Beseelte Träumerei

Ganze 22 Jahre ist es her, dass das Jerusalem Quartet im Grazer Stefaniensaal gastierte. Beim 7. Kammerkonzert des Musikvereins zeigten sie sich als stilistisch breit aufgestelltes Quartett mit viel Gespür für Feinheiten.

Joseph Haydn mag ein Pionier der Streichquartette sein, doch sein Quartett in G-Dur, mit dem an diesem Abend eröffnet wurde, kann auch das Jerusalem Quartet nicht zu seinem besten Werk machen. Die Vorteile hervorzukehren versteht das Jerusalem Quartet jedoch prächtig: Das ruhige Adagio gelingt mit breiter Sanftheit und Präzision, feinfühlig kosten sie die Dynamik aus. In den schnelleren Sätzen wird sich kaum eine Verschnaufpause gegönnt. Mit viel Energie gehen sie an die expressiveren Passagen heran, müssen dabei aber oft etwas an Kontur einbüßen.

Felix Broede

(c) Felix Broede

 

Ein krasser Kontrast ist es natürlich, wenn auf Haydn Béla Bratóks Streichquartett Nr. 5 folgt. Und doch gleichen sie sich in der Interpretation: Auch hier gelingen die ruhigeren Sequenzen mit mehr Kontur, im Finale dominieren Energie und Lust. Und dann kommt Dvořáks wunderschönes Streichquartett Nr. 12, das Amerikanische. Wie die vier dem träumerischen Thema nachfühlen, fließend, aus dem Nichts kommend ihre Töne in die Luft entsenden – das ist pure Sehnsucht, beseelte Träumerei. Dafür gibt es zurecht langen und euphorischen Applaus.

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Normalität auf einem klapprigen Gerüst

Ewald Palmetshofers gleichnamige Überschreibung von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“ offenbart die Pervertiertheit der Normalität und lässt seine Figuren langsam, aber sicher in reißende Tiefen fallen. Regisseur Bernd Mottl deutet das Stück im Schauspielhaus vielmehr auf einer persönlichen als auf einer politischen Ebene.

Alles ist gut verpackt in Plastikfolie, das Innenleben versteckt. Familie Krause baut um. Das erste Enkelkind ist am Weg. Rattanmöbel auf der weitläufigen Terrasse, eine nigelnagelneue Einbauküche mit schwarz glänzender Nespresso-Maschine. Kurzum: Er ist die Mittelstands-Hölle. Doch das Fundament (Bühne: Friedrich Eggert), auf dem diese Welt gebaut ist, ist hohl: Ein kahles Gerüst, durch das das Licht scheint. Es betont die Leere darunter, nicht das Leben darauf.

In Anwesenheit von Thomas‘ (Fredrik Jan Hofmann) Freund aus Studienzeiten Alfred (Mathias Lodd) beginnt die Oberfläche aufzureißen. Ihre Beziehung ist die Fläche, auf der Palmetshofer das gesellschaftliche Auseinanderdriften in warnendem Ton illustriert. Alfred, der sensible linke Journalist, ringt mit vielen Worten um die Annäherung an den alten Freund, der nach zwölf Jahren ein anderer Mensch geworden ist, auch politisch. Regisseur Mottl legt jedoch den Fokus auf körperliche Grenzüberschreitung und eine angedeutete Liebesbeziehung, das hämische Lachen und Diskreditieren seitens Thomas und weniger auf die politische Botschaft dahinter.

Starke Frauen(rollen)

Kleine Gesten und großes Schauspiel machen Susanne Konstanze Weber als Stiefmutter Annemarie zur schillerndsten Figur des Abends. Sie zerreißt sich für den mütterlichem Perfektionismus, dem sie doch nie genügen wird, egal, wie viel Essen sie in Tupperdosen packt.

Mit Maximiliane Haß als Helene und Sarah Sophia Meyer als Martha steht außerdem ein großartiges Schwesternpaar auf der Bühne: Erstere die Ausreißerin, die ihr Glück selbst suchen wollte und sich geschlagen geben muss. Lange bleibt sie stumm und unauffällig, nimmt kaum Raum ein. Zweitere die werdende Mutter, die an den gesellschaftlichen Erwartungen zu zerbersten droht, und ihre Abwehrhaltung wie ein Schild vor sich trägt.

Erst ihr Untergang wird die Figuren menschlich machen. Aus ihrer Haut können sie allesamt nicht raus, und so muss am Ende die Katastrophe stehen. Die Sonne geht beißend grell auf. Obwohl die Inszenierung es verabsäumt, einen klaren Fokus zu setzen und dem Stück so viel an Spannung nimmt, sorgt das Ensemble für starke Momente.

