© Leszek Januszewski

Ein Traum von einer Sommernacht

Jörg Weinöhls vorerst letzte Ballettproduktion an der Oper Graz, „Sommernacht, geträumt“, ist ein ästhetisches Gesamtkunstwerk, das zum Träumen verführt.

An schönen Kostümen mangelt es nicht an der Oper Graz. Bei „Sommernacht, geträumt“ hat Saskia Rettig sich jedoch selbst übertroffen: Die Kulisse der Bühne findet sich auf den wallenden Röcken der TänzerInnen wieder, große, geraffte Krägen geben Struktur und oft sind es nur hautfarbene Bodysuits, die den Körpern genug Raum lassen, um ihr Übriges zu tun.

Womit man bei der Choreographie angekommen wäre. Eines darf man Weinöhl mit Sicherheit attestieren: Dieser Mann hat verstanden, dass es keine Spitzenschuhe, Tutus und hohe Sprünge braucht, um dem Ballett heute gerecht zu werden. Für sein „Tanzspiel“ hat er einen zeitgenössischen Zugang gefunden, in dem sich Leichtigkeit mit raffinierten Details und fließenden Linien verbindet. Den Fokus legt der scheidende Grazer Ballettchef auf Gruppendynamik und viel Partnerarbeit. Weinöhls TänzerInnen bewegen sich nicht, als hätten sie eine Choreographie einstudiert, sondern so, als wäre ihnen jede Bewegung ein tiefstes, innerstes Bedürfnis.

 

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Das Bedürfnis wird nicht zuletzt ausgelöst durch die Klänge aus dem Orchestergraben. Das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Robin Engelen gibt Mendelssohn, Mozart und Brahms zum Besten, wird von einem Kinderorchester auf der Bühne und dem Damenchor der Oper in den Seitenlogen unterstützt – keine Registerkarte bleibt ungezogen. Die größte Überraschung kommt aber aus den Lautsprechern: Stromaes „Tous les mêmes“ veranlasst zu einer Modenschau auf der Bühne, die zuerst verdutztes Gekicher, dann aber wohlwollende Rufe beim Pausenapplaus auslöst.

„Sommernacht, geträumt“ befriedigt das Bedürfnis nach Ästhetik, bring alle gestalterischen Elemente in Einklang und löst die Handlung des Shakespeare-Klassikers „Ein Sommernachtstraum“ zugunsten träumerischer Motive auf. Das ist gut so – und man sollte es auf keinen Fall verpassen.

Weitere Aufführungen bis zum 24. Juni, Nachklang für Studierende: 20. Juni

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Der Nussknacker

Das „Austrian Youth Ballet“ gastierte im Next Liberty mit einem der beliebtesten Ballette – dem Nussknacker. In einer ausverkauften Vorstellung wurden die kleinen Gäste durch entzückende Kostüme und wunderbare Tänze verzaubert.

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Der Vorhang bleibt lang verschlossen – Spannung wird mit Musik aufgebaut. Mit dem Aufzug des Vorhangs eröffnet sich ein buntes, lebensfrohes Spektakel. In wundervollen Kleidern und funkelndem Schmuck wird eine Atmosphäre geschaffen, die sehr an diverse Disney-Filme erinnert. Besonders die Augen der kleinen Zuseherinnen beginnen zu leuchten. Das Ballett „Der Nussknacker“ gewährt dem Publikum Eintritt in die Traumwelt Claras, welche einen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt bekommt. Dieser wird in ihren Träumen zum Leben erweckt. Tapfer kämpft er mit einer Armee kleiner, tanzender Soldaten gegen den Mäusekönig an. Dieser hat bezaubernde, springende Mäuse auf seiner Seite. Nach dem Sieg verwandelt sich der Nussknacker im Land der Zuckerfee, wo kleine Tänzer in zuckersüßen Kostümen herumtänzeln, in einen wahren Märchenprinz. Nach verschiedenen Tänzen kommt es schließlich zum Finale. Besonders hervorzuheben sind hier der arabische Tanz sowie das Duett, bei denen die Professionalität und das Talent der jungen Tänzer unter Beweis gestellt werden.

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(c) Roland Renner

Das Publikum war von der Leidenschaft, mit der das Ballettstück aufgeführt wurde, hörbar begeistert. Den langen Applaus der gefüllten Reihen haben sich alle Mitwirkenden der Vorstellung hart erarbeitet und wohlverdient. So viele Ballett-Tänzer verschiedener Altersklassen zusammen den Nussknacker aufführen zu lassen und zu koordinieren, erfordert mit Sicherheit viel Geschick, Talent und Geduld. Diese Eigenschaften muss Ekaterina Christou-Lewin, die Leiterin der Tanzschule, wohl besitzen, um die Choreographie zusammenzustellen. Unterstützt wurde das „Austrian Youth Ballet“ von Eleven der „Fachschule für Ballett und Tanz“ und von Gasttänzern.

