, zu widmen. Diese wahre Begebenheit aus dem Jahre 2014 griff Martin Baltscheit auf und spann diese ungewöhnliche Begegnung zu einem Kinderbuch weiter, welche nun in einer Theaterversion auf der Bühne des Next Liberty zu sehen ist.

Die beiden Protagonisten könnten auf dem ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Während die Krähe den Bären nach ihrer Rettung flugs mit ihrer unermüdlichen, teils derben Redseligkeit „beglückt“, möchte das grummelige Zotteltier erstmal nur seine Ruhe beim Fressen haben. Die beiden merken jedoch schnell, dass sie ohneeinander nicht können – denn der eine besitzt genau das, was für den anderen Glück bedeuten würde: die Krähe wünscht sich Sicherheit und drei Mahlzeiten am Tag – der Bär träumt davon, ans Meer zu fliegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Eine magische Schlangenmedizin scheint ihre Wünsche zunächst auch zu erfüllen…

Helmut Pucher begeistert als gemütlicher Bär, dessen Lebensraum nur sieben Schritte lang und breit ist und der endlich die Welt außerhalb seines Käfigs entdecken möchte. Simone Leski verzückt als energische Quasselstrippe von Krähe, die vor kreativen Ideen nur so sprüht, jedoch von ständigem Hunger geplagt ist und auf gutes Benehmen weitgehend verzichtet („Höflichkeit ist was für satte Tiere, du Pelzpopel!“). Gleich in mehreren Rollen überzeugt Martin Niederbrunner als Giraffe Marius, Ratte, graue Krähe, Blaumeise (köstlich!) und Erzähler.

Ein Bällebad als Pool und zwei Eimer mit Knochen schmücken das bescheidene Reich des Bären – Viel mehr braucht es nicht, um dem Publikum die Illusion eines Zoos vor Augen zu führen. Als Flugfeld und Aussichtspunkte für die Krähe dienen ein Dutzend Stehleitern in unterschiedlichen Größen. Für die gesamte Ausstattung, inklusive dezenter, aber wirkungsvoller Kostüme, zeichnet Denise Heschl verantwortlich. Diese reichen von einem kuscheligen Bärenfell über multifunktionale Krähenflügel bis zu überdimensionalen Brillen.
Der Dialog überwiegt, einzig atmosphärische Melodien von Spieluhren (Maurizio Nobili), sowie ein spannungs-erzeugendes Donnerblech untermalen das Stück.

Zwischen all den rasanten Schlagabtauschen und einer Portion Humor stimmt das Stück auch nachdenklich, etwa wenn die Tiere in Massen von Plastik nach essbaren Resten suchen oder der Bär hinter Gittern seines kleinen Geheges sitzt und bekennt, dass er für sein eigenes Glück niemand anderen dafür einsperren würde.

Fazit: Ein herzerwärmendes Stück über die Kraft der Freundschaft und perfekt für die kalte Jahreszeit – Sol lucet omnibus!

Weitere Termine und Infos unter:
https://www.nextliberty.com/stuecke/kraehe-und-baer-die-sonne-scheint-fuer-uns-alle/