Der Sommer als Umbruch

Endlich Sommer. Endlich Sommer? Ja, aber! Der Sommer steht vor der Tür. Er bietet viel Raum für Geplantes und Ungeplantes und ist ein Segen für die geplagte Seele. Umbrüche stehen an und wir sind gespannt auf das, was kommt.

Schauspiel Graz (c) Michael Hilbig

Schauspiel Graz (c) Michael Hilbig

Oh, wie freuen wir uns auf den Sommer. Keine Lehrveranstaltungen, Sonnenschein und Urlaub. Mit dem Sommer verbinden wir viel Positives und wir freuen uns zu Recht darauf. Viele von uns werden diesen Sommer zur Entspannung nutzen, viele werden Arbeiten gehen, viele werden beides kombinieren. Diese Zeit ist wichtig für uns, aber bedeutet sie vielfach auch eines: Zeit der Umbrüche.

Gute Freundinnen und Freunde schließen ihr Studium ab oder starten in ihr Austauschsemester. Wir ziehen um und beginnen ein neues Leben. In Graz oder woanders. Wir müssen damit klarkommen. Neben diesen Umbrüchen und der neu konstituierten ÖH steht in Graz noch ein weiterer großer Umbruch bevor. Der Umbruch im Grazer Kulturleben. Während der Intendanzwechsel in der Oper behutsam vonstattengehen wird, so ist der Umbruch im Schauspielhaus sicherlich radikaler. Annähernd das gesamte Ensemble wird ausgewechselt. Ebenso Autorinnen und Autoren, die Regie, Dramaturgie etc. Wir trauern himmelhochjauchzend!

Wie jetzt? Natürlich sind wir traurig über lieb gewonnene Schauspielerinnen und Schauspieler, wunderbar kreative, teils autobiographische Stücke (Niemandsland!), die nun mit Anna Badora ans Wiener Volkstheater wandern. Aber sollen wir wirklich nur trauern?

Wir sollten uns freuen auf eine neue Zeitrechnung am Grazer Schauspielhaus. Unter Iris Laufenberg wird das Haus neu definiert. Haupt- und Probebühne werden zu Schauspiel Eins, Zwei und Drei. Es wird etliche Uraufführungen geben von Autorinnen und Autoren aus ganz Europa. Thematisch werden Grenzen ver- und entortet. Unter diesem Motto wurden zudem Kurzstücke produziert, 14 an der Zahl.

Eingeleitet wird das neue Programm mit einem Zitat aus dem Struwwelpeter: „Die mit schwachen Nerven mögen den Saal verlassen.“ Es wird neu und ungewohnt werden im konservativen Graz, das sich in den letzten Jahren mehr durch Restriktionen als durch Offenheit der Welt präsentierte.

Wir erwarten die neue Spielzeit bereits mit Spannung. Und bis dahin: Lasst uns einfach diesen Sommer genießen!

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DISCLAIMER: Dieser Text erschien zuerst in leicht abgewandelter Form in der libelle – Die Zeitschrift der ÖH Uni Graz vom Juni 2015

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„Jimmy, für mich war deine Geburt ein schlechtes Omen!“

Ganz unvermittelt startet das von Dennis Kelly verfasste Stück (das letzte unter der Regie von Anna Badora) in der Vorstandssitzung des Unternehmens Argeloin während die Lichter im Schauspielhaus noch eingeschaltet sind, das Publikum noch in Gesprächen vertieft ist und erst langsam zur Ruhe kommt. Argeloin, das ist Colms Unternehmen. Er hat es aufgebaut und zu einem Weltkonzern geformt. Für ihn gab es immer nur sein Unternehmen. Er berichtet ganz offen, wie er Länder beherrscht und Menschen vernichtet hat. Und er ist stolz auf das, was er erschaffen hat. Nur eben auf seinen Sohn Jimmy nicht. Ein Vater, der seinem Filius derart offen seine Abneigung gesteht, scheint ein liebevoller und fürsorglicher Vater zu sein. Nicht. Er sei zu weich, er habe zu viele Skrupel. Und, viel schlimmer, er empfindet so etwas wie Liebe zu anderen Menschen, was ihn in Colms Augen schwach macht. Dies alles habe in der Führung seines Unternehmens nichts verloren und so überlässt er sein gesamtes Unternehmen in gleich großen Anteilen den Vorstandsmitgliedern Catherine und Richard und behält sich lediglich die Kontrolle über den Markt in Belize vor. Dieser Rückzug hat lediglich die Bedingung, dass alle Entscheidungen noch offiziell von Colm abgesegnet werden müssen, der sich jedoch  zu großen Teilen durch den von Christian Dolezal hervorragend dargestellten Castile vertreten lässt.

