Ein klassischer Märchentraum

Zur Musik von Sergej Prokofjew tanzte das Ballett der Oper Graz die Geschichte von „Cinderella“.

(c) Ian Whalen

Wer meint, es würde in Märchen „Cinderella“ um das namensgebende, junge Aschenputtel gehen, konnte sich in der Einführung von Ballettdirektorin Beate Vollack alias die böse Stiefmutter vom Gegenteil überzeugen lassen. Natürlich stehe sie selbst und ihre beiden leiblichen Töchter Ottilie und Eulalie im Zentrum des Geschehens, und nicht das kleine Aschenputtel. In köstlich amüsanter Weise gab „die Stiefmutter“ eine erfrischende und erstaunlich umfassende Einführung zum Ballett Sergej Prokofjews.
Nicht nur die Gestaltung der Einführung und die Rolle der Stiefmutter lag an diesem Abend bei Beate Vollack, auch die ganze Choreographie wurde von ihr gestaltet. Ganz allgemein konzentrierte sich ihr Konzept auf eine klassische Erzählweise der bekannten Geschichte, jedoch mit einem zwinkernden Auge und genug Raum für tänzerische Anekdoten. Neben der Ironie ihrer eigenen Rolle bewiesen vor allem ihre Töchter verkörpert durch Lucie Horná und Jacqueline Lopez eine amüsant überzeichnete Darstellung ihrer Rollen. Im steten Zwist miteinander und allen anderen Konkurrentinnen tanzten sich sich selbstbewusst in den Vordergrund, um dann wieder tollpatschig eine Niederlage einzustecken. Im Kontrast dazu war die Bewegungsführung ihrer Stiefschwester Cinderella von schlichter Grazie geprägt. Ann-Kathrin Adam zeigte mit Bravour die Entwicklung ihrer Rolle, vom stets tanzbegeisterten aber zu Beginn noch ganz schüchternen Mädchen, bis hin zur strahlend sicheren Geliebten des Prinzen. Wie im Märchen ist die Verwandlungsszene, in der Cinderella von freundlichen Helferlein für den Ball eingekleidet wird. Als schöne Idee erwies sich die Darstellung von Aschenputtels Mutter von Miki Oliveira, die wie ein gutmütiger Geist immer wieder über die Bühne schwebte.
Die männlichen Rollen wussten ebenso als wohl durchdachte Gegenparts zu den Frauen zu überzeugen. Als Freunde und Beschützer des Prinzen gegen unliebsame Damenangriffe vollführten Giulio Panzi und Lorenzo Galdeman und wendiges wie witziges Duo. Der Prinz selbst gewann durch die Bewegungen von Christoph Schaller eine unschuldige und doch ehrwührdige Reinheit. Er fesselte sowohl in den meterhohen Sprüngen seines Balztanzes als auch in den wunderbar reduzierten Bewegungen in der ersten vertraulichen Annäherung an Cinderella. Von schlichter Schönheit war diese Szene des Liebespaares geprägt, das nur in seinen Unterkleidern einander zärtlich umstrich. Gerne hätte man sich auch im zweiten Teil des Abends eine Szene solcher Intimität gewünscht, um die glückliche Vereinigung noch deutlicher zu charakterisieren.

(c) Ian Whalen

Auch das übrige Ensemble der Tänzerinnen und Tänzer füllte in seinen verschiedenen Rollen die Szene und Stimmung des Abends auf. Als netter Einfall entpuppte sich auch der Einsatz der Ballettschule der Oper Graz, der eine engagierte Tanzklasse unter Schwiegermutters strenger Schule darstellte.
Der klassische Geist der Choreographie spiegelte sich auch und er Gestaltung der Bühne und Kostüme wider. Im Design von Dieter Eisenmann kamen neben fließenden Stoffen auch Tüll, Glitzer und Reifröcke zum Einsatz, die mit den verspiegelten Wänden und reduzierten Requisiten ein nicht überoriginelles aber stimmiges Bühnenbild bildeten. Die Musik Prokofjews lag unter der Aufsicht Julian Gaudianos, der die Grazer Philharmoniker mit Bedacht auf die Tänzerinnen und Tänzer durch die recht gleichförmige Partitur leitete.
Für alle auch aktiv Tanzbegeisterten gab es im Anschluss an die Aufführung die Einladung zur After-Show-Party auf der Studiobühne gemeinsam mit den Stars und Initiatoren des Balletts. Zwischen zeitlosen Popklassikern, Theaterkostümen und guter Stimmung wurden hier bis spät bis in die Nacht die bisweilen grenzenlosen Freuden des Tanzes zelebriert.

