Natale a Napoli – italienisches Weihnachtsfest mit recreation BAROCK

An vier Abenden in Folge füllte eine gesonderte Gruppe des recreation Orchesters den Grazer Minoritensaal. Das weihnachtliche Programm enthielt neben einigen italienischen Vertretern des Barock auch zwei Konzerte von Händel und Vivaldi.

Balázs Máté; (c) styriarte

Balázs Máté; (c) styriarte

Feierlich eröffnete das Barockorchester mit einem Weihnachtskonzert von Guiseppe Torelli. Geleitet von Balázs Máté versprühten die Musiker einen ansteckenden Festtagszauber. Máté zeigte seine Spielkunst in den ersten zwei Werken am Cello piccolo, einer 5-saitigen verkleinerten Version des heutigen Cellos. Mit wehender linker Hand animierte er abwechselnd sein Instrument und die um ihn versammelten Musiker. Ersteres kam besonders an den Soli-Passagen schön zur Geltung, wenn es nur vom Zupfen des Cembalos begleitet wurde. Den Abschluss des ersten Teils machte eine Weihnachtserzählung von Alessandro Scarlatti. Schon der Beginn klang dabei wie der Prolog zu einer spannenden Geschichte. Tanja Vogrin hauchte den Worten mit ihrem vollmundigen Sopran die nötige Wärme ein. Auch die Musiker waren um eine mitreißende Interpretation bemüht und hoben die feinen Dissonanzen des Stücks hervor, ohne der Harmonie einen Abbruch zu tun.
Der zweite Teil bescherte ein weiteres Cellokonzert, diesmal von Antonio Vivaldi. Die typisch „vivaldische“ Freude äußerte sich im Andante mit einem kitschigen Schwelgen, während im Allegro ein strammes Tempo das Vergnügen fast zu schnell beendete.

Tanja Vogrin; (c) Werner Keltisch

Tanja Vogrin; (c) Werner Keltisch


Ein neues Soloinstrument mit einer schon vertrauten Musikerin waren in Händels Harfenkonzert in B zu hören. Tanja Vogrin zeigte nun auch ihre Fingerfertigkeit, wobei die Harfe sich schnell als ihr Zweitinstrument entpuppte. Das schleppende Tempo und die fehlende Leichtigkeit im Spiel ließen den nötigen Schwung vermissen. Ein besonderes Glanzstück gelang dafür mit dem Concerto Grosso von Arcangelo Corelli. Die drei Hauptsätze in diesem Werk sind selbst wieder untergliedert, sodass sich innerhalb weniger Minuten ein flottes Vivace mit einem andächtigen Adagio abwechselt. Den Esprit verliehen hier besonders Albana Laci, die aufgrund von Krankheit eines Kollegen den ganzen Abend als Konzertmeisterin bestritt, und Marina Bkhiyan, die sich einen munteren Wettstreit zwischen ihren Stimmen lieferten. Im zweiten Satz verströmten die mächtigen Moll-Akkorde eine kurzzeitige Tragik, die sich im heiteren Finale wieder ganz auflöste.
Für die Zugabe hatte sich der Ungar Balázs Máté etwas Besonderes einfallen lassen. In einem eigenen Arrangement spielten die Musiker eines der berühmtesten Weihnachtslieder Italiens. Tu scendi dalle stelle „Du steigst herab von den Sternen“ sang Tanja Vogrin begleitet vom Orchester und als sie bei der dritten Strophe angelangt war, stimmte auch ein Großteil des Publikums in ihren Gesang mit ein. Eine charmante Idee mit einem gemeinsamen Ausklang – so wünscht man sich den Abschluss eines Weihnachtskonzertes.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/natale-a-napoli/

Verdis LUISA MILLER – in glänzender Regie!

Die Luisa Miller an der Grazer Oper ist ein Fest der Ästhetik und Akustik! So beweist der Wiener Regisseur Paul Esterhazy, dass Nähe am Original und künstlerische Innovation einander nicht ausschließen. Klassisch-traditionell inszeniert könnte die Grazer Darbietung der frühen Verdi-Oper an neuartigen Einfällen nicht reicher sein. Es ist vor allem die nicht originelle, aber erfrischende Symbolik, die Esterhazys Darbietung zu einem spannungsreichen Erlebnis gestaltet. Den von Wilfried Zelinka beeindruckend, weil überzeugend verkörperten Wurm lässt Esterhazy über Fußboden und Wände kriechen. Immer wieder lacht der Intrigant mit schelmischer Perfidität aus dem Spiegel oder der Dunkelheit. Die Rosen im Stück erzählen von der Liebe: Reicht Mutter Miller ihrer Tochter Blumen, spricht die Mutterliebe; wirft Federica Blumen nach Rodolfo, spricht die verschmähte Liebe; vertrocknen die Blumen der sehnsüchtig-wartenden Luisa, spricht die enttäuschte Liebe.