Christian Dolezal und Udo Samel (c) Lupi Spuma

Christian Dolezal und Udo Samel (c) Lupi Spuma

Ein verwirrendes Konstrukt entsteht so im Unternehmen, dessen Vorstand zunächst von Colms Entscheidung zutiefst überrascht und bestürzt ist, sich aber dann sehr schnell in zwei verfeindete Lager aufspaltet und Colms ursprünglich gut gedachte Lösung zu Nichte macht, da sowohl Catherine als auch Richard Augen auf den Zukunftsmarkt Belize geworfen haben. Dies führt zu einem immer weiter eskalierenden Konkurrenzkampf während dessen sich beide zu Warlords entwickeln, so dass sie sogar Truppen aufeinander losgehen lassen und Kollateralschäden ausdrücklich akzeptieren, gar fordern. Denn nichts wäre schlimmer als den Kampf um das Unternehmen zu verlieren.

Die Zuschauer erhalten durch einen geschickten Bühnenbau Einblicke in sämtliche Handlungsstränge des Stückes: In die Geschehnisse der beiden verfeindeten Kriegsparteien, in das Verwirrspiel Jimmys, der als Programmierer von beiden Seiten begehrt ist, ein Doppelleben führt und in seiner Begierde beinahe über die Versicherungsmaklerin Beth stolpert (wieder einmal herrlich stoisch: Birgit Stöger) und in die Transformation Colms, der auf der Suche seiner inneren Vergebung dort anfängt, wo er den meisten Schaden hinterlassen hat.

Jimmy & Colm (c) Lupi Spuma

Jimmy & Colm (c) Lupi Spuma

Das Stück ist düster und intensiv. Es offenbart die tiefsten Tiefen des menschlichen Wesens und wird durch schnelle Szenenwechsel und sehr laute, basslastige Musik immer fesselnder bis dieser Krieg in seiner vermeintlich finalen Schlacht gipfelt und die eine schwer bewaffnete Spezialeinheit die Bühne stürmt und der Vorhang fällt. Einige Zuschauer nutzen die nun folgende Pause um das eh schon nicht vollbesetzte Schauspielhaus zu verlassen Ich kann nicht nachvollziehen kann, auch wenn mein Kollege einer anderen Meinung ist, aber vielleicht ist das auch besser so. Denn der nachfolgende Akt, der fast ausschließlich von den wunderbar aufspielenden Udo Samel und Katharina Klar bestritten wird, lässt eine Sympathie für Colm entstehen, die man für ein solches Arschloch gar nicht erst aufkommen lassen möchte, man es aber trotzdem nicht verhindern kann. Ganz kindisch lässt er sich von „seiner“ Tochter Barbara in der nun zerstörten Welt pflegen. Dies stimmt ihn glücklich, laut eigener Aussage glücklicher als jemals zuvor. Aber irgendwie ahnt man es ja doch: Mit einem Happy-End wird diese Geschichte nicht mehr enden. Und das ist auch ganz gut so…

Die Götter weinen wird noch drei weitere Male im Schauspielhaus aufgeführt, u.a. am 6. Dezember. Dann wird es von 16 bis 19 Uhr im Salon (1.Rang) in Kooperation mit der Karl-Franzens-Universität bei freiem Eintritt ein Symposium zum Thema Was kostet die Welt? mit Fachvorträgen u.a. von Univ.Prof.Mag.Dr. Alfred Gutschelhofer, Waltraud Schinko-Neuwirth, Univ. Prof. Mag. Dr. Manfred Prisching geben.

Weitere Informationen zu Stück und Terminen können der Homepage des Schauspielhauses entnommen werden.