Weitere Informationen zur Vorstellung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/cinderella

Ein Trailer zur Veranstaltung findet sich unter:

Zeig mir deinen Schuh und ich sag dir, wer du bist!

Vorhang auf für Cinderella. Welches Kind kennt es nicht? Die Geschichte von Cinderella, dem Mädchen, welches sich seiner angeheirateten Familie beugen muss, am Ende jedoch das Glück samt der Liebe ihres Lebens findet. Am Donnertsag feierte das Ballett, choreographiert von Beate Vollack, seine Premiere in der Grazer Oper. Cinderella, Prinz Charming, die böse Stiefmutter und Co. tanzen dabei zu den Klängen von Sergej Prokofjew. 

Statt Linsen zu zählen, leidet Cinderella unter einem Tanzverbot. Auferlegt wurde ihr dies von ihrer Stiefmutter (sehr gut dargestellt von Beate Vollack), die zusammen mit Cinderellas’s Vater (stark besetzt mit Paulio Sóvári) eine Ballettschule betreibt. Dafür geben zwei andere den Ton in der Schule an – die weniger begabten, jedoch äußerst amüsanten Stiefschwestern (Stephanie Carpio und Martina Consoli). Das Stück wechselt also die Location: Statt im Haushalt, spielt das Ballett in einem Spiegelsaal (Bühne von Dieter Eisenmann), der einerseits als Ballsaal, andererseits als Übungsraum der Ballettschule fungiert. Und durch Lichtspiele, der großartigen Musik von den Grazer Philharmonikern (dirigiert von Oksana Lyniv) sowie den großen Spiegeln, die ebenso Türen sind, auch beeindruckende Momente schafft. Die Kostüme (ebenso Dieter Eisenmann) sind recht klassisch und in hellen (Kleider für die Frauen) und gedeckten (Anzüge für die Männer) Farben – sehr passend. Nur die Stiefmutter sticht hervor – sie hat im wahrsten Sinne des Wortes, die Hosen an, und ist die einzige weibliche Darstellerin, die Hosen trägt.

Mit Kürbiskutschen und Mäusen, die sich in Schimmel verwandeln, darf man nicht rechnen. Dafür besuchen Cinderella gleich vier gute „Feen“ und statten sie mit Kleid, Haarspange und dem wichtigsten überhaupt, den Ballettschuhen für den großen Ball aus. Auch in Graz trifft Cinderrella somit auf ihren Traumprinzen, der sich auch als richtiger entpuppt. Und auch in Graz verliert sie, pünktlich zu Mitternacht, einen (Ballett-)Schuh.

Und ebenso in Graz bleibt die Figur der Cinderella statisch bestehen –  so wie sie schon seit Jahrhunderten erzählt wird. Lucie Horná legt als Cinderella eine gute und saubere Tanzperfomance hin, doch an Eigenständigkeit mangelt es sehr. Etwas Emanzipation hätte der Figur eine spannende Seite gegeben, aber auch diese Cinderella bejaht den Mann durch und durch. Der Prinz (durchaus stark besetzt mit Christoph Schaller) als Retter in der Not – ein abgestandenes Klischee.

Da wir aber im Märchen sind, ist das eben auch erlaubt. Nach einer Odyssee und vielen Mädchenfüßen, unter anderem in Holly- sowie Bollywood, erreicht der Prinz dann endlich die Ballettschule und siehe da, der Schuh passt. Am Ende tanzen Cinderella und der Prinz den Pas de deux. Parallel tanzt diesen auch ihr Vater mit ihrer verstorbenen Mutter, wovon er ständig geträumt hat. Somit schließt sich der Kreis.

Die Inszenierung an der Grazer Oper ist gut und erfüllt jedermanns Wünsche, wenn man Cinderella in altbewährter Form sehen möchte. Beate Vollack und ihr Team überzeugen auf jeden Fall durch „Spitzenschuhgefühl“, die Tänze sind wahrlich märchenhaft. Mit großen Überraschungen oder Abweichungen kann das Stück jedoch nicht triumphieren. Klassisch, schön, wie im Märchen eben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute.

