Salome

Man könnte es sich natürlich einfach machen und die wirklich gute vorangegangene Rezension zitieren. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Irgendwie ist sie doch sehr nüchtern formuliert. Was die Handlung anbelangt wurde bereits alles Notwendige erwähnt. Die Inszenierung wirkt jedoch wie abgesprochen als Übergang zur neuen Intendanz, die im Programmbuch mit dem Zitat „Die mit schwachen Nerven mögen den Saal verlassen“ aus dem Struwwelpeter eingeleitet wird.

Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Steffi Krautz & Kaspar Locher (c) Lupi Spuma

Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Steffi Krautz & Kaspar Locher (c) Lupi Spuma

Denn, das muss erwähnt bleiben, dies ist bei Salome geschehen. Nach der Pause sind eindeutig weniger Zuseherinnen und Zuseher in den Saal zurück gekehrt als ihn zu Beginn der Pause verlassen haben. Wobei gerade das Verlassen des Saales zur Pause einen Fehler darstellen kann. Denn während auf der Bühne umgebaut wird, unterhalten Rudi Widerhofer, Jan-Gerrit Brüggemann und Thomas Frank das Publikum mit Zitaten aus dem aktuellen Diskurs zu religiösem Extremismus. Wie Stammtischparolen wiederholen sie ihre Positionen, ziehen sich nebenbei um (dazu kaut Frank sehenswert eine Banane und spült diese im Anschluss mit Dosenbier herunter). Hier findet sehenswert vor den Augen der nicht-pausierenden Zuseherinnen und Zuseher die Transformation einer biblischen Geschichte auf die aktuelle Zeit statt. Die Uniformen der römischen Gefolgsleute Herodes‘ wandeln sich zu grauen Anzügen, selbst das Gemüt der Gefolgsleute wird kritisch. So werden im zweiten Teil des Stückes nicht mehr alle Befehle des Regenten entgegen genommen.

Bildmächtig ist das Stück. Eingeleitet von der Stimme des Propheten Johannes aus dem Off (bzw. der Zisterne, in die er gesperrt ist), unterstützt von Projektionen und einer großen Videowand und stark überzeichneten Kostümen lässt es die Vorstellungskraft der Zuseherinnen und Zuseher in diese abartige Welt des Statthalters Herodes Antipas geleiten. Die von Evi Kehrstephan gespielte Salome lässt ein wenig an Tim Burtons Alice im Wunderland erinnern. Zuerst unbeschwert wirkend wird sie zu einer Kämpferin, jedoch deutlich radikaler und blutrünstiger. Kaspar Locher ist der Fleisch gewordene religiöse Fanatismus und der einmal mehr großartige Stefan Suske verkörpert im Fatsuit regelrecht die Abartigkeit des Lustmolches Herodes Antipas, der weder von Alkohol, der Frau seines Bruders noch deren Tochter lassen kann.

Nicht verwunderlich also, dass im konservativ geprägten Graz also Menschen das Theater verlassen und nach dem doch sehr abrupten Ende nur verhalten Applaus aufkommt. Älteres, besser situiertes Stammpublikum mag man sogar vergraulen, wenn man diesem dermaßen den Spiegel vorhält. Denn verdorben ist die Gesellschaft seit jeher.

Informationen zu weiteren Stimmen und den Spielterminen gibt es auf den Seiten des Schauspielhauses Graz.

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Anton Bruckners 5. Symphonie beim Musikverein: Alles Edle ist schwer

Am 4. und 5. Mai fand das 9. Orchesterkonzert des Musikvereins Graz statt, bei welchem John Axelrod mit dem Grazer Philharmonischen Orchester Anton Bruckners 5. Symphonie (in B-Dur) im Stephaniensaal, also demselben Ort, an dem im Jahre 1894 die Premiere unter Abwesenheit des Komponisten stattfand, aufführte. Das musikalisch äußerst anspruchsvolle Stück, das selbst damalige Musikexperten zu wagemutigen Aussagen über die schwer zu durchschauenden Strukturen und den gerade beim ersten Hören schwierig zu überschauenden Aufbau veranlasste, war dementsprechend für Laien wie dem Verfasser dieses Textes – musiktheoretisch – beinahe ein undurchschaubares Mysterium. Aufgrund der phasenweise überaus ergreifenden Passagen der beinahe 80-minütigen Symphonie musste jedoch vielleicht gar nicht so viel verstanden werden, wie man zu empfinden auch ohne nötige Kenntnisse imstande war.

