Allein die ganze Bühne verwandeln

Mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ bringen Ed. Hauswirth und das Vorstadttheater Graz ein zeitloses Werk auf die Bühne, das ganz allein von Matthias Ohner zum Leben erweckt wird.

Als Gregor Samsa an einem scheinbar völlig normalen Morgen in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung erwacht, muss er feststellen, dass er sich verändert hat – sein Körper hat sich in den eines riesigen Ungeziefers verwandelt. Es ist ihm unmöglich mit seiner Familie zu kommunizieren, jedoch kann er alles verstehen, was diese sprechen. Der neue Zustand erschreckt natürlich sein Umfeld, das ihn aber trotzdem erkennen kann. Zunehmend hören sowohl Gregor, wie auch seine Familie auf, an Gregors Menschlichkeit festzuhalten.

Der Schauspieler Matthias Ohner spielt sich ganz alleine durch die kafkaeske Situation Samsas. Dabei fungiert er sowohl als Erzähler, als auch zwischendurch als Darsteller, der den Verwandelten verkörpert. Die Stimmen der Familienmitglieder kommen vom Band und machen dadurch eine Distanz zwischen Gregor und seinem sozialen Umfeld spürbar.

Im ersten Akt veranschaulicht Ohner die teils schwer vorstellbaren Aspekte der Geschichte rund um Samsa, indem er auf Overheadfolien symbolische Zeichnungen anfertigt, die das Publikum über eine Leinwand sehen können. Dabei blickt er kaum auf und wirkt in der Erzählung gefangen. Nur wenn er sich für einzelne Sequenzen in Gregor verwandelt und ihn auf die Bühne bringt, löst er sich von seinen Zeichnungen und dem Schreibtisch und macht sich zunehmend mehr vom Bühnenraum zu nutze.

Im zweiten Akt turnt Ohner sich sogar durch den Raum, indem er sich unter den Schreibtisch hängt um zu demonstrieren, wie Samsa es genießt, sich in seinem neuen Körper von der Decke des Zimmers hängen zu lassen. Ohner hechelt, hüpft und kriecht um Samas Situation für das Publikum spürbar zu machen, was ihm auch bravurös gelingt. Zum Höhepunkt hin wickelt der Schauspieler sein eigenes Gesicht immer mehr in Frischhaltefolie ein, was auch ihm zunehmend sein menschliches Aussehen raubt und die Verwandlung Gregors sichtbar macht.

Ed. Hauswirths Interpretation Kafkas Erzählung lebt vor allem vom genialen Auftritt Matthias Ohners, der es schafft, alleine so viel Emotion und Stimmung auf die Bühne zu bringen, das man keine Sekunde andere DarstellerInnen vermissen würde.

Sehr sehenswert!

Weitere Infos & Termine:  https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/die-verwandlung

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Tartuffe begeistert Grazer Premierenpublikum

Markus Bothes Inszenierung von Molières Skandal-Komödie im Schauspielhaus Graz zeigt verblüffende Nuancen: Ein Ensemble, das an beziehungsweise auf seiner Bühne hängt, perfekt getimte Slapstick-Einlagen und Theater, das nicht nur vor, sondern auch im Publikum stattfindet.

Graz, 07. Dezember 2017

Das großartige Ensemble zieht die Zuschauer von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Franz Solar wechselt für dieses Stück kurzerhand sein Geschlecht und brilliert gleich zu Beginn in Stilettos mit Charme und Stimmkraft als Madame Pernelle. Das sonst eher verhaltene Premierenpublikum pfiff doch tatsächlich auf die übliche Theater-Knigge und würdigte seine Performance zurecht mit einem Zwischenapplaus. „Das gab es noch nie“, so ein sichtlich verzückter Herr auf den vorderen Plätzen.
Überhaupt ist es ein Abend der starken und spannenden Darsteller. Niemand lockt und verführt auf der Bühne so schön und emanzipiert zugleich wie Henriette Blumenau. Julia Gräfner überzeugt als trotzige Zofe mit perfekt getimten Slapstick-Einlagen. Der heuchlerische Tartuffe wird von Pascal Goffin verkörpert, dessen „Robert Palmer“-Outfit einen Kontrastpunkt zu den goldenen Pailletten-Kostümen des restlichen Ensembles bildet. Mathias Lodd als Familienoberhaupt Orgon und Simon Käser als dessen Sohn Damis ließen gekonnt die Grenze zwischen Bühne und Publikum verschwimmen und sorgten für amüsante Verstörung und Entzückung. Die spürbare Dynamik und Wechselwirkung zwischen Ensemble und Publikum gehörte sicherlich zu den Höhepunkten des Premierenabends.

