Der Klang der Liebe

Am 4. Juli beglückten Jordi Savall und die vom ihm gegründeten Ensembles La Capella Reial de Catalunya (Gesang) und Le Concert des Nations (instrumental) das Grazer Publikum mit einem musikalischen Meisterwerk des Barocks: Das achte Madrigalbuch von Claudio Monteverdi.

Jordi Savall braucht nicht vorgestellt zu werden. Dem Musiker, Dirigent und Musikforscher haben wir die Wiederentdeckung und -belebung der Alten Musik zu verdanken. Seine große Expertise – mit der eine erhabene, zugleich aber routinierte Ernstlichkeit in seinem Auftreten einhergeht – gab er im Rahmen der STYRIARTE in der Helmut-List-Halle wieder einmal zum Besten.

photowerk_sty17_savall_kmetitsch_005-e1511269368515-1680x520(c) Werner Kmetitsch

Die Werke Monteverdis und insbesondere seine Madrigalbücher zeichnen sich durch ein einzigartiges Harmoniespiel zwischen Sprache und Musik aus. Diese als „nuove musiche“ („Neue Musik“) bezeichneten Kompositionen sind stark emotionsbetont und handeln – wie könnte es auch anders sein – von der Liebe. Im Achten Madrigalbuch erwartet einem das spannende, emotionsgeladene Spektrum zwischen Liebe und Krieg, Spannung und Entspannung, Bruch und Versöhnung. Diese vielen Facetten kommen vor allem in den bewusst eingesetzten Dissonanzen zum Ausdruck. Diesen Kontrastreichtum hat Jordi Savall gekonnt umgesetzt, indem er die einzelnen Stücke der Hauptteile des Achten Madrigalbuches – eben Liebe und Krieg – in den zwei Spielhälften des Abends jeweils abwechselte.

Nach einem beschwingten instrumentalen Einstieg („Sinfonia A 5“) machten die ineinander übergehenden Liebesmadrigale („Altri canti di Marte“) klar, worum es hier geht: Hier wird von einem anderen Krieg, dem Krieg der Liebe, der kämpferischen Natur der Liebe gesungen! Die malerischen Texte und die einfühlsame Stimmführung der Sängerinnen und Sänger entführten das Publikum in vergangene, mystische Welten. Das Zusammenfließen von martialisch anmutenden Liedern im Staccato („Altri canti d’Amor“) und leicht szenenhaften, ruhigen Stücken erwies sich als klug arrangierte Mischung, in der An- und Entspannung alternierten. Für Dynamik auf der Bühne sorgte auch das sukzessive Auftreten der Sängerinnen und Sänger, die sich stets an anderen Stellen platzierten und dadurch für ein abwechslungsreiches Bühnenbild sorgten.

Die zweite Konzerthälfte begann mit dem bildhaften Kriegsmadrigal „Combattimento di Tancredi e Clorinda“. Interessante Dissonanzen und berührende Feinheit gab es im etwas opernhaften Klagelied „Lamento della ninfa“ zu hören, bei dem vor allem ein männliches Terzett der Capella Reial für großen Applaus sorgte.

Die unglaublich feinfühlige Atmosphäre und die höchste Präzision der Musikerinnen und Musiker kann man kaum in Worten wiedergeben. Gesang und Musik vereinten sich zu einem einzigen, harmonischen Klangkörper, der das Publikum verzauberte. STYRIARTE sei Dank ist Jordi Savall mit der Capella Reial de Catalunya und dem Concert des Nations am 22. Juli wieder in Graz zu hören. Nähere Informationen dazu hier.

Advertisements

Der Fisch, der nach seinem Wasser suchte

„Der thermale Widerstand“ von Ferdinand Schmalz flutet am 30. Juni 2018 das Schauspielhaus Graz. Das Publikum scheint mitgerissen. Ob das Stück langfristig Wellen schlägt? Es bleibt zu hoffen.

Vier Kurgäste liegen auf ihren weißen Plastikliegen umwabert von Dampf. Im Hintergrund blubbert und gluckst das Thermalwasser. Das raspelnde Geräusch der kratzenden, von Hornhaut überzogenen Zehen ist unnatürlich laut. „Fußdesinfektion! Fußdesinfektion!“, lautet die erregte Sorge. Denn schließlich gefährde man nicht nur sich selbst, wenn man gegen die basalen Regeln der Hygiene verstoße. Doch nun noch rasch ins Badewasser, bevor das größte Übel – die Tagesgäste! – alles an sich reißen. Nur, dass das tatsächliche Schwimmen doch lieber auf später verschoben wird. Schließlich müsse man ja noch Aufwärmübungen machen und ein Schwimmen direkt nach dem Essen sei ja eine viel zu große Selbstgefährdung!
Der Bademeister Hannes (Nico Link) träumt dagegen von einer Welt ohne zwei (Bade-)Klassengesellschaft, ohne endloser Effizienzsteigerung, ohne Ausbeutung der natürlichen Quellen und ohne globaler Konkurrenz. Kurverwalterin Roswitha (Anna Szandtner) hält nichts von derartigem Gedankengut. Die Kündigung ist rasch ausgesprochen. Noch schneller verriegelt Hannes die Thermentüren und geht „in den Untergrund“. Die lösungsorientierte, rationale Entscheidung Roswithas, vollzogen von ihrem willigen Gehilfen Walter (Fredrik Jan Hofmann): die Therme fluten.

