Aufbruch in die Moderne? Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz

„Unter Modern verstehe ich etwas sich auf idealer Höhe Befindliches, ob es nun tausende Jahre vor oder nach unserer Zeit dorthin gebracht wurde, ist gleich. Der moderne Mensch hat mir voraus, dass er seine idealen Empfindungen lebt, dass er bricht mit der Tradition und der conventionellen Lüge.“

Aufbruch in die Moderne?
Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz


Paul Schad-Rossa, Eden (Detail), 1899, Öl, Gips auf Holz, 113 x 178 cm Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum Foto: UMJ/N. Lackner

Paul Schad-Rossa, Eden (Detail), 1899, Öl, Gips auf Holz, 113 x 178 cm Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum Foto: UMJ/N. Lackner

Paul Schad-Rossa wusste zu polarisieren – sowohl von Kunstinteressierten als auch von der Presse wurde er entweder geliebt oder gehasst. Er vertrat seine teilweise radikalen Ansichten nachdrücklich:
Laut ihm musste die Kunst revolutioniert werden. Die Kunst muss sich an die geänderten Lebensbedingungen der Menschen seit Beginn der  Industrialisierung anpassen!

„Kunst! – was ist Kunst? Kunst ist der Gegensatz zur Natur. Ich wüsste das Wesen beider Begriffe nicht besser zu erklären, als dass ich sie gegensätzlich zueinander stelle.“

Er sah also den Symbolismus als Gegensatz zum bis dato vorherrschenden Naturalismus und Impressionismus.

„Eindrücke, die wir erleben, sind unser Alles. Unser ganzes Dasein wächst aus Eindrücken heraus. – Alles, was wir ausdrücken, ist die Summe unserer Eindrücke.“

Paul Schad-Rossa war so etwas wie ein Multifunktionstool der Kunstwelt: Er war nicht nur Kunsthandwerker, sondern auch Bildhauer und Maler. Ebenso gründete er einen Künstlerbund und eine Kunstschule in Graz. Nicht zuletzt betätigte er sich auch als Herausgeber der Zeitschrift Grazer Kunst.

Einerseits beeindruckt es, wie vielfältig seine Interessen und sein Betätigungsfeld war. Allerdings schafft er es nicht, den Betrachter emotional mitzunehmen, für seine Ideen zu begeistern. Diese Ansicht wurde wohl auch von einem Teil seiner Zeitgenossen geteilt:
Trotz seines breit gefächerten Engagements gelang es Paul Schad-Rossa nicht, die Grazer Kunstwelt von seinen Ansichten zu überzeugen. Der Aufbruch in die Moderne wurde zwar eingeleitet, aber der Durchbruch gelang (noch) nicht.
Darum übersiedelte er frustriert nach Berlin, wo sein Werk nach seinem Tod lange unentdeckt blieb.

Paul Schad-Rossa, Fronleichnam, 1891, Öl/Leinwand, 201 x 387 cm, Neue Galerie Graz, UMJ, Foto: N. Lackner, UMJ

Paul Schad-Rossa, Fronleichnam, 1891, Öl/Leinwand, 201 x 387 cm, Neue Galerie Graz, UMJ, Foto: N. Lackner, UMJ

Seine Werke sind beeindruckend, durchwegs mit viel Liebe zum Detail (und zum Motiv) ausgearbeitet. Es will ihm aber nicht richtig gelingen, sich von Anderen seiner Zeit abzuheben. Auch der Bruch mit dem Naturalismus erfolgt nicht so krass, wie man nach dem Lesen seiner Zeitschriften erwarten würde.

Summa summarum eine sehenswerte Ausstellung – ob der namensgebende Aufbruch in die Moderne dank Paul Schad-Rossa erfolgt ist, muss der Besucher für sich selbst entscheiden.

Die folgenden und andere Künstler/innen sind mit Arbeiten in den Medien der Malerei, Skulptur, Graphik, Fotografie und Plakatkunst in der Ausstellung vertreten:
Marie von Baselli – Victor Bauer – Hans Brandstetter – Norbertine Bresslern-Roth – Constantin Damianos – Marie Egner – Wilhelm Gösser – Leo Grimm – Franz Gruber-Gleichenberg – Hugo Haluschka – Emmy Hiessleitner-Singer – Friederike von Koch-Langentreu – Franz Köck – August Kurtz-Gallenstein –. Axl Leskoschek – Karl Mader – Anton Marussig – Carl O’Lynch of Town – Ferdinand Pamberger – Daniel Pauluzzi – Ernst Peche – Igo Pötsch – Karl Rotky – Paul Schad-Rossa – Alfred von Schrötter-Kristelli – Fritz Silberbauer – Paul Schmidtbauer – Adolf Sperk – Konrad von Supanchich – Franz Unterholzer – Hanns Wagula – Alfred Zoff

Die Ausstellung läuft bis 22. Februar 2015.
Weitere Informationen findet man auf der Homepage der neuen Galerie Graz und im Museumsblog.