Mehr Infos zum Ballett sowie weitere Termine hier.

 

 

Schafsköpfe gibt’s zu allen Jahreszeiten

Die Oper Graz verpflanzt Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ im gleichnamigen Ballett ins Kunstmuseum und schafft ein Fest der lebendigen Gemälde. Die neue Ballett-Direktorin Beate Vollack feiert die Vielfalt des Lebens und zugleich auf humorvolle Weise den Reichtum des Tanzes.

Die fünf großen Gemälde im Hintergrund sind noch mit schwarzen Vorhängen verhangen. Hausmeister tragen verpackte Bilder über die Bühne. Eine Putzfrau wischt den Boden. Ihr fehlt sichtbar die Motivation. Gelangweilt lehnt sie sich an ihren Wischmopp und schließt die Augen. Der Museumsdirektor treibt sie zur Eile an. Als sie nach getaner Arbeit die Bühne verlässt, werden die ersten Triebe des Frühlings sichtbar. Mit klassischem Ballett und barocker Garderobe erscheinen die jungen Knospen voll konservativer Schönheit. Der Kontrast folgt sofort: Wiederaufbau-Stimmung entsteht, wenn im 50er-Jahre-Blaumann die Fäuste in die Luft gestreckt werden. Als wenig später die Schickeria feiert, ist der Übermut des Neubeginns in der Gegenwart angekommen und die Heiterkeit vollends im Publikum.

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Bei „Die Jahreszeiten“ traf Schönheit auf Komik. © Ian Whalen

Beate Vollack schenkte jedem Gemälde auch den adäquaten Tanzstil. Mit Spitzentanz bis Barfußtanz, ländlichem Tanz bis Rokoko zeigen die Tänzerinnen und Tänzer die Bandbreite ihres Könnens. Dieses ist auch hinter der Bühne gefordert, denn jedes Bild bringt neue Bekleidung mit sich. Kostümbildner Jon Morrell schöpfte aus dem Vollen. Ein Schianzug der 80er-Jahre traf so auf Anzüge, die weißen Schneekugeln glichen. Ein fließendes, blaues Kleid auf glitzernd-grelle Party-Kleidung. Badeanzüge im Stil des niederländischen Malers Piet Mondrian auf griechische Togen. Und dazwischen trippelt immer wieder ein Schaf herein. So absurd überzeichnet beinahe jede Kunstepoche mit ausreichender zeitlicher Distanz wirkt, sosehr amüsieren die zum Leben erweckten Bilder dieses Balletts. Denn die Inszenierung wird angereichert mit humorvollen tänzerischen Kommentaren, die dem Publikum diverse Lacher entlocken. Nicht zuletzt als besagtes Schaf plötzlich das Ende der Musik vor lauter Tanzeslust versäumt und im Discostil ein Solo hinlegt. Oder als im Herbst Dionysos der Wein zu sehr schmeckte, er sich im Rausch auf den Rahmen eines Gemäldes zum Schlafen legt und in das Bild fällt. Abgerundet werden die einzelnen Bilder von den Solisten, die nicht nur mit hohem gesanglichem Niveau begeistern, sondern auch durch Agilität. Mirella Hagen (Sopran), Martin Fournier (Tenor) und Neven Crnić (Bass) beweisen ihre Wandelbarkeit und machen den Variantenreichtum der Bilder hörbar. Getragen wird dieser stets von der Feinsinnigkeit des Orchesters unter der Leitung Robin Engelens.

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Feierstimmung in der Grazer Oper. © Ian Whalen

Diese Koproduktion mit dem Theater St. Gallen zeigte eindrucksvoll, dass sich Ballett im 21. Jahrhundert von den Adjektiven „langweilig“ und „verstaubt“ weit entfernt hat. Kurzweilig, vielfältig und zu tiefst unterhaltsam zeigt sich „Die Jahreszeiten“. Man hofft auf mehr davon in der Grazer Oper, deren Bühne am Ende des Abends wieder von einer gelangweilten Putzfrau gesäubert wird. Wieder ruht sie sich auf ihrem Wischmopp aus. Wieder weckt der Museumsdirektor sie und wieder geht sie zurück an die Arbeit. Denn die Museumstage sind wie die Jahreszeiten: Ein ständig wiederkehrender Kreislauf – doch stets mit vielfältigen Bildern.