Infos und Termine

Spielzeit 19.20 am Schauspielhaus: Was kommt

Nach vier reiseintensiven Jahren richtet das Schauspielhaus den Blick unter dem Motto „Heimat“ nach innen – und bleibt dabei open-minded. Auf welche Stücke man sich in der kommenden Saison freuen darf und was man außerdem wissen sollte.

„Heimat, was soll das sein?“ Diese Frage bildet den roten Faden durch ein knallbuntes Programm 2019.2020, das Intendantin Iris Laufenberg und ihr Team gestern präsentierten. Ob es nun darum geht, wie sie schmeckt („Zuhause ist ein Bauchgefühl“), klingt („Vögel“, Familiendrama mit Sandy Lopičić) oder sich anfühlt („Bist du GAK oder Sturm?“): Heimat betrifft uns alle. Zeit, dem politisch überstrapazierten Begriff neue Perspektiven zu verleihen.

Den Saisonauftakt bildet das traditionelle Eröffnungsfest am Samstag, den 14.09.2019, mit Einblicken in  die kommende Saison und anschließender Party auf der Bühne von HAUS EINS. Die erste Produktion  gibt es am 26.09.2019 zu sehen: „Vernon Subutex“, ein als Kriminalgeschichte verpacktes, riesiges Gesellschaftspanorama. Regisseur Alexander Eisenach adaptierte die französische Romantrilogie von Virginie Despentes (die offenbar den Zeitgeist so exakt trifft, dass auch im Schauspielhaus Wien gerade eine Bühnenfassung angelaufen ist) und enthüllte bereits den Vernon: Norbert Wally von der Grazer Band „The Base“, die bei der Eröffnungsparty auftreten wird.

Was gibt es Neues

Der Fokus von Laufenberg liegt ganz klar auf zeitgenössischer Dramatik. Somit trägt sie das Motto der letzten Saison, „Zukunft“, auch in die neue Spielzeit weiter: Von den 19 Premieren sind sechs Uraufführungen, drei Österreichische Erstaufführungen und zwei Stückentwicklungen für die Bürger*innenbühne. Beispielsweise „dritte republik (eine vermessung). teil drei der kronlandsaga“, ein skurriles Projekt des österreichischen Autors Thomas Köck, das sich ausgehend von der Habsburgermonarchie mit Grenzen und Nationalitäten beschäftigt und von Anita Vulesica erstmals in  Österreich inszeniert wird. Spannend wird es mit „Ich, Tatortkommissarinnen“, einer Koproduktion  mit den Rabtaldirndln, Julia Gräfner und Cora Frost, lustig mit „Bookpink“ (plattdeutsch für  „Buchfink“), wo Anja Michaela Wohlfahrt (aktuell „Schöne neue Welt: Träumen Androiden von  elektrischen Schafen?“) schräge Vögel auf die Bühne bringt, und ironisch mit „The Hills are Alive“, das den Kultfilm „The Sound of Music“ ins Heute holt – dabei tritt Nikolaus Habjan (aktuell „Böhm“; der Exportschlager wird wiederaufgenommen) zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Mentor Neville Tranter auf.

Klassiker entstaubt

Auch für Klassiker-Fans steht genug am Menüplan, jedoch mit frischer Würze: Regisseurin Claudia Bossard betrachtet Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ aus einer feministischen Perspektive, Stephan Rottkamp (aktuell „Maria Stuart“) setzt sich mit Shakespeares „Macbeth“ auseinander und Markus Bothe inszeniert „Der König amüsiert sich – Ein Rigoletto-Melodram“ nach dem Drama von Victor Hugo, das 1832 zum Theaterskandal führte und als unbekannte Vorlage für Verdis Oper diente. Daniel Foerster kleidet mit „Jedermann (stirbt)“ eine Bearbeitung des  Hofmannsthal’schen Klassikers von Ferdinand Schmalz neu ein. Als Paradestück der österreichischen Mentalität kommt „Heldenplatz“ auf die Bühne: mehr als 30 Jahre nach der Uraufführung hat das Stück von Thomas Bernhard noch immer Aufregerpotenzial, wie man unlängst am Beispiel Böhmermann sehen konnte, der die Österreicher nach Bernhard’schem Vorbild als acht Millionen Debile bezeichnete und damit eine Empörungswelle lostrat.

Theater für alle

Als Erfolgsmodell aus dem Vorjahr hat sich die Bürger*innenbühne entpuppt. Im neuen Programm sind „Bist du GAK oder Sturm?“, eine von Pia Hierzegger moderierte Fußball-Bürger*innenbühne über Liebe, Stolz und Fan-Sein mit Regisseur Ed.Hauswirth, sowie „Zuhause ist ein Bauchgefühl“. Hier sucht die afrodeutsche Regisseurin Simone Dede Ayivi Familienrezepte, süße Geheimnisse und Geschichten zum Thema Kochen und Zugehörigkeit.