Aufbruch in die Moderne?, Ausstellungsansicht, Foto: UMJ/ N. Lackner

Aufbruch in die Moderne?, Ausstellungsansicht, Foto: UMJ/ N. Lackner

Eine missliche Lage

Ich frage mich, wo die Ausstellungen hin sind, in denen Mann oder Frau einfach ein Kunstwert betrachtete und dieses als schön, hässlich, beeindruckend, kitschig, und vieles mehr empfinden konnte?!

Bei der Ausstellung Dort, wo unser Sprache endet, komme ich jeden Tag vorbei im Kulturzentrum der Minoriten genügt es nicht, ein Kunstwerk einfach zu betrachten, um dieses beurteilen zu können; es ist auch erforderlich, die Ideen und Philosophien der Kunstwerke zu verstehen. Dies ist jedoch eine Herausforderung für den Besucher. Trotz Beschreibungen der einzelnen Exponate, blickt Mann oder Frau nach wie vor ratlos auf manche dieser Werke. Daher würde ich, trotz manch interessanter, spielerischer und zum Teil lustig interaktiver Installationen eher eine Führung, als ein verträumtes herumstreunen in den Ausstellungsräumen empfehlen.

Diese Ausstellung bringt mich in eine missliche Lage: zum einen wünsche ich mir Ausstellungen, bei denen ich mich berieseln lassen kann und ohne viele Gedanken von der Schönheit verzaubert werde, zum andern finde ich es erstrebenswert, dass man mithilfe der Kunst zum Nachdenken angeregt wird, um so einen Dialog zu fördern.

Hinter (dem Ende) der Sprache

„Dort, wo unsere Sprache endet, komme ich jeden Tag vorbei“ lautet der Titel der Ausstellung, die zurzeit im Kulturzentrum bei den Minoriten in einer Koproduktion mit dem steirischen herbst 2014 zu sehen ist. Der Titel allein mutet wie eine spannende philosophische Frage an und weist perfekt auf das hin, womit sich die 30 Künstler*innen in der Ausstellung auseinandersetzen: Wo endet Sprache? Gibt es etwas außerhalb der Sprache Stehendes oder sind wir alle in ihr und der Deutungsmacht, die sie über uns hat, gefangen? Wie kann man die Strukturen von Sprache sichtbar machen? Ist Sprache auflösbar, und wenn ja, was befindet sich hinter (dem Ende) der Sprache?

Im Rahmen der Reihe ‚Kunst im Gespräch‘ begleiteten am Samstag, dem 25. Oktober 2014, Theresa Pasterk und Christian Egger interessierte Besucher*innen durch die Ausstellung, griffen dabei die genannten Fragestellungen auf und lieferten interessante Antworten. Durch den eher kleinen Rahmen der Führung ergab sich Raum für spannende Diskussionen zwischen den Teilnehmer*innen.

Die Perspektiven auf Sprache und die *Antworten* auf die eingangs gestellten Fragen fallen bei den Künstler*innen sehr verschieden aus.

Shelf Life (2013), ein Werk der Künstlerin Vlatka Horvat, beschäftigt sich  mit Leerstellen: Man sieht Kartons in unterschiedlicher Größe, auf zwei hölzernen Regalen nebeneinander gereiht, die an Bücher erinnern und teilweise zusätzlich in Seidenpapier verpackt sind. Im Gegensatz zu Büchern geben diese leeren Flächen keine Informationen preis. Durch dieses Fehlen eröffnen sich Leerstellen, die keinen vorgefertigten Sinn haben und von einem selbst mit Inhalt gefüllt werden können,  oder auch leer, oder besser: frei, bleiben können.

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(c) Liawriting

Im Zuge dessen wurde während des Gesprächs eine Frage aufgeworfen, die für den heutigen Diskurs um neue Medien sehr relevant ist: Wie wirkt sich die ständige Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, auf uns aus? Heutzutage treffen wir kaum noch auf Leerstellen, denn jeder Raum muss irgendwie mit Sinn gefüllt sein. Sinn, der sich bei genauerem Hinsehen oft als Unsinn entpuppt.Unsinn, der unser Leben überflutet, es be-, wenn nicht sogar verhindert. Ist es noch möglich, Informationen zu filtern, wenn wir mit ihnen überflutet werden? Ist ‚Sharing wirklich Caring‘ wie es Dave Eggers in seinem dystopischen Roman formuliert, oder ist ein Einstehen für Langsamkeit, für einen Gegensatz zum weißen Rauschen der Datenflut nicht das, was anstrebenswert wäre? Leere kann helfen, damit man Ruhe findet, um etwas Neues, Eigenes und Sich selbst zu entdecken. Denn Leere beinhaltet viel mehr Sinn als jede fremde Information, vorgekaut und essfertig für uns zubereitet. Sie kann von uns gefüllt werden, mit oder ohne Sprache.

