Merlin oder Metaphern mit Marionetten

Mal vorweg gestellt – ja, das Stück dauert wirklich ganze vier Stunden. Und: ja, es sind vier gelungene Stunden – auch, wenn man völlig ohne nähere Kenntnisse zu dem extrem komplexen und metaphernreichen Stück ins Schauspielhaus gegangen ist und sich nur aus einer Laune heraus für „Merlin oder das wüste Land“ entschieden hat, weil das Plakat ja doch so geheimnisvoll aussieht.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Tankred Dorsts „Wüstes Land“, inszeniert von Jan-Christoph Gockel, ist eine 3 Stunden und 50 Minuten lange Menschheitsgeschichte, verpackt in die Metapher der Artus’schen Tafelrunde. Merlin als „die Macht, die Böses will und Gutes schafft“ (ja, auch Goethe-Zitate finden sich hier) versucht, die Ritter der Tafelrunde in die richtige Richtung zu führen – wie im realen Leben ignorieren sie aber jeden Hinweis und gehen ihren eigenen Eingebungen nach. Endet natürlich nicht gut.

„Merlin“ ist extrem dicht mit Metaphern bestickt. Zwischendurch blitzt auch öfters ein interessanter zeitgenössischer Bezug auf – leider immer etwas zu kurz, um das Stück durchgehend als eine kohärente Geschichte lesen zu können, aber immerhin so lange, um sich Gedanken zu machen. Und dies ist der Knackpunkt: In „Merlin“ wird der Zuseher grundsätzlich dazu angehalten, aktiv mitzudenken. Es geht nicht bloß darum, anzusehen und einzufühlen; vielmehr wird es dem Zusehenden überlassen, Botschaften und Doppelbödigkeiten selbst herauszulesen, möglicherweise als einzige Person im Publikum eine Metapher verstanden zu haben – die eventuell gar nicht intendiert war. Kurz: man soll sich Gedanken machen – und zwar eigene. Die Inkorporation der Puppen, gebaut von Michael Pietsch, ist deshalb eine gelungene Sache. Sie eröffnet eine neue Ebene im Spiel, die Reflexion erbittet.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

„Merlin“ schwankt immer wieder zwischen slapstickhafter Komik, grotesken Momenten und bitterem Ernst. Trotzdem gelingt es, die lachhaften Momente des Puppenspielens durch gut positionierte Denkanstöße auszubalancieren – nicht zuletzt wegen der gelungenen Besetzung. Allen voran Julia Gräfner, die als Parzifal und Lady Elaine eine Bandbreite an Emotionen präsentiert, und Benedikt Greiner als Mordred, der es gekonnt schafft, die vierte Wand immer wieder zu durchbrechen, ohne aus seiner Rolle zu fallen.

Die neue Intendanz im Schauspielhaus hat mit diesem intriganten Stück einen gelungenen Einstieg in ihre erste Grazer Saison geschafft – angefangen mit der bildgewaltigen Bühnengestaltung unter der Leitung von Julia Kurzweg, die es schafft, die teilweise sehr komischen Elemente der Inszenierung gut auszubalancieren, bis hin zum neuen Ensemble, das noch einige sehenswerte Stück verspricht. Etwas lang, aber sehenswert – die zeitgenössisch kolorierten Metaphern versprechen einen Theaterabend, der zum eigenständigen Denken anregt.

Dead End: Cactus Land

Die Londoner Regisseurin Lily Sykes inszeniert „Cactus Land“ nach Motiven von Anthony Loyds „My War Gone By, I Miss It So“. Lyod ist britischer Kriegsjournalist und wurde bereits mehrfach für seine Fotos und Reportagen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Amnesty International Award“ im Jahr 2013. (Besetzung)

1880. 1966. 1972. 1992. … heute.

Faszination ist der Grund, warum Menschen freiwillig in den Krieg ziehen. Sie kann sogar so weit reichen, dass man sich irgendwann vor der Normalität des Alltags fürchtet.

Der Krieg hinterlässt Spuren, offensichtliche und versteckte. Wenn diese Spuren lebendig werden und einen zu verfolgen beginnen, dann wird die gegenwärtige Normalität zum Schauplatz eines Krieges. Selbst der Griff zum Duschgel, auf dem steht: „Wash&Go“, wird dann spitz interpretiert: Leben oder weitermachen und sterben. – Anyway…

My War Gone By, I Miss It So“ ist das Portrait eines persönlichen Krieges. Das Buch beschreibt die Grausamkeit des Krieges und ist Zeugnis des augenscheinlichen Grauens, das Menschen einander bereit sind anzutun. Gleichzeitig zeigt Lyod darin schonungslos ehrlich, wie er mit dem Krieg umgeht, dass er davon verfolgt wird und  doch noch immer von ihm fasziniert ist.