Molières bitterböse Komödie über den betrügerischen Tartuffe sorgte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens für großen Unmut beim Klerus. Die Empörung darüber entlarvte, wie auch im Roman, die gesellschaftliche Doppelmoral. Im Zentrum der Handlung steht das ambivalente Verhältnis der Familie Orgons zu Hausgast Tartuffe. Während dieser von Orgon glorifiziert und dessen Mutter verteidigt wird, verhält sich der Rest der Familie ihm gegenüber eher misstrauisch und verunsichert. Schon bald wird dem Betrüger seine Schwäche für Elmire, Orgons Frau, zum Verhängnis und so verrät er sich letztendlich selbst. Geblendet von ihren Eitelkeiten und gehemmt durch ihre eigenen Unsicherheiten wird von der Familie zu spät erkannt, was sich hinter der attraktiven und geschulten Fassade verbirgt.

„Man handelt zunächst und denkt dann“, so Tartuffe. In der Beschreibung werden Parallelen zu Donald Trump gezogen, einem Tartuffe der Neuzeit und aktuellem Sinnbild für narzisstische Politik. Bothe gelingt der kritische Blick auf die Gesellschaft, untermalt wird diese Kritik durch ein Ensemble in Höchstform, ansprechende Optik und Sprachwitz. Zum Abschluss der diesjährigen Saison beeindruckt diese Inszenierung auf jeden Fall mit ihrem hohen Niveau und bietet tiefgehende schwarze Unterhaltung. Vom Publikum gab’s zurecht tosenden Applaus und stehende Ovation.

Meine Damen und Herren, lassen Sie sich tartuffisieren!

Doppelt staunen im Künstlerhaus

Eröffnung der Einzelausstellungen von Ute Müller und Ingo Abeska
Am 07. Dezember lud das Künstlerhaus – Halle für Kunst & Medien im Rahmen von CMRK zur doppelten Ausstellungseröffnung von Ute Müller und Ingo Abeska.

Einzelausstellung Ute Müller in Raum C (UG):
Es obliegt nicht dem Künstler über seine Werke zu sprechen. Er hat das künstlerische Werk, das für ihn spricht und durch das er mit BetrachterInnen kommuniziert. Das genügt. Bei der Eröffnung ihrer Einzelausstellung wirkt die Grazer Künstlerin Ute Müller zurückhaltend und diskret so wie ihre Kunst. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Künstlern macht Ute Müller den Entstehungsprozess ihrer Werke sichtbar. Sie kommuniziert durch Bildkörper, Arrangements, Negativformen, Plastiken und Sockel. Utes Objekte antworten auf die Strukturen und gebrochenen Formationen in den Malereien, die sich nach nähere Betrachtungsweise in Beziehung zu einander setzen. Bereits beim Betreten des Raum C überrascht die Einzelausstellung mit harmonischen Bilderräumen, geschaffen durch im Raum platzierte Wände, körpergroße Gemälde in dezenten Blau- und Grautönen, teilweise erkennbare Plastiken und Bildhauereien. Mit gekonnter Raffinesse kombiniert die Künstlerin dabei unterschiedlichste Formen und Materialien und nimmt dabei die BetrachterInnen auf ihre malerische Reise mit. Ute Müllers Ausstellung, bei der Raum und Zeit eine erkennbare Rolle spielen, zeigt abstrakte Kunst als klare Sprache, die in die Tiefe geht.

Ute Müller

Ute Müller, 2017 (c) KM

Einzelausstellung Ingo Abeska im Grafikraum (EG):
Ingo Abeska schläft nicht. Nachts begibt sich der Grazer Zeichner auf Recherchereise: Beim Lesen und Durchblättern von Zeitungen und Zeitschriften holt er sich seine Inspiration, was folgt sind eindrucksvolle Zeichnungen mit der er auf humoristische und kritische Weise auf aktuelle geopolitische Entwicklungen aufmerksam macht. Abeskas Skizzenbücher wirken wie ein Bild der Welt. Die Illustrationen und Inhalte seiner künstlerischen Kritik sind vielfältig, wie die Konflikte und Probleme auf dieser Welt. Er kombiniert kritische und narrative Botschaften mit Motiven – zu Papier gebracht durch spitze Feder statt spitzer Zunge. Dabei fehlt es nicht an der nötigen Sanftheit sowie der individuellen Note des Zeichners.

Ingo Abeska (c) Blog4Tickets

Ingo Abeska (c) Blog4Tickets

Gezeigt werden die beiden Ausstellungen bis 25. Jänner 2018.

Künstlerhaus KM–, Halle für Kunst & Medien
Burgring 2
8010 Graz
http://www.km-k.at/