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Spielzeitbuch © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Auch die Spielsamstage werden beibehalten: An ausgewählten Terminen können Spielfreudige mit unterschiedlichen Theatermethoden experimentieren und sich mit Themen und Stücken auseinandersetzen (Informationen und Anmeldung: julia.gratzer@schauspielhaus-graz.com). Daneben bieten auch verschiedene Schauspielklubs die Möglichkeit, Theaterspielen zu trainieren, teilweise selbst auf der Bühne zu stehen und gemeinsam Vorstellungen und Nachgespräche zu besuchen (Informationen ab Herbst auf der Website, Fragen an timo.staaks@schauspielhaus-graz.com).

Interessant für Lehrende: Ab heuer gibt es die sogenannten „Premierenklassen“. Pro Stück darf eine Klasse die Produktion begleiten, mit den Künstler*innen sprechen und bei der Premiere dabei sein. Bewerbungen sind ab sofort möglich.

… auch für die mit kleinem Budget

Gewusst wie: Auch in der neuen Saison gibt es wieder viele Möglichkeiten, günstig ins Theater zu kommen. Restkarten um 5€ kann man sich gegen die Vorlage eines Studierendenausweises ab 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn sichern (ausgenommen Premieren). Bei den ÖH Stückgesprächen gibt’s um den gleichen Preis auch noch Einblicke hinter die Kulissen und Gespräche mit den Künstler*innen  (Termine findet ihr laufend auf der Kultref-Seite auf Facebook). Für eine bequeme Anreise sorgt die Kooperation mit der Verbund Linie: Eine Eintrittskarte gilt drei Stunden vor und bis sieben Stunden nach Veranstaltungsbeginn als Öffi-Ticket für die gesamte Steiermark (Genaueres unter http://freiefahrt.buehnen-graz.com/). Und wer gratis ins Theater möchte: Für eine Rezension gibt’s von blog4tickets zwei Freikarten zum Stück eurer Wahl (Informationen unter kultur@oehunigraz.at).

Premierentermine:

26.09.2019: Vernon Subutex (Regie: Alexander Eisenach), HAUS EINS

27.09.2019: Die Leiden der jungen Wärter. Kooperation mit dem Institut für Schauspiel der KUG (Regie: Nele Stuhler & Jan Koslowski), HAUS ZWEI

04.10.2019; Ruhig Blut. Koproduktion mit dem Deutschen Theater  Berlin (Regie: Clara Weyde), HAUS  ZWEI

09.10.2019: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs (Regie: Blanka Rádóczy), Museum für Geschichte

18.10.2019; Die Physiker (Regie: Claudia Bossard), HAUS EINS

14.11.2019: Jedermann (stirbt) (Regie: Daniel Foerster), HAUS  ZWEI

14.11.2019: The Hills are Alive (von und mit Nikolaus Habjan & Neville Tranter), HAUS EINS

29.11.2019: Bookpink (Regie: Anja Michaela Wohlfahrt),  HAUS DREI

05.12.2019: Ich, Tatortkommissarinnen Koproduktion mit den Rabtaldirndln (Regie: Cora Frost),  HAUS  ZWEI

06.12.2019: Josef und Maria (Regie: Michael Schilhan), HAUS EINS

10.01.2020: Heldenplatz (Regie: Franz-Xaver Mayr), HAUS EINS

Jänner 2020; Schwarze Milch (Regie: Jan Stephan Schmieding), HAUS ZWEI

31.01.2020: Vögel (Regie: Sandy Lopičić),  HAUS EINS

28.02.2020: Bist du GAK oder Sturm? (Regie: Ed.Hauswirth), HAUS EINS

27.03.2020: Macbeth (Regie: Stephan Rottkamp), HAUS EINS

April 2020: Zuhause ist ein Bauchgefühl (Regie: Simone Dede Ayivi), HAUS ZWEI

17.04.2020: dritte republik (eine vermessung). teil drei der kronlandsaga (Regie: Anita Vulesica), HAUS EINS

Mai 2020: Frau Ada denkt Unerhörtes (Regie: Lily Sykes), HAUS ZWEI

15.05.2020: Der König amüsiert sich – Ein Rigoletto-Melodram (Regie: Markus Bothe), HAUS EINS

09.-11.06.2020: Young Europe III Festival, HAUS ZWEI  HAUS DREI & EXTERNE SPIELORTE

10.-14.06.2020: DRAMA|TIK|ER|INNEN FEST|IVAL 2020, HAUS EINS, HAUS  ZWEI, HAUS  DREI  & EXTERNE SPIELORTE

11.-14.06.2020: ETC – INTERNATIONAL THEATRE CONFERENCE, SCHAUSPIELHAUS GRAZ