Wo das Meer ist so schön…

…wo das Meer ist so blau, da ereignet sich die Geschichte von Branko und der Bande der Uskoken um ihre berühmt-berüchtigte rothaarige Anführerin. Regisseur Georg Schütky bringt „Die rote Zora“ in einer eindrucksvollen Inszenierung nach einem gesellschaftskritischen Roman von Kurt Held auf die Bühne des Next Liberty Graz.

(c) Lupi Spuma

Ich habe keine Angst – dies ist das Motto des Jungen Branko. Die Mutter ist tot. Der Vater, ein Geiger, ist verschwunden. Auf sich alleine gestellt, stiehlt er einen Fisch vom Markt und wird dabei prompt vom reichen Karaman erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Ist es wirklich ein Verbrechen, aus Hunger und Not zu stehlen? Die Rote Zora befreit ihn aus dem Gefängnis und nimmt ihn in ihre Bande auf. Von den Stadtbewohnern werden die Uskoken nicht akzeptiert, einzig Fischer Gorian nimmt sich der Kinder an.

Amelie Bauer schlüpft in die Titelrolle als selbstbewusste, neugierige und schlaue Anführerin der Uskoken. An ihrer Seite steht Branko, toll gespielt von Gregor Kohlhofer, der stets nach Mut und Gerechtigkeit strebt.
Die pfiffigen Bandenmitglieder der Uskoken, Duro (Christoph Steiner), Pavle (David Valentek) und Nicola (Thilo Langer) sind eine eingeschworene Gruppe. Alexander Mitterer begeistert als sympathischer und selbstloser Fischer Gorian mit seinem natürlichen Spiel Kinder gleichermaßen wie Erwachsene.
Der reiche Karaman (herrlich böse: Helmut Pucher) sieht in den Uskoken bloß eine kriminelle Bande. Martin Niederbrunner als Fischer Radic spielt Gorians Konkurrenten.
In einer Doppelrolle mimt Yvonne Klamant die wunderbar schrullige Großmutter Brankos, sowie die bezaubernde junge Geigerin Zlata, in die sich Branko schließlich verliebt. Zlata spielt in der literarischen Vorlage eine nicht unwesentliche Rolle und man hätte ihr gerne etwas mehr Spielzeit gegönnt. Stefan Heckel, ebenfalls in einer Doppelrolle als leicht bestechlicher Musiker und Bürgermeister, taucht stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf und untermalt die jeweiligen Szenen mit eigenen Kompositionen und Improvisationen auf der Harmonika.

Die Idee des Regisseurs, die Hauptcharaktere Zora und Branko erst auf der Bühne in ihre Rollen schlüpfen zu lassen ist einfach, aber wirkungsvoll: Jeder kann schneller als gedacht in eine solch prekäre Lage kommen, in der Hunger und Not an der Tagesordnung stehen. Jeder kann aber auch den Mut der Figuren aufbringen, sich für seine Mitmenschen einzusetzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Einen ebenso großen Effekt erzielt die beeindruckende Klangkulisse, die vorwiegend von den SchauspielerInnen selbst produziert wird. Beispielsweise ahmen sie verblüffend echt Tierstimmen nach oder imitieren Wellen auf Hoher See und regen damit die Phantasie des Publikums an. Für Gänsehaut sorgt der Moment, indem Amelie Bauer zusammen mit Gregor Kohlhofer auf der Burg das Lied der Roten Zora anstimmt. Dieser Zauber verfliegt jedoch am Ende des Stückes, wenn dasselbe Lied, dieses Mal mit Mikrophonen und eingespielter Musik vom gesamten Ensemble gesungen wird. Die Darbietung wirkt eher wie ein Fremdkörper in der sonst so brillant atmosphärischen und leisen Struktur des Stückes.

Das Bühnenbild von Anja Lichtenegger beeindruckt mit multifunktionalen Holzkisten, die in die Höhe ragen. Mit wenigen Handgriffen wird die Kulisse zur Burg, zum Fischmarkt oder zum offenen Meer. Die einzelnen Blöcke werden im Laufe des Stückes immer wieder getrennt und isolieren so die Charaktere. Zudem sorgen Roland Renners wunderbar atmosphärische Videoprojektionen auf den Kisten für stimmungsvolle Bilder.

Die geniale Idee der Rauferei der Uskoken mit der verfeindeten Gruppe der Gymnasiasten erregte Lachstürme, da sich die DarstellerInnen mit Hemden und Pullovern prügelten. Die jungen ZuschauerInnen konnten sich kaum noch auf den Sitzplätzen halten, als Gorian Fische in die Menge warf. Waren anfangs nur Zora und Branko Teil des Abenteuers, so wollten im Laufe des Stückes immer mehr ZuschauerInnen Mitglied der Bande der Roten Zora werden – „Uskoken für immer vereint!“

Weitere Informationen, Termine und Trailer finden Sie hier: http://www.nextliberty.com/stuecke/die-rote-zora/

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Es fischelt

Ein Klassiker als One-Man-Show: Die Koproduktion von Schauspielhaus und Vorstadttheater wagt den Versuch, Ödön von Horváths Jugend ohne Gott zu rekonstruieren. Ed.Hauswirth konzipiert den Roman dicht, bedrückend und multimedial, Matthias Ohner kämpft gegen alte Geister und neue Fische.

