„La Bohème“ wieder in Graz

Am 1. Oktober kehrten Puccinis Mimì und ihr Rudolfo an die Grazer Oper zurück. Mit einem motivierten Ensemble und einer unmittelbaren Inszenierung fügte sich der Abend zu einem stimmigen Ganzen.

(c) Werner Kmetitsch

Karg ist das Zimmer der vier jungen Bohemiens in der Weltstadt Paris. Ein paar abgenutzte Möbel, ein nur selten geheizter Kamin, zerbrochene Fensterscheiben und Farbkleckse an der Wand zeugen von der Mittellosigkeit seiner Bewohner und doch hat die Szene etwas Einladendes. Der grüblerische Poet Rudolfo, der impulsive Maler Marcello, der verwegene Philosoph Colline und der Musiker Schaunard beleben mit ihrem künstlerischen Geist und ihrer Kameradschaft die eigenen vier Wände. Auch der größte Schicksalsschlag wird das Band zwischen den Freunden nicht trennen, aber davon ist zu Beginn noch nichts zu spüren. Das Viergespann ist mit lauter Ensemblemitgliedern der Grazer Oper besetzt, die mit ihren Einzelleistungen und ihrer fast unbändigen Gruppendynamik freudig zu überzeugen wissen. Pavel Petrov liegt die Rolle des Rudolfo stimmlich gänzlich, sodass er sich in den Klängen des verliebten Dichters suhlen kann. Mit beeindruckender Stimmgewalt zeigte sich auch der polnische Bariton Dariusz Perczak als Marcello, der seinen Liebesausbrüchen zu Musetta Schneid und Nachdruck verleiht. Einen ganz weichen Ton finden die beiden Sänger in der Szene zu Beginn des vierten Bildes. Schwelgerisch singen Marcello und Rudolfo von ihren Geliebten, und so schmeichlerisch ist der stimmliche Vortrag der jungen Herren, dass man sich fragt, warum Musetta und Mimì nicht sofort hereingestürmt kommen.

(c) Werner Kmetitsch

Auch die verbleibenden zwei Künstlerfiguren wurden überzeugend gemimt. Peter Kellner als der Philosoph Colline ist mit seinem Bass stets präsent und färbt seine Stimme an den richtigen Stellen grollig, während Neven Crnic in der Rolle des Schaunard sich auf lange Linien konzentriert. Mit Sieglinde Feldhofer und David McShane sind die Musetta und der Vermieter Benoit ebenfalls mit bewährten Ensemblemitgliedern besetzt. Von „Außen“ wurde für diese Produktion tatsächlich nur die Sopranistin Polina Pastirchak eingeladen. Sie singt die Mimì mit starker Artikulation und vergisst dabei trotzdem nicht auf den träumerischen Ausdruck, der ihren Charakter ausmacht. Im Duett mit Pavel Petrov liegt Pastirchak meist mit der Einfühlsamkeit vorne, die zwei Stimmen harmonieren aber stetig miteinander.
Die Inszenierung von Dietmar Pflegerl bettet die Handlung in ein schlüssiges Bild, das man gerne betrachtet und in manchen Details die Geschichte noch facettenreicher gestaltet. Eine zart am Ofen entlang tastende Hand oder ein nur durch schmale Schlitze durchleuchtendes Feuer wissen in ihrer Schlichtheit doch Vieles noch klarer zu verdeutlichen. Einzig im zweiten Bild, in der geschäftigen Szene im Café Momus ist man mit dem Schauen doch etwas zu sehr beschäftigt, da auch die vielen Akteure sich auf zu kleinem Raum tummeln.
Die musikalische Umsetzung oblag an diesem Abend Marius Burkert. Der seit 2007 in Graz verpflichtete Dirigent führt das Grazer Philharmonische Orchester souverän durch Puccinis Partitur. Er steckt viel Sorgfalt in kleine Details, hebt etwa die Bässe gegen einen sonst zurückhaltenden Orchesterklang hervor und lässt den Ernst in Handlung und Musik dadurch noch deutlicher zu Tage treten. „Die Instrumentation ist teilweise extrem reduziert und unglaublich raffiniert, sie unterstreicht immer das Geschehen auf der Bühne, ohne aufdringlich zu sein“, erklärt Burkert in einem Interview. Besonders eindringlich gelingt den Musikern auch das Finale der Oper. Stetig reduziert sich das Volumen immer mehr, werden die gestrichenen Klänge noch weicher, sodass Mimì trotz aller Dramatik und Traurigkeit doch ganz sanft zu entschlummern scheint.