(c) Musikverein Graz

(c) Musikverein Graz

Der erste Satz (Adagio – Allegro) beginnt mit einer langsamen Introduktion und führt schließlich zu einem ersten überwältigenden Aufhorchen, der Einführung eines Hauptthemas des Satzes. Aufgrund der vielen Brüche, die den Kontrast zwischen „Empfindung und Empfindungspause“ verstärkten, konnte man sich an Schopenhauers Musiktheorie erinnert fühlen, auch wenn die Sprünge teilweise zu radikal gesetzt schienen. Der 2. Satz (Adagio. Sehr langsam) war für mich sodann der erste Höhepunkt des Abends, der mich in meinen Gefühlen am stärksten zu berühren vermochte und zuweilen an russische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts denken ließ. Während des dritten Satzes (Scherzo. Molto vivace – Trio. Molto vivace) war man bereits in einem schwer zu ergreifenden Gefühlszustand angekommen, der aufgrund der Länge des Werkes ohne Pausen zu großen und zur Reife befähigten Empfindungen führen konnte, wenn man gewillt war, sich der wundervollen Tiefe der Symphonie völlig hinzugeben.

Der Schlusssatz (Finale. Adagio – Allegro moderato) beginnt mit einer Wiederholung der Introduktion des ersten Satzes (erinnerte an Beethovens 9. Symphonie) und mündet endlich nach einem langatmigen und schweren musikalischen Konstrukt in einem Allegro, das den letzten Satz schließlich in höchst pathetischer Weise beendet, die in kaum zu übertreffender Schönheit dem Zuhörer durch das erhebende Grazioso einen gebührenden Abschluss bietet, der sozusagen die Überwindung eines holprigen Weges darstellt und eine wundersame Gemütsverfassung nach dem letzten Tone zurücklässt. Gerade in jenen Momenten, als sich die Herrlichkeit jenes abschließenden Pathos ihrem Höhepunkt nähert, fühlt man in sich den tiefsitzenden Wunsch nach Ewigkeit der Gefühle, die man wahrzunehmen und empfinden zu dürfen das Begehren verspürt. Doch – wie im Leben – muss jede Ewigkeit vor ihrer Zeit enden und kann deshalb umso mehr wirken, weil sie nicht von langer Dauer sein darf. Als der tobende Applaus des Publikums die Leistung des Orchesters und des Dirigenten John Axelrod zu würdigen versuchte, spürte man die zutiefst beschämende und genugtuende Empfindung, über das eben Gehörte nicht sprechen zu können. Demgemäß muss die Deskription in geschriebenem Wort selbstsprechend noch unvollständiger sein.

Festlicher Ausklang bei recreationBAROCK

Unter dem Titel Wassermusik war am Montag und Dienstag dieser Woche das titelgebende Werk von Georg Friedrich Händel neben zwei Konzerten von Johann Sebastian Bach zu hören. Das letzte Konzert der barocken Konzertreihe für diese Saison stand unter der Leitung des Barockgeigers Rüdiger Lotter.