Sophia Brommer erweist sich als hervorragende Titelpartie, wenngleich ein verstärkt naiv-liebender Gestus (wie ihn beispielsweise eine Montserrat Caballé beherrschte) noch besser den Charakter der Luisa getroffen hätte. Gesanglich konnte vor allem Elian Fabian in der Rolle des alten Miller überzeugen: Sein ausgeprägt-voller Bariton machte das Quartett am Ende des ersten Aktes (zweifelsohne ein Höhepunkt der Oper) zu einem einprägsamen Hörgenuss.

PhotoWerK_LM_HPII_HiRes_053-880x586

(c) Werner Kmetitsch (Oper Graz)

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass diese Opernproduktion zu den gelungensten und reifsten gehört, die in den vergangenen Jahren in Graz zu erleben war. Es bleibt zu wünschen, dass sich in Zukunft mehr Regisseure ein Beispiel an ihrem Kollegen Paul Esterhazy nehmen.

Cactus Land – Über Krieg und Liebe

Wo immer zwei Menschen aufeinander treffen, bricht Krieg aus. (Cactus Land)

„Cactus Land“: Inszeniert von Regisseurin Lily Sykes, wurde am 24.10.2015 im Schauspielhaus in Graz uraufgeführt. Der Protagonist heißt Alex Lewis und wird von Jan Brunnehoeber in der Rolle des seelischen verwundeten Kriegsfotografen verkörpert, dessen Geschichte an das Buch „My War Gone By, I Miss It So“ von Anthony Lloyd angelehnt ist. „Cactus Land“ spielt vermutlich in den 1990er Jahren im Rahmen der Jugoslawienkriege.

Die Besetzung setzt sich aus dem Protagonisten Alex Lewis, seiner Mutter Valerie, seiner Schwester Natascha und seiner emanzipierten Kollegin Martha zusammen. Die Zutaten für dieses gelungene Stück heißen Liebe, Krieg und Vaterprobleme.Die Handlungsmotive lassen an Tolstois „Krieg und Frieden“ denken.

Drei zentrale Konflikte ziehen sich durch die Handlung wie ein roter Faden: Der unverarbeitete Konflikt mit seinem Vater, nach dessen Anerkennung er sich sehnt, die entwicklungspsychologische Ursachen hat. Eine Vaterbeziehung ist immer identitätsstiftend, doch verweigert ihm sein Vater vor dessen Tod die Versöhnung. Alex leidet an der Zurückweisung seines Vaters. Was zurück bleibt, ist ein hasserfülltes Fax seines Vaters. Liebe, oder zumindest das Loslassen der erotischen Liebe bereit Alex offensichtliche Probleme – dies ist gekennzeichnet durch einen Luftballon, den er gegen Ende des Stücks festhält, es aber nicht über´s Herz bringt, ihn los zu lassen…. Als dritten Konflikt ist seine Sehnsucht nach Kriegsabenteuern deutlich zu erkennen, die den Protagonisten aus seinem scheinbar leeren und sinnlosen Leben befreien sollen, das durch das wiederholte Vorlesen des Schriftzugs „Wash&Go!“ auf seinem Duschgel gekennzeichnet ist.

Der Dramaturg arbeitet im Bühnenbild mit ziemlich einfachen Mitteln: Während der ganzen Vorstellung steht ein großes Doppelbett mittig auf der Bühne, das Schauplatz im Hotel „Cactus Land“ ist. Das Bett verliert seine ursprüngliche Funktion ein Bett zu sein, da sich alle Darsteller unmittelbar abwechselnd oder gleichzeitig in der Nähe des Bettes befinden. Das Bühnenbild ist nahezu dunkel, nur hin und wieder flackert eine Lampe auf, die das Bild in ein gedämpftes Licht taucht. Für die Musikuntermalung sorgt ein anmutig wirkender Frauenchor in der Trauerfarbe Schwarz, der in einer Szene seine Großmutter (seine Kindheitserinnerung) darstellt.

Schauspieler Jan Brunhoeber (in der Rolle des Alex Lewis) hat die Begabung, von Null auf 100 aus der Haut fahren zu können und beweist auf der Bühne ein großartiges Stimmvolumen, das den Zuschauer für den Moment seines inszenierten Wutanfalls in ein Schaudern versetzt. Das Zimmermädchen ist auffallend reizvoll gekleidet, das den Zuschauer in dem Glauben lässt, dass sich zwischen Alex und ihr eine Liebesbeziehung anbahnen wird – das ist jedoch nicht der Fall; so bleibt die reizvolle Kostümierung des Zimmermädchens ein Rätsel.

Ein weiteres Rätsel ist auch die dramaturgische Umsetzung der riesigen, beleuchteten Kunststoffköpfe auf den Häuptern der Darsteller. Was Kunst ist und was nicht, darüber lässt sich zweifelsohne streiten, jedoch können die Kunststoffköpfe als Verfremdungseffekte, die auf den russischen Formalisten Viktor Sklovskij zurück zu führen ist, interpretiert werden.

Formal gesehen hat „Cactus Land“ avantgardistische Züge, die mit einer Brechung der Illusion, der Entrümpelung der Bühne und mit einem Ausbruch aus darstellenden Konventionen einhergeht.