 „Der Nussknacker“ ist auch für Leute, die nicht allzu große Fans von Ballett sind, durchaus einen Besuch wert. In Graz ist das Ballettstück in dieser Form in diesem Jahr leider nicht mehr zu sehen. Doch ist die Aufführung – oder eine ähnliche – nächstes Jahr erneut im Programm, sollte man nicht zu lange zögern, um Karten zu kaufen, bevor es keine mehr gibt.

„Meine Seele hört im Sehen“ – Tanz als Mittelsmann

Die Grazer Oper präsentiert die erste Tanzproduktion der Saison nach einem Konzept von Jörg Weinöhl mit Vokal- und Instrumentalmusik des Barock.

(c) Laurent Ziegler

Tanzabende mit Barockmusik scheinen in Graz langsam zur Tradition zu werden. Der Ballettdirektor der Oper Jörg Weinöhl sieht in eben jener Epoche viel Potenzial für einen Umgang mit Tanz. „ Die Musik trägt einerseits eine große Ausdrucksintensität in sich, andererseits nimmt sie einem nicht den Atem, wie häufig die Musik der Spätromantik. Sie kennt nicht nur das Einatmen, sondern auch das Ausatmen“, erklärt der Choreograph. Eben dieser durchgehende Zyklus, das Auf und Ab des Atems, wurde in der Musik wie im Tanz fließend umgesetzt.
Das Ballett der Oper Graz zeigte sich in einer eingestimmten Vielfältigkeit. Wechselnd zwischen Ensembles verschiedener Größe lag der Fokus manchmal auf der Bewegung als Einheit, einem Dialog oder der Ablösung des Einzelnen vom Hintergrund. Schien zu Beginn das Verhältnis zwischen der Musik und den Bewegungen der Tänzer noch nicht ganz offensichtlich zu sein, wurde diese Beziehung nach ein paar Stücken schnell symbiotischer. Besonders stimmig gelangen die choreographischen Umsetzungen der Zweierkonstellationen. Chris Wang und Sáez Martínez tanzten ein behutsames Miteinander, Clara Pascual Martí und Simon Van Heddegem überzeugten durch ihren innigen Ausdruck. Zum Titellied des Abends „Meine Seele hört im Sehen“ aus Händels neun deutschen Arien vollführten Bárbara Flora und Arthur Haas als weiteres Duo eine wirbelnde Spielerei.

Bárbara Flora und Arthur Haas (c) Laurent Ziegler

Als ein Kollektiv in Weiß eröffneten die Tänzer den Abend. Mit der Zeit gewann jeder Tänzer an Farbe in seinem Aussehen und damit auch scheinbar an Individualität in seiner Bewegung. Barocke Locken, Reifröcke, bunte Kleider und Jacken mit Motiven aus der Natur gaben Akzente, die sich vor dem schlichten Bühnenbild gut abhoben. Die Szene zeigte die Abbildung eines Stiches der Gartenanlange von Schloss Nymphenburg in München, vier versteckte Türen erlaubten einen fließenden Übergang zwischen den verschiedenen Stücken. Die wenigen Bühnenelemente wurden seitlich platziert und kaum in das Geschehen miteingebunden, sodass sich deren Sinnhaftigkeit nicht vollständig erschloss.
Als musikalischer Leiter war Robin Engelen zu erleben, der das Grazer Philharmonische Orchester feinsinnig durch den barocken Schweizfug leitete. Die Konzeptidee war es, „einen Querschnitt des Unbekannt-Bekannten zu geben“, erläutert der Dirigent, „der rote Faden läuft entlang der instrumentalen Sinfonien aus Bach-Kantaten“. Unter diese mischten sich Werke von Sartori, Händel, Boyce, Haßler, Marais, Perti, Purcell und Erlebach. Vor allem der letztgenannte deutsche Barockkomponist entpuppte sich als hochwertige Überraschung. Intrada II von Hans Leo Haßler erklang etwas dumpf aus Lautsprechern, sodass diese Idee nicht schlüssig wirkte, andere Einfälle wie etwa die dem Sturm trotzende Szene zu „La Tempête“ von Marais gingen dafür voll auf. Die gesangliche Unterstützung aus Ensemblemitgliedern der Oper zeigte sich klangstark und dabei wohlgeformt. Allen voran Lalit Worathepnitinan strahlte mit ihrer jungen Sopranstimme in den barocken Linien.

Ein rundum runder Abend, der die Seele beseelend nachwirkte. Eine Empfehlung!

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/meine-seele-hort-im-sehen