Unbenannt

Matthias Ohner © Lupi Spuma

 

Graz, 1938: Die Herrengasse ist voller Menschen. Das Gespenst des Nationalsozialismus geht um, Hakenkreuze wehen, Braune marschieren und die Grazer glänzen mit astrein zum Hitlergruß gehobenen Rechten. Mit diesen Bewegtbildern, die einen erstarren lassen, eröffnet Matthias Ohner das Stück und schlüpft sodann fließend in die Rolle des Lehrers, der im beigen Karopullunder am narzissenbewehrten Schreibtisch sitzt und Geographieaufsätze zum Thema Kolonien korrigiert. Zumindest die Beistriche – inhaltlich gilt: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft ausbessern“. Dass er trotzdem in der Stunde anmerkt, Neger seien doch auch Menschen, trägt ihm neben dem Misstrauensvotum seiner Klasse auch einen Verweis des Direktors ein. Für offene Gespräche bleibt nur das Dunkel einer Bar, in der überraschend der Ex-Kollege „Julius Cäsar“ erscheint und mit geistreicher, schnapsgetränkter Kassandrastimme (die verdächtig ins Wienerische geht) das Zeitalter der Fische ankündigt. Aber erst auf der Wehrsportwoche gerät die Situation aus dem Ruder: Hier zeigt sich, dass schamerfülltes Schweigen im falschen Moment üble Folgen haben kann…

Feigheit und Mitläufertum, schwindende Zivilcourage und steigende Akzeptanz für humanitäre No-Gos sind genauso aktuell wie 1938. Wie lang darf man Wahnsinnige gewähren lassen, bevor man in der selbstverschuldeten Zwangsjacke erwacht? Wie umgehen mit einer jungen Generation, die ihren Mitmenschen nur mit kalten Fischaugen begegnet? Antworten liefert der Abend freilich nicht, dafür jedoch eine runde Vorstellung, die mit gekonnt eingesetzten Requisiten aufwartet (der Katheder kann auch Tür, Gerichtsbank und Totenbahre) und die Zuschauenden dem ein oder anderen Kälteschauer aussetzt. Mann des Abends ist Matthias Ohner: Erzählungen mit sonorer Bassstimme gehen in intensive Darstellungen über, die er mit Grafiken auf den vier Whiteboards garniert, die Klassenfeeling verbreiten. Der autodidaktische Schauspieler versteht es auf eindrucksvolle Weise, zwischendurch auch mal die vierte Wand zu durchbrechen, mit Lichtwünschen aufzulockern oder den Stinkefinger an die Schüler (oder das Publikum?) auf die Gespieltheit zu schieben. Fun Fact: Die jugendlichen Schüler*innen, deren Verrohung doch das Leitmotiv des Stückes bildet, lässt das Spektakel kalt. Umso eindringlicher die Botschaft, umso größer die Leistung Ohners, der trotz der Unruhen im Publikum die Spannung bis zum Schluss hält. An dem nur die roten Augen des illuminierbaren Totenkopfes von Julius Cäsar überbleiben, die unheilvoll durch die Finsternis starren. Ansehen!

Informationen zum Stück gibt es hier.

Erzählung aus dem Bauch heraus – WOLF

Es war einmal vor langer Zeit – im Herbst 2017 –  als „WOLF oder Rotkäppchens Entscheidung aus dem Bauch heraus“ Premiere im Next Liberty feierte. Und seitdem war sicher, dass es nicht nur bei einer Vorstellung bleibt, denn auch in dieser Saison erzählt Christoph Steiner das bekannte Märchen ganz oft im Next Liberty Wald!

Die Geschichte des Rotkäppchen ist jedem bekannt und man scheint zu wissen, was auf einen zukommt, doch der Schein trügt. Hier wird keine fade Gute-Nacht-Geschichte à la Grimm erzählt, sondern ein witziges Abenteuer, in dem man mitfiebert und in einem  gewissen Maße mitspielt.

Auf der Bühne steht ein Wald oder besser gesagt stehen mehrere kurze, kleine Baumstämme. Während das Publikum seine Plätze sucht, spielen die vier Musiker vergnügt. Doch da ist noch jemand, der etwas ganz verzweifelt sucht. Er sucht am Boden, sucht am  Balkon, zwischen  dem Publikum und auf der Bühne. Es ist der Erzähler (Christoph Steiner). Bevor der Grund seiner Verzweiflung genannt wird, beginnt er zu erzählen, wie alles begann: Vor langer, langer, langer  Zeit. 

Rotkäppchen, das zu Beginn – ach so bekannte – Sprüche von Müttern zitiert, wird zur Großmutter geschickt. Jedoch wird dies zum Balanceakt, denn der Wolf, dessen Figur herrlich gruselig dargestellt wird, schafft es, das Mädchen durch luftige, runde Blümchen vom Weg abzubringen. In der Zwischenzeit bekommt die (ziemlich fitte) Oma, die von Christoph Steiners Rückseite sehr gut gespielt wird, Besuch vom Wolf. Es ist ja nicht so, als hätte man das Kind nicht gewarnt. Eine schrille Krähe, die auch Fluglehrer ist, rät Rotkäppchen, nicht in den Wald zu gehen. Und ein Maulwurf, der verblüffende Ähnlichkeiten mit einem Knie hat, zeigt nicht nur seine Tanzkünste, sondern versucht das Rotkäppchen mittels Luftballontier zu warnen. Alles hilft nichts, denn nach einem Tango mit der haarigen Omi wird das Mädchen zum Nachtisch. Im Bauch des Vierbeiners finden sich alle wieder. Musiker, Erzähler, Rotkäppchen, Oma und das Publikum stecken alle fest! Doch dann gehen die Türen des Saals auf und alle stürmen hinaus ins Foyer – Freiheit!

Ein besonderes Stück, das nicht nur durch den Wortwitz und den vollen Körpereinsatz von Christoph Steiner unterhält, sondern auch durch die Interaktion mit dem Publikum Jung und Alt vollkommen begeistert.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie dieses Stück (bitte) noch lange, lange, lange Zeit!