Foto4

Köhler, Szandtner, Muff, Veit (c) Lupi Spuma

 

„Der thermale Widerstand“ ist ein selten aufrührendes Stück, dem es weder an spannender Handlung noch an lebeneinhauchenden Details mangelt und das dabei die Zuschauenden regelmäßig zum Lachen bringt. Getragen wird die stets vorhandene Komik nicht nur vom punktgenauen Spiel mit den Geräuschen, sondern auch vom grenzenlosen Sprachspiel des Autors Ferdinand Schmalz. Die Sprache ist übervoll mit Wasser-Metaphern und trieft sozusagen vor Zweideutigkeit: Wenn von nationalen Strömungen, Effizienzsteigerung, Wiederaufbau des menschlichen Körpers, damit dieser bis zum nächsten Zusammenbruch durchhält, die Rede ist, dann ist auch dem letzten Eskapisten klar, dass das Thema dieses Stückes nicht die Therme, sondern die heutige Gesellschaft ist. – Die „Wohlfühl-Gesellschaft“, um es mit den Worten des Bademeisters Hannes zu sagen. András Dömötör (Regie), Tamás Matkó (Musik) und Elisabeth Geyer (Dramaturgie) schaffen gemeinsam mit Monika Annabel Zimmer (Bühne und Kostüme) ein in sich geschlossenes und unterhaltsames Theatererlebnis, bei dem die gesellschaftsverändernde Botschaft dem Publikum klar vor Augen tritt.
„Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen wie ein Fisch im Wasser“, soll Mao einmal gesagt haben. Ferdinand Schmalz zitiert diese Worte am Stückende. Doch wie schwimmt es sich in einer wasserscheuen Gesellschaft aus regelverliebten Kurgästen, denen nichts fremder ist als „sein eigener Bademeister“ zu sein? Die Antwort erscheint offensichtlich, doch schockiert das Ende deshalb nicht weniger.

Weitere Infos finden Sie hier. 

 

Gesellschaft und Individuum im ewigen Spannungsfeld

Am 29. Juni 2018 eröffneten im Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, zwei Ausstellungen: Rage Fluid trifft auf Studienraum, Hannah Perry auf Jörg Schlick.

img_9235

Hannah Perry, Liquid Language (Detail), 2018
Siebdruck, Digitaldruck, Autofolie, Autolack, courtesy die Künstlerin und Galerie Lisa Kandlhofer

Hannah Perry schmirgelt mit multimedialen Mitteln die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität ab – um sie mit Autofolie, Lack und Tracy Chapman von neuem aufzupolieren. Besonders der „Shock Absorber“ füllt den ersten Raum mit glänzend roségoldenen, verzerrten Spiegelungen der Besucher, die von der Soundinstallation zusätzlich in Schwingung gebracht werden. Perrys erster 380°-Film lässt die Zuschauer eindringen in eine Welt tanzender Körper und Brüchen von Sätzen, die zum Teil in den Druckwerken im Raum 3 wiederzufinden sind. Das Eintauchen in die Hochglanzwelt der ersten institutionalisierten Ausstellung Hannah Perrys reinigt den Blick für vorhandene Geschlechternormen und die individuelle Verletzlichkeit, die aus der Anziehungskraft der Ekstase geboren wird.

Die Treppe in das Untergeschoss des Künstlerhauses ist sowohl Zeitreise als auch schrittweise Neufokussierung – weg von den kollektiven Vorstellungen, die die individuellen Empfindungen beeinflussen, und hin zu einem Individuum, das die kollektiven Vorstellungen nachhaltig herausforderte.

 

14_155

Jörg Schlick courtesy Paul Zach

 

Ein Werkkatalog, elektronischer Lebenslauf, zahlreiche Briefe, Skizzen, Fotos, Filmausschnitte sollen das Gesamtwerk Jörg Schlicks sichtbar machen. Was beim Verlassen der Räumlichkeiten jedoch bleibt, ist der Mensch in seiner Eigenart, seinem Eigenwert und seiner für ihn ganz typischen, vorbildlosen Lebensart.
Reflektiert von seinem künstlerischen Werk wird Jörg Schlick als Persönlichkeit in dieser Ausstellung erlebbar: Nicht nur für alte Bekannte Schlicks eine Freude, besonders auch für jene jungen Menschen, die glauben, den Namen Jörg Schlick vielleicht irgendwann einmal am Rande gehört zu haben.

Weitere Informationen erhalten Sie hier.