Mit Leere, jedoch diesmal nicht im positiven Sinn, setzt sich auch Peter Angerer in seinen Beiträgen auseinander: Bei ihm dreht es sich um ‚leere Wörter‘, die unseren Alltag bestimmen, oft verwendet werden, jedoch ihrer Bedeutung entleert worden sind. Es sind nur mehr tote Worthülsen, die bei jeder Gelegenheit in jedem möglichen Kontext verwendet werden, ihr Sinn ist uns jedoch irgendwann auf dem Weg abhanden gekommen, dennoch sollen sie uns etwas sagen – nur was genau? Die Tatsache, dass Sprache verschwimmt und keine genaue Bedeutung mehr hat, ist beunruhigend. Zu diesen Worthülsen, die er auch treffend als ‚Plastikwörter‘ bezeichnet, zählen Wörter wie STANDARDISIERUNG, CONTROLLING, QUALITÄTSMANAGEMENT oder auch AUTONOMIE.

Ein weiterer spannender Beitrag ist eine Auswahl der Dramenbleche von Michael Endlicher. Auf diesen bilden sich ‚Minidramen‘ ab: Immer drei Wörter sind untereinander gereiht abgebildet, darüber steht eine Summe. Dabei handelt es sich um das Verbindungsmerkmal zwischen den drei Wörtern, ihren gemeinsamen alphanumerischen Code. Diesen kann man für jedes Wort ausrechnen: jeder Buchstabe im Alphabet hat aufsteigend (also a = 1, b = 2) eine Zahl, zählt man die Werte eines Wortes zusammen, bekommt man den jeweils spezifischen Code. Betrachtet man die Dramenbleche, ergeben sich für den neugierigen Betrachter neue gedankliche Assoziationen, zwischen den Wörtern entfaltet sich eine eigene Dynamik, sie erzählen uns eine Geschichte. Der Name Dramenbleche wirkt dabei womöglich etwas einschränkend, denn dadurch verdüstert sich die Stimmung, man assoziiert, dass sich ein Spannungsverhältnis, eine Tragödie, zwischen den Wörtern entfaltet. Die Geschichten, die ihren Ursprung auf den Dramenblechen haben, jedoch in weiterer Folge unserer eigenen Fantasie entsprungen sind, entstehen abhängig von uns selbst, unserem Charakter, unseren Erfahrungen mit der Welt, unserer eigenen Lebensgeschichte. Sie sind so individuell wie der Mensch selbst, jedoch alle gemeinsam entsprungen aus denselben Wortkomplexen, den Minidramen. Wieso nannte Endlicher sie eigentlich Dramen? Würden die *Bleche* vielleicht gänzlich anders auf uns wirken, wären sie Minikomödien getauft? Oder Miniromanzen?

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(c) Liawriting

Auch die Frage, inwieweit die Anordnung der Dramenbleche in dieser Reihenfolge Auswirkungen auf die Rezeption und die Geschichte, die erzählt wird hat, wurde in den Raum gestellt. Erzählen die Dramenbleche miteinander ein großes Drama?

Das von Christian Egger in diesem Kontext angeführte Zitat von Heinz Gappmayr (Vertreter der Konkreten Poesie) beleuchtet die Frage, wenn es auch keine klare Antwort gibt:

„Die Fläche besitzt die ihr eigene Grammatik. Die Fläche nötigt dazu, den Text von ihr her zu denken, damit ihre Funktion zur Geltung kommen könnte.“

Sprechen ist nicht nur etwas, das wir tun, um uns mitzuteilen. Sprache ist nicht nur ein Wort an der Wand. Sprache ist ein Werkzeug, das uns eine Fläche bietet, die wir mit dem Gesprochenen bestreuen und anschließend mit dem Gedanklichen ausfüllen. Diese Fläche kann Sinn oder Unsinn sein, sie kann laut und leise sein, uns mit Informationen überfluten oder komplett frei von ihnen sein – doch sie ist da. Was ist da noch, hinter dieser sprachlichen Fläche?

Darauf und in weitere Fragen geben die Werke der Ausstellung einen Einblick, und regen dadurch an, über Sprache und das, was sich hinter (dem Ende) der Sprache befinden könnte, nachzudenken. Dabei geht es in den Werken nicht unbedingt darum, (neue) Antworten zu finden, sondern neue Perspektiven auf Sprache zu werfen.

Die Ausstellung ist noch bis 23. November 2014 im Kulturzentrum bei den Minoriten zu sehen. Weitere Informationen finden sich auf der Website: Dort, wo Sprache endet, komme ich jeden Tag vorbei.