Rüdiger Lotter (c) Werner Kmetitsch

Rüdiger Lotter (c) Werner Kmetitsch

Mit mächtigen Jagdfanfaren leiten zwei Hörner das erste Werk des Abends ein: das 1. Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach. Den Hörnern kommt in diesem Konzert eine besondere Rolle zu, da Bach diese für die Zeit ungewöhnliche Besetzung voll ausnutzen wollte. Das zuckende Prahlen der barocken Blasinstrumente schweigt nur im langsamen zweiten Satz, in dem sich Oboe und Geige abwechselnd in den Schlaf zu wiegen scheinen. Doch nicht lange wird geruht, denn schon im nächsten Abschnitt geht es auf zur Jagd, die von den Musikern wunderbar lebhaft dargeboten wurde. Schnell, schwungvoll und mit Leichtigkeit – so gehört ein echter Bach gespielt.
Es folgte das Violinkonzert des Barockmeisters in a-Moll. Obwohl Bach doch selbst gut Geige spielte, sind nur zwei Solowerke für das Instrument vollständig erhalten. „Bis zum herannahenden Alter spielte er die Violine rein und durchdringend“, ist etwa von Bachs Sohn zu lesen, und so sehr hing er an dem Instrument, dass er es oft beim Dirigieren im Arm trug. Das a-Moll-Konzert ist ein wunderschönes Beispiel für ein unaufgeblasenes Werk dieser Gattung. Keine unnötigen Längen oder übertriebene Virtuosität stehen hier am Programm, sondern lyrische Melodieführung und ein ausgeglichenes Wechselspiel zwischen Solist und Orchester. Solist und Leiter Rüdiger Lotter fand zu Beginn leider nicht sofort in den „Bach’schen Musikfluss“. Nachlässig und undeutlich spielte er den ersten Satz ohne die nötige Klarheit. Nach kurzem Nachstimmen fing er sich aber im zweiten Satz und schaffte ein kitschloses, stimmungsvolles Andante. Dem finalen Allegro assai hätte ein bisschen mehr Tempo nicht geschadet, aber auch so war der festliche Charakter der Musik deutlich zu spüren.

Händel auf der Gondel; entnommen von Styriarte

Händel auf der Gondel; entnommen von der Styriarte Homepage

Final kam es nun zum namensgebenden Stück des Konzertes: der wohlbekannten Wassermusik von Georg Friedrich Händel. Der eingängige Name der Komposition kommt nicht von irgendwo. Tatsächlich erklangen die drei Suiten erstmalig auf dem Wasser. Über 50 Musiker unterhielten mit ihrem Spiel König Georg I. auf seiner Flussfahrt und begeisterten dabei so sehr, dass sich der Name bis heute gehalten hat. In etwas kleinerer Besetzung waren die dritte und erste Suite von den Musikern des recreationBAROCK Orchesters zu hören. Wohlgemerkt in dieser ungewöhnlichen Reihenfolge, denn man wolle ja nicht „schon am Anfang sein ganzes Pulver verschießen“, wie Rüdiger Lotter erklärte. Eine weise Entscheidung, denn obwohl auch der letzte Teil der Wassermusik mit seinen Traversflötensoli zu bestechen weiß, ist für den Abschluss doch die große erste Suite geeigneter. Der Ouverture folgt das Adagio e staccato, in dem sich die Gegensätzlichkeit der staccato Orchesterbegleitung geschickt mit dem weichen Klang der Oboen zu ergänzen weiß. Die drei Oboen, die immer wieder als Solisten mit dem Fagott hervortreten, zaubern geschmeidig fließende Momente. Die Hörner kommen erneut zum Einsatz und spielen auch ihren Part in der zweiten Reihe besonders feinfühlig. Auch der Rest der Musiker vermittelt den Eindruck einer lustigen Gesellschaft, zu der sie jedermann zum Mitfeiern einladen. Der Applaus zeigte: die Intention ist geglückt!

Eine Anmerkung für das Styriarte Team: die Besetzung im Programm entsprach nicht jener des Abends, zudem wurde der arme Fagott-Spieler gänzlich vergessen. Ansonsten konnte man aber im Ad Notam wieder einiges über die Hintergründe zur Musik erfahren.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/wassermusik/?realm=recreation&sti=9110