Für Lewis wurde ‚der’ Krieg zu ‚seinem’ Krieg. Lily Sykes inszeniert das in „Cactus Land“ so: Alex Lewis (alias Anthony Lyod) befindet sich in seinem Hotelzimmer, wo er von den Geistern seines Krieges heimgesucht wird.

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(c) Lupi Spuma

Innerhalb der zwei Stunden öffnen sich dem Zuseher Türen des Verständnisses, die davor nicht existierten. Geschickt verknüpft Sykes Lyods Geschichte mit der ihrer eigenen Mutter, einer „Heimat“-Dokumentarfilmerin. Was harmlos klingt, schafft Komplexes pointiert zu vermitteln. Die Themen sind vielfältig, die Struktur vielschichtig, die Botschaften tückisch-sarkastisch, aber zu viele an der Zahl. Die Opulenz des Pointierten unterläuft so dessen Leistung.

Die besetzten Zuschauerreihen gingen nicht über das Parterre hinaus –

Hätte man dem Stück seine zweite Hälfte verwehrt – Der Song nach der Pause wäre als Schluss nicht zu toppen gewesen: „Cactus Land. This is our world now. Deadland.“

 

We care a Lot – Benefiz

Benefiz. Immer so eine Sache. Vorurteile von Champagner schlürfen und Kaviarhäppchen verspeisen, während man die neueste Abendgarderobe ausführt, nur um sich im Anschluss gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, flirren durch den Kopf. Häufig scheint es genau darum zu gehen bei Benefizveranstaltungen. Und Ingrid Lausund probiert genau diese Absurditäten auf die Bühne zu bekommen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Das Problem ist real existierend. Jeder rettet einen Afrikaner, genau dieses Gefühl ist es doch, welches vermittelt wird auf all diesen Galas und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Im Schauspielhaus sind wir live dabei. Das Stück getarnt als Probe eben einer solchen Veranstaltung. Strikte Rollenverteilung und schauspielerische Egos prallen aufeinander. Wer darf jetzt welche Passage übernehmen? Braucht das Stück eine prominentere Besetzung? Darf eine Dunkelhäutige mitspielen? Und das obwohl sie gar keine Afrikanerin sondern Europäerin ist? Was ist unterstützenswerter: ein obdachloser Straßenjunge oder ein amputiertes Mädchen? Alltägliche Rassismen werden hier aufgedeckt. Zutiefst verstörend und zugleich herzlich erheiternd. Darf man Lachen?

Bitterböse und höchst pointiert werden diese anderthalb Stunden abgehandelt. Das Publikum versinkt zwischen blankem Zynismus und akuter Selbstreflexion in einer Art Schockstarre mit lautem Gelächter. Man erkennt eigene Argumentationsstränge und fängt an diese zu überdenken. Heute ein Cocktail, morgen ein Menschenleben. Die zwei Seiten davon, was man mit zehn Euro anfangen kann.

Kann ein solcher Gedankengang aber jedoch den Verzicht einer Spende begründen? Kann es wirklich eine Begründung sein nicht zu spenden, weil man sich nicht zu 100 Prozent sicher ist, was mit dem Geld geschieht? Gerade in der Betrachtung der heutigen Konsumgesellschaft kann dies doch kein Argument sein, wo wir wirklich nicht den blassesten Schimmer davon haben wir die Produkte die wir konsumieren hergestellt worden sind. Warum vertrauen wir also großen Industriekonzernen mehr als Hilfsorganisationen?

Benefiz oder jeder rettet einen Afrikaner wirft Fragen auf. Unglaublich viele Fragen. Diese zu lösen ist nicht der Anspruch des Stückes, vielmehr die Bewusstseinsbildung. Und diesen Schritt vermittelt die Fünferriege auf der Bühne gekonnt, so dass man den Redoutensaal mit einem sehr mulmigen Gefühl verlässt und verlegen Geld in die bereit gestellten Spendenboxen wirft.

„it’s a dirty job but someone’s gotta do it“.

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Weitere Termine finden im Dezember und Jänner statt. Nähere Informationen dazu auf der Homepage des Schauspielhaus Graz.