„La Bohème“ ist noch bis Dezember an der Grazer Oper zu bestaunen. Weitere Termine und Informationen unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/la-boheme

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„Nachklang“: Das Opern-Special für Studierende

Wenn der letzte Vorhang gefallen, das letzte „Bravo!“ gerufen und der Applaus verklungen ist, wird’s bei uns gemütlich. Lasst eure Mäntel an der Garderobe hängen, trinkt noch etwas mit uns und kommt ins Gespräch mit ganz besonderen Gästen! Profis vor und hinter der Kulisse garantieren spannende Einblicke. Feedback und Fragen erwünscht! Tickets um 8€ gibt es nach Anmeldung unter operaktiv@oper-graz.com oder 0316 80081452.

Termine
25.10.17
G. Verdi: Il Trovatore (Oper)
29.11.17
W. A. Mozart: Le nozze di Figaro (Oper)
20.12.17
J. Strauß: Eine Nacht in Venedig (Operette)
31.1.18
P. I. Tschaikowski: Eugen Onegin (Oper)
7.3.18
H. Letonja, J. P. de Paula, J. Zabala: Wunderlich! (Ballett)
21.3.18
P. Dukas: Ariane et Barbe
Bleue (Oper)
11.4.18
G. Verdi: Il Trovatore (Oper)
9.5.18
S. Flaherty: Ragtime (Musical)
16.5.18
G. Rossini: Il Viaggio a Reims (Oper)
20.6.18
J. Weinöhl:
Ein Sommernachtstraum (Ballett)

Einfach kompliziert

Thomas Bernhard zählt neben Samuel Beckett zu den radikalsten Dramatikern der europäischen Literatur nach 1945. Man nannte ihn „Übertreibungskünstler“ und meinte damit zum einen, seine konsequenten Wiederholungen wie kompromisslosen Polemiken. In Bernhards 1986 – also drei Jahre vor dessen Tod – entstandenem Schauspiel Einfach kompliziert findet sich vom Skandal-Dichter des Romans Holzfällen oder des Dramas Heldenplatz wenig. Stattdessen erwartet den Zuseher in dem drei Akte umfassenden Stück, das derzeit auf der Ebene 3 des Grazer Schauspielhauses (wie auch in der vergangenen Saison) aufgeführt wird, ein Monolog über die Kunst und das Leben. Radikal ist dabei aber die Zurückgezogenheit des Protagonisten, eines gealterteten Schauspielers, der sich vor der Gesellschaft verschließt. In einer zentralen Szene setzt der Schauspieler eine Krone auf, die er einst in der Rolle von Shakespeares Richard III. getragen hat und sich dabei sagt, sie müsse so fest sitzen, dass der Kopf blute. Leiden für die Kunst – Thomas Bernhard in nuce.

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Gerhard Balluch – (c) Lupi Spuma

Im Theaterstück treten nur zwei Figuren auf. Eine davon ist die kleine Katharina, die dem alten Schauspieler regelmäßig Milch vorbeibringt, obwohl dieser gar keine Milch mag, doch da sie denselben Namen wie seine verstorbene Frau trägt, lässt er sie zu sich. Katharina ist dabei der einzige Schlüssel zur Außenwelt. In der Inszenierung im Schauspielhaus wird das Mädchen weggelassen und der Abend wird als Ein-Mann-Stück angelegt. Die Wirkung ist aber dennoch sehr groß, da Gerhard Balluch zum Besten gehört, was das Schauspielhaus Graz an Akteuren zu bieten hat. Der tobende Applaus bestätigte das.

Weitere Termine unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/einfach-kompliziert